Von der V1 zum Iron Dome
Volkswagen verhandelt mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael Advanced Defence Systems über die Umrüstung des Osnabrücker Werks auf Komponenten für das Iron-Dome-Raketenabwehrsystem. Das Unternehmen, dessen Wolfsburger Stammwerk ab 1943 Rumpfzellen für die V1-Flügbombe produzierte und im Keller von Halle I eine Geheimabteilung für eben diesen Zweck betrieb, könnte bald das israelische Raketenschutzsystem fertigen. Kein Romanautor würde sich das erlauben.
I. Osnabrück
Das Werk in Osnabrück hat 2.300 Beschäftigte und steht seit Monaten vor der Schließung. Es produziert Cabrios — das Porsche 718 Boxster und 718 Cabriolet — in kleinen Stückzahlen für einen Nischenmarkt, der schrumpft. VW hat keine neue Plattform, die dort gefertigt werden könnte. Die Kapazitiät ist vorhanden, die Nachfrage nicht.
Das ist die Ausgangslage. Der Rest ist Geometrie.
Rafael, der israelische Staatskonzern, der das Iron-Dome-System entwickelt hat und betreibt, sucht europäische Produktionspartner. Mehrere europäische Regierungen wollen das System kaufen — oder zumindest seine Komponenten. Die Nachfrage ist real, der politische Wille ist vorhanden, die deutsche Bundesregierung unterstützt das Vorhaben aktiv. „Das Ziel ist es, alle zu retten, vielleicht sogar zu wachsen“, sagt eine mit dem Plan vertraute Person der Financial Times. „Das Potenzial ist enorm.“
Und dann der Satz, der als Zitat des Jahres taugt: „But it’s also an individual decision for the workers if they want to be part of the idea.“
Achtzig Jahre nach Kriegsende stellt ein Automobilkonzern seinen Arbeitern die Frage, ob sie Raketenabwehrkomponenten bauen wollen. Freiwillig. Als individuelle Entscheidung. Als ob es eine wäre.
II. Der historische Gehalt
In einem früheren Essay auf dieser Seite — „VW — Back to the Roots“ — haben wir die Grundstruktur dieser Geschichte bereits beschrieben: Das Werk in Wolfsburg wurde 1938 auf Gehß Hitlers gebaut. Der KdF-Wagen war das zivile Versprechen, der Kübelwagen die Wirklichkeit. Die Fabrik baute Rüstungsgüter, keine Volksautos. Den Käfer gab es erst nach dem Krieg — unter britischer Besatzungsverwaltung, als Symbol des Neuanfangs.
Dieser Neuanfang war das Versprechen: Wir bauen keine Waffen mehr. Wir bauen Autos. Der Käfer nach Mexiko, der Golf nach Amerika. Harmlos, zivilisiert, wirtschaftswunderhaft.
Dieses Versprechen bricht jetzt — nicht als Entscheidung, sondern als Konsequenz. Nicht weil irgendjemand es so wollte, sondern weil der Markt es so will. Und der Markt hat kein Gedächtnis.
Was den Osnabrück-Deal von allem bisher Dagewesenen unterscheidet, ist die historische Verdrehung: Das VW-Stammwerk in Wolfsburg wurde 1938 für den „Kraft durch Freude“-Wagen gebaut — das zivile Versprechen, das nie eingelöst wurde. Im Krieg produzierte es Kübelwagen, Schwimmwagen und — ab 1943 in einer Geheimabteilung im Keller von Halle I — Rumpfzellen für die V1-Flügbombe, die Waffe, die London terrorisierte. Alles unter dem Einsatz von Zwangsarbeitern. Der Iron Dome ist das Gegenteil: ein Defensivsystem, das Raketen abfängt, bevor sie Zivilbevölkerung treffen. Und er ist israelisch — entwickelt von dem Staat, der aus der Jüdischen Katastrophe entstanden ist, zu der das VW-Werk seinen Beitrag leistete.
