Der missbrauchte Hammer
Friedrich Nietzsche, seine Schwester und ein Werkzeug, das zum Prüfen gedacht war.
Aus der Reihe Der Club der toten Philosophen · Mitglied III, Nietzsche
„… ewige Götzen, die hier mit dem Hammer wie mit einer Stimmgabel berührt werden.“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert, Vorwort, 1889
I. Der Hammer, der horcht
Auf großen Bahnhöfen gingen früher Männer mit langstieligen Hämmern an den Zügen entlang und klopften gegen jedes Rad. Ein gesundes Rad klang hell. Ein Rad mit einem Riss klang dumpf, und der Wagen wurde aus dem Verkehr gezogen. Der Arzt klopft mit seinem Hämmerchen gegen das Knie, um zu sehen, ob die Nerven antworten. Und wer eine Schleifscheibe aufspannt, klopft sie vorher leicht an, denn eine gerissene Scheibe klingt anders als eine heile.
Kein Mensch käme auf die Idee, das Rad, das Knie oder die Scheibe mit diesem Hammer zu zertrümmern. Der Hammer ist ein Prüfinstrument. Er stellt eine Frage, und der Klang ist die Antwort.
Genau so hat Friedrich Nietzsche seinen berühmtesten Buchtitel gemeint. „Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert“ erschien 1889, kurz bevor er zusammenbrach. Im Vorwort schreibt er, er wolle die Götzen seiner Zeit mit dem Hammer „wie mit einer Stimmgabel“ berühren und hören, ob sie jenen hohlen Ton geben, der verrät, dass nichts in ihnen ist. Der Hammer sollte horchen. Seine Erben haben mit ihm zugeschlagen.
II. Die Schwester
Anfang Januar 1889 brach Nietzsche in Turin zusammen. Er lebte noch elf Jahre, ohne wieder klar denken zu können, zuletzt in Weimar, gepflegt von seiner Schwester Elisabeth. Sie war mit Bernhard Förster verheiratet gewesen, einem Wortführer der Antisemiten, mit dem sie 1887 in Paraguay die Kolonie „Nueva Germania“ gegründet hatte, eine Siedlung für Deutsche reinen Blutes. Die Kolonie scheiterte, Förster nahm sich 1889 das Leben. Elisabeth kehrte zurück und fand eine neue Aufgabe: ihren berühmt werdenden Bruder.
Sie gründete das Nietzsche-Archiv, kontrollierte den Nachlass und stellte aus seinen Notizzetteln ein Buch zusammen, das sie als sein Hauptwerk ausgab: „Der Wille zur Macht“. Nietzsche hatte den Plan zu diesem Buch aufgegeben. Sie ordnete, kürzte und ergänzte nach ihrem Geschmack und fälschte Briefe, um ihre eigene Rolle zu vergrößern. Erst die kritische Ausgabe der Italiener Giorgio Colli und Mazzino Montinari hat ab den sechziger Jahren gezeigt, was wirklich von ihm stammt.
Da war der Schaden längst angerichtet. Hitler besuchte das Archiv mehrmals, und als Elisabeth 1935 starb, kam er zu ihrer Beerdigung. 1943 schenkte er Mussolini zum sechzigsten Geburtstag eine Gesamtausgabe Nietzsches. Der Philosoph, der wie kein anderer vor dem Herdenmenschen gewarnt hatte, wurde zum Hausphilosophen der größten Herde, die Deutschland je gesehen hat.
In diesem Club geht es darum, dass man den Toten alles in den Mund legen kann. Bei Nietzsche hat es die eigene Familie getan, und zwar schon, als er noch lebte und sich nicht mehr wehren konnte.
III. Was er wirklich dachte
Nietzsche verachtete die Antisemiten. Die Ehe seiner Schwester mit Förster hielt er für ein Unglück, und von Richard Wagner, dessen Kreis den Judenhass pflegte, hatte er sich schon Jahre zuvor abgewandt. Über das neue Deutsche Reich schrieb er, „Deutschland, Deutschland über alles“ sei, so fürchte er, das Ende der deutschen Philosophie gewesen. In einem seiner letzten Briefe, schon im beginnenden Wahn, schrieb er: „Ich lasse eben alle Antisemiten erschießen.“
Das macht ihn nicht harmlos. Nietzsche hat Sätze geschrieben, die man nur mit Unbehagen liest: über die Starken und die Schwachen, über das Mitleid als Krankheit, über eine Moral der Herren gegen eine Moral der Sklaven. Wer ihn missbrauchen wollte, fand Material. Aber er schrieb in Bildern, Widersprüchen und Masken, er probierte Gedanken aus, statt Lehrsätze aufzustellen. Seine Schwester hat aus dem Versuch ein System gemacht und aus dem System ein Programm.
IV. Der Hammer in allen Händen
Nach 1945 hätte man denken können, Nietzsche sei für immer erledigt. Das Gegenteil geschah. Er wurde zum Philosophen, auf den sich alle berufen, oft gleichzeitig.
Die Linke. In Frankreich entdeckten Gilles Deleuze und Michel Foucault Nietzsche als Kritiker aller Machtansprüche, die sich als Wahrheit ausgeben. Aus seinem Nachlass stammt der Satz: „Gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen.“ Gemeint war eine Warnung vor falscher Gewissheit. Zu Ende gedacht führt eine Linie von dort bis zur Politik, in der jede Tatsache nur noch eine Erzählung unter vielen ist und Lügen „alternative Fakten“ heißen.
