Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 26. September 2026

Die Gebeine aus Zollikon

Ein Vordenker liefert nie die Politik. Er liefert die Sprache, in der sie sich als notwendig darstellen lässt.

Aus der Reihe Die Leiter der Leitenden · Teil I, Die Toten

Die Reihe fragt, welche Ideologien und Vordenker hinter den Mächtigen stehen und was sie tatsächlich bewirken. Sie geht Fall für Fall vor; jeder Text steht für sich. Die Typologie folgt am Ende, nicht am Anfang.

I. Eine Umbettung

Am 3. Oktober 2005 wurden im Moskauer Donskoi-Kloster zwei Männer beigesetzt, die beide im Exil gestorben waren: General Anton Denikin, Heerführer der Weißen im Bürgerkrieg, und der Philosoph Iwan Iljin. Iljins Gebeine kamen aus Zollikon am Zürichsee, wo er 1954 gestorben war. Die Idee zur Überführung stammte vom Regisseur Nikita Michalkow, der Iljins Werk seit Jahren bekannt gemacht hatte. Ein Jahr später bezahlte der Oligarch Viktor Wechselberg, dass Iljins Nachlass aus Michigan nach Moskau zurückkehrte. 2009 legte Wladimir Putin am Grab Blumen nieder.

Zu Lebzeiten war Iljin ein Philosoph ohne Land. 1922 wurde er mit rund hundertsechzig anderen Intellektuellen auf dem sogenannten Philosophenschiff aus Sowjetrussland ausgewiesen, lebte in Berlin und floh 1938 in die Schweiz, mit Geld, das ihm Sergei Rachmaninow gab. Ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod wird er zum meistzitierten Gewährsmann eines Staates, den er nie gesehen hat.

II. Was Iljin gedacht hat

Iljin war Jurist und Hegel-Kenner, vor allem aber ein unversöhnlicher Gegner der Bolschewiki. In seiner Schrift über den Widerstand gegen das Böse durch Gewalt von 1925 verteidigte er die Gewalt gegen das Böse als notwendige Pflicht, durch die sich auch der Gerechte schuldig mache, der er aber nicht ausweichen dürfe.

Für ein Russland nach den Sowjets entwarf er eine Staatsordnung ohne Gewaltenteilung und ohne Parteienkonkurrenz. Der Staat solle seine Legitimation aus Glauben und Geschichte beziehen, nicht aus dem Misstrauen gegen die Macht, sondern aus dem Vertrauen des Volkes in seine Führung. Russland sei keine Summe von Einzelnen und Institutionen, sondern ein lebendiger Organismus, eine geistige Einheit von Herrscher und Volk.

Und er hatte eine Sympathie, die man nicht weglassen darf. 1928 nannte er den Faschismus eine Reaktion auf den Bolschewismus, eine Sammlung der staatserhaltenden Kräfte. 1933 schrieb er, Hitler habe den Prozess der Bolschewisierung in Deutschland aufgehalten und damit ganz Europa den größten Dienst erwiesen. Später rückte er von den Nationalsozialisten ab, nicht aber vom Gedanken einer starken, über dem Recht stehenden Führung.

III. Die Wiederentdeckung

Ab 2005 wird Iljin Staatsliteratur. Putin zitiert ihn 2005, 2006 und 2014 in seinen Botschaften an die Föderalversammlung, dazwischen 2012 und 2013 bei anderen Gelegenheiten. Zum Jahreswechsel 2014, im Jahr der Krim-Annexion, erhalten hohe Beamte und die Gouverneure der Regionen ein Exemplar von Iljins Aufsatzsammlung „Unsere Aufgaben“. Und am 30. September 2022, in der Rede zur Annexion von vier ukrainischen Regionen, zitiert der Präsident ihn erneut.

Das ist die belegbare Spur: eine Umbettung, ein Kranz, eine Buchsendung, eine Handvoll Zitate in zwei Jahrzehnten. Was sie bedeutet, ist eine andere Frage.

IV. Der Einwand

Timothy Snyder hat aus diesen Belegen eine starke These gemacht. Iljin sei der Prophet des heutigen Russland, sein Denken liefere die metaphysische Rechtfertigung eines faschistischen Staates.

Dagegen stehen zwei Einwände, die man ernst nehmen muss. Marlène Laruelle, die seit Jahrzehnten über den russischen Nationalismus arbeitet, hält es für einen Fehler, Iljin zur zentralen Lehre des Kreml zu erklären, und ordnet das System nicht dem Faschismus zu, sondern einem breiten Spektrum konservativer, illiberaler Regime. Paul Robinson hat nachgezählt: Fünf Zitate in sechzehn Jahren sind keine Gefolgschaft. Wer einen Denker zitiert, übernimmt damit nicht alles, was dieser je geschrieben hat, sonst wären alle Philosophen, die Heidegger zitieren, Nationalsozialisten.

Beide Seiten können teilweise recht haben. Dass Iljin zitiert, verteilt und umgebettet wurde, ist belegt. Dass er das Handeln erklärt, ist eine Deutung. Der russische Staat bedient sich ideengeschichtlich wie aus einem Vorratsschrank: Iljin für den Organismus, Danilewski für den Panslawismus, Gumiljow für die Lebenskraft der Völker. Wer daraus ein geschlossenes System macht, macht es meist selbst.

