Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 26. Oktober 2026

Die andere Seite der Münze

Über Staatsschulden, die jemandem gehören, und eine Erzählung, die das weglässt

Frankreichs Schulden, heißt es, werden am Ende die Deutschen bezahlen. Wer sie bekommt, sagt niemand.

I. Der Alarm

The Pioneer, das Medienhaus von Gabor Steingart, hat im Oktober 2026 ein Video veröffentlicht: „Warum Frankreich am Ende ist – und wir dafür zahlen müssen“. Die Botschaft ist klar: Frankreich lebt seit Jahrzehnten über seine Verhältnisse, die Risikoaufschläge auf seine Anleihen steigen, und „wir müssen Frankreich im worst case mit unserem Geld retten“. Als Experte tritt Gunther Schnabl auf, Professor in Leipzig und Leiter des Forschungsinstituts des Vermögensverwalters Flossbach von Storch. Sein Fazit: „Die deutschen Konsumenten zahlen natürlich für die Entwertung der französischen Staatsverschuldung mit.“

Vieles daran stimmt. Frankreich hat in absoluten Zahlen die höchsten Staatsschulden der EU. Wer dort sparen will, verliert sein Amt: Barnier nach drei Monaten, Bayrou nach neun, und Lecornu blieb nur, weil er die Rentenreform aussetzte. Und wer weiß, dass er im Notfall gerettet wird, verhält sich anders. Das nennt man Moral Hazard, und der Begriff ist zu Recht gefallen.

Verlogen ist an dieser Darstellung nicht, was sie sagt, sondern was sie weglässt.

II. Wem die Schulden gehören

Jeder Euro Staatsschuld ist für jemand anderen ein Euro Vermögen. Frankreichs Schulden sind Forderungen in den Büchern von Versicherungen, Banken, Pensionsfonds und Vermögensverwaltern. Ende 2024 lagen rund 55 Prozent der handelbaren französischen Staatsanleihen bei Anlegern im Ausland, je etwa neun Prozent bei französischen Versicherungen und Banken, ein weiterer großer Teil bei der Banque de France im Auftrag der EZB.

2025 zahlte Frankreich rund 65 Milliarden Euro Zinsen, und der Betrag steigt mit jedem Prozentpunkt Risikoaufschlag. Diese Zinsen werden aus Steuern bezahlt, zu einem großen Teil aus der Mehrwertsteuer, die jeder entrichtet, der einkauft. Sie fließen an die Halter der Anleihen. Finanzvermögen aber ist in allen europäischen Ländern stark konzentriert; in Deutschland besitzen die reichsten zehn Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens. Der Zinsdienst ist deshalb nicht nur eine Last. Er ist ein Strom, der von vielen zu wenigen fließt, über Landesgrenzen hinweg.

Das gilt für Deutschland genauso. Auch der deutsche Steuerzahler bedient Bundesanleihen, auch ihre Zinsen landen überwiegend bei denen, die schon Vermögen haben.

III. Die Risikoprämie ohne Risiko

Ein Risikoaufschlag ist der Preis, den ein Anleger für ein Risiko verlangt. Steigt er, verdient der Anleger mehr. Das ist in Ordnung, solange er das Risiko auch trägt.

Schnabl beschreibt selbst, was im Ernstfall geschieht: Die EZB greift ein, über ihr Schutzinstrument oder über ein anderes, denn sie hat sich „in der Vergangenheit sehr kreativ gezeigt“. Sein Satz dazu lautet: „Dann wird Frankreich gerettet werden.“ Gerettet wird damit aber nicht der französische Rentner. Gerettet wird der Anleger, der seine Anleihe zum vollen Wert zurückbekommt, nachdem er jahrelang den Aufschlag für ein Risiko kassiert hat, das er am Ende nicht tragen muss. Je wackliger Frankreich aussieht, desto mehr verdient er, und desto sicherer kann er sein, dass er nicht verliert.

Wie das in der Praxis aussieht, hat Griechenland gezeigt. Die European School of Management and Technology in Berlin hat 2016 nachgerechnet, wohin die ersten beiden Hilfsprogramme geflossen sind. Von 215,9 Milliarden Euro kamen 9,7 Milliarden im griechischen Staatshaushalt an, weniger als fünf Prozent. Der Rest ging in die Tilgung alter Schulden, in Zinszahlungen und in die Rettung von Banken. Als 2012 endlich ein Schuldenschnitt kam, lag ein großer Teil der Forderungen bereits bei öffentlichen Gläubigern, also bei den Steuerzahlern der Eurozone. Die privaten Gläubiger hatten Zeit gehabt, auszusteigen.