Die Rechte. Wortführer der amerikanischen Alt-Right wie Richard Spencer haben bekannt, Nietzsche habe sie geprägt. Sie lesen den Übermenschen als Herrenmenschen und den Willen zur Macht als Erlaubnis.
Das Silicon Valley. Max More, einer der Begründer des Transhumanismus, berief sich ausdrücklich auf Zarathustra. Der Mensch sei etwas, das überwunden werden soll, und warum nicht mit Technik? Der Übermensch kommt hier mit Chip und Lebensverlängerung.
Der Alltag. „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ stammt aus der „Götzen-Dämmerung“. Heute steht der Satz auf Kalenderblättern, in Ratgebern über Resilienz und in einem Popsong von Kelly Clarkson. Nietzsche, der Philosoph der Einsamkeit, ist zum Motivationstrainer geworden.
V. Der letzte Mensch
Im Vorwort des „Zarathustra“ beschreibt Nietzsche eine Gestalt, die er mehr fürchtete als jeden Tyrannen: den letzten Menschen. Er will nichts Großes mehr, kein Wagnis, keine Sehnsucht, nur Behagen. „Wir haben das Glück erfunden“, sagen die letzten Menschen und blinzeln.
Hundert Jahre später gab Francis Fukuyama seinem Buch den Titel „Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch“. Wir haben in „Die richtige Seite der Geschichte“ beschrieben, wie er Hegel las. Den letzten Menschen nahm er von Nietzsche, und er ahnte selbst, dass dieser Mensch nicht zufrieden bleiben würde. Er hatte recht: Der satte Mensch wurde nicht zufrieden, sondern gereizt. Und damit kommen wir zu dem, worin Nietzsche heute unentbehrlich ist.
VI. Wo Nietzsche recht hat
Gott ist tot. Kein Satz Nietzsches wird häufiger zitiert und gründlicher missverstanden. In der „Fröhlichen Wissenschaft“ verkündet ihn ein „toller Mensch“ auf dem Marktplatz, und er jubelt nicht, er ist entsetzt. Wer hat uns den Schwamm gegeben, fragt er, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Mit Gott verschwindet der Boden, auf dem alle Werte standen. Die Leute lachen ihn aus, und er sagt: „Ich komme zu früh.“ Er ist der erste der Rufer, die wir in „Die ungehörten und vergessenen Rufer in der Wüste“ beschrieben haben. Die Leere, die er vorhergesehen hat, füllt sich seitdem mit Ersatzreligionen: Nation, Rasse, Klasse, Markt, Verschwörung.
Das Ressentiment. In der „Genealogie der Moral“ beschreibt Nietzsche den Groll der Gekränkten, der sich als Moral verkleidet. Wer sich zu schwach fühlt, um sich zu wehren, erklärt den Starken für böse und sich selbst für gut. Der Philosoph Max Scheler hat das 1912 weitergeführt. Für die Politik von heute gibt es kaum ein schärferes Werkzeug. Populisten aller Richtungen leben davon, dass Kränkung sich besser verkauft als jedes Programm. Hegel hat beschrieben, dass Menschen um Anerkennung kämpfen. Nietzsche hat beschrieben, was aus ihnen wird, wenn sie den Kampf verloren glauben.
Die Perspektive. Dass wir die Welt immer von einem Standpunkt aus sehen, ist keine Erlaubnis zur Lüge, sondern eine Pflicht zur Bescheidenheit. Wer weiß, dass er nur einen Ausschnitt sieht, prüft seine Sicht an anderen. Das ist das Gegenteil dessen, was die Prediger der „alternativen Fakten“ daraus gemacht haben.
VII. Prüfen oder zerschlagen
Ein Prüfhammer hat eine Eigenschaft, die ihn vom Vorschlaghammer unterscheidet: Er darf das, was er prüft, nicht beschädigen. Der Mann am Bahnhof, der das Rad zerschlägt, statt es abzuklopfen, hat seinen Beruf nicht verstanden.
Nietzsches Erben haben fast alle zugeschlagen. Die Nationalsozialisten zerschlugen die Moral, um eine schlimmere aufzurichten. Die Zyniker zerschlagen die Wahrheit, um ihre Lüge gleichberechtigt danebenzustellen. Die Transhumanisten wollen den Menschen zerschlagen, um ihn neu zu bauen. Keiner von ihnen horcht.
Der ehrliche Gebrauch wäre ein anderer: die eigenen Götzen abklopfen, nicht die der anderen. Klingt das Wachstum hohl, an das wir alle glauben? Der Markt, die Nation, der Fortschritt, die Sicherheit, die Effizienz? In der Sprache der Regelungstechnik ist das Abklopfen eine Messung. Es liefert ein Signal, an dem man sich korrigieren kann. Das Zuschlagen liefert kein Signal mehr, nur Trümmer.
VIII. Turin, Januar 1889
Der Legende nach brach Nietzsche in Turin zusammen, als er sah, wie ein Kutscher sein Pferd prügelte. Er soll dem Tier um den Hals gefallen sein und geweint haben. Ob es stimmt, weiß niemand. Aber es ist die Geschichte, die man sich über ihn erzählt, und sie passt nicht zu dem Bild, das seine Schwester von ihm gezeichnet hat: Der Philosoph der Härte endet mit Mitleid für ein geschundenes Tier.
Vielleicht ist das die letzte Lektion des missbrauchten Hammers. Wer ihn schwingt, sollte zuerst hören, wie er selbst klingt.
Nietzsche wollte horchen, ob die Götzen hohl sind. Seine Erben haben zugeschlagen und dabei überhört, wie hohl sie selbst klangen.