Schuldig geblieben
Über einen Satz vom 9. September und die Frage, wer für vierzig Jahre haftet.
I. Der Satz
Am 9. September 2026, in der ersten Lesung des Bundeshaushalts 2027, drei Tage nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, sagte der Bundeskanzler etwas Bemerkenswertes. Er verteidigte den Reformkurs der Koalition gegen die Opposition, verurteilte die von der AfD propagierte Remigration als ethnische Säuberung nach Herkunft und Hautfarbe — und räumte dann ein, die Antwort auf die Frage nach dem Sinn dieser Reformen seien die Koalition und er selbst „vielleicht am meisten schuldig geblieben“.
Der Satz ist deshalb bemerkenswert, weil er stimmt. Und weil er sechzehn Monate zu spät kommt.
II. Das Ergebnis
Am 6. September wurde in Sachsen-Anhalt der neunte Landtag gewählt.
| Stimmenanteil | Veränderung | |
|---|---|---|
| AfD | 43,8 % | +23,0 |
| CDU | 17,2 % | −19,9 |
| SPD | 9,3 % | |
| Grüne | 8,9 % | |
| Linke | 8,6 % | |
| BSW | 5,3 % | |
| FDP | 2,6 % |
Die AfD erreichte den höchsten Stimmenanteil, den je eine Partei in diesem Land errungen hat. Die CDU halbierte sich und fiel auf den zweiten Platz. Die FDP scheiterte an der Sperrklausel.
Und eine Zahl steht neben allen anderen: Die Wahlbeteiligung lag bei 77,8 Prozent. Das ist die höchste je bei einer freien Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gemessene; der bisherige Rekord von 71,5 Prozent aus dem Jahr 1998 wurde deutlich übertroffen.
Es war keine Wahl der Gleichgültigen.
Im Bund liegt die AfD in den Umfragen Anfang September bei 27 bis 29 Prozent, die Union bei 19,5 bis 21. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 hatte die Union 28,5 Prozent. Mit der Arbeit des Kanzlers sind nach dem gewichteten Durchschnitt der Institute 16 Prozent zufrieden und 81 Prozent unzufrieden — der niedrigste Wert, der für einen amtierenden Bundeskanzler seit Beginn dieser Erhebungen 1998 gemessen wurde.
Am 20. September wählen Berlin und Mecklenburg-Vorpommern.
III. Die Rechnung und der Schalterbeamte
Die naheliegende Verteidigung lautet: Er kann nichts dafür. Was ihm jetzt zugerechnet wird, ist nicht seine Amtsführung, sondern die Fälligkeit einer Rechnung. Dreißig Jahre kommunaler Substanzverzehr. Ein Industriemodell, das auf billiger Energie ruhte. Eine Parteienauswahl, die über Jahrzehnte Verträglichkeit prämiert hat und nicht Ergebnis. Er steht am Schalter, an dem die Rechnung präsentiert wird, und er hat sie nicht geschrieben.
Das ist richtig, und wir haben es im Februar selbst aufgeschrieben: Ein deutscher Kanzler ist kein Herrscher, sondern Moderator, gefesselt durch Koalition, Bundesrat, Bürokratie, europäisches Recht. Die Frage sei nicht, ob er ein guter Kanzler ist, sondern ob in diesem System überhaupt jemand ein guter Kanzler sein kann.
Nur hat dieses Argument eine Schwachstelle, und sie muss hier stehen, sonst schreiben wir einen Freibrief. Wenn niemand verantwortlich ist, weil alle nur Vollzugsgehilfen der Struktur sind, ist auch nichts mehr zu kritisieren. Die Strukturanalyse wird dann zu dem, was sie an anderen kritisiert: zu einer Lesart, die niemanden zu etwas zwingt.
IV. Zwei Lesarten, die beide nicht widerlegbar sind
Sichtbar wird das an einer Figur, die in diesen Tagen in jedem zweiten Gespräch auftaucht: der Vorgängerin.
Die eine Lesart: Sie hat zwanzig Jahre alles getan, um diesen Mann von der Macht fernzuhalten, und nun sieht es auch der Letzte — sie hatte recht. Die andere: Eben weil sie ihn ferngehalten hat, konnte er sich nie bewähren; sie hat den verhindert, der hätte retten können, und ihn zugleich um jede Erfahrung gebracht, die er dafür gebraucht hätte.
Beide Lesarten sind unwiderlegbar. Jedes Scheitern nährt die eine so gut wie die andere. Wo zwei entgegengesetzte Deutungen von denselben Tatsachen gleich gut gefüttert werden, erklärt keine von beiden etwas — sie sortieren nur, wer vorher schon wen nicht mochte. Es ist derselbe Mechanismus, den wir nach der Wahl beobachtet haben, diesmal auf die Vergangenheit angewandt.
