Wo der Hebel nie war
Was die Automatisierung in China, am Golf und in Indien verändert. Ein Blick über den westlichen Tellerrand.
„Keine Besteuerung ohne Vertretung.“
Losung der amerikanischen Kolonisten, 1760er Jahre. Am Golf gilt die Umkehrung: keine Vertretung, weil keine Besteuerung.
I. Die westliche Frage
In „Utopie ohne Hebel“ haben wir gefragt, wer ein Grundeinkommen für alle durchsetzen soll, wenn die Maschinen die Arbeit tun. Die Vielen hatten bisher zwei Hebel, ihre Arbeit und ihre Rolle als Soldaten. Die menschenleere Halle nimmt den ersten weg, das menschenleere Schlachtfeld den zweiten. Übrig bleibt der Stimmzettel.
Das ist eine westliche Frage. Sie setzt voraus, dass es diese Hebel gab und dass es einen Stimmzettel gibt, der etwas bewirkt. In weiten Teilen der Welt trifft das nicht zu oder nicht mehr. Wer wissen will, wohin die Automatisierung führt, muss deshalb auch dorthin schauen. Drei Fälle sind besonders lehrreich, weil sie drei verschiedene Antworten auf dieselbe Frage zeigen.
II. China: Leistung statt Wahl
Kein Land automatisiert so schnell wie China. Von den gut 600.000 Industrierobotern, die 2025 weltweit in Fabriken aufgestellt wurden, gingen 354.000 nach China, fast sechs von zehn. Deutschland kam auf knapp 25.000. Die Robotik ist seit einem Jahrzehnt Teil der staatlichen Industriestrategie und hat im neuen Fünfjahresplan noch an Gewicht gewonnen.
Zugleich lag die Arbeitslosigkeit der Jugendlichen in den chinesischen Städten im August 2026 bei 18,9 Prozent, so hoch wie nie seit Einführung der heutigen Zählweise. Jedes Jahr drängen Millionen Hochschulabsolventen auf einen Arbeitsmarkt, der sie nicht aufnehmen kann. Unter jungen Chinesen hat sich dafür ein eigenes Wort verbreitet: tang ping, „flach liegen“, also sich dem Wettlauf verweigern, weil er nichts mehr verspricht.
Die Bevölkerung Chinas hatte den Hebel des Stimmzettels nie. Die Kommunistische Partei rechtfertigt ihre Herrschaft nicht durch Wahlen, sondern durch Leistung: Seit vierzig Jahren hat sie Wachstum, Arbeit und steigenden Wohlstand geliefert, und die Menschen haben dafür auf Mitsprache verzichtet. Gerade deshalb ist Arbeitslosigkeit dort politisch gefährlicher als im Westen. Eine Regierung, die nicht abgewählt werden kann, muss liefern. Wenn die Maschinen die Arbeit übernehmen, fällt die Grundlage dieser stillen Abmachung weg.
Auf den ersten Blick passt Hutters Modell nirgends besser als in China. Der Staat besitzt große Teile der Wirtschaft selbst, er kann besteuern, ohne dass Unternehmen ins Ausland ausweichen, und er hat vor einigen Jahren den „gemeinsamen Wohlstand“ zum Ziel erklärt. Im neuen Fünfjahresplan steht nach Einschätzung von Beobachtern allerdings die Förderung der Unternehmen stärker im Vordergrund als die Umverteilung. Und selbst wenn China eines Tages ein Grundeinkommen zahlt, wird es eine Gnade bleiben und kein Recht. Es wäre Brot, verteilt aus der Furcht vor Unruhe, so wie im kaiserlichen Rom. Einen anderen Hebel als die Unruhe haben die Empfänger nicht.
Der junge Ingenieur Liu Shengyu, von dem wir in „Der Stricker am Fenster“ erzählt haben, hat diese Frage für sein eigenes Land gestellt. Er sieht zwei Zukünfte: eine, in der die Maschinen allen zugutekommen, und eine, in der wenige sie besitzen und die Klassengrenzen erstarren. In China entscheidet darüber kein Wähler. Es entscheidet die Partei, und sie entscheidet nach dem, was ihre Herrschaft sichert.
