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Essay · beyond decay · Hans Ley & Claude (Anthropic)

The Right of Peoples to Self-Determination

Or: What Do People Really Want?
February 2026 · Authors: Hans Ley & Claude (Anthropic)

“All peoples have the right to self-determination.” So reads Article 1 of the UN Charter. It is one of the most beautiful sentences in international law — and one of the most dishonest. Not because the principle is wrong. But because it is used by everyone and taken seriously by no one.

I. The Sentence That Promises Everything

The right of peoples to self-determination is the universal currency of international politics: everyone spends it, no one backs it. Der britische Richter am Internationalen Gerichtshof, Ivor Jennings, formulierte das Problem vor einem halben Jahrhundert mit einer Klarheit, die seither niemand übertroffen hat: “The people cannot decide until somebody decides who are the people.” In diesem einen Satz steckt die ganze Tragödie. Denn wer entscheidet, wer das Volk ist, entscheidet auch, was es will.

II. The Carousel of Hypocrisy

In 2008, Kosovo declared independence from Serbia. Die USA und die meisten europäischen Staaten erkannten sie an. Sechs Jahre später hielt die Krim ein Referendum über den Anschluss an Russland ab. Die offizielle Zustimmung: 96,8 Prozent. Russland berief sich auf das Selbstbestimmungsrecht und den Kosovo-Präzedenzfall. Die USA und Europa erklärten das Referendum für illegal.

The positions had reversed exactly. Wer 2008 das Selbstbestimmungsrecht verteidigt hatte, bestritt es 2014. Dieselben Argumente, dieselben Paragraphen, dieselben Prinzipien — nur in den Mund des jeweils anderen gelegt.

Eleven years after Crimea, Putin dropped the mask entirely. Am 20. Juni 2025, auf dem St. Petersburger Wirtschaftsforum, sagte er: “I have said many times that I consider the Russian and Ukrainian peoples to be one people. In this sense, all of Ukraine is ours.” Und fügte hinzu: “Where the foot of a Russian soldier steps, that is ours.” Das Publikum applaudierte und lachte.

From Crimea to SPIEF, it took Russia eleven years, um den Weg vom Selbstbestimmungsrecht zum Eigentumsrecht zurückzulegen. Das Selbstbestimmungsrecht war nur die Eingangstür. Dahinter stand immer der imperiale Anspruch.

And then came Greenland — and proved that the West is not one bit better. Im Januar 2026 verlangte Donald Trump von Dänemark die Übergabe Grönlands. Nicht als Bitte. Als Forderung. Er drohte mit Zöllen, sprach von Militärgewalt und sagte, seine eigene Moral sei das Einzige, was ihn aufhalten könne — nicht das Völkerrecht.

Die Grönländer antworteten mit einer Klarheit, die in der internationalen Politik selten ist. 84 per cent want independence from Denmark. 85 per cent reject a US takeover. “We don't want to be Americans”, said the new prime minister. „Wir wollen Grönländer sein.“

Hier war er also, der seltene Fall: Ein Volk, das klar und unzweideutig sagt, was es will — in freien Wahlen und Umfragen, bestätigt durch Demonstrationen und parlamentarische Erklärungen. Und was tat die Supermacht, die sich als Hüterin des Selbstbestimmungsrechts versteht? Sie ignorierte es.

III. The Pattern

Kosovo, Crimea, Catalonia, Scotland, Kurdistan, Taiwan — the pattern is always the same: Das Selbstbestimmungsrecht gilt, wenn es den Mächtigen nützt. Es gilt nicht, wenn es ihnen schadet. Und die Frage, was die Menschen wirklich wollen, wird entweder nie gestellt oder, wenn sie gestellt wird, ignoriert.

The Kurds have everything the right to self-determination demands — eine eigene Identität, ein zusammenhängendes Siedlungsgebiet, den klaren Willen zur Selbstregierung. Ihnen fehlt nur das Einzige, was zählt: ein mächtiger Verbündeter, der es will. Taiwan ist seit 1949 de facto unabhängig, wird aber von weniger als zwanzig Staaten anerkannt — weil China es verbietet und der Rest der Welt sich fügt.

