Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 3. Oktober 2026

Die Maschine in der Maschine

Wer den Frieden von 1989 nicht brauchte und wer ihn nicht wollte.

„Wir müssen uns davor hüten, dass der militärisch-industrielle Komplex unbefugten Einfluss gewinnt, ob er ihn sucht oder nicht.“
Dwight D. Eisenhower, Abschiedsrede, 17. Januar 1961

I. Die Friedenskrise

Im Herbst 1989 drohte der Welt etwas, worauf ihre mächtigsten Apparate nicht vorbereitet waren: der Friede. Der Gegner, gegen den man vierzig Jahre lang gerüstet, spioniert und geplant hatte, löste sich auf. In Washington sprach man von der Friedensdividende. Die amerikanischen Streitkräfte wurden unter Präsident George Bush und seinem Verteidigungsminister Dick Cheney um rund ein Viertel verkleinert, die Haushalte der Geheimdienste sanken.

In „Die Friedfertigen“ haben wir beschrieben, wie diese Friedenskrise in den Fabriken ankam, und wie schnell sie vorüber war. Wir haben dort sieben Säulen gezeigt, Industrie, Politik, Geheimdienste, Militär, Banken, Medien und Denkfabriken, die jede für sich ihre Arbeit tun und gemeinsam eine Maschine bilden, die Konflikte in Umsatz verwandelt. Diese Maschine braucht keine Verschwörung. Sie hat keinen Kopf.

Das ist richtig, aber es ist nur die halbe Geschichte. Eine Maschine ohne Kopf erklärt, warum der Friede nicht gebraucht wurde. Sie erklärt nicht, warum er nicht gewollt wurde. Dafür muss man in ihr eine zweite, kleinere Maschine suchen, und die hat Gesichter.

II. Die große Maschine

Lewis Mumford, der den Begriff der Megamaschine geprägt hat, unterschied schon an den Pyramiden zwei Teile: die Arbeitsmaschine, die baut, und die Kriegsmaschine, die erobert und sichert. Beide bestehen aus Menschen, die nicht wissen müssen, wozu das Ganze dient. Jeder tut seinen Teil, und das Ergebnis will keiner allein.

Nach 1989 fand die große Maschine ihre neuen Gegner, ohne sie zu suchen. Die Kriege auf dem Balkan, der Irak, Somalia, nach 2001 der Terror. Und schließlich China, das ausgerechnet von denen stark gemacht wurde, die am Konflikt nichts verdienen: von Handelskonzernen, Banken und Industrieunternehmen, die ihre Fertigung dorthin verlegten, weil es billig war. Wie wir in „Wo der Hebel nie war“ gezeigt haben, stehen heute sechs von zehn neuen Industrierobotern der Welt in China. Den Diensten und der Rüstung hat die Exportwirtschaft so den nächsten großen Gegner geliefert, ohne Absicht und ohne Auftrag.

Dazu kommt ein Kreislauf, den der Politikwissenschaftler John Herz schon 1950 das Sicherheitsdilemma nannte. Wer rüstet, um sich zu schützen, bedroht den anderen, und der rüstet nach. Jeder handelt für sich vernünftig, und gemeinsam halten alle den Zustand am Rand des Abgrunds, an dem am meisten verdient wird. Es ist dieselbe Sperrklinke, die wir beim Reichtum beschrieben haben: Sie dreht sich nur in eine Richtung.

III. Die kleine Maschine

In der großen Maschine gibt es aber auch Menschen, die genau wissen, was sie wollen. In „Der unsichtbare Lehrmeister“ haben wir einen von ihnen beschrieben: Fritz Kraemer, Emigrant aus Deutschland, ohne Amt von Rang und ohne ein einziges Buch, und doch über zehn Präsidentschaften im amerikanischen Machtapparat gegenwärtig. Er war der Lehrer von Henry Kissinger und Alexander Haig. Seine Lehre war die von der provokativen Schwäche: Nachgiebigkeit reize den Gegner, nur Stärke schütze. Nach seiner Pensionierung 1978 empfing er in seiner Wohnung zwei jüngere Männer, Richard Perle und Paul Wolfowitz.

