Das Innere eines dunklen Felsens
BlackRock, soweit es sich von außen erkennen lässt
Im Kasino verdient die Bank am Spiel. BlackRock verdient am Spielfeld.
I. Der Felsen
Ende September 2026 verwaltete BlackRock 15,5 Billionen Dollar. Das ist etwa das Dreifache dessen, was Deutschland in einem Jahr erwirtschaftet. Allein im dritten Quartal kamen 205 Milliarden Dollar neu hinzu, in den zwölf Monaten davor 869 Milliarden.
Dieses Geld gehört nicht BlackRock. Es gehört Pensionskassen, Versicherungen, Stiftungen, Staatsfonds und Millionen Sparern, die einen Fonds oder einen ETF von BlackRock gekauft haben. BlackRock verwaltet es und nimmt dafür eine Gebühr. Im Schnitt sind das rund 15 Dollar im Jahr auf 10.000 Dollar Kundengeld. Das ist wenig für den Einzelnen und gewaltig in der Summe: 7,75 Milliarden Dollar Umsatz in einem einzigen Quartal, davon fast vier Fünftel aus solchen laufenden Gebühren und aus dem Verleihen der verwalteten Aktien.
Wem gehört BlackRock selbst? Mehr als fünf Prozent halten laut dem Bericht zur Hauptversammlung 2026 nur zwei: BlackRocks eigene Fonds mit 6,2 Prozent und die Kuwait Investment Authority mit 5,1 Prozent. Ende 2023 meldete Vanguard 8,7 Prozent. Der Felsen gehört zu einem Teil sich selbst und seinesgleichen.
An der Spitze steht seit der Gründung 1988 Larry Fink. Für 2025 erhielt er 37,7 Millionen Dollar, das 245-Fache dessen, was der mittlere Beschäftigte von BlackRock verdient. Bei der Hauptversammlung 2026 stimmte rund ein Drittel der Aktionäre gegen das Vergütungspaket.
II. Die billige Wiese
Im Essay “Das Haus gewinnt immer” haben wir dem Sparer einen ehrlichen Rat gegeben: Wer einen breit gestreuten Index billig kauft und Jahrzehnte hält, bekommt den größten Teil des Mehrwerts. Genau das verkauft BlackRock. Seine ETF-Marke iShares hält weltweit 27,5 Prozent aller ETF-Gelder, in Europa 38,8 Prozent. Deutsche Anleger hatten Mitte 2026 ETFs für 697 Milliarden Euro im Depot, mehr als doppelt so viel wie 2023.
Für den Sparer ist das gut. Ein Indexfonds von BlackRock kostet einen Bruchteil dessen, was ein Riester-Vertrag kostete. Wer große Pensionskassen bedient, nimmt dort im Schnitt nur drei bis vier Cent auf 100 Dollar im Jahr. Hier wird niemand ausgenommen.
Doch gerade der vernünftigste Rat macht das größte Haus noch größer. Jeder Euro, der in einen Index fließt, kauft jedes Unternehmen des Index mit, und damit auch dessen Stimmrecht. Die billige Wiese ist offen für alle. Aber wer die Wiese verwaltet, sitzt am Ende in jeder Hauptversammlung.
III. Der Miteigentümer von allem
BlackRock hält nach einer Studie des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung rund elf Prozent aller DAX-Aktien. Bei der Deutschen Bank waren es im Januar 2026 laut Stimmrechtsmitteilung 8,1 Prozent, bei Siemens im März 7,1 Prozent. Oft reichen fünf Prozent, um größter Aktionär zu sein. In den USA sind BlackRock, Vanguard und State Street zusammen größter Aktionär bei 88 Prozent der Unternehmen im S&P 500, und bei deren Hauptversammlungen stellten sie schon 2018 rund ein Viertel der Stimmen.
