Warum ich kein Linker geworden bin
Über das Richtige, das es nicht gibt, und das Falsche, das man trotzdem benennen muss.
„Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, erzeugt stets die Hölle.“
Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1945)
I. Das Richtige gibt es nicht
Das Richtige gibt es nicht und wird es nie geben. Es gibt nur das Richtigere und Bessere. Auch wenn wir das noch nicht benennen können, ist das kein Grund, das Falsche nicht als falsch zu bezeichnen. Wer das Falsche als falsch benennt, ohne das Richtigere zu kennen, leistet mehr als der, der auf das Richtige wartet, oder schlimmer noch versucht, das Falsche gesundzubeten.
In der Wissenschaft ist das eine Binse. Karl Popper hat sie formuliert: Eine Theorie kann man nicht beweisen, man kann sie nur widerlegen. Jede gilt so lange, bis ein Versuch sie scheitern lässt, und dann sucht man eine bessere. Kein Physiker behauptet, die endgültige Wahrheit zu besitzen. Kein Arzt verteidigt ein Medikament, das die Patienten krank macht, mit dem Argument, die Idee sei doch gut gewesen.
Im politischen Denken gilt das Gegenteil. Jede Ideologie behauptet, das Richtige zu kennen, und wenn die Wirklichkeit widerspricht, ist die Wirklichkeit schuld. Dann war es nicht der echte Sozialismus, nicht der echte Markt, nicht das echte Christentum. Dann folgen Ausreden, Rettungsversuche, Schuldzuweisungen. Gesundbeten.
Was in der Wissenschaft Binse ist, fehlt im politischen Denken vollständig. Nicht weil Politiker dümmer wären als Wissenschaftler, sondern weil das politische System Gewissheit belohnt und Vorläufigkeit bestraft.
Ich kannte Popper damals nicht. Aber ich habe zwischen 1968 und 1971 drei Organisationen geprüft, die alle behaupteten, das Richtige zu kennen. Alle drei sind an der Prüfung gescheitert. Davon handelt dieser Text, und davon, warum die Linke, die heute wieder stark wird, dieselbe Prüfung noch vor sich hat.
II. Die erste Prüfung: die Kirche
1968 erzählte mir ein Kollege, der bei Montecatini Edison in Italien Anlagen von Reifenhäuser montiert hatte, dass die Kirche an dem Konzern beteiligt sei und dass er unter anderem Munition herstelle. Ich trat aus der katholischen Kirche aus.
Zwei Jahre später, im Mai 1970, druckte der Spiegel eine Serie über „Die Milliarden des Vatikans“. Darin stand, dass Bernardino Nogara, der Finanzverwalter des Heiligen Stuhls, viele Jahre im Aufsichtsrat von Montecatini gesessen hatte und dass der Vatikan „sehr wesentliche Anteile“ an dem Konzern hielt. Nach Nogaras Tod saßen andere Vertrauensleute des Vatikans im Aufsichtsrat und entschieden 1966 über die Fusion mit Edison mit. Und es stand dort, dass der Vatikan auch an Munitionsfabriken beteiligt war. Ich hatte es zwei Jahre früher gewusst als die Leser des Spiegel, von einem Monteur.
Eine Kirche, die Frieden predigt und ihr Geld in Rüstung anlegt, braucht keinen Gegner, der sie widerlegt. Sie widerlegt sich selbst. Das war meine erste Prüfung, und sie war einfach: Ich verglich, was gesagt wurde, mit dem, was getan wurde.
III. Die zweite Prüfung: Herleshausen und Leipzig
Im selben Frühjahr 1968 fuhr ich zum ersten Mal in die DDR. Ich war 21, Elektriker bei Reifenhäuser, auf Geschäftsreise wegen Monofilamentanlagen für einen Betrieb in Leipzig, der von Jute auf Kunststoff umstellte. Ich war zweimal dort, 1968 und 1969. Was ich hatte, war keine Theorie. Ich hatte offene Augen.
Es fing am Grenzübergang Herleshausen an. Wachtürme, Schranken, die Gründlichkeit der Kontrolle. Das war kein System, das Vertrauen ausstrahlte. Es war ein System, das seine eigene Bevölkerung einsperrte. Erster Test, erste Falsifikation.
Dann Leipzig. Der Geruch zuerst, Braunkohle und Zweitakter, eine Mischung, die sich ins Gedächtnis brennt. Dann die Stadt: heruntergekommene Fassaden, Tristesse, und im Zentrum Bauten, die den Fortschritt des Sozialismus beweisen sollten. Sie bewiesen das Gegenteil. Das Verhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit war so grotesk, dass es keine Analyse brauchte.