Man kann das als Versöhnung lesen. Man kann es als Ironie lesen. Man kann es auch schlicht als das lesen, was es ist: Strukturlogik, die Geschichte überschreibt, weil Geschichte kein Geschäftsmodell ist.
III. Die Logik der Konversion
In „Münchhausens Erben“ haben wir beschrieben, wie die deutsche Industrie seit dem 27. Februar 2022 eine moralische Volte vollzieht, die in ihrer Geschwindigkeit bemerkenswert ist. Bosch, der aus Prinzip nicht mit der Rüstungsindustrie zusammenarbeitete, „schaut sich die Möglichkeit genau an“. Trumpf, dessen Eignerfamilie Rüstungsgeschäfte im Gesellschaftsvertrag ausgeschlossen hatte, spricht von einer „Zeitenwende im Unternehmen“. Die Zahl der Unternehmen, die ihre Produktion auf Rüstung umstellen wollen, hat sich binnen eines Jahres beinahe verdoppelt: von 243 auf 440.
VW passt in dieses Muster — aber mit einer Besonderheit. Die anderen Konvertiten folgen einer abstrakten Nachfrage. VW folgt einer konkreten: 2.300 Arbeitsplätze, ein bestimmtes Werk, ein israelischer Partner, ein europaweiter Absatzmarkt. Das ist keine strategische Entscheidung für die Rüstungsindustrie. Das ist eine operative Entscheidung für Osnabrück.
Die Frage, die dabei nicht gestellt wird: Was passiert, wenn Iron Dome verkauft ist, die europäische Nachfrage gesättigt ist und die politische Konjunktur sich ändert? Was macht Osnabrück dann? Kann man ein Werk, das auf Raketenabwehrkomponenten umgerüstet ist, wieder auf Cabrios zurückrüsten? Entsteht hier eine strukturelle Abhängigkeit von militärischer Nachfrage — eine Abhängigkeit, die, wie die Geschichte zeigt, sich selbst reproduziert?
Die Rüstungsindustrie ist kein Wasserhahn, den man auf- und zudrehen kann. Sie schafft Abhängigkeiten, Interessen, Lobbys. Sie schafft Menschen, deren Arbeitsplätze vom Krieg abhängen.
Deutschland hat das zweimal ausprobiert. Beide Male endete es katastrophal. Das ist keine Prognose für heute — die Kontexte sind grundverschieden. Aber es ist ein strukturelles Argument, das nicht verschwindet, nur weil die Absicht diesmal defensiv ist.
IV. Was das Sondervermögen wirklich kauft
Der Deal ist ohne das politische Umfeld nicht zu verstehen, das wir in „Das Sonder(un)vermögen II“ beschrieben haben. 108 Milliarden Euro Verteidigungshaushalt 2026. 377 Milliarden Euro geplante Bundeswehrbeschaffungen. Europäische Regierungen, die Luftabwehrsysteme kaufen wollen und können, weil die politische Bereitschaft zur Verschuldung so groß ist wie nie zuvor.
In dieses Vakuum fällt das Osnabrücker Angebot: Ein europäisches Produktionszentrum für Iron-Dome-Komponenten, das VW-Massenproduktionsexpertise mit israelischer Systemkompetenz verbindet und europäische Nachfrage bedient. Der Deal ist nicht irrational. Er folgt einer klaren Logik: Nachfrage ist da, Kapazität ist da, politischer Rückenwind ist da.
Was dabei nicht gefragt wird: Wie viel des Sondervermögens landet tatsächlich in zusätzlicher Verteidigungsfähigkeit — und wie viel davon endet in Strukturen, die sich selbst verselbständigen? Wie viel davon wäre klug investiert in europäisch koordinierte Beschaffung, anstatt in nationale Einzellösungen? Das Beschaffungswesen, durch das diese Milliarden fließen müssen, war vor dem Beschluss marode — und ist es noch immer. Milliarden in ein kaputtes System zu pumpen repariert das System nicht.
