Essay · Der Club der toten Philosophen II · Hans Ley & Claude Dedo · 12. Oktober 2026

Die richtige Seite der Geschichte

Hegel und der Glaube, die Geschichte habe ein Ziel und man selbst stehe auf ihrer Seite.

Aus der Reihe Der Club der toten Philosophen · Mitglied II, Hegel

„Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Vorrede, 1820

I. Ein Reiter in Jena

Am 13. Oktober 1806, morgen vor 220 Jahren, schrieb ein 36-jähriger Privatdozent in Jena einen Brief an seinen Freund Friedrich Immanuel Niethammer. Die französischen Truppen hatten die Stadt besetzt, am nächsten Tag sollte die Schlacht bei Jena und Auerstedt Preußen zertrümmern. Der Dozent hatte gerade sein erstes großes Werk beendet, die „Phänomenologie des Geistes“. Und er hatte Napoleon gesehen: „Den Kaiser – diese Weltseele – sah ich durch die Stadt zum Rekognoszieren hinausreiten; es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.“

Der Dozent hieß Georg Wilhelm Friedrich Hegel. In diesem Satz steckt seine ganze Geschichtsphilosophie: Die Geschichte bewegt sich auf ein Ziel zu, und manche Menschen sind ihre Werkzeuge, ob sie es wissen oder nicht. Napoleon ritt für die Weltseele. Er glaubte, für Frankreich und für sich selbst zu reiten.

II. Was Hegel dachte

Hegels berühmtester Satz über die Geschichte lautet: „Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit.“ Zuerst war nur einer frei, der orientalische Despot. Dann waren einige frei, die Bürger Athens und Roms. Am Ende sollen alle frei sein. Die Geschichte ist kein Durcheinander, sondern ein Weg, und sie hat eine Richtung.

Angetrieben wird sie vom Widerspruch. Jede Ordnung erzeugt Spannungen, an denen sie zerbricht, und aus dem Bruch geht eine höhere Ordnung hervor. Die bekannte Formel von These, Antithese und Synthese stammt übrigens nicht von Hegel. Er hat sie kaum benutzt. Andere haben sie ihm später in den Mund gelegt, weil sie sich leichter merken lässt als das, was er wirklich schrieb.

Dazu kommt die „List der Vernunft“. Die großen Akteure verfolgen ihre eigenen Leidenschaften und Interessen, und gerade dadurch setzen sie durch, was die Geschichte will. Napoleon wollte ein Imperium und brachte Europa das bürgerliche Gesetzbuch. Und schließlich der Satz, der Hegel den Ruf des preußischen Staatsphilosophen eintrug: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“

III. Die Erben teilen sich das Erbe

Kaum war Hegel 1831 in Berlin an der Cholera gestorben, zerfielen seine Schüler in zwei Lager. Die einen, die Rechtshegelianer, lasen den Satz über das Vernünftige und Wirkliche so: Der bestehende Staat ist vernünftig, also zu bewahren. Die anderen, die Linkshegelianer, lasen ihn umgekehrt: Nur was vernünftig ist, verdient wirklich zu sein, also muss das Unvernünftige weg.

Aus dem zweiten Lager kam Karl Marx. Er schrieb, bei Hegel stehe die Dialektik auf dem Kopf, man müsse sie auf die Füße stellen. Nicht der Geist treibe die Geschichte, sondern die Produktionsverhältnisse. Das Ziel blieb: eine Gesellschaft, in der alle frei sind. Lenin las 1914 im Schweizer Exil Hegels „Logik“ und notierte, man könne das „Kapital“ ohne sie nicht verstehen, und folglich habe kein Marxist Marx verstanden.

Auch auf der anderen Seite der russischen Revolution stand ein Hegelianer. Iwan Iljin, der Philosoph, dessen Gebeine Putin 2005 aus der Schweiz heimholen ließ, hatte 1918 ein großes Buch über Hegel geschrieben. Wir haben seine Wirkung in „Die Gebeine aus Zollikon“ beschrieben. Der Rote und der Weiße, Lenin und Iljin, lernten beim selben Lehrer.

