Der Geisterseher und die letzte Instanz
Erfinder und Seher schöpfen aus derselben Quelle. Was sie trennt, ist die Frage, wer am Ende entscheidet.
„Wenn wir wachen, so haben wir eine gemeinschaftliche Welt, träumen wir aber, so hat ein jeder seine eigene.“
Aristoteles, zitiert von Kant in den „Träumen eines Geistersehers“, 1766
I. Der Ingenieur, der Engel sah
Emanuel Swedenborg war einer der fähigsten Techniker seiner Zeit. 1716 machte ihn Karl XII. zum Assessor im schwedischen Bergkollegium, der Behörde, die über Gruben, Hütten und Erze wachte. In jungen Jahren zählte er in einem Brief auf, was er alles erfinden wollte: eine Flugmaschine, ein Schiff, das mit seiner Mannschaft unter Wasser fahren kann, neue Pumpen und Schleusen. Er schrieb über Metallurgie, Astronomie und das Gehirn.
Mitte der 1740er-Jahre, mit Mitte fünfzig, begannen seine Visionen. Von da an schrieb er über Himmel und Hölle, über Gespräche mit Engeln und Verstorbenen, in dicken lateinischen Bänden, anonym gedruckt. Derselbe Kopf, der Pumpen berechnet hatte, beschrieb nun die Architektur des Jenseits mit derselben Gründlichkeit.
Ob Swedenborg gesehen hat, was er beschrieb, lasse ich offen. Über Esoterik und Theologie streite ich nicht. Mich interessiert etwas anderes: dass ein Mann beides war, Erfinder und Geisterseher, und dass sich an ihm zeigen lässt, was die beiden verbindet und was sie trennt.
II. Kant prüft einen Geisterseher
Am 19. Juli 1759 brannte Stockholm. Swedenborg war an diesem Abend in Göteborg, rund vierhundert Kilometer entfernt, und soll den Gästen einer Gesellschaft den Verlauf des Feuers geschildert haben, während es geschah. Die Geschichte verbreitete sich durch Europa und erreichte in Königsberg einen jungen Philosophen, der ihr nachging: Immanuel Kant.
Kant schrieb 1766 ein seltsames Buch, anonym und voller Spott, auch über sich selbst: „Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik“. Er erklärt Swedenborg nicht einfach für verrückt. Er stellt eine unbequemere Frage: Worin unterscheidet sich der Geisterseher vom Metaphysiker, der aus reinen Begriffen Welten baut, die keine Erfahrung prüfen kann? Seine Antwort steht im Satz des Aristoteles, den er zitiert: Im Wachen teilen wir eine Welt, im Traum hat jeder seine eigene.
Das ist das Kriterium, um das es in diesem Essay geht. Nicht, ob jemand etwas sieht, das andere nicht sehen, sondern ob er bereit ist, es in die gemeinsame Welt zu bringen und dort prüfen zu lassen.
III. Dieselbe Gabe, eine andere letzte Instanz
Ich habe mit dreizehn Jahren beschlossen, Erfinder zu werden, und ich weiß, wie sich eine Lösung ankündigt. Ich beschäftige mich lange und bewusst mit einem Problem, oft über Wochen. Dann, meist nach dem Aufwachen und mit einer Verzögerung, ist sie plötzlich da: nicht in allen Einzelheiten, sondern als Prinzip, als Bild von etwas, das es noch nicht gibt. Die Einzelheiten finde ich danach recht schnell.
Von außen betrachtet unterscheidet sich das kaum von einer Vision. Kekulé erzählte 1890, er habe den Benzolring im Halbschlaf als Schlange gesehen, die sich in den Schwanz beißt. Nikola Tesla schrieb, er sehe seine Maschinen vollständig vor sich laufen, bevor er sie baue. Erfinder und Geisterseher schöpfen aus derselben Quelle: aus einer Intuition, die mehr sieht, als da ist.
Der Unterschied kommt danach. Der Erfinder muss sein Bild in die Wirklichkeit überführen, und dort sitzt eine Instanz, die sich weder beeindrucken noch überreden lässt: die Physik. Richard Feynman schrieb 1986 nach dem Absturz der Raumfähre Challenger: „Für eine erfolgreiche Technik muss die Wirklichkeit Vorrang vor der Öffentlichkeitsarbeit haben, denn die Natur lässt sich nicht täuschen.“
Der Geisterseher muss nur Menschen überzeugen, und dabei hat er fast keine Grenzen zu beachten, oft nicht einmal die der Logik. „Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich“, heißt es im Lukasevangelium. Als Glaube ist das ein Trost. Als Argument ist es ein Freibrief gegen jeden Einwand.
