Der Hebel im Carport
Zum ersten Mal seit Langem bekommen die Vielen einen Hebel dazu, statt einen zu verlieren.
„Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es.“
Erich Kästner
I. Eine gute Nachricht
In unseren letzten Essays haben die Vielen einen Hebel nach dem anderen verloren. Die menschenleere Halle braucht ihre Arbeit nicht mehr, das menschenleere Schlachtfeld ihre Körper nicht, und in „Das andere Spiel“ wandert sogar die Aufmerksamkeit zu den Maschinen. Diesmal ist es anders. Seit dem 1. Oktober 2026 gilt in Deutschland ein Regelwerk mit dem sperrigen Namen MiSpeL, „Marktintegration von Stromspeichern und Ladepunkten“. Es könnte Millionen Haushalten etwas in die Hand geben, das das ganze System braucht.
II. Das Kraftwerk in der Einfahrt
Ein Auto steht im Durchschnitt rund 23 Stunden am Tag still. Ein Elektroauto trägt dabei eine Batterie mit sich, die größer ist als alles, was ein Haushalt sonst an Speicher besitzt. Bisher floss der Strom nur in eine Richtung: aus dem Netz in den Akku. Neuere Autos von VW, Renault, Ford, Mercedes oder BMW können ihn aber auch zurückgeben. Das nennt man bidirektionales Laden.
Man kann sich das wie die Wassertürme früherer Dörfer vorstellen. Wenn die Quelle reichlich sprudelt, füllen sie sich, und wenn sie versiegt, geben sie ab. Ein Stromnetz, das mehr und mehr von Wind und Sonne lebt, braucht genau solche Türme. Mittags scheint die Sonne im Überfluss, abends bei Windstille fehlt der Strom. Die Elektroautos auf deutschen Straßen fassen schon heute zusammen mehr als 100 Gigawattstunden. Rechnerisch könnten sie ganz Deutschland etwa zwei Stunden lang versorgen, obwohl erst jedes 25. Auto rein elektrisch fährt. Und es werden schnell mehr. In den ersten acht Monaten des Jahres 2026 wurden in der Europäischen Union zum ersten Mal mehr reine Elektroautos neu zugelassen als Benziner.
Der große Vorteil: Diese Speicher sind schon da. Niemand muss sie zusätzlich bauen. Sie stehen in Garagen, Carports und Einfahrten, verteilt über das ganze Land.
III. Ein Hebel, den man nicht wegnehmen kann
Darin liegt das eigentlich Neue. Ein Hebel entsteht dort, wo das System etwas braucht, das ihm nicht gehört. So war es mit der Arbeit in den Fabriken und mit den Soldaten in den Kriegen. Ein Netz aus Wind und Sonne braucht Speicher, und die Speicher gehören hier nicht einer Handvoll Konzernen, sondern Millionen Menschen. Während die künstliche Intelligenz die Macht auf wenige Firmen bündelt, verteilt die Energiewende sie, wenigstens der Möglichkeit nach, auf viele.
Das Wort dafür ist ein wenig unglücklich, aber treffend: „Prosumer“, zusammengesetzt aus dem Erzeuger und dem Verbraucher. Wer ein Solardach und ein Elektroauto hat, ist beides. Er kauft Strom, wenn er billig ist, er gibt ihn ab, wenn er knapp ist, und er verdient dabei. Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, sagt, Millionen Haushalte könnten so „zu aktiven Gestaltern der Energiewende“ werden.
IV. Eine Behörde, die zuhört
Beinahe wäre es anders gekommen, und die Geschichte, wie es doch noch gut ging, ist selbst eine gute Nachricht. Der erste Entwurf der Bundesnetzagentur war so streng, dass kaum jemand das bidirektionale Laden genutzt hätte. Er verlangte zum Beispiel zwei Stromzähler, um sauber zu trennen, ob der Strom im Akku vom eigenen Dach oder aus dem Netz stammt. Allein der Einbau der Zähler hätte das Geschäft in vielen Fällen unrentabel gemacht. Die Behörde wollte Missbrauch verhindern, etwa dass jemand kostenlosen Strom vom Arbeitsplatz zu Hause teuer verkauft. Das war nachvollziehbar, aber unverhältnismäßig.
Eine Woche vor dem Start schickten mehrere Firmen einen Protestbrief. Herbert Diess, früher Chef von Volkswagen, sprach im Handelsblatt davon, die Zukunftstechnik werde „kaputt reguliert“. Und dann geschah, was man von Behörden selten erwartet: Sie hörte zu und schrieb ihre Regeln um. Für Haushalte mit Solaranlage genügt nun ein Zähler. Wer Solarstrom zwischenspeichert, verliert seine Förderung nicht mehr, nur weil im selben Akku auch Netzstrom war. Statt jede Kilowattstunde nach ihrer Herkunft zu sortieren, gilt eine „Daumenregel“. Die Elektronen haben ja keine Farbe.