Auch die Inflation, die Schnabl fürchtet, trifft nicht alle gleich. Sie entwertet das Sparbuch und den Lohn. Wer Aktien, Immobilien und Gold besitzt, gewinnt, denn das billige Geld der Zentralbanken hat seit 2015 vor allem diese Vermögenspreise steigen lassen.

IV. Wer da spricht

Man muss niemandem eine Absicht unterstellen. Es genügt, nachzusehen, wo die Erzählung aufhört.

Der Experte im Video leitet das Forschungsinstitut eines Vermögensverwalters. Der Sender, der ihn befragt, baut gerade eine „Kathedrale des Kapitalismus“: die Pioneer Three, ein 40-Millionen-Euro-Schiff, das vor der Frankfurter Bankenskyline liegen soll, mit Newsroom und Bloomberg-Terminals. Gabor Steingart hat das Programm im Juli 2026 die „Demokratisierung des Kapitalismus“ genannt. Wer auf die staatliche Rente warte, warte wie ein Esel; die Antwort sei, das Geld zur Arbeit zu schicken. In „Die Titanisierung der Konfettikanone“ haben wir beschrieben, was das heißt: Die Ersparnisse der kleinen Leute sollen aus der Umlage in Depots wandern, an denen Banken, ETF-Anbieter und Vermögensverwalter verdienen.

In diese Erzählung passt der verschwenderische Staat, der die Deutschen ruinieren wird. Es passt nicht hinein, dass dieselben Schulden für die Kunden der Vermögensverwalter eine sichere Einnahme sind, die mit jedem Krisensignal wächst und im Ernstfall von der Zentralbank garantiert wird. Das Video hört genau dort auf, wo das eigene Geschäft anfängt.

V. Die eigentliche Trennlinie

Das Video erzählt einen Konflikt zwischen Ländern: das sparsame Deutschland gegen das verschwenderische Frankreich. Die Trennlinie verläuft aber quer dazu, zwischen denen, die Zinsen zahlen, und denen, die Zinsen bekommen, in Paris wie in Berlin. Der französische Busfahrer und der deutsche Krankenpfleger stehen auf derselben Seite. Die Pensionskasse in Paris und der Vermögensverwalter in Köln auch.

Es ist derselbe Tausch der Konfliktachse, den wir in „Der vertauschte Konflikt“ gezeigt haben, damals bei Alt gegen Jung. Wer Länder gegeneinander stellt oder Generationen, muss über Vermögen nicht reden.

Dabei ist die Diagnose richtig: Frankreich hat ein Schuldenproblem, und eine Lösung ist nicht in Sicht. Aber jede Lösung, die nur bei den Ausgaben ansetzt, bei Renten, Familienleistungen und öffentlichem Dienst, lässt den Strom unberührt, der in die andere Richtung fließt. Ein Haushalt, der spart und gleichzeitig steigende Zinsen an die Vermögenden auszahlt, ist kein Sanierungsprogramm. Er ist ein Umverteilungsprogramm mit Sparetikett.

Weiterlesen: Die Titanisierung der Konfettikanone · Der vertauschte Konflikt · Die strukturelle Umverteilung zwischen den Generationen · Das Medium, das alle steuert · Das Apfelbäumchen

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 26. Oktober 2026.

Quellen. The Pioneer, „Warum Frankreich am Ende ist – und wir dafür zahlen müssen“, Video mit Gunther Schnabl, Oktober 2026, https://www.youtube.com/watch?v=ly5FDwX1id8 · Agence France Trésor / Banque de France, Halter der handelbaren Staatsschuld Ende 2024, nach Le Grand Continent, „Géopolitique de la dette française“, 3. September 2025. · ESMT Berlin, Auswertung der Griechenland-Hilfsprogramme, Mai 2016, nach The Press Project, 4. Mai 2016. · Deutsche Bundesbank, Studie „Private Haushalte und ihre Finanzen“ (Vermögensverteilung). · Gabor Steingart, Brief zur Pioneer Three, The Pioneer, 13. Juli 2026.