Land, Nation, Staat
Ein Rheinländer in Franken und der Korse, der beide verschoben hat.
Das Land war vor dem Staat da, und es wird nach ihm da sein.
I. Zwei Zwangsehen
Ich bin Rheinländer und lebe seit zehn Jahren in Nürnberg. In „Mücher, nicht Mucher“ habe ich beschrieben, warum ich mich dem Land meiner Herkunft verbunden fühle, aber keinem Staat, der es zufällig gerade verwaltet. Dieser Essay setzt dort an. Er fragt, was Land, Nation und Staat eigentlich sind und warum sie so selten zusammenpassen.
Dabei hilft mir ein Zufall der Geschichte, der eigentlich kein Zufall ist. Die Rheinländer nannten sich nach 1815 „Musspreußen“, weil der Wiener Kongress sie Preußen zugeschlagen hatte, ohne sie zu fragen. Die Franken sind, ohne dass sie das Wort benutzen, „Mussbayern“. Beide Zwangsehen gehen auf dieselbe Zeit zurück und auf denselben Mann.
II. Ein Handel im Jahr 1806
Das Herzogtum Berg, zu dem mein Geburtsort Much gehörte, war seit dem 17. Jahrhundert in der Hand der Wittelsbacher. Im März 1806 trat der bayerische Kurfürst Max Joseph, gerade von Napoleons Gnaden König geworden, Berg an Frankreich ab. Napoleon machte seinen Schwager Joachim Murat zum Großherzog von Berg. Im Gegenzug bekam Bayern das Fürstentum Ansbach, das Preußen an Frankreich hatte abgeben müssen.
Im September 1806 folgte die Reichsstadt Nürnberg, 1810 Bayreuth. Die Hochstifte Bamberg und Würzburg waren schon 1803 an Bayern gefallen; Würzburg ging danach für einige Jahre an einen Habsburger und kam 1814 endgültig zurück.
Das Land meiner Vorfahren und das Land, in dem ich heute lebe, wurden also auf demselben Verhandlungstisch gegeneinander verrechnet. Gefragt wurde weder ein Bergischer noch ein Franke. Napoleon ging es um ein starkes Bayern als Puffer gegen Österreich und als verlässlichen Verbündeten. Sein bayerischer Partner, der Minister Montgelas, wollte einen geschlossenen, modernen Staat. Das Land war für beide Verhandlungsmasse.
III. Much, ein Grenzort
Much war immer ein Ort an der Grenze. Auf dem Gelände der Gaststätte Miebach stand eine Burg; ich habe ihre letzten Reste noch gesehen, bevor sie überbaut wurden. Die Überlieferung sagt, Karl der Große habe sie um 802 gegen die Sachsen errichten lassen. Belegen lässt sich das nicht, aber die Erzählung zeigt, wie man sich hier selbst verstand: als Vorposten.
Im Mittelalter wechselten die Herren. Die Burg Windeck, zu deren Amt Much gehörte, war thüringisch, kölnisch und saynisch, bevor sie Mitte des 13. Jahrhunderts an Berg fiel. Nach der Reformation lief die Grenze zwischen den Konfessionen gleich östlich des Ortes. Die Herrschaft Homburg wurde reformiert, Much blieb katholisch, und mit dem Glauben trennte sich auch die Sprache.
Wer in Much geboren ist, lernt früh, dass Grenzen von Menschen gezogen werden und sich verschieben. Das Land bleibt.
IV. Das Land: was bleibt
Das Land ist das Konkrete: die Hänge des Bergischen, die Sandsteinfelsen der Fränkischen Schweiz, der Main mit seinen Weinbergen, die Gemüsefelder des Knoblauchslands vor Nürnberg. Es prägt, was Menschen essen, wie sie bauen, wie sie reden.
Das Land hat keine Meinung darüber, wem es gehört. Das Rheinland war in zweihundert Jahren kurkölnisch oder bergisch, französisch, preußisch, Teil des Kaiserreichs, der Weimarer Republik, des Dritten Reichs und der Bundesrepublik. Franken war Teil des Heiligen Römischen Reichs, dann Bayerns, dann mit Bayern Teil all dieser Staaten. Der Rhein und der Main sind dieselben geblieben.