Und ein dritter Strang führt nach Paris. Dort hielt der russische Emigrant Alexandre Kojève von 1933 bis 1939 ein Seminar über Hegels „Phänomenologie“, in dem eine ganze Generation französischer Intellektueller saß, von Raymond Aron bis Jacques Lacan. Kojève verkündete, die Geschichte sei im Grunde mit Napoleon zu Ende gegangen. Nach dem Krieg ging er ins französische Wirtschaftsministerium und half, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft aufzubauen. Ein Hegelianer als einer der Planer der EWG: Das ist vielleicht die unterschätzteste Spur des Philosophen.

IV. Das Ende der Geschichte, das nicht kam

Von Kojève stammt der Gedanke, den Francis Fukuyama 1989 in einem Aufsatz mit dem Titel „Das Ende der Geschichte?“ berühmt machte. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus, so Fukuyama, gebe es zur liberalen Demokratie keine ernsthafte Alternative mehr. Die Ereignisse gingen weiter, aber der Wettstreit der großen Ideen sei entschieden.

Dann kamen der 11. September 2001, die Finanzkrise 2008, die Krim 2014, die Ukraine 2022 und ein China, das reich wurde, ohne liberal zu werden. Die Geschichte war nicht zu Ende. Fukuyama ist dafür viel verspottet worden, oft zu Unrecht, denn er hatte ein Fragezeichen gesetzt, das seine Kritiker überlesen haben. Aber sein Irrtum ist lehrreich: Er hat Hegels Ziel für erreicht gehalten. Wer glaubt, am Ziel zu sein, hört auf zu lernen.

V. Die richtige Seite der Geschichte

Am lebendigsten ist Hegel heute in einer Redewendung. Barack Obama sprach gern davon, auf der „richtigen Seite der Geschichte“ zu stehen. Wer gegen gleichgeschlechtliche Ehe oder Klimaschutz war, stand auf der falschen. Xi Jinping erklärte 2021, die Wiedergeburt der chinesischen Nation sei in einen „unumkehrbaren historischen Prozess“ eingetreten. Und der Kreml erklärt, Russland stehe auf der richtigen Seite, der Westen sei im Niedergang.

Alle drei sagen dasselbe: Die Geschichte hat eine Richtung, und wir kennen sie. Das ist bequem, denn wer die Geschichte auf seiner Seite hat, muss nicht mehr begründen, warum er recht hat. Er muss nur warten. Wer widerspricht, irrt nicht, er ist rückständig.

Karl Popper hat diese Denkweise „Historizismus“ genannt und 1957 ein Buch dagegen geschrieben. Er widmete es dem Andenken der unzähligen Menschen, die als Opfer des faschistischen und kommunistischen Glaubens an unerbittliche Gesetze der Geschichte gefallen waren. Hegel war dafür nicht verantwortlich. Aber er hat den Satz geliefert, mit dem man sich davon freisprechen kann: Die Geschichte wird es zeigen.

VI. Wo Hegel recht hat

Gnadenlos zu Hegel zu sein, wäre billig, denn er hat einiges gesehen, was seine Kritiker übersehen.

Erstens: Widersprüche treiben Entwicklung tatsächlich voran. Jede Ordnung erzeugt die Spannungen, an denen sie sich verändert. Wer eine Gesellschaft verstehen will, muss auf ihre Widersprüche schauen, nicht auf ihre Selbstbeschreibung.

Zweitens: In der „Phänomenologie“ steht das Kapitel über Herr und Knecht. Menschen kämpfen nicht nur um Brot, sondern um Anerkennung. Fukuyama hat daraus 2018 sein Buch über Identität gemacht und damit erklärt, warum Kränkung heute oft stärker wählt als der Geldbeutel. Diese Einsicht ist zweihundert Jahre alt und aktueller als jede Umfrage.

