Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 18. Oktober 2026

Die Jugend ist unsere Zukunft

Welche Jugend – welche Zukunft?

Die Jugend ist unsere Zukunft, sagen alle. Welche Jugend? Die im Paddelboot oder die im Rolls-Royce?

I. Ein Satz für Sonntagsreden

Kein Satz ist so unbestritten und so folgenlos. Er steht in Parteiprogrammen, in Grußworten zum Schulabschluss, in Haushaltsreden. Und während er gesagt wird, brennt in Limoges das Rathaus.

Am 17. Oktober 2026 gingen in Frankreich je nach Zählung 550.000 bis 800.000 Menschen auf die Straße. Angefangen hatte es fünf Wochen zuvor an einem Gymnasium in Créteil bei Paris: fehlende Lehrer, überfüllte Klassen, Schimmel an den Wänden, Klassenzimmer, die im Sommer vierzig Grad erreichen. Am Ende brannte ein 143 Jahre altes Rathaus, in Marseille und Lille wurden die Rathäuser gestürmt, in neun Städten Geschäfte geplündert. Seit September sind in Frankreich Tausende in Polizeigewahrsam genommen worden, fast neun von zehn waren minderjährig.

Am selben Tag gab es Straßenschlachten in Mailand und Bologna, Tränengas in Brüssel, Zehntausende in Lissabon. In Madrid streiken die Lehrer unbefristet, in Athen zelten Studenten vor dem Parlament. Wer das für ein französisches oder europäisches Problem hält, schaut zu kurz hin.

II. Die Welle

Die Welle begann nicht in Europa. 2022 stürzte in Sri Lanka eine Bewegung junger Leute die Präsidentenfamilie. 2024 jagten Studenten in Bangladesch die Regierungschefin aus dem Land, und in Kenia zwang eine Generation, die sich über soziale Medien verabredete, den Präsidenten, ein Steuergesetz zurückzuziehen. 2025 wurde das Jahr der Generation Z. In Nepal verbot die Regierung im September die sozialen Medien, die Jungen gingen auf die Straße, der Regierungspalast brannte, und nach zwei Tagen trat der Premierminister zurück. In Madagaskar fielen erst Wasser und Strom aus, dann die Regierung. In Marokko protestierten Junge unter dem Namen „GenZ 212“ dagegen, dass Geld in Fußballstadien fließt, während in einem Krankenhaus in Agadir acht Frauen bei der Geburt starben. „Die Stadien sind da, aber wo sind die Krankenhäuser?“, stand auf ihren Plakaten. In Indonesien, Peru, den Philippinen, Bulgarien, Serbien gingen sie gegen Korruption und Selbstbedienung auf die Straße. 2026 trat in Indien der Bildungsminister zurück, nachdem Prüfungsskandale die Jungen auf die Straße trieben.

Über allen diesen Protesten weht ein seltsames Zeichen: eine Piratenflagge aus einem japanischen Comic, ein grinsender Totenkopf mit Strohhut. Sie hing an Regierungsgebäuden in Jakarta, Kathmandu, Antananarivo und Sofia. Man muss den Comic nicht kennen, um die Botschaft zu verstehen. Es ist die Flagge derer, die sich außerhalb der Ordnung sehen, weil die Ordnung für sie keinen Platz vorgesehen hat.

Die Internationale Arbeitsorganisation zählt weltweit 257 Millionen junge Menschen, die weder arbeiten noch lernen. Das ist jeder fünfte junge Mensch auf der Erde, und es sind mehr, als Deutschland, Frankreich und Italien zusammen Einwohner haben. In China ist fast jeder fünfte junge Mensch in den Städten ohne Arbeit, so viele wie nie seit Beginn der neuen Zählweise.

III. Welche Jugend?

Doch es gibt nicht eine Jugend. Es gibt mindestens vier.

Die erste ist die Mehrheit. In Madagaskar oder Kenia ist die Hälfte der Bevölkerung jünger als zwanzig, in Nepal und Bangladesch jünger als dreißig. Dort sind die Jungen keine Randgruppe, sie sind das Volk. Wenn sie auf die Straße gehen, fallen Regierungen.

Die zweite ist die Minderheit. In Europa, in Japan, in China altern die Gesellschaften. In Deutschland ist mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten älter als fünfzig. Die Jungen sind hier zu wenige, um zu entscheiden, und zu viele, um sie zu übersehen. Sie können Regierungen nicht stürzen, aber sie können Rathäuser anzünden. Oder sie können still werden.