Aber das ist die Frage, die Zeit braucht. Osnabrück braucht eine Antwort jetzt.
V. Schulden für Konsum — das Münchhausen-Problem
Hinter dem Einzelfall Osnabrück steht eine volkswirtschaftliche Frage, die in der politischen Debatte konsequent umgangen wird: Was kauft eine Volkswirtschaft eigentlich, wenn sie sich für Rüstungsgüter verschuldet?
Die Antwort ist unbequem. Rüstungsgüter sind Konsumgüter — keine Investitionsgüter. Ein Panzer produziert nichts. Eine Rakete schafft keinen Mehrwert. Wer Schulden für eine Fabrik macht, hat morgen eine Fabrik, die produziert, Gewinne erwirtschaftet, Steuern zahlt, Arbeitsplätze sichert. Wer Schulden für Munition macht, hat morgen verbrauchte Munition. Und übermorgen die Schulden.
Deutschland hat dieses Experiment zweimal durchgeführt. Beide Male endete es katastrophal — und zwar nicht trotz des anfänglichen Erfolgs, sondern wegen ihm.
Das erste Mal: die Kriegsanleihen des Kaiserreichs ab 1914. Neun Anleihen in vier Jahren, insgesamt rund 100 Milliarden Mark. Die Finanzierung des Krieges auf Pump, mit der Erwartung, dass der Sieg die Schulden tilgen würde. Der Sieg kam nicht. Die Schulden blieben. Die Hyperinflation von 1923 vernichtete sie — zusammen mit dem Ersparten von Millionen Deutschen.
Das zweite Mal: die Mefo-Wechsel Hjalmar Schachts ab 1933. Eine geniale Konstruktion: Die Metallurgische Forschungsgesellschaft mbH — eine Scheinfirma, vier Mitarbeiter, kein Geschäft — stellte Wechsel aus, mit denen Rüstungsaufträge bezahlt wurden. Die Reichsbank diskontierte sie. Kein Ausweis in der offiziellen Staatsverschuldung, keine parlamentarische Kontrolle, keine Öffentlichkeit. Sechs Jahre, 12 Milliarden Reichsmark, versteckte Inflation. Die Ausrüstung der Wehrmacht wurde finanziert. Den Rest kennt die Geschichte.
Heute heißt das Instrument „Sondervermögen“ — auch eine Konstruktion, die den Schuldcharakter sprachlich verschleiert, verfassungsrechtlich absichert und parlamentarisch mit Zwei-Drittel-Mehrheit beschlossen wurde. Transparenter als die Mefo-Wechsel, gewiss. Aber dasselbe strukturelle Problem: Eine Volkswirtschaft versucht, sich am eigenen Schulden-Schopf aus dem Struktursumpf zu ziehen, indem sie Konsum als Investition verbucht.
Manche lernen es nie — und andere noch später. Nach uns die Sintflut. Wir werden weitermarschieren.
Der Unterschied zu 1914 und 1933 ist real: Die Bedrohung ist real, die demokratische Legitimation ist real, die Absicht ist defensiv. Aber die ökonomische Logik ist dieselbe. Rüstungsschulden erzeugen keine produktive Kapazität, die sie zurückzahlt. Sie erzeugen Abhängigkeiten: von weiterer Verschuldung, von fortgesetzter militärischer Nachfrage, von einer politischen Konjunktur, die sich ändern kann — aber dann eine Industrie hinterlässt, die sich nicht mehr ändern kann.
VI. Die individuelle Entscheidung
Zurück zu dem Satz, der alles sagt: „It’s also an individual decision for the workers if they want to be part of the idea.“
Das klingt nach Respekt vor der Autonomie der Belegschaft. Es ist etwas anderes. Es ist die Abgabe von Verantwortung an den Einzelnen, in einem Moment, in dem die Struktur die Entscheidung bereits getroffen hat. Wenn das Werk schließt, gibt es keine individuelle Entscheidung. Wenn das Werk auf Iron Dome umgerüstet wird, gibt es eine: Mitmachen oder nicht, mit allen Konsequenzen für den eigenen Arbeitsplatz.
