Utopie ohne Hebel
Ein Grundeinkommen für alle, wenn die Maschinen arbeiten. Wer setzt es durch, wenn niemand mehr gebraucht wird?
„Jobless Utopia ist keine technische Vorhersage, sondern ein politischer Auftrag.“
Aus dem Gespräch von Leonard Schmedding (Everlast AI) mit dem KI-Forscher Marcus Hutter über dessen Buch „Job-Less Utopia“, Oktober 2026
I. Das Angebot
Marcus Hutter gehört zu den angesehenen Theoretikern der künstlichen Intelligenz. In seinem Buch „Job-Less Utopia. Macroeconomics in the Age of AGI“, das in diesem Jahr erschienen ist, entwirft er eine Zukunft, über die er gerade auch mit Leonard Schmedding, dem Gründer der KI-Beratung Everlast AI, ausführlich gesprochen hat. Das Gespräch ist auf der Website von Everlast AI erschienen. Büroarbeit werde in zwei bis fünf Jahren weitgehend von Maschinen erledigt, körperliche Arbeit in weiteren fünf bis zehn Jahren. Buchhaltung, Übersetzung, juristische Recherche, Programmierung, Werbung und Finanzanalyse stünden schon jetzt unter starkem Druck.
Seine Antwort darauf ist ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle. Finanziert werden soll es aus mehreren Quellen zugleich: aus einer Steuer auf den Lohnvorteil der Automatisierung, also auf das Geld, das ein Unternehmen spart, wenn eine Maschine die Arbeit eines Menschen übernimmt, dazu aus Steuern auf Grund und Boden, Erbschaften, Luxus und Konsum sowie aus staatlichen Vermögensfonds. Hutter rechnet vor, dass das bezahlbar ist, solange die Maschinen mindestens so viel herstellen wie heute die Menschen. Die Menschen könnten sich dann dem widmen, wofür heute keine Zeit bleibt: Kindern, Pflege, Kunst, Sport, dem Ehrenamt.
II. Was stimmt
Zwei Dinge an diesem Entwurf verdienen Zustimmung. Hutter sagt offen, dass Wachstum die Gewinne nicht von selbst verteilt. Seit den siebziger Jahren wächst in vielen Industrieländern die Produktivität schneller als die Löhne. Wer glaubt, die Automatisierung werde den Wohlstand von allein nach unten durchreichen, hat die letzten fünfzig Jahre nicht beobachtet. Wir haben in „Trickle-Down“ beschrieben, dass diese Theorie durchaus funktioniert hat, nur in die andere Richtung.
Den Mechanismus dahinter haben wir in „Die Sperrklinke“ untersucht. Ein Gewinn aus einer neuen Technik fällt zuerst bei denen an, die schon besitzen. Danach gilt die neue Verteilung als Ausgangspunkt, an dem niemand schlechtergestellt werden darf, und die Umverteilung wird zur politischen Aufgabe erklärt, die irgendwann irgendwer erledigen soll. So rastet die Ungleichheit Zahn um Zahn ein wie eine Sperrklinke, die sich nur in eine Richtung drehen lässt. Hutters Grundeinkommen soll diese Klinke im Nachhinein wieder lösen. Die Automatisierung dreht sie zuerst weiter.
Und Hutter nennt seine Utopie keine Vorhersage, sondern einen politischen Auftrag. Das ist mehr, als die meisten in seiner Branche sagen, die gern so tun, als ergebe sich das Gute von selbst, sobald die Technik nur weit genug ist. Er sieht auch die Gefahr, dass die Macht in wenige Hände gerät, und schlägt als Schutz mehr direkte Demokratie und ausgeloste Bürgergremien vor. An genau diesem Punkt aber beginnt die Frage, ob das trägt.
III. Wer zahlt?
Die erste Schwierigkeit ist praktisch. Die meisten der vorgeschlagenen Steuern greifen dort, wo man sie greifen kann: im eigenen Land, bei Grundstücken, Erbschaften und Betrieben. Die Steuer auf den Lohnvorteil trifft den, der eine Maschine anschafft: die Spedition, die ihr Lager automatisiert, die Kanzlei, die ihre Recherche einem Programm überlässt, den Handwerksbetrieb mit dem neuen Roboter. Die großen Gewinne fallen aber woanders an, bei den wenigen Unternehmen, deren Modelle und Plattformen in all diesen Maschinen laufen. Diese Unternehmen sitzen meist nicht in dem Land, das besteuern will, und sie verlegen ihre Gewinne dorthin, wo die Steuern niedrig sind.
