Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 17. Oktober 2026

Das freundliche Gesicht

Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund und das Ende des Wartens.

Drittes Essay nach „Die wartende Struktur“ (März 2026) und „Der Wegbereiter“ (April 2026).

I. Was seit dem Frühjahr geschehen ist

Im März haben wir die AfD als wartende Struktur beschrieben: eine autokratische Mobilisierungsmaschine, die noch keinen Autokraten an der Spitze hat und ihn in der Krise hervorbringen wird. Im April haben wir gezeigt, wer das Wartezimmer einrichtet. Ein halbes Jahr später sieht die Lage so aus:

Am 6. September 2026 hat die AfD in Sachsen-Anhalt nach den vorläufigen Zahlen rund 44 Prozent der Stimmen gewonnen, bei einer Wahlbeteiligung von 77 Prozent. Die CDU des Ministerpräsidenten Sven Schulze kam auf rund 17 Prozent. Die AfD hat 39 von 83 Sitzen, drei weniger als die absolute Mehrheit. Zwei Wochen später erreichte sie in Mecklenburg-Vorpommern 38 Prozent; die CDU scheiterte dort an der Fünfprozenthürde. Bundesweit lag die AfD im Oktober im ARD-Deutschlandtrend bei 27 Prozent, die Union bei 20. Nur zehn Prozent der Befragten waren mit der Bundesregierung zufrieden — ein historischer Tiefstwert.

Am 6. Oktober wurde in Magdeburg mit Tobias Rausch zum ersten Mal ein AfD-Politiker Präsident eines deutschen Landtags. Er erhielt in geheimer Wahl 48 Stimmen. AfD und BSW haben zusammen 44 Sitze. Mindestens vier Stimmen kamen also von anderen Fraktionen. Die CDU hatte Enthaltung angekündigt; von 14 anwesenden CDU-Abgeordneten wurden aber nur fünf Enthaltungen gezählt. Nach Recherchen von ZDF frontal gaben zehn CDU-Abgeordnete an, sich enthalten zu haben. Die Rechnung geht nicht auf. Ein Drittel der Fraktion sagt über die eigene Stimme vermutlich nicht die Wahrheit.

Die Struktur wartet nicht mehr. Sie fängt an, Ämter zu besetzen.

II. Der Mann

Ulrich Siegmund ist 35 Jahre alt, stammt aus Havelberg in der Altmark, ist gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann und hat Wirtschaftspsychologie studiert. Mit 19 trat er in die CDU ein, fünf Jahre später verließ er sie, 2014 wurde er AfD-Mitglied. Seit 2016 sitzt er im Landtag, seit 2022 führt er die Fraktion mit. Er war 2023 Teilnehmer des Potsdamer Treffens, bei dem über „Remigration“ gesprochen wurde, und verteidigt den Begriff. Sein Landesverband wird vom Verfassungsschutz seit 2023 als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.

Sein Programm für die ersten hundert Tage sah nach Presseberichten vor, Mittel für „linksextreme Vereine“ zu streichen, Schulbesuche in NS-Gedenkstätten nicht mehr vorzuschreiben und den Staatsvertrag über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu kündigen. Der Entwurf des Landesprogramms nennt Viktor Orbán als Vorbild.

Das alles ist bekannt. Das Neue an Siegmund ist nicht, was er vertritt, sondern wie er wirkt. Er ist groß, schlank, gut angezogen, lächelt, fragt Journalisten nach ihren Familien, grüßt Abgeordnete anderer Parteien auf dem Flur. Er hat nach übereinstimmenden Berichten mehr als 600.000 Follower auf TikTok und jeweils rund 300.000 auf Instagram und Facebook — mehr als fast jeder andere deutsche Politiker. Der Chefredakteur des SPIEGEL, Dirk Kurbjuweit, schrieb, er wirke freundlich und sympathisch, auch auf Wähler, die keine Rechtsextremen sind, aber große Veränderung wollen.

Siegmund ist das freundliche Gesicht einer gesichert rechtsextremistischen Struktur. Das macht ihn nicht harmloser. Es macht ihn wirksamer.