Das ist die dritte Jugend: die, die sich zurückzieht. In China hat sie einen Namen, „flach liegen“: nicht kämpfen, nicht aufsteigen wollen, das Nötigste tun, weil sich das Mehr nicht lohnt. Diese Jugend demonstriert nicht. Sie verweigert sich. Für einen Staat ist sie bequemer als die auf der Straße. Für eine Gesellschaft ist sie gefährlicher, weil sie nichts mehr erwartet.

Den ersten drei gemeinsam ist eine Erfahrung, die ihre Eltern nicht hatten. Ein Abschluss garantiert keine Stelle mehr, eine Stelle keine Wohnung, eine Wohnung keine Familie. In Spanien kostet eine durchschnittliche Miete fast das gesamte Einkommen eines jungen Menschen, und nur einer von sieben unter dreißig wohnt nicht mehr bei den Eltern. Wer mit dreißig noch im Kinderzimmer schläft, dem hat man die Zukunft nicht genommen. Man hat sie ihm nie gegeben.

IV. Die neue Jeunesse dorée

Und dann gibt es noch eine vierte Jugend. Sie demonstriert nicht, sie zieht sich nicht zurück, und sie schläft nicht im Kinderzimmer. Sie postet.

Der Begriff stammt, wie so vieles in dieser Geschichte, aus Frankreich. Nach dem Sturz Robespierres 1794 zogen die gut gekleideten Söhne des Bürgertums mit Knüppeln durch Paris und verprügelten Jakobiner und Sansculotten, geduldet und ermutigt von den neuen Machthabern. Man nannte sie die Jeunesse dorée, die vergoldete Jugend. Sie war die Jugend, die die Ordnung gegen die andere Jugend verteidigte.

Heute braucht sie keine Knüppel mehr. In Nepal zeigten im Sommer 2025 die Kinder von Politikern auf TikTok ihre Luxusreisen, Markentaschen und Sportwagen, während ihre Altersgenossen zu Hunderttausenden als Hilfsarbeiter in die Golfstaaten auswandern, um ihre Familien zu ernähren. „Nepo Kids“ nannten die Jungen sie, und einer der meistgesehenen Beiträge fragte nur: Woher kommt das Geld? Als die Regierung wenige Wochen später die sozialen Medien sperrte, brannte das Land. Auf den Philippinen zeigte die Tochter einer Bauunternehmerfamilie mehr als vierzig Luxusautos, darunter einen Rolls-Royce, den sie angeblich wegen des mitgelieferten Regenschirms gekauft hatte. Das Geld stammte aus staatlichen Aufträgen für den Hochwasserschutz, von dem in vielen Gegenden nichts gebaut wurde. Zur selben Zeit paddelte eine Lehrerin in einem Boot durch das Hochwasser zur Schule.

Das ist mehr als Neid. Die Jeunesse dorée macht sichtbar, was die Statistik verbirgt: Die Zukunft ist nicht knapp, sie ist vergeben. 2023 meldete die Schweizer Großbank UBS zum ersten Mal, dass die neuen Milliardäre ihr Vermögen mehr durch Erbschaft als durch eigene Unternehmen erworben haben. In den kommenden zwanzig Jahren werden mehr als tausend Milliardäre über fünf Billionen Dollar an ihre Kinder weitergeben. In Deutschland werden große Familienvermögen weitgehend steuerfrei vererbt; wir haben das in „Wir werden weiter vererben“ und „Renten, Pfründe und die Wegelagerer“ beschrieben.

Damit verändert sich die Frage. Der Konflikt verläuft nicht nur zwischen Alt und Jung, sondern quer durch die Jugend. Großeltern mit Vermögen bezahlen das Studium, Eltern stellen das Eigenkapital für die Wohnung. Was der Staat den Jungen nimmt, gleichen die vermögenden Familien privat wieder aus. Die anderen können es nicht. So wird aus der Ungerechtigkeit zwischen den Generationen eine Ungerechtigkeit zwischen den Familien, und das Scheitern der einen erscheint als persönliches Versagen statt als Folge einer Mechanik. Auf der einen Seite stehen die, denen die Zukunft vererbt wird, auf der anderen die, denen man sie verkauft, zu Mieten, die sie nicht bezahlen können. Die Rede von „der Jugend“ verdeckt das. Sie tut so, als säßen alle im selben Boot. Die einen sitzen im Rolls-Royce, die anderen im Paddelboot.

