Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 24. Oktober 2026

Ist das Scheitern systemimmanent?

Über Herrscher, die die Welt verbessern wollten, und die wenigen, denen es gelang

Nicht naturgegeben, aber systemimmanent. Der Unterschied entscheidet darüber, ob man etwas tun kann.

I. Der Kaiser, der aus dem Buch regierte

Im Jahr 9 nach Christus nahm Wang Mang der Han-Dynastie den Thron. Er war kein gewöhnlicher Usurpator. Er war ein frommer Gelehrter, der die Welt nach dem Vorbild der alten Zhou-Klassiker neu ordnen wollte, nach Texten, die damals schon fast tausend Jahre alt waren.

Was er anordnete, liest sich wie ein modernes Reformprogramm. Aller Boden wurde zum „Feld des Königs“ erklärt, der Verkauf von Land verboten, die großen Güter sollten an die Bauern verteilt werden. Der Handel mit Sklaven wurde untersagt. Salz, Eisen und Alkohol wurden Staatsmonopole. Staatliche Ämter sollten die Preise stabilisieren, indem sie bei Überfluss kauften und bei Mangel verkauften. Bedürftige bekamen Kredite zu niedrigen Zinsen. Und das Geld wurde neu geordnet, nicht einmal, sondern mehrfach.

Nach drei Jahren nahm er die Bodenreform zurück, weil die Grundherren sie unterliefen. Die Münzreformen hatten das Vertrauen ins Geld zerstört. Um das Jahr 11 verlegte der Gelbe Fluss sein Bett, Hunderttausende verloren ihr Land, Hunger und Flucht folgten. Bauernheere, die sich die Augenbrauen rot färbten, erhoben sich im Osten, andere Aufständische zogen gegen die Hauptstadt. Im Jahr 23 drangen sie in den Palast ein und töteten Wang Mang. Die Han kehrten zurück, und mit ihnen die alte Ordnung.

II. Die Wiederholung

Wang Mang ist kein Einzelfall. Er ist ein Muster, das sich durch die Geschichte zieht.

Die Gracchen. Tiberius Gracchus wollte 133 vor Christus in Rom das Staatsland, das die Reichen sich angeeignet hatten, an landlose Bürger verteilen. Senatoren erschlugen ihn auf dem Kapitol. Zwölf Jahre später versuchte sein Bruder Gaius es noch einmal und endete ebenso.

Diokletian. Im Jahr 301 setzte der Kaiser Höchstpreise für über tausend Waren und Löhne fest, unter Androhung der Todesstrafe. Die Waren verschwanden vom Markt, und wer etwas hatte, verkaufte es heimlich. Das Edikt wurde nie förmlich aufgehoben. Es geriet einfach in Vergessenheit.

Wang Anshi. Tausend Jahre nach Wang Mang versuchte unter der Song-Dynastie ein Kanzler fast dasselbe: Saatkredite für Bauern, staatlicher Handel, eine Reform der Prüfungen. Er hatte den Kaiser auf seiner Seite und einen großen Teil der Beamtenschaft gegen sich. Als der Kaiser starb, wurde das meiste zurückgedreht.

Joseph II. Der Kaiser wollte Österreich in zehn Jahren von oben aufklären: Toleranz für die Konfessionen, Aufhebung der Leibeigenschaft, Auflösung von Klöstern, eine einheitliche Verwaltung, Deutsch als Amtssprache bis nach Ungarn. Auf dem Sterbebett nahm er einen großen Teil davon selbst zurück. Angeblich wollte er auf seinem Grab lesen lassen, hier liege ein Herrscher, der an allem gescheitert sei, was er unternahm.

Gorbatschow. Er wollte die Sowjetunion retten, nicht abschaffen. Seine erste große Maßnahme war 1985 ein Feldzug gegen den Alkohol, angeordnet von oben, mit gerodeten Weinbergen und Schlangen vor den Geschäften. Er brachte den Staatshaushalt um eine seiner wichtigsten Einnahmen und das Volk gegen den Reformer auf. Sechs Jahre später gab es die Sowjetunion nicht mehr.