Die Steuer träfe also den Mittelstand, der ohnehin unter Druck steht, und verfehlte die, bei denen sich der Ertrag sammelt. Das ist keine Kleinigkeit. Es ist die Frage, die wir in „Wem gehört die menschenleere Halle?“ gestellt haben, nur vom Finanzamt aus gesehen.
IV. Der Kreis
Die zweite Schwierigkeit ist grundsätzlicher. Ein politischer Auftrag muss gegen jemanden durchgesetzt werden, der nicht zahlen will. Woher nehmen die Vielen die Macht dazu?
Bisher hatten sie zwei Hebel. Der erste war die Arbeit: Ohne sie lief keine Fabrik, und darauf beruhte alles, was sich die Beschäftigten in zweihundert Jahren erkämpft haben. Der zweite war älter: Jeder Herrscher brauchte Soldaten, und Soldaten gehörten selbst zu den Vielen. Sie konnten sich weigern zu schießen. Den ersten Hebel nimmt die menschenleere Halle weg, den zweiten das menschenleere Schlachtfeld, das wir in „Wer die Büchse öffnet“ beschrieben haben.
Hutters Utopie setzt also eine Verhandlungsmacht voraus, die in ihr selbst immer schwächer wird. Sie verlangt, dass die Vielen einen Teil des Ertrags beanspruchen, in genau dem Moment, in dem man sie weder zum Arbeiten noch zum Gehorchen mehr braucht. Hutters Antwort, direkte Demokratie und Losverfahren, sind gute Werkzeuge. Aber auch sie wirken nur, solange die, die sie anwenden, etwas in der Hand haben, wenn ihr Beschluss missachtet wird. Ein Kritiker des Buches, der Programmierer und Blogger Fernando Borretti, hat es knapp gesagt: Wenn keine menschliche Arbeit mehr gebraucht wird, ist ein Streik nur noch selbst auferlegter Verzicht.
Die Geschichte des Sozialstaats zeigt, warum das wichtig ist. Bismarck hat die Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts nicht aus Menschenfreundlichkeit eingeführt. Er wollte der wachsenden Arbeiterbewegung das Wasser abgraben. Die Sozialversicherung war ein Zugeständnis an eine Macht, die man fürchtete. Wo es diese Macht nicht gab, gab es auch kein Zugeständnis.
V. Brot ohne Stimme
Es gibt ein historisches Vorbild für ein Grundeinkommen ohne Arbeit, und es ist kein ermutigendes. Im kaiserlichen Rom erhielten Hunderttausende Bürger der Hauptstadt regelmäßig kostenloses Getreide. Viele von ihnen hatten keine Arbeit, die irgendjemand brauchte, denn die Arbeit taten Sklaven. Die Kaiser verteilten das Getreide nicht, weil die Bürger ein Recht darauf hatten, sondern weil sie fürchteten, was ein hungriger Stadtpöbel anrichten konnte. Der Dichter Juvenal hat das Ergebnis in zwei Worte gefasst: Brot und Spiele. Das Volk, das einst über Krieg und Frieden abgestimmt hatte, wollte nur noch diese beiden Dinge.
Das Getreide war eine Gnade, kein Recht. Es konnte gekürzt, an Bedingungen geknüpft und als Belohnung für Wohlverhalten verteilt werden. Die Empfänger hatten keinen Hebel außer dem Aufruhr, und der wurde immer seltener, je zuverlässiger das Getreide kam.
Ein Grundeinkommen aus Steuern auf Maschinen trägt dieselbe Gefahr in sich. Wer es empfängt, hat keinen Anspruch auf eine bestimmte Höhe. Das zeigt schon heute die Öldividende in Alaska, die Gouverneure und Parlament seit Jahren kürzen, wenn das Geld knapp wird. Ein Einkommen, das man gewähren kann, kann man auch entziehen.