V. Was geschützt ist und was nicht

Die Staaten sagen, sie hätten kein Geld. Das stimmt nur zur Hälfte. Sie haben sich durch ihre Verschuldung über Jahrzehnte selbst handlungsunfähig gemacht, weil jede Regierung sich gezwungen sah, „systemische“ Banken zu retten, später Pandemie und Energiekrise auf Pump zu bezahlen, und lieber die nächste Wahl gewann als die nächste Generation. Deutschland hat dafür 2022 sogar ein Wort erfunden: den „Doppel-Wumms“, einen Rahmen von 200 Milliarden Euro gegen die Energiekrise. Er machte den Verbrauch billiger, ausgerechnet von dem, was knapp war, und baute nichts, was bleibt. Wir haben ihn in „Doppel-Wumms“ ein Geschenk der Alten an sich selbst genannt, bezahlt von den Jungen, die nicht gefragt wurden. Das Wort, das in solchen Momenten niemand ausspricht, heißt Verzicht.

Aber das Geld, das noch da ist, wird nicht zufällig verteilt.

Frankreich gibt mehr als die Hälfte von allem, was es erwirtschaftet, über öffentliche Kassen aus. Der Haushaltsentwurf für 2027 friert alle Ausgaben ein, mit zwei Ausnahmen: den Zinsen und der Verteidigung. Geschützt sind die Gläubiger und das Militär. Eingefroren sind die Schulen. Inzwischen zahlt Frankreich für seine Schulden höhere Zinsen als Italien und Griechenland. Jeder Euro, der an die Gläubiger geht, fehlt im Klassenzimmer von Créteil.

Und wer sind die Gläubiger? Hinter den Staatsanleihen stehen Banken, Versicherungen und Fonds, und hinter diesen stehen vor allem ältere Menschen mit Vermögen. Der Staat zahlt also doppelt an die Alten: einmal über Renten und Pflege, ein zweites Mal über die Zinsen auf ihre Ersparnisse. Bezahlt wird beides aus den Steuern auf Arbeit, und arbeiten tun vor allem die Jüngeren. Wir haben diese doppelte Bewegung im Juni in „Die strukturelle Umverteilung zwischen den Generationen“ beschrieben. Niemand hat sie geplant, niemand betrügt, und gerade deshalb hält sie so fest. Der wichtigste Beteiligte sitzt nicht am Tisch, weil er noch nicht wählen darf oder noch nicht geboren ist; das ist das Spiel, das wir in „Der Phantomspieler“ beschrieben haben.

In Marokko war es nicht anders, nur sichtbarer: Stadien für die Fußball-Weltmeisterschaft 2030 und Krankenhäuser, in denen Frauen bei der Geburt sterben. Und in Deutschland? Hier hat man 2025 die Schuldenbremse für Rüstung gelockert. Nach dem Finanzplan des Bundes wird der Verteidigungshaushalt bis 2030 mehr als verdoppelt, während der Etat, in dem Bildung, Familie und Jugend stehen, nicht nur relativ, sondern absolut sinkt. 2030 soll das Militär dreizehnmal so viel bekommen wie dieser Etat. Zugleich wird in Berlin das Kanzleramt nahezu verdoppelt, für fast 800 Millionen Euro. Wir haben das im Juli in „Der Staat, der an sich selbst baut“ beschrieben. Fair muss man sagen: Die Schulen bezahlen bei uns vor allem die Länder, und eine veränderte Sicherheitslage verlangt eine Antwort. Aber das eine erzwingt das andere nicht. Es ist eine Wahl, und es ist die Wahl gegen die Zukunft. Der Journalist Frank Sieren hat die Regel dafür benannt: Absteigende Gesellschaften sind vor allem damit beschäftigt, das Erreichte nicht zu verlieren. Aufsteigende investieren in das, was kommt.

Gespart wird dort, wo der Widerstand am geringsten scheint. Die Rentenreform von 2023 hat Frankreich wochenlang lahmgelegt; an die Renten geht man seither nur noch vorsichtig. Rentner wählen. Schüler wählen nicht. Das ist keine Verschwörung, sondern Arithmetik. Eine Regierung, die überleben will, legt die Lasten auf die, die sich am wenigsten wehren können. Bis sie sich wehren.

