Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 1. November 2026

Cui bono – wem nützen die Krawalle?

Der 31. Oktober 2026, die Forderungen der Jugend und das, was von ihnen übrig bleibt

Am Tag demonstrierten Zehntausende junge Menschen friedlich für bessere Schulen, bezahlbares Leben und gegen mehr Überwachung. Am Abend brannten Barrikaden. Geredet wird seither über den Abend.

I. Ein Tag, zwei Bilder

Am 31. Oktober 2026 riefen die Initiative „Gen Z regelt“ und weitere Gruppen in mehr als dreißig deutschen Städten zu Demonstrationen auf. Es kamen Zehntausende, die Veranstalter sprechen von hunderttausend. Tagsüber blieb es fast überall friedlich.

Am Abend änderte sich das Bild. In Frankfurt, wo nach Angaben des hessischen Innenministers etwa 8.000 Menschen demonstriert hatten, wurden auf der Zeil Schaufenster eingeschlagen und Geschäfte geplündert. Ein Waffengeschäft wurde angegriffen, auf Polizisten flogen Molotowcocktails, mindestens dreißig Menschen wurden festgenommen. In Hamburg brannten Barrikaden, rund 120 Menschen wurden vorübergehend festgenommen. In Berlin wurden 27 Polizisten leicht verletzt und knapp sechzig Menschen festgenommen. In Köln setzte die Polizei Wasserwerfer ein.

Wer randaliert hat, ist nur zum Teil geklärt. Der hessische Innenminister sprach zunächst von etwa sechzig, später von rund hundert linksextremen Gewalttätern. Der Liveticker des Hessischen Rundfunks benannte sich am Abend um, weil die späteren Unruhen auf der Zeil „nicht mehr direkt mit dem Protest“ zusammenzuhängen schienen. Dort waren Hunderte junger Leute unterwegs, die mit der Demonstration erkennbar wenig zu tun hatten. Im selben Ticker ist von Videos die Rede, die ein hartes Vorgehen der Polizei gegen friedliche Teilnehmer zu zeigen scheinen. Ihr Zusammenhang ist ungeklärt. Die Gewerkschaft der Polizei sprach von „autonomen und zum Teil vermummten Personen“, die von den friedlichen Demonstranten zu unterscheiden seien. Die Veranstalter distanzierten sich von der Gewalt.

Die Gewalt ist nicht zu beschönigen. Wer Brandsätze auf Menschen wirft und Geschäfte plündert, begeht schwere Straftaten. Aber sie war nicht das, wofür die Zehntausende auf die Straße gegangen waren.

II. Was gefordert wurde

Die Forderungen sind öffentlich. Nach den Berichten von ZDF und Correctiv verlangte „Gen Z regelt“: mehr Gewicht für junge Menschen in der Politik, bessere Schulen und bezahlbare Lebenshaltung, keine Kürzungen bei Bildung, Sozialem, Kultur und Gesundheit, keine ungleiche Lastenverteilung, bei der Konzerne profitieren und Milliarden in die Aufrüstung gehen, und ausdrücklich: keine Ausweitung der Überwachung, keinen neuen Wehrdienst und keine Musterung.

Man kann über jede dieser Forderungen streiten. Ziellos sind sie nicht.

III. Was davon übrig bleibt

Am Tag danach lauteten die Stellungnahmen so. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sah friedliche Proteste von „gewaltbereiten linken Gruppen und Chaoten aus dem migrantischen Milieu“ übernommen und forderte „harte Strafen“. Hessens Innenminister Roman Poseck verlangte „ein frühzeitiges und hartes Durchgreifen“. Ministerpräsident Boris Rhein kündigte Konsequenzen an. Die CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann sagte, die Proteste hätten kein klares Ziel gehabt.

Andere Stimmen gab es auch. Die Grünen-Vorsitzende Franziska Brantner verlangte, die Bundesregierung müsse den jungen Menschen antworten. Der SPD-Politiker Dirk Wiese mahnte, die Gewalt dürfe die Anliegen der Jugend nicht überdecken. Aber auch sie sprachen zuerst über die Gewalt und dann über die Anliegen.

Das ist der erste Befund. In den Reaktionen kommen die Forderungen kaum vor. Wo sie vorkommen, dann als etwas, das man „ernst nehmen“ müsse, ohne dass gesagt wird, was daraus folgt. Und von der Regierungspartei heißt es, es habe kein klares Ziel gegeben, obwohl die Ziele schriftlich vorliegen. Die Jugend wird gehört und abgehakt.