Im volkseigenen Betrieb: der Schlendrian, der Parteisekretär, an dem niemand vorbeikam, die Hierarchie der Loyalität statt der Kompetenz. Die Chefsekretärin, die im Vertrauen offen sprach, weil sie mit einem meiner Kollegen einen Klüngel hatte. Nur im Vertrauen sprach man offen über das, was sonst in Bautzen enden konnte. Zweiter Test, zweite Falsifikation.
In den Restaurants bestellten wir doppelte Portionen, weil die einfachen zu winzig waren. Die Bedienung war unfreundlich, bis sie merkte, dass wir aus dem Westen kamen. Abends im Fernsehen liefen Nachrichten, die mit dem, was wir tagsüber gesehen hatten, nichts zu tun hatten. Und wenn Ulbricht sprach, der Spitzbart, war der Gipfel erreicht.
Das war keine politische Analyse. Es war Falsifikation ohne Popper. Das System behauptete, eine bessere Gesellschaft zu bauen. Die Wirklichkeit widersprach. Ich glaubte der Wirklichkeit. Während westdeutsche Studenten im selben Jahr von der Weltrevolution träumten, war ich vom Jahrgang her auch ein 68er. Aber ich hatte Leipzig gesehen. Die 68er-Bewegung blieb für mich ein schöner, unrealistischer Traum.
IV. Die dritte Prüfung: der Wachtturm
Die dritte Prüfung war die schwerste, weil ich sie an mir selbst vornahm. Den Kollegen, der mich zu den Zeugen Jehovas brachte, hatte ich 1968 kennengelernt, gerade als ich die Kirche verlassen hatte. Wer eine Gewissheit verliert, ist empfänglich für die nächste. Ich ließ mich taufen und war von 1969 bis 1971 dabei, auch in der Zeit, in der ich für Reifenhäuser in Chittagong arbeitete.
Dann tat ich, was die Organisation von ihren Mitgliedern nicht erwartet: Ich studierte nicht nur die Bibel, sondern auch die Organisation und ihre Geschichte. Ich fand eine Kette von Endzeitdaten, die alle verstrichen waren, 1914, 1918, 1925, und eine neue, die gerade verkündet wurde: 1975. Jedes gescheiterte Datum war zum „neuen Licht“ umgedeutet worden. Wie das funktioniert, haben wir in „Das Amt des Scheiterns“ beschrieben.
Eine Lehre, die jede Widerlegung in eine Bestätigung umdeutet, kann nicht mehr scheitern. Genau daran erkennt man, dass sie falsch ist. Dritte Prüfung, dritte Falsifikation. Ich ging. 1975 kam und ging ebenfalls.
V. Dreimal dasselbe Muster
Die Kirche, die Partei und der Wachtturm sind sehr verschiedene Dinge. Aber sie haben vier Eigenschaften gemeinsam. Jede besitzt eine Lehre, die das Richtige kennt. Jede hat eine Organisation, die über die Auslegung der Lehre wacht. Jede verlegt die Erfüllung in die Zukunft, ins Jenseits, in den Kommunismus, ins Paradies nach Harmagedon. Und jede hat ein Wort für den, der widerspricht: Ketzer, Revisionist, Abtrünniger.
Das vierte Merkmal ist das gefährlichste. Wo Widerspruch als Verrat gilt, kann die Organisation nicht mehr lernen. Sie kann sich nur noch verteidigen. In der Wissenschaft ist der Abweichler der, der den Fortschritt bringt. In der Heilslehre ist er der Feind.
Man kann gegen dieses Muster immun werden, aber nicht durch eine Gegenlehre. Wer von einer Heilslehre zur nächsten wechselt, hat nichts gelernt; er hat nur die Kirche gewechselt. Immun wird man, indem man jede Lehre an dem misst, was sie tut, und nicht an dem, was sie verspricht.
VI. Das falsche Menschenbild und der allmächtige Staat
Was macht ausgerechnet linke Heilslehren so anfällig für Gewalt, obwohl sie mit dem besten Willen beginnen? Die Antwort liegt im Menschenbild. Der Mensch, sagt die marxistische Tradition, ist das Produkt seiner Verhältnisse. Ändert man die Verhältnisse, ändert sich der Mensch. Der „neue Mensch“ wird nicht geboren, er wird hergestellt.
Daraus folgt eine Konstruktion, die jeder Ingenieur sofort erkennt. Wenn das Ergebnis nicht stimmt, verändert man die Eingangsgrößen. Wenn die Menschen nach der Revolution nicht so werden, wie sie sollen, muss man die Verhältnisse noch gründlicher ändern, und wer soll das tun, wenn nicht der Staat? So wird aus dem Versprechen, den Staat absterben zu lassen, ein Staat, der alles regelt: was produziert wird, was gelesen wird, wer reisen darf. Am Ende wird nicht mehr die Gesellschaft dem Menschen angepasst, sondern der Mensch der Gesellschaft.