IV. Wo die letzte Instanz gesucht wird
Menschen suchen eine letzte Instanz, eine Stelle, an der der Streit endet und jemand anderes die Verantwortung trägt. Max Weber hat die beiden Orte beschrieben, an denen sie sie finden. Der eine ist die charismatische Herrschaft: die außergewöhnliche Gabe eines Einzelnen, der sieht, was andere nicht sehen. Der andere ist die legale, bürokratische Herrschaft: die Institution mit ihren Ämtern, Regeln und Verfahren.
Beim Seher suchen die Menschen Sinn, Wärme und Unmittelbarkeit. Sie zahlen dafür mit seiner Willkür. Bei der Institution suchen sie Sicherheit und Dauer. Sie zahlen dafür mit ihrer Kälte und mit den wenigen, die sich in ihr festsetzen und die Visionen bewirtschaften.
V. Aus der Vision wird die Kirche, und die Kirche verbrennt die Seher
Beide Formen gehen ineinander über. Weber nannte das die Veralltäglichung des Charismas: Der Seher stirbt, seine Anhänger brauchen Ordnung, und aus der Vision wird eine Einrichtung. Selbst aus Swedenborg wurde eine Kirche; wenige Jahre nach seinem Tod gründeten Anhänger in London die „Neue Kirche“.
Die Institution entscheidet dann über die nächsten Seher, und sie tut es nach ihrem eigenen Maß. Hildegard von Bingen hatte Glück: Papst Eugen III. ließ um 1147/48 ihre Visionen prüfen und billigte sie. Die Institution nahm die Seherin auf. Jakob Böhme hatte Pech: Der Görlitzer Oberpfarrer erwirkte 1613 ein Schreibverbot gegen den Schuster, der Gott im Glanz eines Zinngefäßes aufleuchten gesehen hatte. Jeanne d’Arc wurde 1431 von einem Kirchengericht wegen ihrer Stimmen verbrannt und 1920 von derselben Kirche heiliggesprochen. Erst wird der Seher vernichtet, dann vereinnahmt.
Dostojewski hat diesen Kreislauf 1880 zu Ende gedacht. In seiner Legende vom Großinquisitor kehrt Christus nach Sevilla zurück, und die Kirche, die sich auf ihn beruft, lässt ihn verhaften. Der Inquisitor erklärt ihm, warum: Die Menschen wollen nicht die Freiheit, die er ihnen gebracht hat. Sie wollen Wunder, Geheimnis und Autorität, und sie sind dankbar, wenn man ihnen die Last der Freiheit abnimmt.
VI. Der Erfinder zwischen Vision und Amt
Der Erfinder steht strukturell als Seher vor Institutionen: Firmen, Hochschulen, Fachverbänden, Gutachtern, Patentämtern. Sie entscheiden, ob seine Vision gilt, und sie entscheiden oft, bevor die Wirklichkeit gesprochen hat.
Ich habe das an einem Beispiel erlebt, das ich bis heute lehrreich finde. Für mein Polygonverfahren verlangte die Fachwelt, vertreten durch Professor Weck, einen Nachweis: Mein Verfahren musste mit seiner anderen Kinematik dieselben Profile erzeugen wie das ältere Verfahren von Musyl. Ich habe das mit einer Simulation gezeigt. Das galt als zu einfach. Anerkannt wurde der Nachweis von Uwe Schönwandt, der dasselbe Ergebnis mit ähnlich vielen Integralen herleitete wie Musyls grundlegende Schrift. Die Institution prüfte nicht, ob etwas stimmt, sondern ob es in der Form auftrat, die sie gewohnt war.
Die Art, wie ich erfinde, ist in Firmen und Instituten faktisch verboten. Wer einige Wochen mit einem Problem lebt, ohne ein Ergebnis vorzuweisen, und vor allen Dingen seine normale Tätigkeit vernachlässigt, hat dort einen zunehmend schweren Stand, auch wenn dieselbe Arbeitsweise früher Erfolg hatte. Der Druck zerstört die Inkubation und damit die Intuition des Erfinders. Die Institution braucht vorzeigbare und überprüfbare Zwischenstände. Die Intuition liefert meist keine.