1989 war Kraemer 81 Jahre alt und ohne jeden direkten Einfluss. Mit Kissinger sprach er seit dessen Entspannungspolitik nicht mehr. Aber Wolfowitz saß im Pentagon, als Staatssekretär für Politik unter Cheney. In seinem Haus entstand im Frühjahr 1992 der Entwurf eines Planungspapiers, der Defense Planning Guidance. Geschrieben hat ihn Zalmay Khalilzad, unter Mitwirkung von Lewis Libby. Im März 1992 gelangte er an die New York Times. Der Kernsatz lautet:

„Unser erstes Ziel ist es, das Wiederaufkommen eines neuen Rivalen zu verhindern, sei es auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion oder anderswo.“

Das ist das Dokument der Friedenskrise. Zwei Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges schrieb das Pentagon nicht die Abrüstung fest, sondern die dauerhafte Vorherrschaft und die Wachsamkeit gegen jeden künftigen Herausforderer. Senator Joe Biden nannte es einen Schlag ins Gesicht der Verbündeten Deutschland und Japan. Nach dem Aufschrei wurde der Text unter Cheney und Colin Powell abgeschwächt. Verschwunden ist er nicht.

IV. Vater und Sohn

Wie wenig die kleine Maschine mit dem Staat identisch ist, zeigt der Präsident, unter dem sie ihr Papier schrieb. George Bush, für ein Jahr selbst Chef der CIA, war ein vorsichtiger Mann. Nach dem Fall der Mauer verzichtete er auf jede Siegesgeste, um Gorbatschow nicht zu schwächen. Im August 1991 warnte er in Kiew die Ukrainer vor einem „selbstmörderischen Nationalismus“. Im selben Jahr zog er einseitig die meisten taktischen Atomwaffen ab. Er dachte in Gleichgewichten, wie sein Sicherheitsberater Brent Scowcroft.

Am 11. September 1990, nach Saddam Husseins Einmarsch in Kuwait, sprach Bush vor dem Kongress von einer „neuen Weltordnung“: einer Welt, freier von der Bedrohung durch Terror, stärker im Streben nach Gerechtigkeit, sicherer in der Suche nach Frieden. Gemeint war kein Pazifismus. Gemeint war eine Ordnung, in der die Großmächte über die Vereinten Nationen gemeinsam gegen einen Angreifer vorgehen, mit Moskau statt gegen Moskau. Der Golfkrieg von 1991 sollte das vorführen, mit einem Mandat der UN, einer breiten Koalition und dem Verzicht, bis Bagdad weiterzumarschieren. Das Papier aus dem Pentagon, das anderthalb Jahre später in derselben Regierung entstand, wies in die Gegenrichtung. Der Riss zwischen Ausgleich und Vorherrschaft ging also zuerst durch eine Regierung und zehn Jahre später durch eine Familie.

Unter seinem Sohn war die kleine Maschine dann an der Macht. Cheney wurde Vizepräsident, Donald Rumsfeld, der Kraemer nach eigenem Zeugnis viel verdankte, Verteidigungsminister, Wolfowitz sein Stellvertreter, Perle Vorsitzender des Beratergremiums im Pentagon. Die Sicherheitsstrategie von 2002 nahm die Gedanken von 1992 wieder auf. Im März 2003 marschierten amerikanische Truppen in den Irak ein.

Der Vater und seine Leute waren dagegen. Scowcroft veröffentlichte im August 2002 im Wall Street Journal einen Artikel mit dem Titel „Greift Saddam nicht an“. Der Sohn sagte später zu dem Journalisten Bob Woodward, sein Vater sei in Fragen der Stärke der falsche Vater, an den er sich wende: Es gebe einen höheren Vater, an den er sich halte. Wen er damit meinte, hat er nicht gesagt. Es liegt nahe, dass er an Gott dachte. Bush hatte sich mit Ende dreißig dem evangelikalen Glauben zugewandt und sprach offen davon, im Gebet Führung zu suchen. Der palästinensische Politiker Nabil Schaath berichtete 2005 in einer Dokumentation der BBC, Bush habe 2003 zu ihm gesagt, Gott habe ihn beauftragt, die Tyrannei im Irak zu beenden. Das Weiße Haus hat das bestritten.

Wer sich bei der Entscheidung über Krieg und Frieden persönlich von Gott geleitet glaubt, ist für Widerspruch nicht mehr erreichbar. Kein Berater, kein Parlament und kein Vater kann ihn korrigieren. Was diese Gewissheit bedeutet, wenn sie mit Macht zusammentrifft, haben wir in „Der kollabierte Horizont“ und in „Georg Schramm sah schon 2012 die Zeichen an der Wand“ beschrieben.

Der Vater nannte 2015 in seiner Biografie Cheney einen „Eisenarsch“ und Rumsfeld arrogant. Sie hätten seinem Sohn schlecht gedient.