Nicht alles scheitert am Geld. Spaniens Regierung legte im September Notverordnungen gegen Zwangsräumungen vor, die den Staat kaum etwas gekostet hätten. Das Parlament lehnte sie ab. Kurz darauf starb in Madrid eine 87-jährige Frau, die nach über siebzig Jahren aus ihrer Wohnung geräumt worden war. Dort ist nicht die Kasse handlungsunfähig, sondern die Mehrheit. Und in Lissabon erklärte ein Minister, man werde „den Schreien der Straße nicht nachgeben“. Wer so spricht, hat schon entschieden, dass er nicht zuhören muss.

VI. Das billigste Mittel

Ein Staat, der den Ursachen nichts mehr entgegensetzen kann, hat immer noch ein Mittel: die Polizei. Sie ist kurzfristig billiger als Schulen, Krankenhäuser oder Wohnungen, und sie lässt die Regierung entschlossen aussehen. Das ist die perfekte Methode für eine Eskalation.

In Frankreich hat ein 15-Jähriger durch eine Granate eine Hand verloren, ein 16-Jähriger durch ein Gummigeschoss das Augenlicht auf einer Seite. In Marokko wurden über 2.400 Menschen angeklagt, auch dort Minderjährige, drei Demonstranten wurden getötet. In Tansania, in Iran, in Nepal endete die Antwort des Staates mit vielen Toten.

Man muss fair sein: Die Gewalt der anderen Seite ist ebenfalls real. Schulen wurden angezündet, Polizisten verletzt, Geschäfte geplündert, und es gibt überall Gruppen, die genau das wollen. Eine Regierung, die dem tatenlos zusieht, verspielt ihren Auftrag. Aber wer auf eine berechtigte Sache vor allem mit Härte antwortet, bestätigt den Verdacht, dass er nichts anderes mehr zu bieten hat. In Frankreich halten 62 Prozent die Bewegung für berechtigt.

Wie es anders geht, hat Frankreich selbst gezeigt. Als die Gelbwesten 2018 das Land erschütterten, fand Macron in wenigen Wochen acht bis zehn Milliarden Euro für Mindestlohn, kleine Renten und Überstunden, setzte die Benzinsteuer aus und rief eine große nationale Debatte aus. Die Bewegung verebbte. Heute hat er diesen Ausweg nicht mehr. Die Märkte sehen zu, die Zinsen steigen. Was 2018 ein Ventil war, ist 2026 verschlossen. Marokko hat dagegen 2025 nachgegeben und die Mittel für Gesundheit und Bildung erhöht. Es geht also, wenn man will und kann.

VII. Welche Zukunft?

Und was kommt, wenn die Jungen gewinnen? Die Bilanz ist ernüchternd.

In Madagaskar stürzte die Generation Z im Oktober 2025 den Präsidenten. Die Macht übernahm das Militär. Im April 2026 ließ es Aktivisten verhaften, die nach einem Wahltermin fragten. In Bangladesch jagten die Studenten 2024 die Regierungschefin aus dem Land. Bei der Wahl im Februar 2026 bekam ihre eigene Partei drei Prozent der Stimmen; gewonnen hat eine der alten Parteien. Die Jungen haben das Tor aufgestoßen, und hindurchgegangen sind andere.

Nepal ist die Ausnahme. Dort gewann im März 2026 eine Partei mit einem 35-jährigen früheren Bürgermeister an der Spitze zwei Drittel der Sitze. Ob er hält, was die Straße sich von ihm verspricht, ist offen.

Daraus folgt eine harte Lehre. Ein Protest ohne Form, ohne Organisation, ohne Programm kann eine Regierung stürzen, aber er kann keine bilden. Die Macht fällt dann denen zu, die organisiert sind: der Armee, den alten Parteien, dem Apparat. Wir haben in „Wessen Diener?“ gefragt, wem dieser Apparat dient, wenn der Dienstherr wechselt. In Madagaskar ist die Antwort schon gegeben.

Die Geschichte kennt das Muster. 1789 berief ein bankrotter König die Generalstände ein, weil er Geld brauchte, und bekam eine Revolution, an deren Ende ein General Kaiser wurde. In Deutschland sparte von 1930 bis 1932 ein Kanzler in der tiefsten Krise und regierte mit Notverordnungen; die Jungen liefen zu denen, die ihnen eine Zukunft versprachen, ganz gleich welche. Es gibt keinen Automatismus, und das heutige Europa ist reicher und gefestigter als das von damals. Aber wer sicher sein will, dass es diesmal anders ausgeht, sollte das Muster kennen.

