Wird Europa der Appendix von Asien?
Ein Organ ohne Funktion ist harmlos. Bis es sich entzündet.
I. Vom Kap zum Blinddarm
Im Sommer 1919, das Gemetzel des Weltkriegs war kaum vorbei, stellte Paul Valéry eine Frage, die damals wie eine Provokation klang: ob Europa werden werde, was es in Wirklichkeit sei — „ein kleines Kap des asiatischen Kontinents“. Geografisch war das nie zu bestreiten. Europa ist eine Halbinsel Eurasiens. Valéry meinte etwas anderes: dass der Vorsprung, der diese Halbinsel zum Mittelpunkt der Welt gemacht hatte, nicht naturgegeben war und verloren gehen konnte.
Ein Kap ist bloße Lage. Der Blinddarm ist ein schärferes Bild. Er ist ein Organ, das einmal eine Aufgabe hatte, am Körper hängt und mitversorgt wird. Die Medizin hat ihn inzwischen teilweise rehabilitiert: Er dient als Reservelager für Darmbakterien. Den Körper ernährt er nicht. Harmlos ist er trotzdem nicht. Er kann sich reizen, und meist vergeht die Reizung wieder. Wird die Entzündung aber stärker und bleibt, bricht er durch und vergiftet ohne Behandlung den ganzen Körper. Ich habe das selbst erlebt, mit einer nächtlichen Operation in letzter Minute.
Die Frage ist also nicht, ob Europa klein wird. Das ist es längst. Die Frage ist, ob es funktionslos wird — ob die übrige Welt es noch für etwas braucht, das sie anderswo nicht bekommt.
II. Die Rechnung
Beginnen wir mit dem, was sich zählen lässt. 2025 exportierte die EU Waren im Wert von knapp 200 Milliarden Euro nach China und importierte von dort für 559 Milliarden. Das Defizit lag bei rund 360 Milliarden Euro. Die Exporte sanken um 6,5 Prozent, die Importe stiegen um 6,4 Prozent. Ein Teil davon ist Umlenkung: Was die USA mit Zöllen fernhalten, landet in Europa.
Aufschlussreicher als die Summen ist, was über die Grenze geht. Europa liefert nach China vor allem Maschinen, Elektrotechnik, Messgeräte, Optik, Arzneimittel — Dinge, mit denen man andere Dinge herstellt. China liefert nach Europa vor allem Elektrotechnik und Maschinen, zunehmend fertige Produkte. Noch verkauft Europa die Werkzeuge. Das ist eine Funktion. Aber jede Werkzeugmaschine, die nach China geht, wird dort zum Lehrstück, und das Ziel ist ausgesprochen: das Werkzeug selbst zu bauen.
III. Das Auto
Am deutlichsten ist es dort, wo Europa am stolzesten war. Im zweiten Quartal 2026 brachen die China-Verkäufe von Volkswagen, Mercedes-Benz, BMW und Porsche gegenüber dem Vorjahr um 30 bis 41 Prozent ein. Volkswagen lieferte in China 36,6 Prozent weniger aus. Junge chinesische Käufer nennen die deutschen Marken inzwischen Autos ihrer Eltern.
Fairerweise: Der chinesische Markt selbst ist im ersten Halbjahr 2026 um 24 Prozent geschrumpft. Ein Teil des Einbruchs ist Konjunktur, nicht Verdrängung. Aber nur ein Teil.
Denn die Bewegung läuft auch in die andere Richtung. Im August 2026 erreichten chinesische Marken in Europa einen Marktanteil von 11,7 Prozent, ein Jahr zuvor waren es 5,5. Die Zulassungen haben sich in einem Jahr verdoppelt. BYD richtet im ungarischen Szeged ein Werk ein, die Montage soll im vierten Quartal 2026 beginnen. Vor vierzig Jahren gingen Volkswagen und andere nach China, um dort zu montieren, was in Wolfsburg entwickelt wurde. Jetzt montiert BYD in Ungarn, was in Shenzhen entwickelt wurde. Die Richtung hat sich umgekehrt, das Muster ist dasselbe.
IV. Die Engpässe der anderen
Ein Körper, an dem ein Organ hängt, hat die Versorgung in der Hand. Bei den Rohstoffen der Elektrifizierung ist das wörtlich zu nehmen. Nach der Internationalen Energieagentur entfielen 2024 mehr als 95 Prozent der raffinierten Seltenen Erden und des Batteriegraphits auf China, bei Lithiumchemikalien rund 70 Prozent. In der Solarindustrie liegen mindestens 80 Prozent der weltweiten Fertigungskapazität in China.