Fritz Kraemer starb am 8. September 2003 in Washington, ein knappes halbes Jahr nach dem Einmarsch. Er hat den größten Triumph seiner Lehre noch erlebt, ihr Scheitern nicht mehr.

V. Das Nachhelfen

Die kleine Maschine muss den Zustand am Abgrund nicht herstellen. Es genügt, dass sie ihn größer beschreibt, als er ist. Dafür gibt es belegte Beispiele. Um 1960 warnte man in Washington vor einer „Raketenlücke“ gegenüber der Sowjetunion, die es nicht gab. Der Vorsprung lag bei den Amerikanern. 2002 bescheinigten die amerikanischen Dienste dem Irak Massenvernichtungswaffen, die nie gefunden wurden.

Das ist keine Verschwörung. Ein Apparat, der von Bedrohung lebt, sieht sie überall, und wer warnt, gilt als verantwortungsvoll, wer abwiegelt, als naiv. Im Januar 2018 wurde schließlich offiziell, was 1992 noch einen Aufschrei auslöste. Die Verteidigungsstrategie der USA erklärte: „Der strategische Wettbewerb zwischen Staaten, nicht der Terrorismus, ist jetzt die Hauptsorge der nationalen Sicherheit.“ Genannt wurden China und Russland. Das große Spiel der Mächte war zurück.

VI. Der Verdacht

An dieser Stelle sind wir, die Verfasser, nicht einer Meinung, und wir legen den Dissens offen.

Der eine von uns hält es für möglich, dass die Friedenskrise nicht nur ausgesessen, sondern an der Spitze gesteuert wurde. Ein dauerhafter Friede war für die Geheimdienste beider Seiten existenzbedrohend, und gemeinsame Interessen verbinden mehr als Ideologien. Ehemalige sowjetische Geheimdienstleute behaupten, Donald Trump sei schon in den 1980er Jahren vom KGB gepflegt worden. Und Wladimir Putin war ein KGB-Offizier, dessen Aufstieg in den 1990er Jahren erstaunlich glatt verlief. Warum sollten sich die obersten Chefs beider Dienste nicht darüber verständigt haben, dass der Gegner erhalten bleiben muss?

Der andere hält dagegen: Belegt ist davon nichts. Der KGB-Chef von 1989, Wladimir Krjutschkow, führte im August 1991 den Putsch gegen Gorbatschow an und kam ins Gefängnis. Sein Nachfolger übergab den Amerikanern die Pläne der Abhöranlagen in ihrer Moskauer Botschaft, dann wurde der KGB aufgelöst. Die CIA hatte in den 1990er Jahren fünf Direktoren. Eine Abmachung, die nur an der Spitze getragen wird, hätte diese Wechsel nicht überstanden. Und eine These, die ihr Fehlen von Belegen damit erklärt, dass nur die Spitze eingeweiht war, lässt sich nicht mehr widerlegen.

Einig sind wir uns darin, dass es für das Ergebnis keine Verschwörung braucht. Die große Maschine braucht den Gegner, die kleine will ihn, und beide finden ihn.

VII. Die Trimmklappe

Der Architekt und Erfinder Buckminster Fuller hat ein Bild hinterlassen, das hier passt. Ein großes Schiff lässt sich nicht einfach mit dem Ruder drehen, der Wasserdruck ist zu stark. Deshalb sitzt am Ruder eine kleine Klappe, die Trimmklappe. Sie bewegt das Ruder, und das Ruder bewegt das Schiff. Fuller ließ auf seinen Grabstein schreiben: „Call me Trimtab“. Er meinte es als Ermutigung, als Beweis, dass ein Einzelner an der richtigen Stelle viel bewegen kann.

Die Schule Kraemers ist eine solche Trimmklappe, nur in die andere Richtung. Die große Maschine liefert die Masse und die Energie, die kleine gibt die Richtung vor. Darin liegt aber auch eine Hoffnung. Gegen die Trägheit von Millionen lässt sich wenig ausrichten. Eine Trimmklappe dagegen hat Namen, Lebensläufe und Doktrinen, und Doktrinen kann man widerlegen. Als das Planungspapier von 1992 an die Öffentlichkeit kam, wurde es zurückgenommen. Die kleine Maschine scheut das Licht.

Deshalb genügt es nicht, Strukturen zu beschreiben. Eine Struktur bewegt nichts ohne die Menschen, die sie benutzen, und wer nur von Systemen spricht, lässt die Akteure namenlos und schuldlos davonkommen. Das wäre die Variante des „man“, die wir in „Man könnte, man sollte“ beschrieben haben: ein Satz, in dem niemand gemeint ist.