Stellen wir uns eine Stadt mit drei Bäckereien vor. Gehören alle drei zum Teil demselben Eigentümer, dann hat dieser Eigentümer wenig Interesse an einem Preiskampf zwischen ihnen. Was die eine Bäckerei gewinnt, verliert die andere, und er hält beide. Ob das in der Wirklichkeit den Wettbewerb dämpft, ist umstritten. Die Ökonomen José Azar, Martin Schmalz und Isabel Tecu fanden 2018 bei amerikanischen Fluglinien höhere Ticketpreise auf Strecken mit mehr gemeinsamen Eigentümern. Eine Studie von 2025 fand in der Pharmaindustrie weniger Markteintritte von Generika. Andere Forscher kamen mit denselben Flugdaten zu keinem Effekt. Eine Übersicht von 2024 hält fest, ein Konsens sei noch nicht erreicht. Mehr lässt sich ehrlicherweise nicht sagen.
Belegt ist dagegen, dass BlackRock mit fremdem Geld abstimmt. Seit 2022 können Kunden ihre Stimmrechte selbst ausüben. Möglich ist das für knapp die Hälfte des Indexvermögens in Aktien, genutzt wird es für etwa ein Zehntel. Für den großen Rest entscheidet BlackRock.
IV. Das Gewissen im Wind
Wie BlackRock entscheidet, hat sich geändert. 2018 schrieb Fink in seinem Jahresbrief, jedes Unternehmen müsse zeigen, wie es einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leistet. 2020 nannte er den Klimawandel einen bestimmenden Faktor für die Zukunft der Unternehmen. 2022 verteidigte er den “Stakeholder-Kapitalismus”: Er sei “nicht woke”, BlackRock handle so, weil es Kapitalisten seien.
Dann kam der Gegenwind. Im August 2022 setzte Texas BlackRock auf eine Liste von Firmen, die angeblich die Energiewirtschaft boykottieren, und 2024 zog der texanische Schulfonds 8,5 Milliarden Dollar ab. Im Juni 2023 sagte Fink, er benutze das Wort ESG nicht mehr. Im Februar 2024 trat BlackRock weitgehend aus der Investoreninitiative Climate Action 100+ aus, im Januar 2025 ganz aus der Allianz der Vermögensverwalter für Netto-Null. Im Juni 2025 nahm Texas BlackRock wieder von der Liste. Seit November 2024 klagen Texas und weitere Bundesstaaten gegen BlackRock, Vanguard und State Street. Sie hätten über ihre Beteiligungen die Kohleförderung gedrosselt. Vanguard hat sich im Februar 2026 für 29,5 Millionen Dollar verglichen, ohne Schuldeingeständnis. BlackRock wehrt sich, der Prozess ist für Januar 2028 angesetzt.
Die Abstimmungen folgen der Wetterlage. 2021 unterstützte BlackRock 47 Prozent der Aktionärsanträge zu Umwelt- und Sozialthemen. 2023 waren es sieben Prozent, in der Saison bis Juni 2026 noch einer von 318. Zwei niederländische Pensionsfonds, PFZW und PME, haben BlackRock auch deshalb Mandate über Milliarden entzogen. Man muss die Anträge nicht für gut halten, um das Muster zu sehen. Das Gewissen war Teil des Produkts. Als es Kunden kostete, wurde es aus dem Sortiment genommen.
V. Die Hinterzimmer
Wo BlackRock heute sein Geld verdienen will, zeigen die Zahlen des dritten Quartals. Anlagen in nicht börsengehandelte Märkte, also Infrastruktur, Firmenkredite außerhalb der Börse, Private Equity, machen zwei Prozent des verwalteten Vermögens aus, bringen aber elf Prozent der laufenden Gebühren. Auf 100 Dollar nimmt BlackRock dort rund 80 Cent im Jahr, zwanzigmal so viel wie bei einer Pensionskasse auf der Wiese.
In diese Hinterzimmer hat BlackRock sich eingekauft: 2024 den Infrastrukturverwalter Global Infrastructure Partners für 12,5 Milliarden Dollar, 2025 den Datenanbieter Preqin für 2,5 Milliarden Pfund und den Kreditfondsverwalter HPS für rund 12 Milliarden Dollar. Bis 2030 will BlackRock 400 Milliarden Dollar für solche Anlagen einsammeln.