V. Franken: ein Land ohne eigenen Staat
Franken ist ein Lehrbeispiel dafür, dass ein Land ohne eigenen Staat eine starke Identität haben kann. Der Fränkische Reichskreis, gegründet 1500, war einer der ersten sechs Reichskreise. In Nürnberg lagen von 1424 bis 1796 die Reichskleinodien, die Krone, das Zepter und das Reichsschwert. Der Bischof von Würzburg trug den Titel „Herzog in Franken“.
Aber Franken war vor 1803 nie ein Staat. Es war ein Flickenteppich aus Hochstiften, Markgrafschaften der Hohenzollern, Reichsstädten und Hunderten von Reichsrittern. Was Napoleon an Bayern verheiratete, war keine Braut, sondern eine ganze Hochzeitsgesellschaft.
Bayern hat das gewusst und die fränkische Erinnerung zunächst weggewischt. Die neuen Verwaltungsbezirke hießen Rezatkreis, Obermainkreis und Untermainkreis, nach Flüssen, nicht nach der Geschichte. Erst König Ludwig I. führte 1837 die Namen Ober-, Mittel- und Unterfranken ein. Er hatte begriffen, dass man einem Land die Erinnerung nicht nehmen kann, man muss sie einbinden. Heute trägt das bayerische Staatswappen den Fränkischen Rechen, und seit 2006 feiert Bayern jedes Jahr einen „Tag der Franken“.
Die Franken spotten trotzdem weiter. Die Bayern, heißt es, seien die Fußkranken des Imperium Romanum, Nachzügler, die es nicht mehr über die Alpen zurück geschafft haben. Geläufiger ist die Fassung von den „Fußkranken der Völkerwanderung“. Beide sind Spott, aber mit einem wahren Kern: In den Baiern ging auch die romanische Bevölkerung auf, die nach dem Abzug Roms im Land geblieben war. Man spricht nicht laut darüber, aber die Zwangsehe schmerzt noch.
VI. Die Nation: eine Erzählung
Die Nation ist etwas anderes als das Land. Benedict Anderson nannte sie eine „vorgestellte Gemeinschaft“: Millionen Menschen, die einander nie begegnen werden, halten sich für verbunden, weil sie dieselbe Geschichte über sich erzählen. Ernest Renan sagte 1882, eine Nation sei „ein tägliches Plebiszit“, und zu ihrer Entstehung gehöre das Vergessen.
Wie jung die meisten Nationen sind, zeigt die Sprache. Als Italien 1861 geeint wurde, sprachen nach gängigen Schätzungen nur wenige Prozent der Bevölkerung Italienisch. Der Satz, der Massimo d’Azeglio zugeschrieben wird, sagt alles: „Wir haben Italien geschaffen, jetzt müssen wir Italiener schaffen.“
Die deutsche Nation war im 19. Jahrhundert eine Erzählung, die über Rheinländer, Franken, Bayern und Preußen gelegt wurde. Sie war stark genug, um Kriege zu führen. Die Unterschiede darunter hat sie nicht aufgelöst.
VII. Die Kulturnation und ein Satz mit zwei Seiten
Es gibt aber eine Nation, die mir viel bedeutet, obwohl mir das sonstige nationale Brimborium völlig fremd ist: die Kulturnation. Der Historiker Friedrich Meinecke hat 1907 die Staatsnation, die sich über einen gemeinsamen Staat bestimmt, von der Kulturnation unterschieden, die sich über Sprache, Literatur, Musik, Wissenschaft und Handwerk bestimmt. Die deutsche Kulturnation war lange da, bevor es einen deutschen Nationalstaat gab.