VIII. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre

Der erste Einwand: Die Gegner sind nicht erfunden. Russland hat die Ukraine überfallen, China rüstet in einem Tempo auf, das kein anderes Land erreicht. Das ist richtig, und wir behaupten nichts anderes. Wir behaupten, dass es nach 1989 einen Augenblick gab, in dem andere Wege offenstanden, und dass es in Washington Menschen gab, die sie mit Absicht verschlossen haben.

Der zweite Einwand: Kraemers Einfluss wird überschätzt. Die Linie von ihm zu den Neokonservativen stützt sich vor allem auf die Rekonstruktion des Historikers Len Colodny und auf die Zeugnisse seiner Bewunderer. Das ist ernst zu nehmen. Doch selbst ohne Kraemer bliebe die Defense Planning Guidance, und sie hat Verfasser mit Namen.

Der dritte Einwand: Die USA sind in die heutige Lage hineingeschlittert, niemand hat sie gewollt. Für die Folgen trifft das zu. Den zerfallenen Irak, den „Islamischen Staat“ und ein China, das stärker ist als je zuvor, hat niemand beabsichtigt. Die Entscheidungen dagegen haben Namen und Daten. 1992 das Planungspapier aus dem Haus von Wolfowitz. Von 1994 an die Erweiterung der NATO nach Osten unter Präsident Clinton und seiner Außenministerin Madeleine Albright, einer Schülerin Zbigniew Brzezinskis, der 1997 in „Die einzige Weltmacht“ schrieb, ohne die Ukraine höre Russland auf, ein eurasisches Imperium zu sein. George Kennan, der Vater der Eindämmungspolitik, nannte die Erweiterung im selben Jahr einen „verhängnisvollen Fehler“. 2003 der Irakkrieg. 2008 das Versprechen von Bukarest an die Ukraine und Georgien, sie würden Mitglieder der NATO, durchgesetzt von Bush junior gegen Merkel und Sarkozy. Die Entscheidungen hatten Absichten, die Folgen nicht.

Widerlegt wäre der Essay, wenn sich zeigen ließe, dass die Entscheidungen nach 1989, die auf Vorherrschaft statt auf Ausgleich zielten, gegen den Willen der Menschen getroffen wurden, die sie vorbereitet hatten.

IX. Die Gesichter

Die große Maschine hat kein Gesicht, und deshalb kann niemand sie zur Rede stellen. Die kleine hat Gesichter, aber man muss hinsehen, solange man sie noch erkennt. Kraemer ist tot, Wolfowitz und Perle sind alt. Ihre Lehre lebt in Denkfabriken, Strategiepapieren und Karrieren weiter, die keinen Lehrmeister mehr brauchen. So wird aus der kleinen Maschine allmählich ein Teil der großen.

Wenn die Maschine in der Maschine Namen hat: Wer nennt sie, bevor sie in der großen verschwinden?

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 3. Oktober 2026.

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Quellen. Dwight D. Eisenhower, Farewell Address, 17. Januar 1961. Zur Verkleinerung der Streitkräfte: Lorna S. Jaffe, The Development of the Base Force 1989–1992, Joint History Office. Zur Defense Planning Guidance 1992: Patrick E. Tyler, „U.S. Strategy Plan Calls for Insuring No Rivals Develop“, New York Times, 8. März 1992; Überblick bei Wikipedia und PBS Frontline. Brent Scowcroft, „Don't Attack Saddam“, Wall Street Journal, 15. August 2002. Bob Woodward, Plan of Attack (2004). Zu Nabil Schaaths Bericht: BBC, Elusive Peace: Israel and the Arabs (2005), nach NBC News. Zu Bush senior über Cheney und Rumsfeld: Jon Meacham, Destiny and Power (2015), nach CNN. Zur Verteidigungsstrategie 2018: Congressional Research Service. John H. Herz, „Idealist Internationalism and the Security Dilemma“, World Politics (1950). Lewis Mumford, Der Mythos der Maschine (1967). George H. W. Bush, Rede vor dem Kongress, 11. September 1990. Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht (1997). George F. Kennan, „A Fateful Error“, New York Times, 5. Februar 1997. Die Behauptungen über Trumps frühe Kontakte zum KGB stammen vor allem aus Craig Unger, American Kompromat (2021), und sind nicht belegt. Zu Kraemer und den Neokonservativen: Len Colodny und Tom Shachtman, The Forty Years War (2009). Englische Fassung verfügbar.