Im Oktober 2025 hat Peking seine Exportkontrollen für Seltene Erden verschärft — als Antwort auf amerikanische Zölle, nicht auf europäische Politik. Europa war Beifang. Die Maßnahmen sind ausgesetzt, bis November 2026. Die europäische Industrie arbeitet also mit einer Genehmigung auf Widerruf, deren Verlängerung in Washington und Peking ausgehandelt wird.
Wie sich das anfühlt, zeigte im selben Herbst Nexperia. Der Chiphersteller sitzt in den Niederlanden, gehört aber einem teilweise staatlichen chinesischen Konzern und lässt einen großen Teil seiner Chips in Dongguan fertigstellen. Als die niederländische Regierung unter Berufung auf ein Gesetz aus der Kriegszeit die Kontrolle übernahm, stoppte Peking die Ausfuhr aus Dongguan. BMW, Volkswagen, Renault und Volvo mussten auf Notvorräte zurückgreifen. Es ging um Standardbauteile für wenige Cent. Europa besaß den Kopf der Firma, China die Hände. Im Ernstfall entscheiden die Hände.
Der Versuch, sich eigene Hände zu schaffen, ist bisher gescheitert. Northvolt, die große europäische Batteriehoffnung, meldete im März 2025 in Schweden Insolvenz an.
V. Der andere Körper
Wer nur nach Osten schaut, übersieht die zweite Abhängigkeit. Im Juli 2025 akzeptierte die EU im Handelsabkommen mit den USA einen Zollsatz von 15 Prozent auf die meisten ihrer Exporte und stellte Energiekäufe von 750 Milliarden Dollar sowie Investitionen von 600 Milliarden in Aussicht. Die Gegenleistung war, dass es nicht schlimmer kam. Bei Sicherheit, Rechenzentren, Betriebssystemen und Zahlungsverkehr hängt Europa an Amerika, bei Waren und Rohstoffen an Asien.
Ein Appendix an zwei Körpern ist anatomisch unmöglich. Politisch ist es die Lage. Vielleicht ist die richtige Frage deshalb nicht, wessen Blinddarm Europa wird, sondern ob es zwischen beiden zum Durchgangsorgan wird: Es leitet weiter, was andere herstellen und absichern, und behält eine Gebühr dafür.
VI. Was dagegen spricht
Eine gnadenlose Analyse muss auch gegen die eigene These gnadenlos sein.
Erstens: „Asien“ gibt es nicht. Es gibt China, Indien, Japan, Korea, Südostasien, und sie sind Rivalen. Indien hat nach eigenen Angaben Japan als viertgrößte Volkswirtschaft überholt und rechnet damit, in etwa drei Jahren auch an Deutschland vorbeizuziehen. Japan fürchtet China mehr als Europa es tut. Ein Appendix braucht einen Körper. Asien ist kein Körper, sondern ein Kontinent voller Körper, die einander misstrauen. Das gibt Europa Spielraum — wenn es ihn nutzt.
Zweitens: Europa hat noch Organe mit Funktion. Ohne die Belichtungsmaschinen von ASML aus Veldhoven entsteht kein Spitzenchip der Welt, weder in Taiwan noch in Korea noch in Arizona. Und in jeder dieser Maschinen steckt Europa doppelt: Den Hochleistungslaser, der das extreme Ultraviolett erst erzeugt, baut Trumpf in Ditzingen, die Spiegeloptik, die es bündelt, Zeiss in Oberkochen. Drei Firmen, ein Engpass, an dem die ganze Halbleiterwelt hängt. Europäische Maschinen, Messtechnik und Arzneimittel sind noch immer das, was China von Europa kauft. Dazu ein Binnenmarkt von 450 Millionen Menschen, hohe private Ersparnisse und Hochschulen, die weltweit ausbilden.
Drittens: Europa kennt seine Diagnose. Mario Draghi hat sie im September 2024 im Auftrag der Kommission gestellt, und sie war schonungslos: ohne Aufholjagd ein langsamer Todeskampf.
VII. Die Diagnose ohne Behandlung
Genau hier kippt das dritte Gegenargument in sein Gegenteil. Ein Jahr nach dem Bericht hat die Brüsseler Denkfabrik EPIC nachgezählt. Von 383 Empfehlungen waren 43 vollständig umgesetzt, gut elf Prozent. Fast ein Viertel war nicht einmal angefasst. Am weitesten fortgeschritten war der Verkehr, am wenigsten geschehen war bei sauberen Technologien, Digitalisierung und Energie — also genau dort, wo Europa die Engpässe der anderen spürt.
Ein Patient, der seine Diagnose kennt und nichts tut, ist nicht ahnungslos. Er hat sich entschieden. Die Gründe sind bekannt und in „Wer gibt ab“ beschrieben: Gemeinschaftsvorhaben, an denen alle beteiligt sind und zu denen niemand etwas beiträgt, weil jede Stunde ins Gemeinsame im Eigenen fehlt.