Ende 1987 habe ich einen Lizenzvertrag mit Heckler & Koch geschlossen. Es war damals mein einziges Angebot; die Alternative wäre das Scheitern mit einem großen Schuldenberg gewesen. Die beiden Maschinen für SKF wurden gebaut und geliefert, mit Verspätung und vielen Querelen. Am Ende saß ich zwischen allen Stühlen und kündigte den Vertrag, weil die scheinbar potente Firma MAHO einsteigen wollte. Ein halbes Jahr später war auch MAHO am Ende. Seitdem galt ich in der Branche als verbrannt. Was im Werkzeugmaschinenbau aus dem Verfahren weiter entstand, entstand ohne mich, und mein Name kommt darin kaum vor.
Die bitterste Erfahrung aber ist eine andere. Jeder Erfinder kennt das Gedankenkarussell: ein guter Ansatz, aber man dreht sich im Kreis, und je länger es dauert, desto fester wird die Schleife. Auflösen lässt sie sich fast nur durch das Gespräch. Doch mit wem spricht man? Ich habe erlebt, dass Ideen über eine Kette des Vertrauens abgeflossen sind und später als „Parallelentwicklungen“ mit fast deckungsgleichen Schutzrechten wieder auftauchten. So schließt sich der Kreis, den die Kirche mit ihren Sehern vorgeführt hat: Erst wird der Seher verbrannt, dann übernimmt man seine Vision.
VII. Die Instanz, die nicht mitspielt
Gegen all das habe ich eine Instanz, die weder Person noch Institution ist. 1983 habe ich das Dreispindelverfahren zuerst auf einer gebrauchten, konventionellen Maschine rein mechanisch gekoppelt aufgebaut. Für eine Serienfertigung war diese „Höllenmaschine“ ungeeignet, aber sie bewies, dass es funktioniert. Seit 1991 fertigen zwei Maschinen bei SKF mit diesem Verfahren Käfigringe für Rollenlager, ohne Probleme, seit über dreißig Jahren.
Die Physik hat mir nie geglaubt und nie misstraut. Sie hat geprüft. Das ist die einzige letzte Instanz, der ich traue, weil sie keine Interessen hat.
Die Wissenschaft wäre im besten Fall die Institution, die diese Prüfung organisiert. Robert K. Merton nannte das 1942 „organisierten Skeptizismus“. Sie ist die einzige Institution, deren Regeln ihre eigene Widerlegung vorsehen. Wenn sie ihre Regeln ernst nimmt, verdient sie Vertrauen. Wenn sie zur Zunft wird, die Formen prüft statt Wahrheiten, wird sie zur Kirche mit Laborkitteln.
VIII. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre
Der erste Einwand: Viele Erfinder haben die Physik nicht als Richter erlebt, sondern als Ausrede. Wer mit seiner Erfindung scheitert, kann immer den Institutionen die Schuld geben, und manche Erfinder sind eher Geisterseher, als sie wissen. Die Geschichte ist voll von Perpetuum-mobile-Bauern, die sich als verkannte Genies sahen. Das stimmt. Der Einwand trifft aber nicht den Erfinder, der seine Maschine gebaut hat und sie laufen lässt.
Der zweite Einwand: Ohne Institutionen gäbe es keine Prüfung. Ein einzelner Erfinder kann sich selbst täuschen, und Gutachter, Normenausschüsse und Fachzeitschriften schützen die Gesellschaft vor Scharlatanen. Auch das stimmt. Die Frage ist nur, ob die Institution selbst geprüft wird oder ob sie sich zur letzten Instanz macht.
Widerlegt wäre der Essay, wenn sich zeigen ließe, dass Institutionen neue Erfindungen im Durchschnitt zuverlässiger erkennen als die Wirklichkeit, der man sie aussetzt.
IX. Die Frage
Die Frage ist nicht, ob jemand etwas sieht, das es noch nicht gibt. Das tun Erfinder und Geisterseher gleichermaßen. Die Frage ist auch nicht, ob man die letzte Instanz beim Seher sucht oder bei der Institution. Beide maßen sich Macht an, sobald sie sich jeder Prüfung entziehen: der Seher mit „Ich habe es gesehen“, die Institution mit „Das haben wir entschieden“.
Die Frage ist, ob man seine Vision in die gemeinsame Welt bringt und dort einer Prüfung aussetzt, die man nicht selbst kontrolliert.
Swedenborg hat seine Flugmaschine nie gebaut. Seine Engel musste er nicht bauen.