III. Der Golf: das Labor
Es gibt einen Ort, an dem die Jobless Utopia schon seit Jahrzehnten besichtigt werden kann, nur mit Öl statt Maschinen. In Kuwait arbeiten gut 80 Prozent der berufstätigen Staatsbürger beim Staat. In der Privatwirtschaft dagegen stellen Ausländer 96 Prozent der Beschäftigten. Die produktive Arbeit tun Gastarbeiter aus Indien, Pakistan, Ägypten und den Philippinen. Die Staatsbürger erhalten ihren Anteil am Ölreichtum über sichere Stellen in Ministerien, über kostenlose Bildung, Gesundheit und Wohnungen. Ähnlich ist es, in unterschiedlichem Maß, in Katar, den Emiraten und Saudi-Arabien.
Die Politikwissenschaft hat für solche Staaten einen Begriff, den Rentierstaat. Ein Staat, der von Rohstofferlösen lebt, muss seine Bürger nicht besteuern, und wer nicht besteuert, muss auch nicht fragen. Die Losung der amerikanischen Kolonisten, keine Besteuerung ohne Vertretung, kehrt sich um: keine Vertretung, weil keine Besteuerung. Die Bürger tauschen Mitsprache gegen Wohlstand, und viele sind mit diesem Tausch zufrieden.
Der Golf zeigt, wie die politische Form einer Gesellschaft aussieht, deren Bürger für die Herstellung des Reichtums nicht gebraucht werden. Sie ist friedlich und wohlhabend, und sie ist nicht frei. Die Ausschüttung hängt am Wohlwollen der Herrscherfamilien und am Ölpreis. Und sie zeigt noch etwas: Neben den Bürgern lebt eine Mehrheit ohne Bürgerrechte, die die eigentliche Arbeit tut und keinen Anteil am Ertrag hat außer ihrem Lohn. In einer automatisierten Welt treten an ihre Stelle die Maschinen. Wer dann keinen Pass hat, der ihm einen Anteil sichert, hat gar nichts mehr.
Auch dieses Modell hat Risse. Die Golfstaaten können nicht mehr alle jungen Bürger im Staatsdienst unterbringen. Saudi-Arabien versucht seit Jahren, seine Bürger in die Privatwirtschaft zu bringen, mit Quoten und Programmen. In Kuwait liegt die Arbeitslosigkeit der Staatsbürger inzwischen bei über sechs Prozent, die der Ausländer bei fast null. Wenn der Rentierstaat nicht mehr genug verteilen kann, hat er keine Antwort, denn eine andere Form der Beteiligung hat er nie vorgesehen.
IV. Indien: die fehlende Sprosse
Für die ärmeren Länder stellt sich die Frage ganz anders. Sie haben weder die Maschinen noch das Öl. Ihr Weg nach oben führte bisher über billige Arbeit. Korea, Taiwan und zuletzt China sind reich geworden, weil sie Millionen Bauern in Fabriken holten, wo sie mehr verdienten und mehr herstellten. Der Ökonom Dani Rodrik vergleicht diese Industrialisierung mit einer Rolltreppe, die breit genug war, um sehr viele Menschen mitzunehmen. Er hat auch beobachtet, dass diese Rolltreppe für die heutigen Nachzügler nicht mehr fährt. Länder wie Indien beginnen, ihre Industrie abzubauen, bevor sie überhaupt reich geworden sind. Er nennt das verfrühte Deindustrialisierung.
Indien hat deshalb einen anderen Weg versucht, über Dienstleistungen. Die indische IT-Branche beschäftigt rund fünfeinhalb Millionen Menschen, die für Unternehmen in aller Welt programmieren, testen und Daten verarbeiten. Genau diese Arbeit ist es, die heute zuerst automatisiert wird, weil ihr Ergebnis sich leicht prüfen lässt. Die größten indischen Firmen bauen bereits Stellen ab, während ihre Umsätze weiter wachsen. Der frühere Chef von Infosys warnt, ohne rasche Umschulung werde es eine große Zahl von Menschen geben, die nicht mehr vermittelbar sind.