VIII. Und Deutschland?

In Deutschland ist es ruhig. In Berlin und Hamburg haben je 150 Schüler ihre Schulen blockiert, mit einem Transparent: „Solidarität mit den Schülern in Frankreich“. Für den 31. Oktober kursiert ein Aufruf zu bundesweiten Schülerprotesten, an einem Samstag. Die Berliner Bildungssenatorin antwortete: „Schule ist kein rechtsfreier Raum.“

Die Ruhe täuscht. Auch hier verfallen Schulen, auch hier finden junge Leute in den Städten keine Wohnung, auch hier fehlen Lehrer. Der Unterschied liegt nicht in den Ursachen, sondern im Temperament. Der französische Zorn geht auf die Straße. Der deutsche geht in die Wahlkabine. In Frankreich brennt ein Rathaus, in Sachsen-Anhalt steht eine Partei vor der Regierungsmacht, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch einstuft; wir haben das in „Das freundliche Gesicht“ beschrieben. Der deutsche Weg sieht ruhiger aus. Er könnte am Ende mehr verändern. Die Frage ist nur: in welche Richtung?

Die jungen Wähler geben darauf keine einheitliche Antwort, sondern zwei entgegengesetzte. Bei der Bundestagswahl 2025 wählten die 18- bis 24-Jährigen am häufigsten die Linke und gleich danach die AfD, die jungen Frauen eher links, die jungen Männer eher rechts. In Ostdeutschland ist die AfD bei den Jungen oft die stärkste Partei. Die Mitte, die das Land seit siebzig Jahren regiert, verliert ihre Jugend an die Ränder.

Wie sehr dieser Zug auch die Mitte selbst erfasst, zeigt die Junge Union. Sie ist die größte politische Jugendorganisation des Landes und war lange die verlässlichste Nachwuchsschule der Macht. Als Friedrich Merz 2021 im dritten Anlauf CDU-Vorsitzender wurde, war sie sein Fanclub. Er versprach eine konservativere, wirtschaftsnähere Union, genau das, was die Jungen nach sechzehn Jahren Merkel wollten. Heute steht er bei ihnen auf Bewährung. Ende 2025 hätten junge Unionsabgeordnete beinahe das Rentenpaket ihrer eigenen Regierung scheitern lassen, weil es nach ihrer Rechnung die Lasten auf ihre Generation abwälzt. Das war neu: Zum ersten Mal kämpfte die Jugend einer Regierungspartei offen gegen die eigene Regierung um die Verteilung zwischen den Generationen. Beim Deutschlandtag in Bonn am 17. Oktober 2026 sprach der JU-Vorsitzende Johannes Winkel von „Resignation“, die sich in der Partei ausgebreitet habe. Ein Delegierter fragte den Kanzler, ob er nicht zum Bundespräsidenten fahren und um seine Entlassung bitten wolle. Merz versprach, die Rentenreform umzusetzen, „wie sie auf dem Tisch liegt“, einschließlich des Endes der Rente mit 63. Der Beifall war kurz und verhalten; am lautesten klatschten die Delegierten, als er gegen AfD und Linke sprach. Winkel band die Gefolgschaft an eine Bedingung: „Wenn wir es schaffen, gemeinsam Entscheidungen umzusetzen, dann hast du uns an deiner Seite.“ Aus Bewunderung ist ein Geschäft geworden: Reform gegen Loyalität.

Das ist der eine Weg: die Jugend, die sich organisiert und innerhalb der Ordnung um ihren Anteil kämpft. Er ist das Gegenteil des Protests ohne Form, und er ist das Beste, was eine Demokratie von ihrer Jugend erwarten kann. Man muss allerdings hinsehen, wem die Rechnung präsentiert wird. Sie richtet sich vor allem an die Rentner. Von den großen Erbschaften ist dabei wenig die Rede.

Der andere Weg zeigte sich einen Monat zuvor. Eine Woche nach der Wahl in Sachsen-Anhalt nannte die damalige Schatzmeisterin der Jungen Union, Clara von Nathusius, dreißig Jahre alt, die Brandmauer zur AfD im Fernsehen ein „gescheitertes Projekt“. Man solle mit allen reden, auch mit der AfD, und mit Merz könne die Union keine Wahl mehr gewinnen. Sie sprach ausdrücklich nur für sich selbst, aber sie hatte in kurzer Zeit eine große Anhängerschaft im Netz gewonnen. Vor dem Deutschlandtag verzichtete sie auf eine erneute Kandidatur, nach Presseberichten unter Druck aus der eigenen Organisation.