V. Der Hoftheoretiker

Ein zweiter Fall legt den Mechanismus offen. Wladislaw Surkow, langjähriger stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung, prägte den Begriff der souveränen Demokratie: eine Demokratie, deren Inhalt der Staat bestimmt. 2019 schrieb er in einem viel beachteten Aufsatz über den „langlebigen Staat Putins“, im Westen herrsche ein tiefer Staat, in Russland dagegen gebe es ein tiefes Volk, das mit seinem Herrscher unmittelbar verbunden sei.

Surkow denkt nicht vor, er denkt nach. Er liefert die Theorie zur bereits getroffenen Entscheidung, in einer Sprache, die sich zitieren lässt. Iljin dagegen kann nichts mehr nachliefern; er ist tot, und gerade das macht ihn brauchbar. Ein Toter widerspricht nicht, wenn man ihn für die Gegenwart in Dienst nimmt.

VI. Was ein Vokabular bewirkt

Damit ist die Frage gestellt, um die es hier geht: Leitet dieser Denker, oder legitimiert er nur?

Iljin hat den Krieg gegen die Ukraine nicht entworfen. Was er geliefert hat, ist ein Vokabular. Russland als Organismus, aus dem sich kein Teil lösen kann, ohne den Körper zu verletzen: Wer so denkt, sieht in der Unabhängigkeit eines Nachbarn keine Staatsgründung, sondern eine Amputation. Der Westen als Versucher, der die russische Seele verdirbt. Die Gewalt als Last, die der Gerechte auf sich nimmt.

Ein solches Vokabular entwirft keine Politik, aber es macht bestimmte Politik sagbar und andere unsagbar. Es gibt dem Handelnden die Gewissheit, nicht zu wollen, sondern zu müssen.

Und es wirkt in beide Richtungen. Wer sich öffentlich auf den Organismus beruft, bindet sich an ihn. Ein Präsident, der zwei Jahrzehnte lang die Einheit von Land, Volk und Glauben beschworen hat, kann einen Rückzug nicht mehr als Klugheit ausgeben; seine eigene Erzählung würde ihn dafür bestrafen. In diesem Sinn leitet der Vordenker tatsächlich, nur nicht so, wie man sich einen Einflüsterer vorstellt: nicht durch Rat, sondern durch die Enge der Sprache, die er hinterlassen hat.

VII. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre

Die These wäre widerlegt, wenn sich zeigen ließe, dass die Berufung auf Iljin bloße Dekoration ist und sich die Entscheidungen des Kreml vollständig aus Machtinteressen erklären lassen, ohne jede Erzählung. Sie wäre geschwächt, wenn die Zitate nachweislich allein von Redenschreibern stammen und der Präsident die Texte nie gelesen hat. Und sie wäre überzogen, wenn Iljin beliebig austauschbar wäre, wenn also jeder andere konservative Denker dieselbe Rolle hätte spielen können. Diese dritte Möglichkeit ist die ernsteste, und der Text nimmt sie nicht vom Tisch.

VIII. Die Frage

Nicht wer dem Mächtigen etwas einflüstert, ist die Frage, sondern welche Sprache er sich angeeignet hat und woran sie ihn bindet.

Ein Toter aus Zollikon hat keinen Befehl gegeben. Er hat Wörter hinterlassen, und die Wörter lassen dem, der sie spricht, weniger Wege offen, als er glaubt.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 26. September 2026.

In der Reihe: Übersicht „Die Leiter der Leitenden“ · „Der unsichtbare Lehrmeister“. Verwandte Texte: „Der Sündenbock“ · „Zwei Träume, eine Maschine“.

Zur Quellenlage. Datum der Beisetzung, Anregung durch Michalkow, Rückführung des Nachlasses 2006 mit Geld von Wechselberg, Philosophenschiff, Hilfe Rachmaninows, Iljins Äußerungen von 1928 und 1933, die Buchsendung zum Jahreswechsel 2014 und das Zitat in der Annexionsrede vom 30. September 2022: Übersichtsartikel zu Iljin mit den dort genannten Belegen. Die fünf Zitate in Reden 2005, 2006, 2012, 2013 und 2014 sowie das Heidegger-Argument: Paul Robinson, „Quotations, quotations“ (2016). Iwan Iljin, Über den Widerstand gegen das Böse durch Gewalt (1925) und Unsere Aufgaben (Aufsätze 1948–1954). Timothy Snyder, Der Weg in die Unfreiheit (2018). Marlène Laruelle, Is Russia Fascist? (2021). Wladislaw Surkow, „Der langlebige Staat Putins“, Nesawissimaja Gaseta, 11. Februar 2019. Belegt sind die Umbettung, die Verteilung der Schriften und die Zitate. Was sie im Denken des Präsidenten bewirkt haben, ist nicht belegbar; die Abschnitte VI und VIII sind Deutung. Englische Fassung verfügbar.