Wohin das führt, lässt sich im Kleinen schon besichtigen. 2012 eröffnete der chinesische Staatskonzern China Minmetals in der Provinz Guangdong eine Kopie des österreichischen Dorfes Hallstatt, mit Kirche, Marktplatz und Seeufer. Die Hallstätter hatten davon erst erfahren, als der Bau weit fortgeschritten war. Der Bürgermeister fuhr zur Eröffnung, sah eine Chance für den Tourismus und unterschrieb ein Abkommen über kulturellen Austausch.
Huawei ist einen Schritt weiter gegangen. In Songshan Lake bei Dongguan hat der Konzern einen Forschungscampus für mehr als 25.000 Beschäftigte gebaut, gegliedert in zwölf Quartiere, jedes einer europäischen Stadt nachempfunden: Paris, Verona, Brügge, Oxford, Bologna, Freiburg, Krumau, Heidelberg. Eine Bahn nach Schweizer Vorbild verbindet sie. Das Heidelberger Schloss steht dort nicht als Ruine, sondern vollständig. Der chinesische Sozialanthropologe Biao Xiang sagt dazu, es gehe nicht um ein tiefes Interesse an der Geschichte, sondern um den Wunsch, ein Bild der Welt vor der eigenen Haustür zu haben. Hinter diesen Fassaden entwickeln Tausende Ingenieure die Produkte der Zukunft.
Das ist die Rolle des Appendix in zwei Bildern: Vorlage für die Kopie, Kulisse für die Arbeit anderer, Ziel für Besuchergruppen — und dankbar für alles. Die Kulisse ist dabei besser erhalten als das Original.
VIII. Was bleibt
Eine Fernsehdokumentation über die neue Globalisierung endet mit dem Satz: „Die Globalisierung ging historisch von Europa aus und veränderte die Welt. Jetzt verändert die Welt Europa.“ Das ist die freundliche Fassung von Valérys Frage. Die unfreundliche lautet, dass die Welt Europa gar nicht verändern muss. Es genügt, dass sie sich ohne Europa verändert.
Wird Europa der Appendix von Asien? Nicht zwangsläufig, und nicht durch Asien. Kein Land in Asien plant Europas Bedeutungslosigkeit. Es genügt, dass dort gebaut wird, während hier verwaltet wird.
Die Entscheidung fällt an drei Stellen. Ob Europa die Engpässe pflegt, die es noch hat, statt sie zu verkaufen oder auszulagern. Ob es neue besetzt, an denen es tatsächlich ankommen kann, statt überall ein wenig mitzumachen. Und ob es bei Gemeinschaftsvorhaben endlich die Frage stellt, wer etwas abgibt, bevor es fragt, wer etwas bezahlt.
Gelingt das nicht, ist das Harmlose noch die bessere Aussicht: Europa wird mitversorgt und nicht mehr gebraucht. Gefährlich ist das andere. Ein Organ ohne Funktion entzündet sich leichter, und Europa hat das schon getan. Viermal ist aus einer europäischen Entzündung ein Weltbrand geworden: im Siebenjährigen Krieg, der zugleich in Nordamerika, in der Karibik und in Indien ausgefochten wurde; in den Napoleonischen Kriegen, die von Ägypten bis Moskau reichten und Lateinamerika in die Unabhängigkeit stießen; und in den beiden Weltkriegen des zwanzigsten Jahrhunderts. Davor und dazwischen liegt eine kaum zählbare Folge von Kriegen, die Europa über andere Erdteile gebracht hat, von den Kreuzzügen über die Conquista bis zu den Kolonialkriegen des neunzehnten Jahrhunderts. Und die Entzündung hat gestreut. Die Vereinigten Staaten führen ihre Kriege als außereuropäische Macht, aber im europäischen Geist — oder Ungeist. Ihr Selbstverständnis ist römisch bis in die Architektur: ein Senat, ein Kapitol, der Adler, eine Pax Americana. Dass sie aus einem Aufstand gegen eine europäische Kolonialmacht hervorgegangen sind, ändert daran wenig. Auch Rom begann als Republik, die ihre Könige vertrieben hatte. Die Europäische Union war nach 1945 die Behandlung dieser Entzündung, und sie hat gewirkt. Aber sie wirkt nur, solange sie behandelt und nicht bloß verwaltet. Seit 2022 wird auf dem Kontinent wieder Krieg geführt.
Ein Kontinent, der seine Bedeutung verliert, aber Ressentiment, Waffen und die Erinnerung an seine Größe behält, ist kein ruhendes Organ. Er ist ein Entzündungsherd. Ob die Welt noch einmal hinnimmt, dass sich eine europäische Entzündung über sie ausbreitet, ist zu bezweifeln. Ein Körper, dessen Blinddarm immer wieder brennt, entscheidet sich irgendwann für den Schnitt.