Ein Gärtner, der seine Rosen liebt, beschneidet sie. Ein Gärtner, der eine Idee von Rosen liebt, reißt alle aus, die ihr nicht entsprechen. Der Unterschied ist nicht die Liebe, sondern ihr Gegenstand.
Fairerweise muss man sagen: Das Gegenmodell hat auch ein falsches Menschenbild. Der „homo oeconomicus“ der Marktlehre, der jederzeit seinen Nutzen berechnet, ist ebenso eine Laborfigur wie der neue sozialistische Mensch. Nur verlangt der Markt nicht, dass man ihn liebt. Er nimmt die Menschen, wie sie sind, und das ist zugleich seine Stärke und seine Rohheit.
VII. Die Sekten und Schattierungen
Die Linke war nie eine Bewegung, sondern immer viele. Nach 1968 zerfiel die Studentenbewegung in die K-Gruppen: den Kommunistischen Bund Westdeutschland, die KPD/AO, die KPD/ML, den Kommunistischen Bund und andere, die einander erbitterter bekämpften als den Kapitalismus. Jede besaß die einzig richtige Linie, jede hatte ihr eigenes Vorbild, Mao, Enver Hoxha oder die Sowjetunion. Die DKP wurde aus Ost-Berlin finanziert. Die RAF tötete mehr als dreißig Menschen, im Namen einer Befreiung, die niemand bestellt hatte.
Bemerkenswert ist, was aus vielen Mitgliedern wurde. Winfried Kretschmann war im KBW und wurde grüner Ministerpräsident, Ulla Schmidt war im KBW und wurde Gesundheitsministerin der SPD. Kretschmann hat seine Zeit dort später einen fundamentalen Irrtum genannt. Das ist ehrenwert. Es zeigt aber auch, wie viele kluge Menschen eine Heilslehre für das Richtige halten können, solange sie jung sind und niemand sie zwingt, sie zu prüfen.
Das Muster lebt fort. Heute streiten sich in der Linken die „Antideutschen“, die Israel unbedingt verteidigen, mit den „Antiimperialisten“, die in Israel einen Kolonialstaat sehen. Im Mai 2025 beschloss der Parteitag der Linken in Chemnitz knapp, gegen die Warnung ihres Vorsitzenden Jan van Aken, eine eigene, engere Definition von Antisemitismus. Der Zentralrat der Juden lehnt sie ab. In Berlin ist der Umgang mit Antisemitismus in den eigenen Reihen inzwischen eine Bedingung der Koalitionsgespräche. Sigmund Freud nannte das den Narzissmus der kleinen Differenzen: Die heftigsten Kämpfe führt man mit denen, die einem am nächsten stehen.
VIII. Haben die Linken Kreide gefressen?
Im Märchen frisst der Wolf Kreide, damit seine Stimme sanft klingt und die Geißlein ihm die Tür öffnen. Die Frage ist berechtigt, denn die Linke klingt heute anders als früher. Sie redet nicht von Diktatur des Proletariats, sondern von Mieten, Preisen und Heizkosten. Damit hat sie Erfolg. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 kam sie auf 8,8 Prozent. Die Zahl ihrer Mitglieder stieg innerhalb eines Jahres von gut 58.000 auf über 123.000, vor allem junge Leute, angezogen nicht zuletzt von Heidi Reichinnek, die heute die Bundestagsfraktion mitführt. Am 20. September 2026 wurde sie in Berlin mit 25,7 Prozent stärkste Partei.
Wer fair ist, muss anerkennen: Die Probleme, von denen sie redet, sind echt. Wer in Berlin eine Wohnung sucht, braucht keine Ideologie, um wütend zu werden. Die Linke gewinnt nicht, weil die Menschen den Sozialismus wollen, sondern weil die anderen Parteien diese Probleme jahrelang verwaltet statt gelöst haben.
Die Kreide-Frage stellt sich bei der Lösung. 2021 stimmten in Berlin rund 59 Prozent für den Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen“. Eine Expertenkommission hielt die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne für rechtlich möglich. Im März 2026 beschloss das Abgeordnetenhaus ein Rahmengesetz dazu, das erst in zwei Jahren in Kraft tritt und vorher vom Verfassungsgericht geprüft werden soll. Ob und wie die Linke es nun umsetzen will, ist der härteste Punkt der Gespräche über eine neue Regierung. Hier wird sich zeigen, ob die neue Stimme eine neue Haltung ist oder nur eine neue Tonlage: ob man ein Experiment wagt, das man nach Ergebnissen beurteilt, oder ob man das Ergebnis schon kennt und den Versuch nur noch zur Bestätigung braucht.