Goethe und Schiller haben das 1796 in ihren „Xenien“ auf den Punkt gebracht: „Deutschland? aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden. Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.“ Und: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens; bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.“ Schiller schrieb wenige Jahre später in einem Entwurf: „Deutsches Reich und deutsche Nation sind zweierlei Dinge.“
Diese Nation braucht keine Grenze, keine Armee und keinen Pass. Man nimmt sie mit, nach Medellín ebenso wie nach Nürnberg. Sie ist die einzige Form der Nation, die ich nicht als Angebot empfinde, sondern als Erbe, und die Erzählung, die sie über uns erzählt, ist zum großen Teil wahr.
Mit ihr verbindet mich ein Satz, mit dem ich mich immer identifiziert habe: „Deutscher sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.“ Er geht auf Richard Wagner zurück, der 1868 in „Deutsche Kunst und deutsche Politik“ schrieb, deutsch sei, „die Sache, die man treibt, um ihrer selbst und der Freude an ihr willen“ zu treiben. Die kurze Fassung ist erst nach seinem Tod entstanden.
Der Satz hat die Deutschen im Guten wie im Schlechten geprägt. Im Guten steht er für den Handwerker, der eine Arbeit auch dort sauber macht, wo sie niemand sieht, für den Forscher, der einer Frage nachgeht, weil sie ihn nicht loslässt, für Humboldts Universität, in der Erkenntnis kein Mittel zum Zweck sein sollte, und für den Erfinder, der eine Lösung sucht, weil das Problem ihn reizt und nicht, weil ein Markt danach verlangt. So habe ich meine eigene Arbeit immer verstanden.
Im Schlechten steht derselbe Satz für die Hingabe an eine Aufgabe, die nicht mehr fragt, wozu sie dient. Wernher von Braun baute Raketen, weil ihn Raketen begeisterten, und nahm hin, dass Häftlinge sie unter mörderischen Bedingungen fertigten. Die Reichsbahn fuhr die Deportationszüge so pünktlich wie jeden anderen Zug. Die Nationalsozialisten haben den Satz gern zitiert, und Theodor W. Adorno nannte ihn später eine Formel des deutschen kollektiven Narzissmus.
Beides ist wahr. Eine Sache um ihrer selbst willen zu tun, ist eine Tugend, solange man die Frage nicht verlernt, wem sie am Ende dient. Wer diese Frage stellt, bleibt in der Kulturnation. Wer sie vergisst, landet beim Staat, der ihn benutzt.
VIII. Der Staat: eine Einrichtung und wer sie besetzt
Der Staat ist weder Boden noch Erzählung, sondern eine Einrichtung: Verwaltung, Recht, Steuern. Max Weber bestimmte ihn 1919 als die Gemeinschaft, die auf einem Gebiet das Monopol legitimer Gewalt erfolgreich für sich beansprucht. Das ist nüchtern und richtig. Aber es verschweigt, wem dieses Monopol dient.
Nietzsche war weniger nüchtern. In „Also sprach Zarathustra“ schrieb er 1883: „Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: ‚Ich, der Staat, bin das Volk.‘“ Genau diese Lüge ist der Kern des Nationalstaats: Er behauptet, Staat und Volk seien dasselbe. Und Nietzsche setzt hinzu: „Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist.“
Franz Oppenheimer, Arzt, Soziologe und später Doktorvater Ludwig Erhards, hat 1907 in seinem Buch „Der Staat“ die schärfste Unterscheidung getroffen, die ich kenne. Es gibt zwei Wege, zu Wohlstand zu kommen. Das ökonomische Mittel ist die eigene Arbeit und der gerechte Tausch. Das politische Mittel ist die Aneignung fremder Arbeit ohne Gegenleistung. Der Staat ist nach Oppenheimer entstanden, als Eroberer sich über sesshafte Bauern setzten und von ihnen Abgaben nahmen, und er ist seinem Ursprung nach die Organisation des politischen Mittels. Oppenheimer war kein Anarchist. Er wollte einen Staat, in dem das politische Mittel verschwindet und nur noch das ökonomische gilt.