VI. Recht statt Gnade
Der Unterschied zwischen Gnade und Recht liegt im Eigentum. Wer einen Anteil an der Halle besitzt, bekommt seinen Teil des Ertrags, weil er ihm gehört, nicht weil ihn jemand gewährt. In „Wem gehört die menschenleere Halle?“ haben wir drei Formen beschrieben, in denen der Ertrag nicht danach verteilt wird, wer Anteile gekauft hat: Eigentum durch Arbeit wie in Mondragón, Eigentum durch Zweck wie in Ernst Abbes Zeiss-Stiftung und Eigentum durch Zugehörigkeit wie in Alaska. Hutters Vorschlag ist im Kern die dritte Form. Seine Vermögensfonds gehen in die richtige Richtung, weil sie Eigentum schaffen und nicht nur Steuern erheben. Entscheidend ist aber, wem sie gehören: dem Staat, der über ihre Ausschüttung jedes Jahr neu beschließen kann, oder den Bürgern selbst.
Eine stärkere Gestalt wäre ein Anteil, der den Bürgern selbst gehört und den kein Parlament bei der nächsten Haushaltsnot kürzen kann, verwaltet von einer Stelle, die von außen kontrolliert wird. Das ist schwieriger zu bauen als eine Steuer. Aber nur so wird aus einer Gnade ein Recht.
VII. Was die Menschen dann tun
Bleibt die Liste der Tätigkeiten, die Hutter für die Zeit nach der Erwerbsarbeit nennt: Kinder, Pflege, Kunst, Sport, Ehrenamt. Zwei davon sind heute schon Arbeit, nur schlecht bezahlt. Wer einen kranken Vater pflegt oder Kinder großzieht, arbeitet, und zwar oft härter als im Büro. Dass diese Arbeit in der Utopie als Beschäftigung für die freie Zeit erscheint, verrät etwas über den Blickwinkel. Sie war schon immer unterbezahlt, weil sie überwiegend von Frauen und überwiegend zu Hause getan wurde. Die Utopie ändert daran nichts, sie macht es nur bequemer, nicht darüber zu reden.
Und sie berührt die Frage, die der junge Ingenieur in „Der Stricker am Fenster“ gestellt hat. Ein Einkommen ersetzt nicht das, wofür man eine Arbeit gern getan hat. Wer am Fenster gestrickt hat, weil er es konnte und weil andere seine Pullover wollten, bekommt mit einer Überweisung nicht zurück, was er verloren hat.
VIII. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre
Der erste Einwand: Die Vielen behalten einen Hebel, nämlich den Stimmzettel. In einer Demokratie können sie eine Regierung abwählen, die ihnen das Grundeinkommen verweigert. Das ist richtig, und es ist der wichtigste Einwand. Aber er bestätigt unser Argument mehr, als dass er es widerlegt. Wenn Arbeit und Waffen als Hebel wegfallen, bleibt nur noch die Wahl. Gerade dann hängt alles davon ab, dass sie mehr ist als ein Ritual. Das ist der Grund, warum wir in „Man könnte, man sollte“ so genau bestimmt haben, was das Kind ist, das man nicht mit dem Bade ausschütten darf.
Der zweite Einwand: In einer Welt des Überflusses kostet Großzügigkeit fast nichts. Wenn Maschinen alles herstellen, haben die Eigentümer keinen Grund, den anderen das Nötige zu verweigern. Das mag sein. Rom war reich genug, um seine Bürger zu ernähren, und hat es getan. Frei waren diese Bürger trotzdem nicht mehr.
Widerlegt wäre der Essay, wenn sich ein Fall zeigen ließe, in dem eine Gruppe, die weder als Arbeitskraft noch als Machtfaktor gebraucht wurde, dauerhaft einen verbrieften Anteil am Reichtum anderer durchsetzen konnte.
IX. Der Auftrag
Hutter hat recht: Die Jobless Utopia ist ein politischer Auftrag. Aber ein Auftrag braucht jemanden, der ihn erteilt, und jemanden, der ihn erzwingen kann, wenn er nicht ausgeführt wird. Wenn beides fehlt, wird aus der Utopie das alte Rom mit neuen Maschinen. Und es gibt keinen Meister, der im letzten Augenblick hereinkommt und die Besen wieder in die Ecke stellt, wie wir in „Die Zauberlehrlinge“ gezeigt haben. Wer die Kräfte losgelassen hat, ist selbst nur ein Lehrling, und wer die Bremsen ausgebaut hat, wie in „Der Tempomat“, kann sie nicht nachträglich herbeiwünschen.
Wenn die Vielen nicht mehr gebraucht werden: Bekommen sie dann ihren Anteil, weil er ihnen gehört, oder weil man ihn ihnen gewährt, solange es gefällt?