Der Regler ohne Messfühler
Nachtrag zu „Die chinesische Lektion“
In „Die chinesische Lektion“ steht der Satz, das autoritäre System habe beim langfristigen Planen „einen strukturellen Vorteil gegenüber der Demokratie“. Die Ereignisse im Oktober 2026 zeigen, was dieser Vorteil kostet: Ein System, das einem Einzelnen gehört, plant lange, aber es korrigiert nicht.
I. Was im Oktober geschah
Vom 26. bis 29. Oktober 2026 tagte in Peking das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas zu seinem fünften Plenum. Es bestätigte den Ausschluss von 33 hohen Funktionären, so viele wie nie seit Maos Tod. Unter ihnen sind Zhang Youxia, bis dahin der ranghöchste General des Landes, und Liu Jianchao, ein Diplomat, der als künftiger Außenminister galt. Von den 376 Mitgliedern und Kandidaten, die 2022 gewählt worden waren, nahmen nur 279 teil. Viele der Fehlenden stehen nach Einschätzung von Beobachtern unter Untersuchung.
Ins Politbüro aufgestiegen ist General Zhang Shengmin, 68 Jahre alt. Er leitete von 2017 bis Juli 2026 die Disziplinarkommission der Armee, also die Stelle, die gegen Offiziere ermittelt. Von den sieben Mitgliedern der Zentralen Militärkommission, die 2022 bestimmt wurden, sind fünf entfernt worden. Übrig sind Xi Jinping und Zhang Shengmin. Nach einer Auswertung der New York Times sind seit Anfang 2023 von 30 führenden Generälen und Admirälen nur noch sieben im Amt. Seit 2012 wurden nach Angaben der Disziplinarkommission 7,9 Millionen Parteimitglieder bestraft, darunter über 960 hohe Funktionäre.
Im kommenden Jahr wird Xi Jinping beim Parteitag voraussichtlich eine vierte Amtszeit anstreben. Dass er einen Nachfolger benennt, erwartet kaum jemand.
II. Ein Fußballer und ein Witz
Wenige Tage vor dem Plenum sagte der französische Fußballer Kylian Mbappé, das lustigste Bild, das er von sich kenne, zeige sein Gesicht auf „irgendeinem Kerl, ich glaube, einem chinesischen Diktator“. Gemeint war Mao Zedong. Das chinesische Staatsfernsehen stellte daraufhin die Übertragungen der spanischen Liga ein. Chinesische Sponsoren kündigten ihm. Die Plattform Xiaohongshu fror sein Konto mit über einer Million Anhängern ein, Weibo sperrte das Folgen. Mbappé entschuldigte sich in drei Sprachen.
Was er gesagt hatte, erfuhr in China kaum jemand. Die Äußerung wurde in den sozialen Netzen nicht verbreitet oder gelöscht, die Staatsmedien sprachen nur von „unangemessenen Bemerkungen über China“. Ein ganzes Land wurde gegen einen Satz aufgebracht, den es nicht hören durfte.
III. Was das für unsere These bedeutet
Langfristiges Planen ist eine Stärke. China hat Ölreserven angelegt und erneuerbare Energien ausgebaut, bevor die Krise am Golf kam. Daran ändert sich nichts. Aber Planen ist nur die eine Hälfte des Regelns. Die andere ist das Messen: Ein Regler muss erfahren, ob das, was er tut, wirkt, und er muss es erfahren, solange noch Zeit zur Korrektur ist.
Diese Rückmeldung kommt in einem großen Land von unten, von Beamten, Offizieren und Unternehmern, die melden, was nicht funktioniert. Wer erlebt, dass Millionen bestraft und fünf von sieben Mitgliedern der obersten Militärführung entfernt werden, meldet keine schlechten Nachrichten mehr. Der China-Analyst Neil Thomas warnt, örtliche Funktionäre könnten aus Angst vor der Disziplinarkommission übervorsichtig werden. Das ist die höfliche Form desselben Befunds.
China hat das schon einmal erlebt. Während des „Großen Sprungs nach vorn“ von 1958 bis 1961 meldeten örtliche Funktionäre Getreideernten, die es nicht gab, weil niedrige Zahlen als Sabotage galten. Nach den gemeldeten Zahlen wurde Getreide abgeführt. Es folgte eine der schwersten Hungersnöte der Geschichte. Der Plan war langfristig. Die Messfühler waren abgeklemmt.
Unsere These muss deshalb genauer werden. Der Vorteil Chinas liegt nicht im autoritären System, sondern im langen Planungshorizont. Das autoritäre System erkauft diesen Horizont mit dem Verlust der Korrektur. Solange der Plan richtig ist, sieht das wie Überlegenheit aus. Ist er falsch, hält ihn niemand auf.
IV. Was das für Unternehmen bedeutet
Für Unternehmen ist das keine Frage der Moral, sondern des Risikos. In einem System, in dem die Partei die Führung über alles beansprucht, entscheidet die Politik auch über wirtschaftliche Risiken. Ein Satz eines Fußballers genügte, um Werbeverträge, Fernsehrechte und ein Konto mit einer Million Anhängern binnen Tagen zu beenden. Deutsche Konzerne haben das schon erlebt: Mercedes-Benz musste sich 2018 für ein Zitat des Dalai Lama in einer Instagram-Werbung entschuldigen, Adidas geriet 2021 in einen Boykott, weil es sich von Baumwolle aus Xinjiang distanziert hatte. Wer China als berechenbaren Markt behandelt, behandelt einen Regler ohne Messfühler wie einen, der funktioniert.
V. Was bleibt
Die Lektion für Europa bleibt richtig, aber sie lautet jetzt genauer: Demokratien müssen lernen, langfristig zu planen, ohne die Korrektur aufzugeben. Wie das gehen könnte, haben wir in „Der Steuermann, den keiner wählt“ und „Die mangelnde Bereitschaft zum multilateralen Denken“ beschrieben. Eine Gesellschaft, die ihre Fehler melden darf, ist langsamer. Aber sie fällt nicht blind in den Abgrund.
Weiterlesen: Die chinesische Lektion · Der Steuermann, den keiner wählt · Die mangelnde Bereitschaft zum multilateralen Denken