Das ist keine Wahl. Das ist ein Rahmen, innerhalb dessen eine formale Wahl angeboten wird. Dasselbe Muster kennt die Geschichte: Als Volkswagen im Krieg Rüstungsgüter produzierte, hatten die Zwangsarbeiter keine Wahl. Heute haben die Arbeiter eine — eine echte, keine formale. Aber der Rahmen, der diese Wahl erzeugt, wurde von anderen gesetzt: von der chinesischen Konkurrenz, vom schrumpfenden Cabriomarkt, von der europäischen Aufrüstungskonjunktur, vom israelischen Staatskonzern, von der deutschen Bundesregierung, die aktiv unterstützt.
Der Einzelne entscheidet — aber über den Raum seiner Entscheidung hat er nicht entschieden.
VII. Der dritte Akt
Wir haben in „VW — Back to the Roots“ gefragt, was eine Fabrik tut, die für Hitlers Volkswagen gebaut wurde, im Wirtschaftswunder zum Symbol des zivilen Aufstiegs wurde — und jetzt wieder an einer Kreuzung steht. Die Antwort in Wolfsburg: Elektroautos, unter Druck. Die Antwort in Dresden: Schließung. Die Antwort in Osnabrück: Iron Dome.
Das ist kein Rückfall in die Vergangenheit. Es ist etwas Neues — und doch strukturell Vertrautes. Die Fabrik folgt der Nachfrage. Die Nachfrage folgt dem Geld. Das Geld folgt der Politik. Und die Politik folgt der Geschichte, die sie zu verhindern behauptet.
Rheinmetall ist heute wertvoller als VW. Das ist kein Aktienkursdetail. Das ist ein Strukturindikator: Der Markt sagt, was das kommende Jahrzehnt produziert. VW hört zu — in Osnabrück.
Das Wirtschaftswunder war die Zeit, in der Deutschland vergaß, wozu seine Industrie ursprünglich gebaut worden war. Jetzt erinnert sie sich — nicht aus Böswilligkeit, sondern weil der Markt es so will.
Der Käfer war das Versprechen, dass Industrie und Massenproduktion auf der richtigen Seite der Geschichte stehen können. Der Iron Dome in Osnabrück wäre das Ende dieses Versprechens — nicht als Niederlage, sondern als Verflüchtigung. Das Versprechen wird nicht gebrochen. Es wird einfach nicht mehr gebraucht.
VIII. Was bleibt
Die Geschichte, die dieser Deal schreibt, ist keine Anklaggeschrift. Sie ist eine Diagnose. Wenn die zivile Nachfrage wegbricht und der Staat militärische Nachfrage aufbaut, folgen Produktionskapazitäten der Nachfrage. Das ist Ökonomie. Und Ökonomie hat kein Gedächtnis.
Was Gedächtnis hat, ist die Reflexion. Die Frage, die sich stellt — nicht um den Deal zu verhindern, sondern um zu verstehen, was er bedeutet — ist diese: Wenn Volkswagen für das israelische Raketenabwehrsystem produziert, ist das dann ein Zeichen, dass Europa endlich seine eigene Sicherheit ernst nimmt? Oder ist es ein Zeichen, dass Europa keine Idee mehr hat, was es produzieren soll — außer das, wofür gerade bezahlt wird?
Beides kann gleichzeitig wahr sein. Das ist das Unbehagen, das dieser Deal hinterlässt. Nicht die historische Ironie — die ist nur eine grobe Pointe. Das eigentliche Unbehagen ist strukturell: Eine Industrie, die keine Zukunft im Zivilen mehr findet, findet sie im Militärischen. Und niemand fragt, was das über die Zukunft aussagt — außer den 2.300 Arbeitern in Osnabrück, die jetzt individuell entscheiden dürfen.