Zwei Träume, eine Maschine
Die Freiheit lässt sich im Namen der Freiheit abschaffen, die Gerechtigkeit im Namen der Gerechtigkeit. Die Maschine, die dabei läuft, ist in beiden Fällen dieselbe.
I. Zwei Leitbilder
Die Vereinigten Staaten und China werden gewöhnlich als Gegensätze beschrieben: hier die offene Gesellschaft, dort der Parteistaat; hier die Freiheit des Einzelnen, dort die Ordnung des Ganzen. Der Vergleich stützt sich meist auf Institutionen, auf Wahlen, Gerichte und Presse. Eine Ebene fehlt dabei fast immer: das Leitbild, auf das sich ein System zubewegt und mit dem es sich rechtfertigt.
Das amerikanische Leitbild ist alt und erstaunlich stabil. Es ist die „Stadt auf dem Hügel“, die der Welt als Vorbild dient, und die Freiheit jedes Einzelnen, sein Glück zu suchen. Das chinesische Leitbild ist schwerer zu fassen. Offiziell hält die Partei am Sozialismus fest und hat das Ziel ausgegeben, bis 2049 ein modernes sozialistisches Land zu sein. In der Formel vom „chinesischen Traum“ steht aber die Wiedergeburt der Nation im Vordergrund: Stärke und Würde nach einem Jahrhundert der Demütigung. Vielleicht ist es weniger der Traum von Marx als ein älterer, konfuzianischer: eine gerechte Ordnung unter einer weisen Führung.
Beide Leitbilder versprechen etwas Gutes. Die Frage dieses Essays ist, was aus ihnen wird, wenn eine Entwicklung eintritt, auf die keines von beiden vorbereitet ist: dass die Menschen als Arbeitskräfte nicht mehr gebraucht werden.
II. Der bemittelte Habenichts
Günther Anders hat im zweiten Band seiner „Antiquiertheit des Menschen“ eine Figur beschrieben, die den Kern der modernen Wirtschaft trifft: den bemittelten Habenichts. Gemeint ist der Mensch, der über genug Mittel verfügt, um den Kreislauf von Produktion und Verbrauch in Gang zu halten, der aber niemals etwas dauerhaft besitzt. Er muss bemittelt sein, sonst kann er nicht kaufen. Und er muss ein Habenichts bleiben, sonst hört er auf zu kaufen.
Daraus erklärt sich vieles, was wie Verschwendung aussieht, als Notwendigkeit. Das Telefon, das nach drei Jahren keine Updates mehr bekommt. Die Kleidung, die nach einer Saison aus der Mode ist. Das Gerät, das sich nicht öffnen lässt, weil die Teile verklebt sind. Leasing und Abonnement vollenden die Figur: Dort besitzt man die Dinge nicht einmal mehr vorübergehend, man zahlt nur noch für ihren Gebrauch. Der Gegenentwurf ist das Werkzeug, das man vom Großvater erbt und an die Enkel weitergibt. Für die Produktion ist es ein Unglück, denn es wird nur einmal verkauft.
III. Wenn die Arbeit geht
Der bemittelte Habenichts hat seine Mittel bisher aus dem Lohn. Henry Ford soll seinen Arbeitern 1914 den doppelten üblichen Tageslohn gezahlt haben, damit sie sich die Autos leisten konnten, die sie bauten. Der Kreislauf war geschlossen: Wer produzierte, verdiente, und wer verdiente, verbrauchte.
Wenn Maschinen die Arbeit übernehmen, hat dieser Kreislauf ein Loch. John Maynard Keynes hat 1930 vorausgesagt, seine Enkel würden nur noch fünfzehn Stunden in der Woche arbeiten müssen, und darin eine Befreiung gesehen. Er übersah, dass in einer Ordnung, in der das Einkommen an der Arbeit hängt, weniger Arbeit nicht mehr Freiheit bedeutet, sondern weniger Mittel. Der Arbeiter, den niemand mehr braucht, ist nicht befreit. Er ist ausgeschlossen, als Produzent wie als Verbraucher.