Robert Michels hat 1911 nachgeliefert, warum das so schwer ist. Jede große Organisation, auch jede demokratische Partei, bringt eine kleine Führungsgruppe hervor, die sich verselbständigt. Er nannte das das eherne Gesetz der Oligarchie.
Das ist keine Theorie, die ich nur gelesen habe. 2016 hat mich Christian Lindner für die FDP geworben. Sechs Jahre lang habe ich versucht, in dieser Partei etwas zu verändern, ohne Erfolg. 2021, kurz vor der Bundestagswahl, bin ich wieder ausgetreten, obwohl mir klar war, dass die FDP an der nächsten Regierung beteiligt sein würde. Wer von innen etwas bewegen will, lernt dort, was Michels gemeint hat.
Und als freier Erfinder ohne Institution im Rücken habe ich über Jahrzehnte gelernt, wie der real existierende Staat funktioniert und für wen seine Türen offen stehen. Ich habe gelernt, diesen von einer Oligarchie besetzten Staat zu verachten. Meine Verachtung gilt aber der Besetzung, nicht der Idee. Ich setze mich für einen wirklich demokratischen Staat ein, und auch das, was wir hier schreiben, gehört dazu.
Ein Staat braucht übrigens ein Gebiet, aber keine Nation. Die Schweiz funktioniert mit vier Landessprachen. Umgekehrt gibt es Nationen ohne Staat, etwa die Kurden, verteilt auf vier Staaten. Und es gibt Länder wie Franken, die eine Tradition haben, aber weder Nation noch Staat sein wollen, sondern nur nicht übersehen werden möchten.
IX. Die Bewegungen, über die man nicht spricht
Franken ist nicht allein. Der Wunsch, Land und Staat wieder zusammenzuführen, taucht überall auf, wo eine Zwangsehe geschlossen wurde. In Franken gibt es seit Jahrzehnten Vereine und kleine Parteien, die ein eigenes Bundesland fordern. Sie bleiben klein, aber die Stimmung, die sie ausdrücken, reicht weiter als ihre Wahlergebnisse.
Bayern selbst hat 1949 als einziges Land dem Grundgesetz im Landtag nicht zugestimmt, dessen Geltung aber anerkannt. Die Bayernpartei träumt bis heute von der Eigenstaatlichkeit. Die Pfalz dagegen gehörte von 1816 bis 1946 zu Bayern, ein linksrheinisches Stück Land, das von München aus verwaltet wurde. Nach dem Krieg kam sie zu Rheinland-Pfalz, und kaum jemand trauert Bayern nach.
Baden wurde 1952 mit Württemberg zusammengelegt. 1970 stimmten die Badener mit großer Mehrheit dafür, zu bleiben. Die Frotzeleien gibt es noch, den Trennungswunsch kaum. Katalonien hielt 2017 ein Referendum ab, das Spanien für verfassungswidrig erklärte. Schottland stimmte 2014 für den Verbleib im Vereinigten Königreich. Und in Kolumbien ist man in Antioquia zuerst Paisa und dann Kolumbianer.
Die Beispiele zeigen zweierlei. Eine Zwangsehe kann heilen, wie in Baden und in der Pfalz. Sie heilt aber nur, wenn der Staat das Land nicht verschluckt, sondern es sein lässt, was es ist.
X. Der Nationalstaat: der teuerste Deckungsversuch
Der Nationalstaat ist der Versuch des 19. Jahrhunderts, alle drei zur Deckung zu bringen: ein Land, eine Nation, ein Staat. Die Werkzeuge waren die Schule mit einer Sprache und einer Geschichte, die Wehrpflicht, die Eisenbahn mit einer einheitlichen Uhrzeit und die Landkarte mit einer einzigen Farbe.
Wo Land, Nation und Staat nicht zusammenpassten, wurde nachgeholfen, mit Sprachverboten, Grenzverschiebungen, Vertreibung und Mord. Die beiden Weltkriege waren auch Kriege um die Frage, wessen Nation auf welchem Land ihren Staat haben darf. Jugoslawien hat das Muster in den Neunzigerjahren wiederholt.