Der SPIEGEL schreibt, die Behörde müsse jetzt „mehr klug als korrekt“ handeln. Nach so vielen Texten über Apparate, die nur sich selbst dienen, ist das ein Gegenbeispiel. Und es zeigt etwas, das wir in „Man könnte, man sollte“ vermisst haben: Hier hat nicht „man“ gesagt, man müsste etwas tun. Hier haben Menschen Briefe geschrieben, und es hat gewirkt.
V. Die Genossenschaften
Es gibt in Deutschland schon eine Form, in der Bürger ihre Energie gemeinsam besitzen. Im Genossenschaftsverband DGRV sind fast tausend Energiegenossenschaften mit rund 220.000 Mitgliedern organisiert. Sie haben 3,6 Milliarden Euro in Wind- und Solaranlagen investiert und 2025 rund acht Terawattstunden Strom erzeugt. Jede fünfte betreibt bereits Batteriespeicher, mehr als jede fünfte Angebote für Elektromobilität. Und in jeder gilt der Grundsatz: ein Mitglied, eine Stimme, unabhängig davon, wie viel einer eingezahlt hat.
In „Wem gehört die menschenleere Halle?“ haben wir Formen beschrieben, in denen der Ertrag nicht danach verteilt wird, wer Aktien gekauft hat. Die Energiegenossenschaft ist die deutsche, ganz alltägliche Variante davon. Wenn sich die Besitzer der Autobatterien in ihrer Gemeinde zusammenschließen, wird aus Millionen einzelner Speicher ein Kraftwerk, das den Bürgern selbst gehört.
VI. Was noch fehlt
Damit aus der guten Nachricht eine gute Entwicklung wird, sind noch einige Hürden zu nehmen. MiSpeL gilt vorerst nur für ein Jahr, bis zum 30. September 2027. Die vereinfachte Regel braucht noch die Zustimmung der EU, weil sie als Beihilfe gilt. Und alle 866 Verteilnetzbetreiber in Deutschland müssen mitspielen. Bastian Gierull, Deutschlandchef von Octopus Energy, hält das für die eigentliche Hürde. Seine Firma bietet in Großbritannien schon seit 2025 gemeinsam mit dem Autohersteller BYD ein Paket an, bei dem der Kunde gratis lädt und die Firma dafür seine Batterie mitnutzen darf.
An diesem Beispiel zeigt sich auch die wichtigste offene Frage. Der Speicher im Carport ist nur dann ein Hebel, wenn sein Besitzer mitbestimmt, wann er Strom abgibt und zu welchem Preis. Verfügt am Ende ein Konzern über eine App über Millionen Batterien, dann hat sich der Hebel nur verschoben, von den Kraftwerksbetreibern zu den Plattformen. Ob das geschieht, entscheidet sich jetzt, in den Verträgen, Tarifen und Genossenschaftssatzungen der nächsten Jahre.
VII. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre
Der erste Einwand: Das ständige Laden und Entladen nutzt die Batterien ab, und am Ende zahlt der Autobesitzer die Rechnung. Das ist eine berechtigte Sorge. Ob der Verschleiß ins Gewicht fällt, hängt davon ab, wie oft und wie tief entladen wird, und die Hersteller werden es in ihren Garantien zeigen müssen.
Der zweite Einwand: Elektroautos und Solardächer haben vor allem die, die ohnehin gut gestellt sind. Auch das stimmt bisher. Aber die Preise sinken, und eine Genossenschaft kann auch die beteiligen, die kein eigenes Dach haben.
Widerlegt wäre der Essay, wenn in einigen Jahren die Batterien in den Garagen zwar das Netz stützen, ihre Besitzer aber nichts mehr darüber zu sagen haben.
VIII. Man tut es
Erich Kästner hat den kürzesten Einwand gegen das Schulterzucken formuliert: Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es. Die Technik ist da, die Autos stehen in den Einfahrten, die Regeln sind seit ein paar Tagen vernünftig, und eine Behörde hat bewiesen, dass sie zuhören kann. Diesmal liegt der Hebel nicht bei anderen. Er steht vor der Haustür.
Die Entscheidung liegt bei den Vielen. Sie können sich organisieren und gemeinsam eine kooperative Plattform schaffen, oder sie wählen den bequemen Weg und geben den Hebel an eine korporative Plattform ab.
Wenn Millionen Garagen zu kleinen Kraftwerken werden: Behalten ihre Besitzer den Hebel in der Hand, oder geben sie ihn mit einem Fingertipp an die nächste Plattform ab?