Keiner dieser Männer war ein Zyniker. Sie wollten die Lage der Vielen verbessern und hatten die Macht dazu. Gescheitert sind sie trotzdem.

III. Die Ausnahmen

Es gibt aber auch die anderen.

Solon. Um 594 vor Christus erhielt er in Athen den Auftrag, eine Gesellschaft zu befrieden, in der verschuldete Bauern als Sklaven verkauft wurden. Er strich die Schulden, verbot die Schuldknechtschaft und gab den Bürgern neue Rechte. Dann ließ er die Athener schwören, seine Gesetze zehn Jahre lang nicht zu ändern, und verließ die Stadt. Er wusste, dass jeder ihn bedrängen würde, hier eine Ausnahme und dort eine Änderung zu machen.

Preußen nach 1806. Die Niederlage gegen Napoleon bei Jena und Auerstedt hatte den Staat in wenigen Wochen zusammenbrechen lassen. Danach setzten Stein und Hardenberg durch, was vorher undenkbar war: die Befreiung der Bauern, die Selbstverwaltung der Städte, die Gewerbefreiheit, und mit Scharnhorst eine Reform des Heeres.

Japan nach 1868. Die Meiji-Reformer schickten 1871 fast die halbe Regierung für knapp zwei Jahre auf eine Studienreise durch Amerika und Europa. Sie schauten sich an, was dort funktionierte, und übernahmen es Stück für Stück, das Heer nach einem Vorbild, die Marine nach einem anderen, die Verfassung nach einem dritten.

China nach 1978. In dem Dorf Xiaogang verteilten Bauern heimlich das Land der Kommune unter sich, ein Vergehen, für das man damals hart bestraft werden konnte. Die Ernte stieg. Deng Xiaoping ließ es zu, dann ließ er es ausweiten. Shenzhen wurde zur Versuchszone für das, was man im ganzen Land noch nicht wagte. Die Formel dafür lautete: den Fluss überqueren, indem man die Steine ertastet.

Westdeutschland 1948. Ludwig Erhard gab im Juni mit der Währungsreform den größten Teil der Preise frei, gegen den Rat vieler und im Schutz der amerikanischen Besatzungsmacht. Die Schaufenster füllten sich in wenigen Tagen.

IV. Nicht naturgegeben, aber systemimmanent

Naturgegeben wäre das Scheitern, wenn es aus der Natur der Sache folgte, wie der Stein, der fällt. Dann wäre jede Reform von oben vergeblich, und man könnte sich das Nachdenken sparen. Die Ausnahmen zeigen, dass es so nicht ist.

Systemimmanent ist das Scheitern, wenn es aus der Bauweise des Vorhabens folgt. Dann ist es nicht unvermeidlich, aber es tritt mit großer Sicherheit ein, solange die Bauweise bleibt. Wer es verhindern will, muss nicht einen besseren Herrscher finden, sondern das Vorhaben anders bauen.

Vergleicht man die beiden Gruppen, zeigen sich vier Bedingungen, unter denen das Scheitern fast sicher ist. Die Gescheiterten erfüllen meist alle vier, die Erfolgreichen kaum eine.

Erstens: aus dem Buch statt aus dem Versuch. Wang Mang regierte nach den Zhou-Klassikern, Joseph II. nach der Vernunft der Aufklärung. Beide hatten ein fertiges Bild der richtigen Welt und setzten es in Kraft, ohne es im Kleinen zu erproben. Deng ließ ein Dorf und eine Stadt vorangehen, die Meiji-Reformer schauten erst zwei Jahre lang zu.

Zweitens: alles auf einmal. Wer Boden, Geld, Handel und Preise im selben Jahr umbaut, weiß nicht mehr, was wirkt und was schadet. Jede Störung wird der ganzen Reform angelastet, und die ganze Reform fällt.