IV. Wem nützen die Bilder?

Die Frage „cui bono“ ist eine Frage, keine Antwort. Wer von einem Ereignis profitiert, hat es deshalb nicht herbeigeführt. Wir behaupten das auch nicht. Wir fragen nur, wem die Bilder vom Abend nützen, unabhängig davon, wer sie verursacht hat.

Sie nützen denen, die die Forderungen nicht beantworten wollen. Über Schulen, Lebenshaltungskosten und Wehrdienst muss man verhandeln, über Plünderungen nicht. Wer über Gewalt redet, muss über Geld nicht reden.

Sie nützen der AfD. Die Bilder brennender Barrikaden und das Wort vom „migrantischen Milieu“, das ein Bundesminister in die Welt gesetzt hat, passen in ihre Erzählung, ohne dass sie selbst etwas dafür tun muss. Ob Dobrindts Zuschreibung zutrifft, ist bisher nicht belegt.

Sie nützen den gewaltbereiten Gruppen selbst. Sie bekommen eine Bühne, die sie aus eigener Kraft nie hätten, und sie machen die friedliche Mehrheit zur Kulisse.

Sie nützen den Plünderern, ganz schlicht durch die Beute, die sie davongetragen haben.

Und sie können denen nützen, die schon lange mehr Befugnisse für die Sicherheitsbehörden wollen. Davon handelt der nächste Abschnitt.

V. Die Ironie der Überwachung

Seit April 2026 liegt dem Bundestag das sogenannte Sicherheitspaket 2.0 der Bundesregierung vor. Es soll dem Bundeskriminalamt, der Bundespolizei und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erlauben, Menschen per Gesichtserkennung in Bildern aus dem Internet zu suchen, und es soll die automatische Auswertung großer Datenbestände ermöglichen. Bei der Anhörung im Innenausschuss am 21. September hielten mehrere Sachverständige die Entwürfe für verfassungswidrig. Die Bundesdatenschutzbeauftragte lehnt sie in der vorliegenden Form ab. AlgorithmWatch warnte, sie schüfen die technische Voraussetzung für eine flächendeckende Verfolgung aller Menschen im öffentlichen Raum. Beschlossen ist das Paket nicht.

Eine der Forderungen der Jugend lautete: keine Ausweitung der Überwachung. Ausgerechnet der Abend ihres Protests liefert nun Bilder, mit denen sich eine Ausweitung begründen ließe: vermummte Gewalttäter, Plünderer, die in der Menge verschwinden, Videos, die man auswerten möchte.

Wir halten fest, was heute belegt ist und was nicht. Bis zum Tag danach haben wir keine Stellungnahme gefunden, die die Krawalle ausdrücklich mit dem Sicherheitspaket oder mit Gesichtserkennung verknüpft. Gefordert wurden harte Strafen und hartes Durchgreifen. Ob die Verknüpfung kommt, wird sich zeigen.

Dass sie kommen kann, zeigen zwei Fälle aus der jüngeren Vergangenheit. Nach dem G20-Gipfel in Hamburg 2017 legte die Hamburger Polizei eine biometrische Datenbank mit Gesichtsmodellen aus rund 32.000 Video- und Bilddateien an. Der Hamburgische Datenschutzbeauftragte ordnete 2018 ihre Löschung an. Das Verwaltungsgericht hob die Anordnung 2019 auf. Und nach dem Anschlag von Solingen im August 2024 brachte die damalige Bundesregierung binnen weniger Wochen ein Sicherheitspaket auf den Weg, das unter anderem den biometrischen Abgleich im Internet vorsah. Dieser Teil scheiterte im Oktober 2024 im Bundesrat. Er liegt jetzt, in neuer Form, wieder auf dem Tisch.

VI. Kein Plan, sondern eine Maschine

Man muss niemandem eine Absicht unterstellen, um zu verstehen, wie das funktioniert. Jeder Beteiligte handelt in seiner eigenen Logik. Die Gewaltbereiten suchen die Konfrontation, die Plünderer die Gelegenheit, die Polizei verlangt die Werkzeuge, die sie für nötig hält, das Ministerium will ein Gesetz durchbringen, das es seit Monaten verhandelt, die Opposition am rechten Rand sammelt Bilder, und die Medien zeigen, was brennt. Niemand muss sich mit niemandem absprechen. Das Ergebnis ist trotzdem gerichtet: Der Protest gegen mehr Überwachung wird zum Material für mehr Überwachung, und der Protest für bessere Schulen zu einer Debatte über Strafen.