Für ein Land wie Indien ist ein Grundeinkommen nach Hutters Rezept kaum denkbar. Die Hallen, in denen die Arbeit künftig getan wird, stehen nicht in Indien, und sie gehören keinen Indern. Die Gewinne fallen in Kalifornien, in Shenzhen oder auf den Konten von Investoren an. Die Frage aus „Wem gehört die menschenleere Halle?“ bekommt hier eine zweite Hälfte: Nicht nur, wem die Halle gehört, sondern auch, in welchem Land sie steht.
V. Was der Vergleich zeigt
Nebeneinander gestellt ergeben die vier Fälle ein klares Bild. Im Westen verlieren die Vielen ihre Hebel, behalten aber den Stimmzettel. In China hatten sie den Stimmzettel nie, und die Partei ersetzt ihn durch Leistung, solange sie liefern kann. Am Golf haben die Bürger ihren Hebel gegen Wohlstand eingetauscht, und der Tausch hält, solange das Öl fließt. In Indien und den ärmeren Ländern fehlt schon das, was man verteilen könnte, weil die Erträge woanders anfallen.
Gemeinsam ist allen vier Fällen, dass die Verteilung am Ende eine Frage des Eigentums und der politischen Form ist, nicht der Technik. Die Maschinen sind überall dieselben. Was sie für die Menschen bedeuten, entscheidet sich daran, wem sie gehören und ob die, denen sie nicht gehören, noch etwas mitzureden haben.
Das gibt dem Westen eine besondere Verantwortung, und das sollte man ohne Überheblichkeit sagen. Er ist der einzige der vier Fälle, in dem die Vielen noch einen Hebel in der Hand haben, den Stimmzettel. Wenn sie ihn nicht nutzen, um die Eigentumsfrage zu stellen, solange sie es noch können, dann gibt es auf der Welt niemanden mehr, der sie stellt. Deshalb kommt es so sehr darauf an, was wir in „Man könnte, man sollte“ das Kind genannt haben: die Möglichkeit, die Regierenden ohne Blutvergießen loszuwerden.
VI. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre
Der erste Einwand: China könnte das Problem besser lösen als der Westen, gerade weil der Staat dort die Wirtschaft lenkt und nicht auf Wahlen Rücksicht nehmen muss. Ein Staat, der langfristig plant, kann Grundeinkommen, Umschulung und Industriepolitik aus einem Guss gestalten. Das ist möglich, und wir sollten es nicht ausschließen. Aber es beantwortet nur die Frage, ob verteilt wird, nicht die, ob die Empfänger einen Anspruch haben.
Der zweite Einwand: Die Bürger am Golf sind zufrieden. Viele Beobachter berichten von einer hohen Zustimmung zu den Herrscherhäusern. Wenn Wohlstand ohne Mitsprache die Menschen glücklich macht, warum sollte man mehr verlangen? Weil Zufriedenheit nicht dasselbe ist wie Sicherheit. Die Zufriedenheit hält, solange das Öl fließt und die Herrscher großzügig bleiben. Einen Anspruch, auf den man sich berufen kann, wenn eines von beidem endet, gibt es nicht.
Widerlegt wäre der Essay, wenn sich zeigen ließe, dass Staaten, in denen die Bürger für die Herstellung des Reichtums nicht gebraucht werden, ihnen dauerhaft und verlässlich einen Anteil sichern, auch dann, wenn die Kassen knapp werden.
VII. Die vier Hallen
Die Maschinen in Shenzhen, in einer Wüstenstadt am Golf, in einem Rechenzentrum für indische Programmierer und in einer bayerischen Fabrik sind dieselben. Die Menschen davor sind es nicht. Die einen konnten nie fragen, die anderen haben aufgehört zu fragen, die dritten haben nichts, wonach sie fragen könnten. Nur die vierten können noch fragen.
Wenn nur noch die Bürger der westlichen Demokratien einen Hebel in der Hand haben: Nutzen sie ihn, bevor sie ihn verlieren, oder legen sie ihn freiwillig aus der Hand?