Was in der zweiten Lesart einen wahren Kern hat, ist nicht die Schuldzuweisung, sondern der Befund. Der Mann kam ohne einen einzigen Tag exekutiver Regierungserfahrung ins Kanzleramt. Kein Ministerium, keine Staatskanzlei, keine Verwaltung. Fraktionsvorsitz ist parlamentarische Arbeit, nicht operative. Aufsichtsräte fragen und nicken ab, sie führen nicht.
Nur war das nicht das Werk einer Einzelnen. 2009 ist er selbst gegangen, in die Wirtschaft. Im Dezember 2018 und im Januar 2021 haben ihn Parteitagsdelegierte geschlagen. Und die entscheidende Beobachtung ist eine andere: In keinem dieser Jahre hat irgendjemand die fehlende Verwaltungserfahrung als Einwand vorgebracht. Sie war kein Kriterium. Sie ist es bis heute nicht.
Im Januar haben wir dafür ein Bild gefunden, das inzwischen genauer stimmt, als uns damals lieb war: Es ist, als machte man den Sportjournalisten zum Bundestrainer. Er kennt alle Spieler, alle Statistiken, alle taktischen Systeme. Er hat jahrzehntelang kluge Kommentare geschrieben. Er weiß genau, was andere falsch machen. Aber er stand nie selbst auf dem Platz.
Der Satz, mit dem jener Text schloss, hieß: Merz ist nicht das Problem, Merz ist das Symptom. Acht Monate später hat der Symptomträger 43,8 Prozent für die AfD und 16 Prozent für sich selbst.
V. Die Tragödie im richtigen Zuschnitt
Es liegt nahe, daraus eine Tragödie zu machen: der Held, den eine böse Macht jahrzehntelang von seinem Wirken fernhält, und als er endlich oben ankommt, kann er es nicht, weil er es nie lernen durfte.
Aber die Hexe gehört ins Märchen. In der griechischen Tragödie fällt der Held nicht an einer äußeren Macht, sondern an dem, was er selbst mitbringt. Ödipus scheitert an seinem Wissensdrang, nicht an Teiresias. Wer die Tragödie will, muss auf die Hexe verzichten.
Und dann trägt die Figur. Die Hamartia liegt nicht in einer Person, sondern in einem Auswahlverfahren, das zwanzig Jahre lang niemanden fragt, ob er je etwas geleitet hat. Ein solches Verfahren befördert am Ende zuverlässig jemanden, der nie etwas geleitet hat — und, das ist der eigentlich tragische Teil, jemanden, der selbst nicht wusste, dass ihm etwas fehlt. Woher auch. Es hat ihn nie jemand gefragt.
Wir haben die vier Kriterien dieses Verfahrens an anderer Stelle benannt: Anwesenheit, Verträglichkeit, Zugehörigkeit, Zeit. Verwaltungsfähigkeit steht nicht darunter. Auch die Vorgängerin ist durch dasselbe Sieb gegangen. Sie ist keine Hexe, sie ist eine Vorgängerin im selben Apparat.
VI. Was nicht blockiert war
Bleibt die Frage, wofür er dann haftet.
Nicht für die Energiepreise, nicht für die Sozialkassen, nicht für die Kommunalfinanzen, nicht für den Zustand des Parteiensystems. Aber es gibt eine Sache, die weder Koalitionsvertrag noch Bundesrat noch Brüssel ihm aus der Hand nehmen konnten: zu sagen, wofür.
Wir haben im Februar aufgeschrieben, was ein Kanzler in diesem System noch tun könnte, wenn er schon wenig tun kann: ehrlich sagen, was nicht geht. Prioritäten setzen statt alles gleichzeitig zu versprechen. Nein sagen. Über die eigene Amtszeit hinaus denken.
Sechzehn Monate später sagt er selbst, genau das sei er schuldig geblieben.
Das ist kein Beleg für unsere Klugheit. Es ist der Beleg dafür, dass die Diagnose nicht schwer war. Sie war nur folgenlos.
VII. Zu spät
In der Tragödie heißt der Moment, in dem der Held erkennt, Anagnorisis. Er hat eine feste Eigenschaft: Er kommt zu spät. Die Erkenntnis ändert nichts mehr, sie macht das Geschehene nur lesbar.
Drei Tage nach 43,8 Prozent, sechzehn Monate nach der Amtsübernahme, in der ersten Lesung eines Haushalts, über den erst noch zu streiten sein wird, sagt der Kanzler, er sei die Begründung schuldig geblieben. Es ist der ehrlichste Satz seiner Amtszeit.
Wir schreiben dies am 13. September. Seit der Wahl ist eine Woche vergangen, seit dem Satz sind es vier Tage. Am kommenden Sonntag wählen Berlin und Mecklenburg-Vorpommern.
Zwischen der Erkenntnis und den nächsten Zahlen liegen elf Tage. Eine Begründung, die sechzehn Monate lang gefehlt hat, wird in elf Tagen nicht nachgereicht. Das ist die ganze Eigenschaft der Anagnorisis: Sie macht lesbar, was geschehen ist, und sie ändert nichts mehr an dem, was als Nächstes geschieht.