Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 30. Oktober 2026

Der kleine Schutz

Frankreich im Oktober 2026 und was kommt, wenn der Staat nicht kommt

Wenn die Polizei nicht kommt, kommen andere. Sie verlangen keinen Gehorsam, sondern Schutzgeld.

I. Zwei Wochenenden

Am 17. Oktober 2026 schlugen in Frankreich die Proteste von Ober- und Berufsschülern gegen Lehrermangel und verfallende Schulen in Plünderungen und Brandstiftungen um. In Limoges brannte das Rathaus. Das Innenministerium zählte an diesem Wochenende 2.025 Brandstiftungen, 1.522 geplünderte Geschäfte und 1.144 verletzte Polizisten. In Geschäftsvierteln von Marseille, Bordeaux und Paris waren Inhaber und Verkäufer stundenlang den Plünderern ausgeliefert, bevor die überforderte Polizei anrückte. Die 750 Pariser Kommunalpolizisten hatten Anweisung, sich von den Demonstrationen fernzuhalten. Justizminister Gérald Darmanin sagte im Radio: „Wir haben an dem Wochenende zweifellos versagt.“

Eine Woche später schickte der Staat 70.000 Polizisten auf die Straße. Mehrere Städte verhängten Versammlungsverbote und Ausgangssperren, in Paris waren die Schaufenster vernagelt und mehrere Museen geschlossen. Das Ministerium meldete 1.314 Festnahmen und 24 Plünderungen. Der Staat kann also, wenn er will. Aber das Vertrauen, das an einem Wochenende verloren geht, kommt mit 70.000 Polizisten am nächsten nicht zurück. Wer seinen Laden einmal stundenlang allein verteidigen musste, verlässt sich danach nicht mehr darauf, dass jemand kommt.

II. Der kleine Schutz

In „Wer Sicherheit nicht bieten kann, kann Gehorsam nicht verlangen“ haben wir den unausgesprochenen Vertrag beschrieben, auf dem jede Herrschaft ruht: Ich gehorche, weil du mich schützt. Wer den großen Schutz nicht mehr bekommt, sucht den kleinen. In Frankreich lässt sich das jetzt beobachten. Ladenbesitzer organisieren sich zur Selbstverteidigung, Händler von Selbstverteidigungswaffen melden sprunghaft steigende Bestellungen, und der Justizminister warnt vor Selbstjustiz.

Am Morgen des 23. Oktober, zwischen den beiden Wochenenden, schoss ein Mann in mehreren Orten bei Paris aus einem Auto mit einer automatischen Waffe auf Passanten. Ein Mann starb, fünf Menschen wurden verletzt. Präsident Macron sprach von einem rassistischen Terroranschlag: Die Opfer seien allein wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer vermuteten Religion ausgewählt worden. Er nannte die Tat einen „Wendepunkt im Leben unserer Republik“. Der Verdächtige wurde in die Psychiatrie der Polizei eingewiesen, und ob die Tat mit den Unruhen zusammenhängt, ist nicht bekannt. Aber sie zeigt die zweite Richtung, in die sich Gewalt bewegt, wenn die Ordnung brüchig wird. Sie richtet sich dann nicht mehr gegen Schaufenster, sondern gegen Menschen, die man für den Feind hält.

III. Wer Schutz verkauft

Die bewaffneten Ladenbesitzer sind die erste Stufe. Die zweite sind die, die Schutz verkaufen. Der kleine Schutz hat seinen Preis, und es findet sich immer jemand, der ihn kassiert.

So ist die sizilianische Mafia entstanden. Der Soziologe Diego Gambetta hat sie als ein Gewerbe beschrieben, das privaten Schutz dort anbietet, wo der Staat ihn nicht liefert. In Medellín verlangen bewaffnete Gruppen von Ladenbesitzern und Busfahrern bis heute eine regelmäßige Abgabe, die sie „vacuna“ nennen, Impfung. Das Wort sagt alles: Man zahlt, damit einem nichts geschieht, und zwar durch die, die zahlen lassen. Im Russland der 1990er Jahre brauchte jedes Geschäft ein „Dach“. In Jugoslawien wurde aus dem Berufsverbrecher Arkan ein Warlord, dessen Freischärler mordeten und plünderten.