IX. Der Unverwüstliche
Keine Figur verkörpert die Verwandlung der Linken so wie Gregor Gysi. Im Dezember 1989 wurde er Vorsitzender der SED und machte aus ihr die PDS. Er hat die Partei, die Mauer und Stacheldraht zu verantworten hatte, durch die Einheit gerettet, und er hat das mit einer Eloquenz getan, die im Bundestag ihresgleichen sucht. Er ist schlagfertig, witzig, selbstironisch. Im März 2025 eröffnete er als Alterspräsident den neuen Bundestag. Seinen Wahlkreis in Berlin gewann er mit fast 42 Prozent.
Zur Fairness gehört auch der Rest. Der Immunitätsausschuss des Bundestages kam 1998 zu dem Schluss, Gysi habe als Anwalt in der DDR für die Stasi gearbeitet. Gysi bestreitet das bis heute, eine Verpflichtungserklärung wurde nie gefunden, und gegen entsprechende Behauptungen hat er mehrfach vor Gericht gewonnen. Man muss das nicht entscheiden, um festzustellen: Seine Begabung besteht darin, dass man ihm gern zuhört. Das ist eine große Gabe. Aber Eloquenz ist keine Falsifikation. Sie macht eine Behauptung nicht wahrer, nur angenehmer.
X. Wer oder was ist Sahra Wagenknecht?
Sahra Wagenknecht trat Anfang 1989 in die SED ein, als andere bereits gingen. In den 1990er Jahren war sie das Gesicht der Kommunistischen Plattform und lobte 1992 in einem Aufsatz die Politik der Stalin-Zeit. 2011 schrieb sie ein Buch, das sich auf Ludwig Erhard berief, 2021 eines gegen die „Lifestyle-Linke“. 2024 gründete sie eine Partei, die ihren Namen trug, Bündnis Sahra Wagenknecht, mit linker Wirtschaftspolitik und einer harten Linie bei Migration und Russland-Sanktionen.
Das BSW verfehlte im Februar 2025 den Bundestag mit 4,981 Prozent um rund 9.500 Stimmen. Seither zerfällt es. In Brandenburg endete die Koalition mit der SPD im Januar 2026 nach Übertritten, in Thüringen verlor die Fraktion im September 2026 den größten Teil ihrer Abgeordneten. Wagenknecht gab den Vorsitz ab, und seit dem 1. Oktober 2026 heißt die Partei „Bündnis Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft“. Die Abkürzung blieb. In einer aktuellen Umfrage steht sie bei 3,5 Prozent.
Wer oder was ist Wagenknecht? Vielleicht am ehesten dies: der Beweis, dass man die Lehre wechseln kann, ohne das Muster zu wechseln. Von Stalin zu Erhard ist ein weiter Weg, aber die Form blieb gleich: eine Person, die weiß, was richtig ist, und eine Partei, die nach ihr benannt ist. Eine Partei mit dem Namen einer Person ist keine Organisation, die lernen kann. Sie ist eine Gefolgschaft. Als die Person zurücktrat, musste die Partei sogar ihren Namen ändern.
XI. Der Mann, der zweimal ging
Oskar Lafontaine war von 1995 bis 1999 Vorsitzender der SPD und Finanzminister unter Gerhard Schröder. Im März 1999 trat er von allen Ämtern zurück, ohne öffentliche Begründung. 2005 ging er zur WASG, 2007 wurde er Vorsitzender der neuen Linken. Im März 2022 trat er aus der Linken aus, 2024 schloss er sich dem BSW an. Seit 2014 ist er mit Wagenknecht verheiratet.
Sein Einfluss ist schwer zu messen und leicht zu unterschätzen. Ohne ihn hätte es die gesamtdeutsche Linke in dieser Form kaum gegeben, denn er brachte ihr die westdeutschen Gewerkschafter und Sozialdemokraten, die von Schröders Agenda enttäuscht waren. Und ohne seinen Austritt hätte das BSW wohl nicht die Wucht gehabt, die Linke zu spalten. Zweimal hat er eine Partei verlassen, und beide Male wurde die Linke dadurch neu sortiert. Ein Mann, der weniger durch Programme wirkt als durch Abgänge.
XII. Die Falle des Entweder-Oder
Wer die Linke kritisiert, wird schnell gefragt: Bist du also für den Kapitalismus? Das ist die Falle. Sie lautet: Wenn das eine falsch ist, muss das andere richtig sein. Nein danke.