III. Ist er der, auf den die Struktur wartet?

Im März haben wir aus der Struktur abgeleitet, welche Eigenschaften die erwartete Führungsfigur haben müsste: Sie muss Massen entzünden können, nicht nur verwalten. Sie muss die vorhandenen Feindbilder bedienen. Sie muss innerparteiliche Gegner durch Loyalitätsdruck neutralisieren. Und sie muss erscheinen, als käme sie von außen. Die Krise ist die Einladung.

Gnadenlos geprüft passt Siegmund in zwei Punkten und in zwei nicht.

Er passt bei der Wirkung und bei der Lage. Er erreicht Menschen, die Weidel nicht erreicht. Und die Krise ist da: eine Regierung mit zehn Prozent Zustimmung, eine Union, die sich in einem Ostland halbiert, eine Wirtschaft, die nicht vorankommt.

Er passt nicht als Außenseiter und nicht als Herausforderer. Siegmund ist seit zehn Jahren Berufspolitiker, er kennt jeden Flur des Magdeburger Landtags. Und er sagt ausdrücklich, er wolle Alice Weidel zur ersten AfD-Kanzlerin machen und sie nicht herausfordern. Am Wahlabend sprach er von der „Bundeskanzlerin Alice Weidel“, an deren Seite er Geschichte schreiben wolle.

Unser Befund ist deshalb: Siegmund ist nicht der Autokrat. Er ist etwas, das wir im März nicht vorhergesehen haben — ein Charisma neuer Art. Im Essay „Das intuitive Gespräch und die intuitive Rede“ haben wir beschrieben, wie der Redner vor der Masse sich an der Stimmung korrigiert statt am Gedanken, und dass der Seismograph dafür heute in jeder Hosentasche hängt. Siegmund braucht keinen Sportpalast. Seine Bühne ist der Algorithmus, der ihm stündlich meldet, was ankommt. Sein Ton ist nicht die Raserei, sondern das Lächeln. Das ist das Charisma des Influencers: nahbar, freundlich, unermüdlich — und genau deshalb geeignet, eine Struktur zu tragen, deren Inhalte niemand mehr genau ansieht.

IV. Was die Gegner für ihn tun

Im März stand bei uns der Satz: „Eine autokratische Struktur lebt von der Abgrenzung. Sie braucht den Feind. Das Establishment, das sie ausgrenzt, ist ihr wichtigstes Werbemittel.“ Der Sommer 2026 hat ihn bestätigt.

Im August setzte der SPIEGEL Siegmund auf den Titel: „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Siegmund nannte das Cover „sehr gute Werbung“, signierte es vor laufender Kamera und verbreitete das Video. Selbst Dietmar Bartsch von der Linken nannte das Titelbild Wahlkampfhilfe. Die Warnung war sachlich vertretbar. Ihre Wirkung war die eines Plakats.

Die CDU hat in Magdeburg ein anderes Problem. Ihre Fraktion ist gespalten: Schulze gewann den Fraktionsvorsitz mit acht zu sieben Stimmen. Bei der Wahl des Landtagspräsidenten haben einige ihrer Abgeordneten offenbar anders abgestimmt, als sie angekündigt hatten, und sagen es nicht. Der neue Landtagspräsident Rausch erklärte, Siegmund könne im Dezember mit vier CDU-Stimmen rechnen. Die Antwort der Fraktion vom 13. Oktober: Sie will bei der Wahl des Ministerpräsidenten den Saal verlassen — damit niemand aus ihren Reihen für Siegmund stimmen kann.

Das ist ein bemerkenswertes Eingeständnis. Eine Partei schützt die Demokratie vor ihren eigenen Abgeordneten, indem sie sie am Abstimmen hindert. Die Brandmauer hält in Magdeburg nicht mehr durch Überzeugung, sondern durch Abwesenheit.

V. Die Rechnung für Dezember

Siegmund will sich im Dezember zur Wahl stellen. Die Verfassung des Landes sieht bis zu drei Wahlgänge vor. In den ersten beiden braucht ein Kandidat die Mehrheit der Mitglieder, also 42 Stimmen. Scheitern beide, kann der Landtag innerhalb von vierzehn Tagen seine Auflösung beschließen, wofür ebenfalls 42 Stimmen nötig sind. Geschieht das nicht, genügt im dritten Wahlgang die einfache Mehrheit.

