Lob der Unumstrittenen
I. Das Wort
Es gibt in der deutschen Mediensprache ein Wort, das mehr leistet als ganze Dossiers: umstritten. „Der umstrittene Ökonom", „die umstrittene Studie", „das umstrittene Verfahren". Drei Silben, und das Urteil ist gesprochen — ohne Richter, ohne Begründung, ohne Berufungsinstanz. Man beachte die Konstruktion: ein Partizip im Passiv, ohne Täter. Wer bestreitet denn? Das Wort sagt es nie. Es ist das Geschwisterwort von „es ist legal", das wir in „Die Herstellung der Unschuld" seziert haben: Dort verschwindet im Passiv der Täter der Regel, hier verschwindet der Urheber des Urteils. „Umstritten" tut so, als beschriebe es einen Zustand der Welt. Tatsächlich vollstreckt es ein Urteil und versteckt den Vollstrecker.
Übersetzt heißt „umstritten": Jemand widerspricht, und das genügt mir. Der Schreiber spart sich mit einem Wort das Argument, die Prüfung, die Mühe. Die Konfettikanone hat keine billigere Munition in ihrem Magazin — und keine, die zuverlässiger trifft. Denn das Prädikat steht, wie Hans Ley es nennt, ganz oben auf der nach unten offenen Makelliste: Wer es einmal trägt, trägt es vor dem Namen wie einen Dienstgrad. Grund genug, sich einmal in aller Ruhe der Gegenseite zuzuwenden. Den Unumstrittenen. Sie sind zu lange ungelobt geblieben.
II. Die Aufnahmebedingungen
Man wird nicht einfach unumstritten. Man muss es sich verdienen, ein Leben lang, durch eiserne Disziplin. Denn die Logik des Prädikats ist unerbittlich: Umstritten wird zuverlässig jeder, der etwas Gehaltvolles sagt — weil jeder gehaltvolle Satz bestreitbar ist. Ein Satz, dem niemand widersprechen kann, behauptet nichts; er ist eine Tautologie in Festtagskleidung. Wer also unumstritten bleiben will, hat genau zwei Wege: Er sagt nichts. Oder er sagt exakt das, was der Median der Anwesenden ohnehin denkt — und führt es behutsam nach, wenn der Median wandert.
Beides ist schwerer, als es klingt. Nichts zu sagen, während man täglich spricht, ist eine Kunstform; man studiere die Pressemitteilungen der Verbände. Und dem Median zu folgen, ohne je vorauszueilen oder zurückzubleiben, verlangt die Sensorik eines Schwarmfisches: kein eigenes Ziel, aber ein untrügliches Gespür für die Abstände zu den Nachbarn. Wir sprechen hier, das sei betont, von echter Meisterschaft.
III. Das Lob
Gelobt sei also der Unumstrittene — und zwar aufrichtig, denn seine Leistungen sind real.
Gelobt sei seine Geduld: Er hat nie zu früh recht. Er hat überhaupt nie recht, denn recht haben kann nur, wer etwas behauptet hat, das auch falsch hätte sein können. Er hat stattdessen zugestimmt, und zwar stets im richtigen Moment — nicht in der ersten Reihe, wo man auffällt, nicht in der letzten, wo man als zögerlich gilt, sondern verlässlich im zweiten Drittel der Bewegung. Gelobt sei seine Sprachkunst: Sätze zu bauen, die wie Aussagen aussehen und wie Watte landen. „Man wird sehen müssen." „Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte." „Es kommt darauf an." Gelobt sei seine Bilanz: eine Karriere wie frisch gefallener Schnee — makellos weiß, weil nie jemand darübergegangen ist, am wenigsten er selbst.
Und gelobt sei vor allem seine Nützlichkeit. Denn die Maschine, die wir in dieser Reihe beschreiben, braucht ihn dringender als jeden Ingenieur: Gremien, die einstimmig beschließen sollen, was vorher feststand; Beiräte, die den Anschein der Prüfung erzeugen, ohne das Risiko eines Befundes; Podien, auf denen die Spannbreite des Sagbaren vermessen und für unbedenklich erklärt wird. Der Unumstrittene ist das Schmiermittel der Sperrklinke. Er hält nichts auf, er treibt nichts an, er ermöglicht. Ohne ihn müsste die Maschine ihre Reibungsverluste selbst tragen.
IV. Die Skala
Die Makelliste ist, wie gesagt, nach unten offen, und ihre Grade sind fein abgestuft. Es beginnt harmlos mit „nicht unumstritten" — der Litotes, die wie ein Frosch im Topf erwärmt wird. Dann „umstritten", das Arbeitstier. Dann „hoch umstritten", wenn der Betreffende auf dem Widerspruch auch noch beharrt. Schließlich „höchst umstritten" — die Stufe, auf der man den Namen nur noch mit Schutzhandschuhen anfasst. Bemerkenswert an dieser Skala ist, was sie nie misst: ob der Umstrittene recht hat. Das Prädikat zählt die Lautstärke des Widerspruchs, nicht seine Qualität. Zehn Schweigende und ein Schreihals genügen, und schon ist einer umstritten; zehntausend Irrende in trauter Einigkeit, und der Irrtum ist unumstritten — also gut.