Drittens: Freiheit braucht Einrichtungen. Hegel hat verstanden, dass Rechte auf dem Papier nichts nützen, wenn es keine Familien, Verbände, Gemeinden und Institutionen gibt, die sie tragen. Er nannte das Sittlichkeit. Die Liberalen, die glaubten, Märkte und Wahlen genügten, hätten bei ihm lernen können.

Und viertens hat Hegel selbst vor seinen Erben gewarnt. Die Philosophie, schrieb er, komme immer zu spät. Wie die Eule der Minerva fliege sie erst in der Dämmerung, wenn eine Gestalt des Lebens schon alt geworden sei. Sie könne verstehen, was geschehen ist, nicht vorhersagen, was geschehen wird. Wer sich auf Hegel beruft, um die Zukunft zu kennen, hat ihn an der wichtigsten Stelle nicht gelesen.

VII. Regelung mit festem Sollwert

In der Sprache der Regelungstechnik ist Hegels Geschichte ein Regelkreis. Der Widerspruch ist die Abweichung, die Krise die Korrektur. Bis hierhin ist das ein lernendes System.

Der Fehler liegt im Sollwert. Bei Hegel und mehr noch bei seinen Erben steht das Ziel von vornherein fest: die Freiheit aller, die klassenlose Gesellschaft, die liberale Weltordnung, das wiedererstarkte Russland. Ein Regler mit festem Sollwert kann alles korrigieren außer dem Sollwert selbst. Jede Abweichung wird als „noch nicht“ gedeutet, nie als Hinweis darauf, dass das Ziel falsch sein könnte. Wer so denkt, kann nicht scheitern, er ist nur noch nicht angekommen.

Ein offener Regelkreis, wie Popper ihn wollte, kennt kein Endziel. Er misst nur, ob es den Menschen besser oder schlechter geht, und korrigiert. Das ist weniger erhaben als die Weltseele zu Pferde, aber es lernt auch dann noch, wenn es sich geirrt hat.

VIII. Die Eule und die Rufer

Hegels Eule fliegt in der Dämmerung. Sie versteht, wenn es zu spät ist. Wir haben in „Die ungehörten und vergessenen Rufer in der Wüste“ das Gegenstück beschrieben: die Warner, die zu früh kommen und deshalb nicht gehört werden. Zwischen beiden liegt der Tag, an dem man handeln müsste, und an dem weiß niemand sicher, wohin die Geschichte will.

Napoleon ist nicht als Weltseele gestorben, sondern als Gefangener auf Sankt Helena. Die Geschichte hat ihn nicht auf ihre Seite genommen. Sie hat ihn benutzt und abgelegt, wie Hegel es selbst beschrieben hat. Das hätte seinen Erben eine Warnung sein können.

Die Geschichte hat keine Seite. Sie hat nur Menschen, die sich auf sie berufen, um nicht mehr begründen zu müssen.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 12. Oktober 2026.

Der Club der toten Philosophen: Übersicht der Reihe · I. Platon: „Der Steuermann, den keiner wählt“. Verwandte Texte: „Die Gebeine aus Zollikon“ · „Die ungehörten und vergessenen Rufer in der Wüste“.

Zu den Quellen. Hegel an Niethammer, 13. Oktober 1806, in: Briefe von und an Hegel, Band 1; G. W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes (1807), Kapitel IV A (Herr und Knecht); Grundlinien der Philosophie des Rechts (1820), Vorrede; Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (postum 1837). Karl Marx, Das Kapital, Band 1, Nachwort zur zweiten Auflage (1873). W. I. Lenin, Konspekt zu Hegels „Wissenschaft der Logik“ (1914), in: Philosophische Hefte. Iwan Iljin: zu seinem Hegel-Buch von 1918. Alexandre Kojève: Biografie mit Seminar und Rolle beim Aufbau der EWG. Francis Fukuyama, „The End of History?“, The National Interest, 1989; Identity (2018). Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus (1957). English version available.