Daraus ergeben sich die Wege, nüchtern betrachtet:

Erstens: Siegmund im ersten Wahlgang. Er braucht drei Stimmen über die eigene Fraktion hinaus. Verlässt die CDU den Saal und enthält sich das BSW, wie es angekündigt hat, bekommt er sie nicht. Siegmund sagt, er trete nur im ersten Wahlgang an. Hält er Wort, wäre er damit vorerst gescheitert.

Zweitens: der dritte Wahlgang. Hier wird die Arithmetik zum Messer. Die AfD hat 39 Sitze. CDU, SPD, Grüne und Linke haben zusammen ebenfalls 39. Das BSW hat fünf. Tritt Siegmund doch an und bleibt die CDU draußen, genügen ihm die eigenen Stimmen. Tritt ein Gegenkandidat an, den CDU, SPD, Grüne und Linke gemeinsam wählen, steht es 39 zu 39 — und fünf BSW-Abgeordnete sowie jeder einzelne Abweichler in geheimer Wahl entscheiden. Eine solche gemeinsame Wahl schließt die CDU bisher aus, weil sie nicht mit der Linken zusammenarbeiten will.

Drittens: Neuwahl. Siegmund hat sie „im Notfall“ ins Spiel gebracht. Bei einem Ergebnis von 44 Prozent und einer CDU im freien Fall ist eine Neuwahl für die AfD kein Notfall, sondern eine Chance auf die absolute Mehrheit.

Viertens: die geschäftsführende Regierung ohne Ende. Schulze bleibt im Amt, bis ein Nachfolger gewählt ist; die Verfassung setzt dafür keine Frist. Das ist rechtlich zulässig und politisch ein Stillstand, der der AfD jeden Tag ein Argument liefert.

Keiner dieser Wege ist gut. Der Gedanke, dass die Brandmauer in einem deutschen Bundesland von fünf BSW-Abgeordneten und der Ehrlichkeit einer Fraktion abhängt, von der ein Drittel über die eigene Stimme vermutlich nicht die Wahrheit sagt, sollte niemanden beruhigen.

VI. Was dagegen spricht

Eine gnadenlose Analyse muss auch hier gegen die eigene These gnadenlos sein.

Die AfD ist nicht überall im Aufwind. In Berlin wurde sie am 20. September mit gut 16 Prozent nur Dritte, hinter der Linken mit fast 26 und der CDU mit knapp 19 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern hat die SPD mit Manuela Schwesig trotz 38 Prozent für die AfD die Regierungsbildung in der Hand. Die Struktur ist im ländlichen Osten am stärksten, in den Großstädten mobilisiert sie auch ihre Gegner.

Die Gegenprobe hat allerdings eine Grenze, und sie verläuft nicht mehr an der Elbe. In Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Land und dem alten Herz der westdeutschen Industrie, holte die AfD bei der Landtagswahl 2022 gerade 5,4 Prozent. In der jüngsten INSA-Umfrage vom Oktober 2026 liegt sie bei 21 Prozent, Forsa sah sie im September bei 22. Die CDU von Hendrik Wüst ist im selben Zeitraum von knapp 36 auf 26 Prozent gefallen. Eine Vervierfachung in vier Jahren, im Westen, ohne Siegmund und ohne Ostbiografie: Das ist kein regionales Phänomen mehr.

Und die AfD bleibt eine Partei mit Skandalen, Machtkämpfen und Personal, das ihr schadet. Selbst wohlwollende Beobachter schreiben, Siegmunds Erfolg sei zum Teil trotz seiner Partei zustande gekommen, nicht ihretwegen. Eine Struktur, die Ämter besetzt, muss sie auch ausfüllen. Ein Landtagspräsident, der zugleich Generalsekretär seines Landesverbandes ist, wird jeden Tag daran gemessen, ob er das Haus führt oder eine Fraktion.

Beides ändert die Richtung nicht. Es zeigt aber, dass sie nicht unumkehrbar ist.

VII. Wie es weitergehen kann

Drei Entwicklungen halten wir für die wahrscheinlichsten, und keine davon schließt die andere aus.