Napoleon hat den Nationalstaat nicht erfunden. Aber er hat die Landkarte so gründlich umgerührt, dass die alte Vielfalt des Reichs verschwand und größere, geschlossene Staaten übrig blieben. Aus ihnen wurden später die Nationalstaaten.
XI. Was ich jeder Ebene schulde
Wenn ich die drei Ebenen auseinanderhalte, wird für mich die Frage nach der Loyalität einfach.
Dem Land schulde ich Sorgfalt, dem Rheinland meiner Herkunft wie dem Franken, in dem ich lebe. Ich kann beiden verbunden sein, ohne einem untreu zu werden.
Dem real existierenden Staat schulde ich die Einhaltung seiner Regeln, solange ich in ihm lebe, und nicht mehr. Das ist ein Vertrag, keine Liebe, und Achtung muss er sich erst verdienen. Er schuldet mir Schutz, Recht und eine Verwaltung, die allen dient und nicht wenigen. Einem wirklich demokratischen Staat würde ich mehr schulden: Mitarbeit. Für ihn lohnt es sich zu streiten.
Der politischen Nation schulde ich nichts. Ich kann mich ihrer Erzählung anschließen, ich muss es nicht. Der Kulturnation dagegen verdanke ich viel: die Sprache, in der ich denke, und die Haltung, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.
XII. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre
Der erste Einwand kommt aus München, und er ist nicht dumm. Die Reichsstadt Nürnberg war 1806 hoch verschuldet, und Bayern hat die Schulden übernommen. Die fränkischen Kleinstaaten waren schwerfällig. Bayern hat Franken eine moderne Verwaltung und ein einheitliches Recht gebracht. Auch der fränkische Stolz auf die älteste Tradition ist angreifbar: Das bayerische Stammesherzogtum ist ebenso alt. Eine Zwangsehe kann eine gute Ehe werden, und Franken geht es heute gut.
Der zweite Einwand betrifft die Solidarität. Ohne ein gemeinsames Wir, sagen liberale Nationalisten wie David Miller, zahlt niemand gern für andere, und der Sozialstaat ist im Nationalstaat entstanden. Das ist ernst zu nehmen. Es zeigt aber nur, dass eine Gemeinschaft eine gemeinsame Erzählung braucht, nicht, dass diese Erzählung national sein muss. Jürgen Habermas hat dafür den Verfassungspatriotismus vorgeschlagen, die Bindung an gemeinsame Regeln statt an Abstammung.
Der dritte Einwand richtet sich gegen die Verachtung. Wer den Staat verachtet, sagen Hobbes und seine Nachfolger, vergisst, was ohne ihn kommt: nicht die Freiheit, sondern die unmittelbare Herrschaft der Stärkeren. Und die Verachtung des Staates ist heute das Geschäft von Populisten, die ihn nicht verbessern, sondern selbst besetzen wollen. Auch das ist ernst zu nehmen. Die Antwort darauf ist aber nicht weniger Staat, sondern ein Staat, der nicht besetzt ist. Wer die Oligarchie verachtet, verteidigt die Demokratie.
Widerlegt wäre der Essay, wenn sich zeigen ließe, dass Menschen, die ihr Land lieben und ihren Staat nur achten, schlechtere Bürger sind als solche, die beides verschmelzen.
XIII. Die Antwort
Das Land trägt uns. Der Staat soll unser Zusammenleben ordnen und wird dabei immer wieder von wenigen besetzt. Die Nation erzählt uns, wer wir angeblich sind, und nur als Kulturnation erzählt sie etwas, das stimmt. Das Land ist notwendig, der Staat ist eine Aufgabe, die politische Nation ist ein Angebot, die Kulturnation ein Erbe.
Ich bin Rheinländer, lebe in Franken und werde von München aus verwaltet. Ein Korse hat vor über zweihundert Jahren beide Länder verschoben, als wären es Figuren auf einem Brett. Die Länder haben das überlebt. Die Frage ist, ob die Staaten, die heute über sie verfügen, klüger sind als er.