IV. Drei Wege
Für die Rolle des Verbrauchers ohne Arbeit zeichnen sich drei Wege ab, die sich nicht ausschließen.
Der erste: Die Mittel kommen vom Staat. Ein Grundeinkommen oder etwas Ähnliches hält die Kaufkraft aufrecht, und Verbrauchen wird zur eigentlichen gesellschaftlichen Funktion. Das wäre der bemittelte Habenichts in Vollendung, bemittelt nicht durch eigene Leistung, sondern durch Zuteilung. Wer zuteilt, hat Macht, und wer zugeteilt bekommt, ist abhängig.
Der zweite: Die Masse wird auch als Verbraucher überflüssig. Die Wirtschaft richtet sich auf die wenigen aus, denen Maschinen, Rechenzentren und Modelle gehören. Und ein wachsender Teil der Nachfrage kommt nicht mehr von Menschen: Rechenzentren kaufen Strom und Chips, Programme kaufen Dienstleistungen von anderen Programmen. Die Geräte versorgen sich untereinander.
Der dritte: Der Mensch wird vom Käufer zum Rohstoff. Schon heute bezahlt man viele Angebote nicht mit Geld, sondern mit Aufmerksamkeit und Daten. Fallen Arbeit und Kaufkraft weg, bleibt das, was Menschen an Verhalten und Lebensspuren liefern.
V. Der Fluch, nicht gebraucht zu werden
Die ernsteste Folge ist politisch. Die Macht der breiten Masse beruhte historisch darauf, dass sie gebraucht wurde: als Soldaten, als Arbeiter, als Steuerzahler. Das allgemeine Wahlrecht kam in vielen Ländern nicht zufällig nach der allgemeinen Wehrpflicht. Wer für das Land sterben sollte, wollte auch über das Land mitbestimmen.
Die Ökonomie kennt den umgekehrten Fall als Ressourcenfluch. Staaten, die von Öl oder Gas leben, brauchen ihre Bürger nicht, um sich zu finanzieren, und werden auffallend selten demokratisch. Einige Autoren sprechen inzwischen von einem drohenden Intelligenzfluch: Wenn Maschinen alles erarbeiten, was ein Staat braucht, verlieren die Bürger ihr stärkstes Druckmittel. Wer nicht mehr gebraucht wird, wird auch nicht mehr gehört. Dieser Fluch trifft beide Systeme, nur auf verschiedenen Wegen.
VI. China: Der Staat über dem Kapital
China installiert seit Jahren mehr Industrieroboter als der Rest der Welt zusammen und hat bei der Roboterdichte Deutschland und Japan überholt. Der Staat kann langfristig planen und durchsetzen, wie Hochgeschwindigkeitsbahnen, Stromnetze und die Solarindustrie zeigen. Und die Partei hat bewiesen, dass sie das Kapital disziplinieren kann: 2020 stoppte sie den Börsengang der Ant Group, danach wurden die großen Technologiekonzerne binnen Monaten zurechtgestutzt. Wenn die Gewinne der Automatisierung verteilt werden sollen, hat ein Staat, der über dem Kapital steht, dafür die Werkzeuge.
Was China mit diesen Werkzeugen bisher tut, spricht allerdings eine andere Sprache. Der private Konsum liegt deutlich unter vierzig Prozent der Wirtschaftsleistung; das Modell lenkt die Erträge in Investitionen und Exporte, nicht in die Haushalte. Die Renten auf dem Land sind minimal, und das Meldesystem schließt Hunderte Millionen Wanderarbeiter von den Leistungen der Städte aus, in denen sie arbeiten. Die Fähigkeit zur Versorgung ist vorhanden, der Wille, sie allen zugutekommen zu lassen, bisher nicht.
Und hier schlägt der Intelligenzfluch am schärfsten zu. Ein Staat, der seine Bürger weder als Arbeiter noch als Wähler braucht und keiner unabhängigen Justiz Rechenschaft schuldet, versorgt sie nur so lange, wie es ihm nützt. In China steht die politische Macht über dem Kapital, aber nichts steht über der politischen Macht.
