Gut, dass wir darüber geredet haben
Am Anfang war das Wort. Gott sprach — und es ward. Licht. Himmel. Erde. Wasser. So beginnt die abendländische Überlieferung: mit der Schöpfungsmacht der Sprache. Für Gott hat das funktioniert. Für Koalitionsverhandlungen weniger.
I. Das göttliche Privileg
Das Johannes-Evangelium setzt noch früher an als die Genesis: nicht beim Chaos, sondern beim Logos. Beim Wort, das vor aller Schöpfung war. Das Wort ist nicht Beschreibung der Wirklichkeit — es ist die Wirklichkeit, bevor sie entsteht. Sprechen und Erschaffen fallen in eins.
Diese Vorstellung ist nicht nur Theologie. Sie ist ein tief verwurzeltes Muster des menschlichen Denkens. Der Beschwörungsspruch. Das Gebet. Der Fluch. Das Mantra. Überall dieselbe Grundannahme: Wenn man die richtigen Worte findet und ausspricht, verändert sich die Welt. Der Gesundbeter braucht keine Medizin. Er braucht die Formel. Der Voodoo-Priester braucht keine Armee. Er braucht das Ritual.
In vormodernen Gesellschaften war das magische Denken eine ernstgenommene Technologie der Weltbeeinflussung. Es hatte seine eigenen Experten, seine eigene Praxis, seine eigene innere Logik. Was in der Moderne verschwunden schien, ist in neuem Gewand zurückgekehrt — diesmal nicht in Schamanen-Kostümen, sondern in Anzügen. Nicht am Lagerfeuer, sondern in Parlamenten und auf Podien.
II. "Gefahr erkannt — Gefahr gebannt"
Es gibt einen alten deutschen Spruch, der heute fast vergessen ist: Gefahr erkannt — Gefahr gebannt. In seiner ursprünglichen Bedeutung beschreibt er einen Kausalzusammenhang: Wer eine Gefahr erkennt, kann handeln. Das Erkennen ist die Voraussetzung des Handelns — nicht sein Ersatz.
In der modernen politischen Kultur hat dieser Spruch eine stille Umdeutung erfahren. Das Erkennen selbst gilt als das Bannen. Man hat die Gefahr benannt — also ist sie bearbeitet. Man hat das Problem artikuliert — also ist es adressiert. Man hat eine Kommission eingesetzt, einen Bericht verabschiedet, eine Erklärung unterzeichnet. Die Wirklichkeit, so die implizite Annahme, muss davon Kenntnis nehmen.
Sie nimmt keine Kenntnis davon.
III. "Gut, dass wir darüber geredet haben"
Die Grünen hatten in ihren frühen Jahren einen Spruch, der sich selbst entlarvte, ohne es zu wissen: Gut, dass wir darüber geredet haben. Er wurde mit Befriedigung gesagt. Mit dem Gefühl, etwas geleistet zu haben. Das Reden war nicht Vorbereitung auf Handlung — es war die Handlung selbst. Der Abschluss. Die Leistung.
Was in diesem Satz steckt, ist mehr als Selbstzufriedenheit. Es ist eine vollständige Weltanschauung: dass das Sprechen über ein Problem bereits seine Bearbeitung darstellt. Dass der Diskurs die Wirklichkeit formt. Dass das Bewusstsein, sobald es geschärft ist, die Verhältnisse von selbst verändert.
Diese Haltung ist nicht auf die Grünen beschränkt. Sie hat sich als Grundton durch die gesamte politische Kultur der Bundesrepublik gezogen — und weit darüber hinaus. Der Hauptgeschäftsführer eines Arbeitgeberverbandes erklärt die Sozialpolitik seiner Koalitionsregierung zur Katastrophe — und ist sichtlich erleichtert, es gesagt zu haben. Der Journalist enthüllt, dass der NATO-Vertrag nicht hält, was er verspricht — und schließt mit einem Zitat von Helmut Schmidt. Beide haben gesprochen. Beide sind fertig.
IV. Die Verwechslung
Die entscheidende Verwechslung ist nicht die zwischen Gut und Böse, nicht zwischen Klug und Dumm. Es ist die Verwechslung von Sprache und Wirklichkeit — die Annahme, dass das Benennen eines Zustandes bereits seine Veränderung einleitet.
In der Wissenschaft heißt diese Verwechslung kategorialer Fehler. In der Magie heißt sie Beschwörung. In der modernen Politik heißt sie Kommunikation.
Was einmal als Mittel galt — das Sprechen als Vorbereitung des Handelns — ist zum Zweck geworden. Konferenzen werden nicht mehr einberufen, um Entscheidungen vorzubereiten. Sie werden einberufen, um das Signal zu senden, dass man das Problem ernst nimmt. Berichte werden nicht geschrieben, um gelesen und umgesetzt zu werden. Sie werden geschrieben, um zu existieren — als Beweis der Aufmerksamkeit, als Talisman gegen den Vorwurf der Untätigkeit.
Der Talisman schützt nicht vor der Gefahr. Er schützt vor dem schlechten Gewissen angesichts der Gefahr. Das ist ein anderer Dienst — und ein schwächerer.
V. Warum es funktioniert
Magisches Denken setzt sich nicht durch Überzeugung durch. Es setzt sich durch, weil es kurzfristig funktioniert. Es produziert das Gefühl von Handlung ohne deren Kosten. Es erzeugt Konsens ohne Konflikt. Es gibt allen Beteiligten das, was sie im Moment brauchen: den Eindruck, dass etwas geschieht.
Für die Wähler: Das Problem ist gesehen. Für die Politiker: Die Verantwortung ist verteilt. Für die Kommentatoren: Die Analyse ist geliefert. Für die Verbände: Die Position ist bezogen. Niemand muss etwas riskieren. Niemand muss etwas verändern. Das System reproduziert sich durch Sprache — und hält dabei die Wirklichkeit in einem Zustand, der weiteres Sprechen erfordert.
Das ist kein Versagen. Das ist ein Gleichgewicht. Ein stabiles, selbstverstärkendes Gleichgewicht zwischen Reden und Nichtstun — gehalten durch die kollektive Übereinkunft, das Sprechen über eine Sache für die Sache selbst zu halten.
VI. Was bleibt
Der alte Spruch hatte recht — in seiner ursprünglichen Bedeutung. Gefahr erkannt ist die Voraussetzung. Aber nur die Voraussetzung. Das Erkennen bannt die Gefahr nicht. Es verpflichtet zum Handeln. Und diese Verpflichtung ist unbequem, riskant, konfliktreich. Sie kann nicht durch weiteres Reden abgelöst werden.
Am Anfang war das Wort. Aber danach kam die Schöpfung. Die Theologie hat das nie vergessen. Die Politik hat es verlernt.