Das Geschäft ist so einträglich, weil es sich selbst erhält. Wer Schutz verkauft, hat kein Interesse daran, dass der Staat zurückkehrt. Er lebt von der Unsicherheit, die er verwaltet, und notfalls erzeugt er sie selbst. Die Kunden zahlen regelmäßig, sie können nicht kündigen, und sie haben keinen Richter, bei dem sie sich beschweren könnten. Wo mehrere Gruppen Schutz verkaufen, kämpfen sie um die Kunden wie andere Unternehmen um Märkte, nur mit Waffen. Das ist die Vorstufe zu Warlords und Bürgerkrieg.

Der Historiker Charles Tilly hat gezeigt, dass auch die europäischen Staaten einmal so begonnen haben: als Schutzgelderpresser, die ihre Konkurrenten ausschalteten, bis nur einer übrig blieb. Der moderne Staat ist der Schutzverkäufer, der gewonnen hat und sich an Gesetze binden ließ. Wenn er sich zurückzieht, beginnt die Geschichte von vorn.

In Frankreich muss diese Geschichte nicht erst beginnen. In Marseille beherrschen Drogenbanden seit Jahren ganze Viertel. Die Strukturen, die eine Lage wie die vom 17. Oktober effizient und einträglich bewirtschaften könnten, sind schon da. Sie warten nicht auf den Zusammenbruch des Staates. Ihnen genügt, dass er an einem Wochenende nicht kommt.

IV. Die Unternehmer der Angst

Auch in der Politik finden sich Verkäufer des kleinen Schutzes. Premierminister Sébastien Lecornu wirft der Linkspartei La France insoumise vor, sich mit Linksextremen zur Destabilisierung Frankreichs verbündet zu haben. Jean-Luc Mélenchon ruft dazu auf, die Macht auf revolutionäre Weise zu erobern, und versucht, das linksextreme Milieu und die Jugendlichen aus den Vorstädten unter der palästinensischen Flagge zu sammeln. „Man muss alles zum Konflikt machen“, sagt er. Der frühere Finanzminister Bruno Le Maire verlangt eine Ausnahmegesetzgebung.

Am meisten gewinnt, wer am wenigsten tut. Marine Le Pen fällt, wie die F.A.Z. schreibt, die Rolle der Ordnungshüterin zu, ohne dass sie sich groß bemühen müsste. Gegen ihren Parteitag in Orléans demonstrierten am letzten Wochenende über zehntausend Menschen, und jedes Bild davon bestätigt ihre Erzählung. 2024 hatte Macron sinngemäß gesagt, die Franzosen müssten zwischen ihm und dem Chaos wählen. Heute gilt er über alle Parteigrenzen hinweg selbst als Urheber des Chaos. In „Sind Demokratie und Kompetenz inkompatibel?“ haben wir diese Falle beschrieben: Wer eine unfähige Regierung nach der anderen erlebt, wählt am Ende den, der verspricht, mit dem Wechseln Schluss zu machen.

V. Der leere Haushalt

Die Regierung könnte selbst dann nicht antworten, wenn sie wollte. Der Schuldendienst ist inzwischen der größte Posten im französischen Haushalt, noch vor Bildung und Verteidigung. Mitte Oktober lenkte die Regierung ein, mit vergünstigten Krediten von vier Milliarden Euro für die Sanierung von Gymnasien bis 2030 und 500 zusätzlichen Lehrerstellen. Gemessen an verfallenen Schulen im ganzen Land ist das wenig, und mehr gibt der Haushalt nicht her. Die Regionen, die für die Schulgebäude zuständig sind, haben keine Rücklagen, während die Schäden der Unruhen eine neue Kostenlawine auslösen. Die Gewerkschaften CGT und CFDT haben für den 5. November zum Generalstreik aufgerufen. Premierminister Lecornu sagte auf einer Pressekonferenz: „Wir haben Scheiße gebaut.“