Wer dort investiert, kommt nicht jederzeit heraus, und den Preis legt kein täglicher Börsenkurs fest. Für eine Pensionskasse mit Jahrzehnten Zeit kann das passen. Fink will aber mehr. 2025 schrieb er, die klassische Mischung aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen genüge vielleicht nicht mehr, und schlug 20 Prozent nicht börsengehandelte Anlagen vor. Infrastruktur liege “hinter hohen Mauern”. 2026 schrieb er, für viele Menschen sei die Altersvorsorge die erste und oft einzige Verbindung zu den Kapitalmärkten, und er sehe eine beträchtliche Chance, ihnen die privaten Märkte zu bringen.
Die Tür wird gerade geöffnet. Im August 2025 wies Präsident Trump per Verordnung an, solche Anlagen in den betrieblichen Rentenplänen der USA zu erleichtern, im März 2026 legte das Arbeitsministerium die Regeln dafür vor. BlackRock kündigte für 2026 seinen ersten Zieldatumsfonds mit privaten Märkten an. In Deutschland startet 2027 das Altersvorsorgedepot. BlackRock will dafür neben ETFs auch aktive Fonds und ELTIFs anbieten, europäische Fonds für eben solche nicht börsengehandelten Anlagen. Zum Altersvorsorgedepot und zur Frühstart-Rente hat BlackRock laut Lobbyregister Stellungnahmen an Bundestag und Ministerien geschickt. Dass sie den Gesetzestext beeinflusst haben, ist nicht belegt.
Am 21. Oktober 2026, nach dem Investitionsgipfel der Bundesregierung, sagte Fink dem Handelsblatt: Wenn der Staat in Infrastruktur investiere, werde privates Kapital in erheblichem Umfang folgen. Nach einem Bericht des Freitag sagte er dem Handelsblatt auch: Heute werde keine feste Rentenhöhe mehr garantiert.
Wie weit das Spielfeld reicht, zeigt der Verkauf der Häfen des Hongkonger Konzerns CK Hutchison. Im März 2025 einigte sich CK Hutchison mit einem Konsortium aus BlackRock und der Reederei MSC auf 22,8 Milliarden Dollar für 43 Häfen, darunter zwei am Panamakanal. China verlangte eine Beteiligung seiner Staatsreederei COSCO, Panamas Oberstes Gericht erklärte im Januar 2026 die Konzession für verfassungswidrig. Bis zum Spätsommer 2026 war nichts unterschrieben. Aus einem Geschäft mit Kaimauern wurde Weltpolitik.
VI. Die Drehtür
Von 2016 bis März 2020 war Friedrich Merz Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Deutschland. Er sollte laut der damaligen Mitteilung auch die Beziehungen zu Kunden, Aufsehern und Behörden pflegen. Die Bundesregierung hat auf Anfragen der Linken seine Termine in dieser Rolle aufgelistet: zwei Treffen mit dem Außenminister Sigmar Gabriel 2017 und 2018, eines mit Kanzleramtschef Helge Braun, eines mit Finanzminister Olaf Scholz und seinem Staatssekretär Jörg Kukies zu “Finanzmarktfragen”, weitere Gespräche mit Kukies bis März 2020. Dass Merz bei BlackRock Mandate vermittelt habe, bestreitet das Unternehmen. Die Million Euro brutto, die er 2018 als sein Einkommen nannte, stammte aus allen seinen Mandaten zusammen. Was er bei BlackRock verdiente, ist nicht veröffentlicht. Eine Äußerung des Kanzlers Merz über BlackRock haben wir nicht gefunden.