Drittens: ausgeführt von den Geschädigten. Wang Mangs Bodenreform sollten die Beamten und Grundherren umsetzen, denen sie das Land nahm. Wang Anshis Reformen sollte eine Beamtenschaft durchführen, die sie ablehnte. Ein Erlass ist nur so viel wert wie der Wille derer, die ihn ausführen. Mancur Olson hat beschrieben, wie sich in stabilen Gesellschaften Interessengruppen ablagern, die jede Veränderung bremsen. Der gescheiterte Reformer greift diese Ablagerungen an und überlässt ihnen dann die Ausführung.

Viertens: kein Schock vorher. Preußen hatte Jena, Japan die amerikanischen Kriegsschiffe, China die Kulturrevolution, Westdeutschland das Kriegsende. Der Schock hatte die Ablagerungen schon beseitigt, bevor die Reform begann. Wang Mang und Joseph II. trafen auf eine intakte Ordnung, die sich wehren konnte.

Fast immer fehlt den Gescheiterten außerdem, was die Erfolgreichen hatten: eine Rückkopplung. Nachrichten darüber, was die Reform tatsächlich bewirkt, erreichten den Hof nicht oder geschönt. Wer nicht erfährt, dass er sich irrt, korrigiert sich nicht.

Solons Abreise gehört auch hierher. Er schützte seine Reform nicht vor ihren Gegnern, sondern vor sich selbst, vor der Versuchung, sie unter Druck Stück für Stück zu verwässern.

V. Und heute

Was folgt daraus für eine Gegenwart, die ohne Zusammenbruch auskommen möchte?

Wenn die vierte Bedingung die stärkste ist, wäre die Antwort düster: Dann kommt Erneuerung nur nach der Katastrophe. Die übrigen drei aber lassen sich bauen, und damit vielleicht ein Teil dessen, was sonst nur ein Schock leistet. Versuchszonen statt Gesamtentwurf. Ein Schritt nach dem anderen, mit einer vorab erklärten Bedingung, unter der er abgebrochen wird. Eine Ausführung durch Menschen, die ein Interesse am Gelingen haben. Und eine Rückkopplung, die einen Fehler meldet, bevor er teuer wird.

Wer heute eine geplante Marktwirtschaft mit Preiskontrollen und Verstaatlichung fordert, wie wir in „Markt, Plan, Turnier“ beschrieben haben, sollte Wang Mang kennen. Nicht weil die Ziele falsch wären, sondern weil das Programm alle vier Bedingungen erfüllt: Es kommt aus dem Buch, es will alles auf einmal, es soll von einem Apparat ausgeführt werden, der seine Kompetenz verloren hat, wie wir in „Der entkernte Staat“ gezeigt haben, und es setzt auf keinen Schock, sondern auf Überzeugung.

Das Scheitern ist nicht naturgegeben. Aber wer es vermeiden will, muss die Reform so bauen, dass sie es nicht in sich trägt.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 24. Oktober 2026.

Quellen. Hans Bielenstein, „Wang Mang, the Restoration of the Han Dynasty, and Later Han“, in: The Cambridge History of China, Bd. 1, 1986. · Plutarch, Tiberius und Gaius Gracchus; Appian, Bürgerkriege, Buch I. · Laktanz, Über die Todesarten der Verfolger, Kap. 7 (zum Preisedikt Diokletians, 301). · Derek Beales, Joseph II., 2 Bde., 1987 und 2009. · Herodot, Historien I, 29 (zu Solons Abreise); Aristoteles, Der Staat der Athener. · Marius B. Jansen, The Making of Modern Japan, 2000 (zur Iwakura-Mission). · Ezra F. Vogel, Deng Xiaoping and the Transformation of China, 2011 (zu Xiaogang und Shenzhen). · Mancur Olson, The Rise and Decline of Nations, 1982.