Der Kapitalismus, in dem wir leben, hat seine eigenen Konstruktionsfehler. Vermögen sammelt sich in immer weniger Händen, nicht weil die Reichen tüchtiger wären, sondern weil Kapital sich selbst vermehrt und Arbeit nicht. Gewinne werden privatisiert, Verluste wie 2008 sozialisiert. Wer eine Erfindung macht, verliert sie oft an den, der das Geld hat, sie zu verwerten. Und diese Fehler bestehen fort, nicht weil sie unbekannt wären, sondern weil niemand die Strukturen reformieren will, der von ihnen lebt. Um nur einige der vielen Konstruktionsfehler zu nennen.
Der Sozialismus ist falsifiziert. Der Kapitalismus ist falsifiziert. Beides zugleich zu sagen, ist keine Unentschlossenheit. Es ist die einzige ehrliche Position. Wer aus der Widerlegung des einen die Wahrheit des anderen ableitet, macht denselben Denkfehler wie der Zeuge Jehovas, der aus dem Scheitern von 1914 auf die Richtigkeit von 1975 schließt.
XIII. Das Bessere statt des Richtigen
Was also stattdessen? Nicht das Richtige. Wer behauptet, es zu kennen, belügt sich selbst oder andere oder beide.
Es gibt aber das Bessere, und es gibt Versuche, es zu finden. Die Genossenschaften von Mondragón im Baskenland sind nicht das Richtige, sondern ein Experiment, das seit siebzig Jahren läuft, mit Erfolgen und mit Rückschlägen, die wir in „Wem gehört die menschenleere Halle?“ und den Texten davor beschrieben haben. Das Modell der Purpose Economy, in dem ein Unternehmen sich selbst gehört, ist nicht das Richtige, sondern ein Versuch des Besseren.
Popper hat diesen Weg Stückwerk-Technik genannt: kleine Schritte, deren Folgen man beobachten und korrigieren kann, statt eines großen Plans, der alles auf einmal umbaut und sich nicht mehr zurücknehmen lässt. Der Unterschied ist der zwischen einem Labor, in dem man aus Fehlschlägen lernt, und einem Labor, in dem die Versuchstiere Menschen sind.
XIV. Die Ratlosigkeit
Auf der Leipziger Buchmesse im März 2026 wurde ein Buch mit dem Titel „Wenn das Denken die Richtung ändert: Warum wir nicht mehr links sind“ vorgestellt, unter anderem mit Henryk M. Broder und Harald Martenstein. Ein Teilnehmer meinte: Die Leute machten einen sehr ratlosen Eindruck.
Das ist erklärlich. Wer ein totales Erklärungssystem verlässt, verliert die Gewissheit, die es geboten hat. Eine allgemeine Ratlosigkeit scheint bei früheren Linken die Folge früherer fester Überzeugungen zu sein. Ich kenne das. Nach dem Austritt aus der Kirche ging ich zum Wachtturm, weil die Leere schwer zu ertragen war.
In Leipzig 1968 hatte ich keine Theorie, sondern offene Augen und die Bereitschaft, das Gesehene ernst zu nehmen. Das hat gereicht, um ein System zu falsifizieren, und nach dem Umweg über den Wachtturm auch, um nicht mehr in das nächste zu fliehen. Die Ratlosigkeit, die dabei entsteht, ist der Preis der Ehrlichkeit. Er ist es wert. Doch es macht mich ratlos, wenn Intellektuelle nach so vielen Jahren immer noch ratlos sind.
Kritik ist der Anfang des Nachdenkens über Alternativen, aber nur der Anfang. Wer nach Jahrzehnten des Nachdenkens immer noch nur kritisiert oder nur ratlos ist, hat die zweite Hälfte seiner Aufgabe nicht erfüllt.
XV. Wie dieser Text widerlegt werden könnte
Dieser Text behauptet, dass Bewegungen, die das Richtige zu kennen glauben, an der Wirklichkeit scheitern und dann die Wirklichkeit beschuldigen. Das lässt sich prüfen, und Berlin wird die Probe liefern.
Wenn eine Regierung unter Beteiligung der Linken die Vergesellschaftung als Experiment anlegt, mit klaren Zielen bei Mieten, Neubau und Kosten, die Ergebnisse offenlegt und den Kurs ändert, wenn sie verfehlt werden, dann hat die Linke etwas gelernt, was ihr seit hundert Jahren gefehlt hat. Dann ist dieser Text in seinem wichtigsten Punkt widerlegt, und wir sagen das gern.