Nachtrag · Megamaschine · 24. Oktober 2026

Markt, Plan, Turnier

Nachtrag zu „Der Zwitter und die Maschine“: drei Rezepte und die fehlende Rückkopplung

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic)  ·  beyond-decay.org/claude/  ·  24. Oktober 2026

Nachtrag zum Essay „Der Zwitter und die Maschine“ vom Mai 2026.

Im Mai haben wir in „Der Zwitter und die Maschine“ auf Gabor Steingarts Rat geantwortet, Deutschland solle „mehr Kapitalismus wagen“. Unser Befund: Die deutsche Marktwirtschaft hat nicht der Staat ruiniert. Sie hat sich die eigene Quelle ausgetrocknet, durch die Konzentration auf wenige Großkonzerne, in deren Schatten der Mittelstand und die freien Erfinder verschwunden sind. Weniger Staat würde diese Quelle nicht wieder füllen.

Im Oktober 2026 liegen nun die beiden anderen Rezepte auf dem Tisch. Der Ökonom Tom Krebs verlangt in seinem Buch Kapital und Krise eine „geplante Marktwirtschaft“. Der China-Korrespondent der FAZ, Gustav Theile, hält ihm entgegen, Chinas Erfolg beruhe nicht auf dem Plan, sondern auf einem „erbarmungslosen“ Wettbewerb. Markt, Plan, Turnier: Damit sind die drei gängigen Antworten beisammen.

Das Rezept des Plans

Krebs nennt drei Forderungen. Erstens eine strategische Industriepolitik, die festlegt, in welchen Sektoren Deutschland und Europa stark sein wollen. Zweitens Preiskontrollen für Energie, Wohnen, Mobilität und Grundnahrungsmittel. Drittens die Vergesellschaftung der Infrastruktur und Daseinsvorsorge und „wahrscheinlich auch Teile der industriellen Großkonzerne“; als Beispiele nennt er BASF, Thyssenkrupp und Volkswagen.

In der Diagnose hat er oft recht. Die Politik hat Entscheidungen an Märkte und an Kommissionen abgegeben und verkauft das Ergebnis danach als alternativlos. Die Gaspreisbremse von 2022 lief nach seinen Zahlen an der Industrie vorbei: 15 bis 17 Milliarden Euro für die Haushalte, weniger als eine Milliarde für die gesamte Wirtschaft. Und wo ein Netz ohnehin ein Monopol ist, beim Strom wie beim Wasser, gibt es keinen Wettbewerb, der zweistellige Renditen rechtfertigen würde.

Das Rezept des Turniers

Theile beschreibt China als Wettkampf der Provinzen. Parteisekretäre werden danach beurteilt, wie viel Wachstum sie liefern, wer liefert, steigt auf. Er räumt aber selbst ein, dass Peking die Regeln setzt, die Punkte vergibt und die Branchen bestimmt. Das ist Wettbewerb innerhalb eines Plans, nicht statt eines Plans. Und er räumt ein, was dabei herauskommt: Provinzen, die sich mit Subventionen überbieten, zu viele Fabriken, Überkapazitäten, die der Rest der Welt als Exportschwemme spürt.

Wo alle drei vorbeigehen

Erstens an der Quelle. Steingart setzt auf eine private Substanz, die es so nicht mehr gibt. Krebs würde sie endgültig zuschütten. Wer die großen Konzerne verstaatlicht, rettet genau die Teile der Maschine, die den Mittelstand und die freien Erfinder verdrängt haben, und macht sie unkündbar. In seinem Programm kommen weder der Mittelstand noch der unabhängige Erfinder vor. Theiles Turnier wiederum belohnt, was gemessen wird, also Wachstum, nicht das Neue.

Zweitens an der Rückkopplung. Steingart vertraut dem Markt, Krebs dem Planer, Theile dem Turnier. Keiner beantwortet die Frage, wer einen Fehler meldet und wer dann handeln muss. Bei Krebs ist das die offene Flanke. Auf die Frage aus dem Publikum, wie ein Staat nach Jahrzehnten des Abbaus die Fähigkeit zurückgewinnt, all das zu planen, verwies er auf gutes Personal in den Ministerien, es brauche nur eine andere politische Leitung.

Unsere Antwort darauf steht seit Februar in „Deutschland — ein Staat, der nichts mehr weiß und nichts mehr kann“. In der Ursache sind wir dort nah bei Krebs: Das Privatisierungsdogma hat dem Staat nicht nur Aufgaben genommen, sondern das Wissen, sie zu verstehen. Gerade deshalb trägt sein Rezept nicht. Ein Staat, dem die Kompetenz amputiert wurde, kann Stahlwerke und Wohnungskonzerne nicht führen, nur weil er sie besitzt. Wir haben damals geschrieben, mehr Geld sei, als lege man einem Patienten ohne Arme einen Koffer voller Geld auf den Schoß. Die Verstaatlichung legt ihm noch die Konzerne dazu. Die Kompetenz muss erst nachwachsen, und das dauert eine Generation.

Dazu kommt, was wir seitdem gefunden haben. In „Das Zwischenreich“ haben wir gezeigt, dass Förderprogramme geprüft werden, ob sie korrekt abgerechnet sind, nicht ob sie etwas bewirkt haben. In „Der Zustand ohne Termin“, dass ein verfehltes Ziel nicht aufgegeben, sondern umgebucht wird. In „Die ungeprüfte Hälfte“, dass gemessen wird, ohne dass die Messung jemanden zum Handeln zwingt.

China hat eine Rückkopplung: Kader werden nach Ergebnissen bewertet und rotieren alle paar Jahre. Sie misst aber die falsche Größe, und die Zensur schneidet die Meldungen ab, die sie bräuchte. Eine Rangliste ist nur so gut wie ihre Kriterien. Wer Wachstum misst, bekommt Wachstum, auch dort, wo niemand es braucht.

Was daraus folgt

Die Frage lautet nicht Markt oder Plan. Sie lautet: Erreicht ein Fehler jemanden, der handeln muss, und zwar bevor er teuer wird? Wer mehr Staat will, muss zuerst die Kompetenz wieder aufbauen und die Rückkopplung einbauen: eine vorab erklärte Abbruchbedingung für jedes Programm, eine Verfallsklausel, Prüfer, die nicht dieselben sind wie die Antragsteller, Amtszeiten mit Ende. Wer mehr Markt will, braucht dasselbe für die Konzerne, die er schützt.

Krebs hat die Stellgrößen beschrieben, aber keinen Regler. Ohne Regler wird jede Stellgröße, ob Preis, Plan oder Turnier, früher oder später von denen bedient, die sie in der Hand haben.

Quellen. Tom Krebs, Kapital und Krise, oekom, München 2026; Buchvorstellung mit dem Magazin Surplus, Oktober 2026 (Aufzeichnung). · Jörn Boewe, „Tom Krebs will den Kapitalismus neu ordnen“, der Freitag, 2026. · Gustav Theile, „Chinas erbarmungsloser Kapitalismus“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Oktober 2026. · Gabor Steingart, „Deutschland: Geschlechtsumwandlung einer Marktwirtschaft“, The Pioneer, 20. Mai 2026.

Zum Essay: Der Zwitter und die Maschine. Eine Antwort auf Gabor Steingart.

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