Die Tür dreht sich in beide Richtungen und in vielen Ländern. Der frühere britische Schatzkanzler George Osborne erhielt 2017 als Berater 650.000 Pfund im Jahr für etwa vier Tage im Monat, als er noch Abgeordneter war. Der frühere Schweizer Notenbankchef Philipp Hildebrand ist seit 2012 Vizechef von BlackRock. Brian Deese ging 2021 von BlackRock als oberster Wirtschaftsberater zu Präsident Biden. Elga Bartsch, bis 2022 Forschungschefin am Investmentinstitut von BlackRock, leitet seit 2023 die wirtschaftspolitische Abteilung des Bundeswirtschaftsministeriums. Nichts davon ist verboten. Es zeigt nur, dass zwischen dem Haus und den Staaten, die seine Spielregeln schreiben, ein reger Verkehr herrscht.
VII. Was nicht stimmt
Über BlackRock kursiert selbst viel Konfetti. Fairness verlangt, auch das zu sezieren.
BlackRock “gehört” nicht die Welt. Es verwaltet fremdes Geld, und die Kunden können es abziehen, wie die beiden niederländischen Pensionsfonds gezeigt haben. BlackRock besitzt auch nicht “47 Prozent der Ukraine”. Ausländische Firmen dürfen dort kein Ackerland kaufen. Der Wiederaufbaufonds, den BlackRock unentgeltlich mitentwerfen sollte, wurde nie aufgelegt, die Investorensuche im Januar 2025 eingestellt.
Die Risikosoftware Aladdin, mit der auch andere Vermögensverwalter, Versicherer und Banken rechnen, steuert nicht die Finanzwelt. Die oft genannte Zahl von über 20 Billionen Dollar auf der Plattform stammt von 2020. Neuere Zahlen veröffentlicht BlackRock nicht mehr. Auf der Liste der kritischen IT-Dienstleister, die die EU-Finanzaufseher im November 2025 vorgelegt haben, steht Aladdin nicht. Als “systemrelevant” wurde BlackRock nie eingestuft. Bei der Razzia wegen Cum-Ex-Geschäften im Münchner Büro 2018 war BlackRock nach damaligen Berichten nicht Ziel der Ermittlungen, und eine Anklage gab es nicht.
Was bleibt, ist ernst genug. Als die Fed im Frühjahr 2020 die Märkte stützte, beauftragte sie BlackRock, ihre Anleihekäufe abzuwickeln. 48 Prozent der ETFs, die sie in einer Woche im Mai kaufte, waren iShares-Fonds von BlackRock. Auf diese eigenen Fonds nahm BlackRock keine Verwaltungsgebühr. Im selben Jahr vergab die EU-Kommission an BlackRock eine Studie darüber, wie Nachhaltigkeitsrisiken in die Bankenaufsicht einfließen sollen, für 280.000 Euro bei veranschlagten 550.000. Die Europäische Bürgerbeauftragte sah darin die klare Gefahr, dass eigene Interessen das Ergebnis beeinflussen. Einen formalen Missstand stellte sie nicht fest, weil die Regeln zu vage seien. Wer so groß ist, wird gerufen, wenn es brennt, und gefragt, wenn Regeln geschrieben werden.
VIII. Die These
BlackRock betrügt die Sparer nicht. Auf der offenen Wiese der Indexfonds ist es billig und für den Einzelnen meist die bessere Wahl als fast alles, was man ihm früher verkauft hat. Das Problem ist nicht die Gebühr. Das Problem ist die Größe.
Ein Haus, das an fast jedem großen Unternehmen beteiligt ist, verdient nicht mehr am Spiel, sondern am Spielfeld. Es stimmt mit fremdem Geld ab, und sein Gewissen richtet sich nach dem politischen Wetter. Und weil die Wiese wenig abwirft, baut es Hinterzimmer, in denen die Gebühren zwanzigmal so hoch sind, und lässt sich von den Staaten die Tür dazu öffnen: die Altersvorsorge von Menschen, denen niemand mehr eine feste Rentenhöhe garantiert. Bei Riester war es eine Versicherung, die am Vertrag verdiente. Diesmal ist es ein Felsen, der am Ganzen verdient.
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