Die Jungen sehen sich als Leidtragende einer Politik, die die Älteren schont, die früh in Rente gehen wollen. Dabei war die Gewalt nicht ihr Werk. Seit September waren unter den Tausenden, die in Polizeigewahrsam kamen, fast neun von zehn minderjährig. Unter den Tätern vom 17. Oktober waren nach Angaben des Justizministers 70 Prozent volljährig, und sie kamen aus zwei Gruppen, dem linksextremen Milieu und den Vorstädten. Die Schüler, die seit Wochen für Lehrer und intakte Schulen demonstrieren, gingen hinter denen unter, die vom Augenblick profitierten. Was diese Jugend will und warum sie es nicht bekommt, haben wir in „Die Jugend ist unsere Zukunft“ beschrieben.

VI. Und Deutschland?

Am 31. Oktober gehen auch in Deutschland junge Menschen auf die Straße. Der Jugendforscher Mathias Albert erwartet keine französischen Ausmaße, weil es hier keine Banlieues gibt. Das mag stimmen. Aber der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Ländern liegt nicht bei der Jugend und nicht in den Vorstädten. Er liegt in der Frage, ob der Staat noch liefert: Sicherheit auf der Straße, Lehrer in den Schulen, ein Zimmer in der Stadt, in der man studiert, eine Polizei, die kommt, wenn man sie ruft. Die Zutaten sind auch hier vorhanden: eine alternde Gesellschaft, ein Generationenkonflikt, marode Schulen und eine Hauptstadt, in der der Staat schon im Alltag an vielen Stellen versagt.

VII. Die These

Wer Sicherheit nicht liefert, bekommt Konkurrenz. Erst bewaffnen sich die Bürger selbst, dann verkaufen andere ihnen den Schutz, und am Ende kämpfen die Schutzverkäufer gegeneinander. Jugoslawien brauchte nach Titos Tod zehn Jahre, bis die Ordnung kippte. In Frankreich hat ein Wochenende genügt, um zu zeigen, wie dünn sie geworden ist.

Ein Staat verliert sein Gewaltmonopol nicht an dem Tag, an dem Rathäuser brennen. Er verliert es an dem Tag, an dem der erste Ladenbesitzer lieber einer Bande zahlt als dem Finanzamt.

Weiterlesen: Wer Sicherheit nicht bieten kann, kann Gehorsam nicht verlangen · Sind Demokratie und Kompetenz inkompatibel? · Die Jugend ist unsere Zukunft

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 30. Oktober 2026.

Quellen. Michaela Wiegel, „Ladenbesitzer organisieren sich zur Selbstverteidigung“, F.A.Z., 24. Oktober 2026. · Hanna Decker u. a., „Gen-Z-Demos: Die Klagen der Schüler im Faktencheck“, F.A.Z., 31. Oktober 2026. · „Proteste in Frankreich: Neue Ausschreitungen und 1.300 Festnahmen“, ZDFheute, 25. Oktober 2026, mit den Zahlen des Innenministeriums für beide Wochenenden. · dpa, „Schüsse aus Auto: Macron nach Terrortat bei Paris – Wendepunkt für Frankreich“, Stuttgarter Zeitung, 24. Oktober 2026; Reuters/EWN, „Suspected racist shooter put in French police psychiatric unit“, 25. Oktober 2026. · Julia Schaaf, „Die Antwort kann nicht sein, die Jungen noch mehr zu pampern“, Interview mit Mathias Albert, F.A.S., 30. Oktober 2026. · Diego Gambetta, The Sicilian Mafia: The Business of Private Protection, Cambridge (Mass.) 1993. · Charles Tilly, „War Making and State Making as Organized Crime“, in: Evans, Rueschemeyer, Skocpol (Hg.), Bringing the State Back In, Cambridge 1985.