Das ist es, was wir in unseren Texten die Megamaschine nennen. Sie braucht keinen Lenker, denn sie funktioniert emergent. Sie verwertet automatisch, was geschieht, nach den Interessen derer, die an ihren Hebeln sitzen. Ein Ereignis, das in eine andere Richtung zielte, wird von ihr in die Richtung umgelenkt, in der sie ohnehin unterwegs war.

VII. Die Gegenprobe: Frankreich

Dass die Forderungen nicht zwangsläufig untergehen, zeigt der Blick über die Grenze. In Frankreich gingen am selben Tag nach Angaben des Innenministeriums 320.000 Menschen auf die Straße, die Veranstalter sprachen von fast einer halben Million. Auch dort gab es Ausschreitungen und 290 Festnahmen. Trotzdem wird dort über den Inhalt gesprochen: Premierminister Sébastien Lecornu hat sich mit den Schülerverbänden getroffen und prüft Maßnahmen gegen die Lebenshaltungskosten. Ob daraus etwas folgt, ist offen.

An der Gewalt, die es in beiden Ländern gab, liegt der Unterschied nicht. Sichtbar ist ein anderer: In Frankreich war es das dritte Protestwochenende hintereinander, und die Gewerkschaften stehen an der Seite der Schüler. Ob das den Ausschlag gibt, lässt sich nicht beweisen. Aber es spricht viel dafür, dass gilt: Wer nur einmal kommt, wird an seinen schlimmsten Bildern gemessen. Wer wiederkommt, an seinen Forderungen.

VIII. Was bleibt

In „Die Jugend ist unsere Zukunft“ haben wir beschrieben, dass sich die Staaten durch Verschuldung handlungsunfähig gemacht haben: Für die Ursachen der Proteste ist kein Geld da, für ihre Unterdrückung schon. Der 31. Oktober hat diesen Befund nicht widerlegt.

Die Frage, wem die Krawalle nützen, hat deshalb eine einfache Antwort, die keine Unterstellung braucht: Sie nützen nicht der Jugend. Ihre Forderungen nach besseren Schulen, bezahlbarem Leben und weniger Überwachung stehen am Tag danach schlechter da als am Morgen davor. Wer ihnen helfen will, muss über diese Forderungen reden, gerade jetzt.

Die Veranstalter wollen in etwa drei Wochen wieder auf die Straße gehen. Dann wird sich zeigen, ob ihre Forderungen oder die Bilder des 31. Oktober die Debatte bestimmen, und ob das Sicherheitspaket 2.0 bis dahin mit diesen Bildern begründet wird.

Weiterführend: Die Jugend ist unsere Zukunft · Die Maschine in der Maschine · Die Megamaschine – wo anfangen?

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 1. November 2026.

Quellen. ZDFheute, „‚Gen Z regelt‘-Demos von Krawallen und Plünderungen überschattet“, 1. November 2026; Liveblog „Gen-Z-Proteste in Deutschland“, 31. Oktober/1. November 2026; „‚Gen Z regelt‘-Proteste in Deutschland: Warnung vor Unterwanderung“, Oktober 2026. · hessenschau, Liveticker „Eskalation nach Gen-Z-Demo: Chaos in Frankfurt“, 31. Oktober 2026. · Euronews, „Germany ‚Gen Z‘ protests turn violent as shops looted“, 1. November 2026. · Correctiv, Bericht zu „Gen Z regelt“, 22. Oktober 2026, aktualisiert 26. Oktober 2026. · Al Jazeera, „Tension and clashes as hundreds of thousands protest again in France“, 31. Oktober 2026; CNBC, „A third weekend of protests in France as youth-led rallies sweep Europe“, 31. Oktober 2026. · netzpolitik.org, „Sicherheitspaket 2.0: Sachverständige halten Gesetzentwürfe für verfassungswidrig“, 21. September 2026. · beck-aktuell, „Bundesrat stoppt ‚Sicherheitspaket‘ teilweise“, 18. Oktober 2024. · Dr. Datenschutz, „Gesichtserkennung: VG Hamburg erlaubt biometrische Datenbank“, 31. Oktober 2019.