VII. Die USA: Das Kapital über dem Staat
In den Vereinigten Staaten ist es umgekehrt. Die Politologen Martin Gilens und Benjamin Page haben 2014 rund 1.800 politische Entscheidungen ausgewertet: Die Wünsche wirtschaftlicher Eliten schlagen sich deutlich in der Politik nieder, die Wünsche durchschnittlicher Bürger kaum, sobald sie davon abweichen. Seit dem Urteil „Citizens United“ von 2010 dürfen Unternehmen praktisch unbegrenzt Geld in Wahlkämpfe lenken. 2025 saß der reichste Mann der Welt zeitweise mit einem eigenen Stab in der Regierung. Macht und Kapital wachsen zusammen, und man kann dabei zusehen.
Ganz verschwunden ist der Unterschied zu China dennoch nicht. Regierungen werden abgewählt und verlieren vor Gericht. Die Mächtigen streiten öffentlich miteinander, und ihre Brüche werden sichtbar. Und ein Bürger kann unter seinem Namen einen Text wie diesen veröffentlichen, ohne mehr zu riskieren, als dass ihn niemand liest. Das ist nicht die Herrschaft des Volkes. Aber es ist mehr als nichts: Die Verschmelzung von Macht und Kapital ist im Westen umkämpft und im Prinzip umkehrbar, in China ist sie die Grundlage des Systems.
VIII. Die gleichgültige Maschine
Lewis Mumford hat die Megamaschine bei den Pharaonen gefunden, in der Sowjetunion und im amerikanischen Rüstungskomplex, jedes Mal unter einer anderen Fahne. Sie ist gegenüber Leitbildern gleichgültig. Das Leitbild bestimmt, womit sie sich rechtfertigt, aber nicht, wie sie arbeitet.
Anders hat beschrieben, wie die Freiheit abgeschafft wird: nicht offen, sondern in ihrem Namen. Dasselbe gilt für die Gerechtigkeit. Der Westen rechtfertigt Überwachung mit dem Schutz der Freiheit, China rechtfertigt sie mit dem Schutz einer Ordnung, die allen dienen soll. Beide Leitbilder liefern genug, um jeden Eingriff zu begründen. Und zum ersten Mal in der Geschichte stehen die Werkzeuge vollständiger Kontrolle tatsächlich zur Verfügung: Erfassung von allem, Auswertung durch Maschinen, die nicht ermüden, und eine Versorgung, die an Wohlverhalten geknüpft werden kann.
Wenn beide Systeme im Totalitären enden, dann nicht wegen ihrer Leitbilder, sondern trotz ihrer. Das Leitbild wäre dann nur noch die Fahne auf einer Maschine, die unter jeder Fahne dasselbe tut.
IX. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre
Die These wäre widerlegt, wenn ein großes Land zeigte, dass es die Erträge der Automatisierung breit verteilt, ohne die Empfänger abhängig zu machen, etwa durch Eigentum an den Maschinen statt durch Zuteilung. Sie wäre geschwächt, wenn die Automatisierung, wie frühere Wellen, genug neue Arbeit hervorbrächte, um den Menschen ihre Rolle als Produzenten zu erhalten. Und sie wäre überzogen, wenn die Werkzeuge der Kontrolle sich als weniger wirksam erwiesen als befürchtet, weil Menschen immer Wege finden, sich ihnen zu entziehen. Für alle drei Möglichkeiten gibt es Anzeichen. Keine ist bisher entschieden.
X. Was bleibt
Die entscheidende Frage ist nicht, welches Leitbild das bessere ist. Sie lautet: Wem gehören die Maschinen, und was schulden ihre Besitzer den Menschen, die sie nicht mehr brauchen? Solange die Antwort „nichts, außer was sie freiwillig geben“ heißt, ist es gleichgültig, ob der Besitzer ein Konzern ist oder eine Partei.
Große Systeme ändern sich selten aus sich heraus. Geändert haben sie sich durch Krisen, und in Krisen greift man zu dem, was bereitliegt. Das spricht dafür, die Fragen zu stellen und die Gegenentwürfe auszuarbeiten, solange es noch möglich ist, sie zu veröffentlichen. Es ist mehr als nichts.