Beides geschieht in derselben Organisation, im selben Herbst. Die eine Richtung will die Ordnung reformieren, die andere ist bereit, ihre Grenzen zu verschieben. Wie stark jede ist, weiß niemand genau. Welche sich durchsetzt, wird mehr über Deutschlands Zukunft entscheiden als jede Schülerdemonstration. In Frankreich entscheidet sich die Richtung auf der Straße. In Deutschland entscheidet sie sich in den Parteien, leiser, aber nicht weniger folgenreich.

IX. Was der Satz verlangt

„Die Jugend ist unsere Zukunft“ ist kein Kompliment. Es ist eine Verpflichtung. Wer den Satz ernst meint, muss sagen, was er der Jugend hinterlässt: Schulen, in denen man lernen kann, Wohnungen, die man bezahlen kann, Arbeit, von der man leben kann, und einen Staat, der ihr nicht als Erstes die Polizei schickt.

Was zu tun wäre, ist nicht kompliziert, nur unbequem. Die Lasten müssen auch dort getragen werden, wo die Wähler sitzen und die Vermögen liegen. Wer heute Schulen einfriert, um Zinsen zu zahlen, zahlt morgen für Polizei, Gefängnisse und verbrannte Rathäuser, und übermorgen für die Folgen einer Wahl.

Wir haben in „Wer Sicherheit nicht bieten kann, kann Gehorsam nicht verlangen“ beschrieben, was geschieht, wenn der stille Vertrag zwischen Herrschern und Beherrschten zerbricht. Er zerbricht nicht an einem Tag. Er zerbricht an einer Generation, die merkt, dass sie in diesem Vertrag gar nicht vorkommt. Eine Gesellschaft, die ihre Jugend auf die Straße treibt und dann mit Gummigeschossen auf sie schießen lässt, hat kein Sicherheitsproblem. Sie hat ihre Zukunft verkauft und wundert sich, dass die Käufer sie abholen wollen.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 18. Oktober 2026.

Quellen. Frankreich und Europa, Oktober 2026: FAZ, 18. Oktober 2026; Al Jazeera, 17. Oktober 2026 („Cost of living protests hit Belgium, Italy, Portugal and France“); Wikipedia „2026 French lycée protests“ mit den dort genannten Berichten; Euronews, 6. und 17. Oktober 2026 (Haushalt 2027 nach INSEE und ING; Portugal); Münster Aktuell, 8. Oktober 2026 (Spanien); Daily Sabah, Oktober 2026 (Belgien, Griechenland, Italien); News4teachers, 14. Oktober 2026, nach taz (Deutschland). · Weltweite Proteste der Generation Z 2022–2026: Wikipedia „Gen Z protests“; European Democracy Hub, „The 2025 Surge in Global Protests Is Continuing in 2026“; Wikipedia „2025 Moroccan Gen Z protests“. · Wahlen in Nepal und Bangladesch 2026: National Herald, „Nepal and Bangladesh: a tale of two elections“; House of Commons Library, Briefing CBP-10622. · Junge Union: t-online, 17. Oktober 2026 (Deutschlandtag in Bonn); web.de, 17. Oktober 2026 („Merz und die Junge Union: Eine Annäherung, aber die Skepsis bleibt“); Tagesspiegel, 14. September und Oktober 2026 (Clara von Nathusius); Nordkurier, 13. Oktober 2026, nach Focus. Wahlverhalten junger Wähler 2025: Nachwahlbefragungen von Infratest dimap und Forschungsgruppe Wahlen. · Jeunesse dorée heute: Asia Media Centre, „Nepal in crisis: corruption, censorship and Gen Z’s revolt“ und „Flood control corruption and youth uprising in the Philippines“; UBS, Billionaire Ambitions Report 2023, nach InvestmentNews. · Deutscher Bundeshaushalt: Finanzplan des Bundes bis 2030 nach vbw und Bundesfinanzministerium; Bund der Steuerzahler (Erweiterungsbau Kanzleramt). · Jugendarbeitslosigkeit: ILO, Global Employment Trends for Youth 2026; Caixin, 18. September 2026 (China, August 2026). · Gelbwesten 2018 und nationale Debatte: Stiftung Wissenschaft und Politik, SWP-Aktuell 13/2019.