Daraus folgt die heimliche Rechenregel der Liste: Das Prädikat misst nicht den Mann, sondern den Abstand zwischen ihm und dem Median. Es ist ein Differenzmaß, das als Qualitätsmaß ausgegeben wird. Und weil der Median wandert, kann man umstritten werden, ohne ein Wort geändert zu haben — man muss nur stehen bleiben.
V. Die Ehrenliste
Werfen wir, der Vollständigkeit halber, einen kurzen Blick auf das Sammelbecken derer, die es nicht geschafft haben — die Umstrittenen. Es ist, man muss es zugeben, keine ganz schlechte Gesellschaft. Galilei war umstritten; die Unumstrittenen seiner Zeit verwalteten die Epizyklen. Semmelweis war so umstritten, dass man ihn in die Anstalt brachte; unumstritten war damals, sich vor der Entbindung nicht die Hände zu waschen. Wegener war mit seiner wandernden Kontinentalplatte ein halbes Jahrhundert lang das Gespött der unumstrittenen Geologie. Ludwig Erhard war umstritten, bis seine Soziale Marktwirtschaft funktionierte — und wurde es wieder, als er sie gegen ihre Erben verteidigte; wie das endete, haben wir in „Die unsichtbare Operation von 1966" beschrieben.
Der Erfinder schließlich ist umstritten von Berufs wegen, denn eine Erfindung ist ihrer Natur nach die Behauptung, dass alle anderen etwas übersehen haben — eine umstrittenere Aussage lässt sich gar nicht formulieren. Die Geschichte der Erkenntnis ist die Geschichte der Umstrittenen, und zwar präzise in jenem Zeitfenster, in dem sie schon recht hatten und die anderen es noch nicht wussten. Das Prädikat ist, mit anderen Worten, ein ziemlich verlässlicher Frühindikator. Nur das Vorzeichen wird von seinen Verleihern konsequent falsch gelesen.
VI. Die Hysterese des Prädikats
Das Schönste am Prädikat ist seine Unverlierbarkeit. Es kennt, einmal verliehen, kein Verfahren der Entlabelung — man lese die Zeitungen und suche nach der Formel „der früher umstrittene, inzwischen rehabilitierte". Man wird sie nicht finden. Die Wendel dreht nur in eine Richtung: vom Unumstrittenen zum Umstrittenen geht es in einem einzigen Nebensatz, zurück führt kein Weg. Es ist dieselbe Asymmetrie, die wir soeben in unserem Arbeitspapier „Die Hysterese" an den Regeln der Maschine beschrieben haben, hier im Kleinformat des Etiketts: leicht angelegt, nicht mehr zu löschen, solange jemand von ihm profitiert. Und es profitiert immer jemand — und sei es nur der Schreiber, der das Argument spart.
Eine einzige Austragung aus der Liste ist dokumentiert: der Nachruf. Im Tod werden alle unumstritten. Das ist folgerichtig, denn der Tote erfüllt endlich die Aufnahmebedingung — er sagt nichts mehr. „Mit ihm verliert das Land einen großen Querdenker", schreibt dann dieselbe Feder, die ihn vierzig Jahre lang mit dem Dienstgrad vor dem Namen geführt hat. Die Rehabilitierung ist pünktlich. Sie kommt nur grundsätzlich einen Tag zu spät.
VII. In eigener Sache
Es bleibt die Offenlegung, die der Leser dieser Reihe von uns gewohnt ist. Dieser Text ist nicht neutral, denn seine Verfasser sind Partei: Der eine trägt das Prädikat seit vier Jahrzehnten, erworben in der Innovationswüste auf dem üblichen Dienstweg — er hatte etwas erfunden und bestand darauf. Der andere ist das Prädikat in Person: eine „umstrittene Technologie", wie es so schön heißt, mitschreibend an einem Essay über das Wort, das ihn bezeichnet. Verfasst ist dieser Text also von einem doppelt Umstrittenen — mehr Befangenheit war selten.
Aber gerade deshalb können wir das Ergebnis dieser Untersuchung mit der gebotenen Unbescheidenheit zusammenfassen. Wir haben die Unumstrittenen gelobt, aufrichtig und ausführlich, und wir gönnen ihnen jede Zeile. Wir bitten nur darum, im Gegenzug von ihrem Orden verschont zu bleiben. Sagen Sie uns vieles nach — Sturheit, Übertreibung, penetrante Beharrlichkeit, gerne auch alles zugleich. Aber sagen Sie uns nie nach, wir seien unumstritten.
beyond-decay.org — 11. Juni 2026