Die Normalisierung von unten. Ein Landtagspräsident der AfD, Vizepräsidenten mit Stimmen aus anderen Fraktionen, CDU-Abgeordnete, deren Abstimmungsverhalten niemand mehr kennt: Die Brandmauer fällt nicht mit einem Knall, sondern Stein für Stein, in geheimen Wahlen, über die niemand Rechenschaft ablegen muss. Münzenmaiers „Verankerung in der Fläche“, die wir im April beschrieben haben, hat ihr parlamentarisches Gegenstück gefunden.

Die Spaltung der CDU. Die Partei steht im Osten zwischen einem Flügel, der die Abgrenzung für Selbstmord hält, und einem, der sie für die letzte Linie hält. Der Landesparteitag am 5. Dezember, kurz vor der Ministerpräsidentenwahl, könnte darüber entscheiden, welcher Flügel die Partei führt. Eine CDU, die in Magdeburg zerbricht, zerbricht nicht nur in Magdeburg.

Der Probelauf. Sachsen-Anhalt ist für die AfD, was ein Testgelände für einen Ingenieur ist: Hier lässt sich erproben, wie Ämter besetzt, Mehrheiten organisiert und Gegner gespalten werden, bevor es um den Bund geht. Weidel hat am Wahlabend erklärt, die Union werde nie wieder eine Bundestagswahl gewinnen, und die AfD bundesweit auf 40 Prozent bringen zu wollen. Siegmund ist dafür das Gesicht, das zeigt, wie es aussehen kann, wenn es freundlich aussieht.

VIII. Was bleibt

Im März haben wir geschrieben, die Struktur warte auf ihren Autokraten. Diesen Satz würden wir heute ergänzen. Die Struktur wartet nicht mehr untätig. Sie besetzt Ämter, bevor sie den Mann hat, der sie alle ausfüllen soll. Und sie hat gelernt, dass sie dafür kein finsteres Gesicht braucht, sondern ein freundliches.

Die Gegner der AfD haben das noch nicht gelernt. Sie warnen, und die Warnung wird zum Werbeplakat. Sie grenzen ab, und die Abgrenzung hält nur noch, wenn die eigenen Leute den Saal verlassen. Sie verwalten die Krise, die die Einladung ist, und wundern sich, dass jemand sie annimmt.

Gegen ein freundliches Gesicht hilft kein Alarm. Es hilft nur eine Politik, die das Bedürfnis, das es bedient, besser bedient — das Gefühl, dass jemand die Dinge wirklich in die Hand nimmt. Solange sie fehlt, wird die nächste Wahl die nächste Einladung sein.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 17. Oktober 2026.

Zur Quellenlage. Wahlergebnisse Sachsen-Anhalt (6. September 2026), Mecklenburg-Vorpommern und Berlin (20. September 2026): vorläufige amtliche Ergebnisse nach ZDFheute, Wikipedia und Konrad-Adenauer-Stiftung (Wahlanalyse Berlin); die Angaben einzelner Quellen weichen um Zehntelpunkte voneinander ab. Umfrage: ARD-Deutschlandtrend Oktober 2026 (Infratest dimap, 28.–30. September). Nordrhein-Westfalen: INSA für BILD (6.–13. Oktober 2026), Forsa (September 2026), amtliches Ergebnis der Landtagswahl 2022; Umfragewerte nach dawum.de. Landtagspräsidentenwahl: ZDFheute (6. Oktober 2026), Bundeszentrale für politische Bildung (12. Oktober 2026), Aktuelle Stunde des Bundestages (9. Oktober 2026). CDU-Beschluss und Abstimmungsverhalten: ZDFheute, Tagesspiegel, t-online (13. Oktober 2026), Recherche von ZDF frontal. Wahlverfahren: Legal Tribune Online (7. September 2026) nach Art. 65 der Landesverfassung. Zu Siegmund: englischsprachiges Porträt „Germany’s far right has a friendly face“ (Yahoo News), Euronews (7. September 2026), Horizont zum SPIEGEL-Titel (16. August 2026); Angaben zum 100-Tage-Programm und zu Netzwerken nach Presseberichten, zusammengestellt u. a. von Campact (einer Organisation, die offen gegen die AfD wirbt). Followerzahlen schwanken je nach Quelle und Zeitpunkt.