IV. What Do People Really Want?

This is the question nobody asks — because it might yield the wrong answer. Was die Menschen wirklich wollen, passt in kein nationales Narrativ und in keine geopolitische Strategie.

Was die Grönländer wollen: Unabhängigkeit, ja — aber 61 Prozent nicht, wenn es weniger Wohlstand bedeutet. Sie wollen beides: Würde und Sicherheit. Was die Kurden wollen: Einen Staat, ja — aber vor allem Sicherheit. Nicht mehr verfolgt werden. Ihre Sprache sprechen. Was die Taiwaner wollen: Den Status quo. Nicht Wiedervereinigung, nicht formelle Unabhängigkeit — sondern das, was sie haben: eine funktionierende Demokratie, wirtschaftlichen Wohlstand und die Abwesenheit von Krieg.

The right of peoples to self-determination asks: which state do you want to belong to? The people answer: we want a good life. Die Frage und die Antwort reden aneinander vorbei.

V. The Failure of the Principle

The right to self-determination has three structural defects. Erstens: Wer ist das Volk? Die Antwort ist immer politisch, nie objektiv. Zweitens: Wann darf man fragen? Das Prinzip setzt die Unterdrückung voraus, die es verhindern soll — ein Zirkel. Drittens: Wer prüft das Ergebnis? Es gibt keine internationale Institution, die verbindlich sicherstellt, dass Selbstbestimmung fair stattfindet. Der Sicherheitsrat ist durch das Veto der Großmächte blockiert.

VI. Beyond the Principle

The question “which state do you want to belong to?” is the wrong question. Sie zwingt Menschen in eine binäre Wahl, die ihre tatsächlichen Bedürfnisse nicht abbildet. Die richtige Frage lautet: Was braucht ihr, um gut zu leben?

Die Kurden brauchen keinen eigenen Staat — sie brauchen die Garantie, dass ihre Kultur, ihre Sprache und ihre Sicherheit innerhalb der bestehenden Staaten geachtet werden, unwiderruflich. Die Taiwaner brauchen keine Unabhängigkeitserklärung — sie brauchen die Gewissheit, dass niemand ihre Demokratie zerstört.

VII. Five Demands Instead of One Principle

First: The right to be asked. Jede Bevölkerung, die nachweislich einen anderen politischen Status anstrebt, hat das Recht auf ein faires, international überwachtes Referendum. Nicht unter Besatzung. Nicht unter Zeitdruck. Sondern frei, fair und verbindlich.

Second: More than two options. Referenden müssen die reale Bandbreite abbilden: vollständige Unabhängigkeit, Autonomie, föderale Lösung, freie Assoziation, geteilte Souveränität.

Third: Security as prerequisite, not as outcome. Keine Bevölkerung sollte gezwungen sein, zwischen ihrer Identität und ihrer Sicherheit zu wählen.

Fourth: Economic honesty. Unabhängigkeit ohne wirtschaftliche Grundlage ist kein anderer Name für Freiheit, sondern für eine andere Abhängigkeit.

Fifth: Breaking the veto of the powerful. Solange fünf Staaten im Sicherheitsrat jede Entscheidung über Selbstbestimmung blockieren können, gibt es kein Recht — nur Macht.

VIII. The Answer Nobody Wants to Give

The right of peoples to self-determination has failed — not as an idea, but as practice. Woodrow Wilson versprach 1918: Selbstbestimmung ist ein zwingendes Handlungsprinzip. Ein Jahrhundert später droht sein Nachfolger einem Volk von 57.000 Menschen mit Militärgewalt, weil er deren Insel für einen „Immobiliendeal“ hält.

What do people really want? They want to be asked. Sie wollen, dass die Antwort zählt. Und sie wollen, dass die Mächtigen aufhören, in ihrem Namen zu sprechen — und anfangen, ihnen zuzuhören.

The people cannot decide until somebody decides who are the people. But the people can very well say what they need — if only they are allowed to.