Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 24. Oktober 2026

Das Medium, das alle steuert

Über das Geld, das Regierungen nur eine Weile ignorieren können

Das Geld herrscht nicht. Aber wer es braucht, richtet sich danach.

I. Der Satz eines Beraters

James Carville hatte Bill Clinton 1992 ins Weiße Haus gebracht. Kurz danach sah er, wie der neue Präsident sein Versprechen einer Steuersenkung für die Mittelschicht zurückstellte und stattdessen das Defizit abbaute, weil die Zinsen für Staatsanleihen stiegen. Carville sagte damals, früher habe er als Präsident oder als Papst wiedergeboren werden wollen. Jetzt wolle er als Anleihemarkt zurückkommen: „Da kann man jeden einschüchtern.“

Der Satz ist ein Witz, aber er beschreibt etwas Ernstes. Der mächtigste Mann der Welt hatte gerade gelernt, dass es etwas gab, das er nicht wählen und nicht entlassen konnte und dem er trotzdem folgen musste.

II. Fünf Regierungen, ein Ergebnis

Paris 1983. François Mitterrand war 1981 mit einem Programm aus Verstaatlichungen, höheren Löhnen und mehr Staatsausgaben angetreten. Das Kapital floss ab, der Franc musste in achtzehn Monaten dreimal abgewertet werden. Im März 1983 gab der Sozialist seine Linie auf und schwenkte auf Sparkurs um. In Frankreich heißt das bis heute „le tournant de la rigueur“.

Rom 2011. Im Herbst stiegen die Zinsen für italienische Staatsanleihen über sieben Prozent, eine Grenze, ab der ein Staat seine Schulden kaum noch bedienen kann. Im November trat Silvio Berlusconi zurück, der zuvor jeden Skandal überstanden hatte. Ihm folgte ein Kabinett aus Fachleuten, das niemand gewählt hatte.

Athen 2015. Die griechische Regierung ließ im Juli über die Sparauflagen der Gläubiger abstimmen. Gut sechzig Prozent stimmten mit Nein. Acht Tage später nahm dieselbe Regierung ein Programm an, das härter war als das abgelehnte. Die Banken waren geschlossen, das Geld ging aus.

London 2022. Liz Truss legte im September einen Haushalt mit großen Steuersenkungen vor, ohne zu sagen, wie sie bezahlt werden sollten. Das Pfund fiel auf den tiefsten Stand seiner Geschichte, die Zinsen auf britische Staatsanleihen sprangen nach oben, Pensionsfonds gerieten ins Wanken, und die Bank of England musste eingreifen. Sieben Wochen nach ihrem Amtsantritt trat Truss zurück.

Washington 2025. Am 2. April verkündete Donald Trump Zölle auf die Einfuhren fast der ganzen Welt. Eine Woche später stiegen die Zinsen auf amerikanische Staatsanleihen so schnell wie lange nicht. Am selben Tag setzte er den größten Teil der Zölle für neunzig Tage aus. Die Leute seien „ein bisschen nervös“ geworden, sagte er.

Ein Sozialist, ein Rechtspopulist, eine linke Regierung, eine Konservative, ein Nationalist. Ein großes Land, ein mittleres, ein kleines, ein ehemaliges Weltreich und die Weltmacht selbst. Alle haben gegen dasselbe verloren, und keiner brauchte dafür Jahre. Es dauerte Wochen oder Monate.

III. Wie das Medium wirkt

Man kann sich das Geld gern als Herrscher vorstellen, mit einem Sitz in New York oder London und Leuten, die dort beschließen, welche Regierung fällt. So ist es nicht, und wer es so erzählt, verfehlt das Gefährliche daran. Es gibt keine Sitzung und keinen Befehl. Es gibt Millionen einzelner Entscheidungen von Fonds, Banken, Versicherungen und Sparern, die alle dasselbe wollen: ihr Geld wiederhaben, mit Zinsen.

Der Soziologe Niklas Luhmann hat Geld als ein Kommunikationsmedium beschrieben. Es überträgt eine einzige Nachricht, nämlich ob jemand zahlungsfähig ist, und es überträgt sie schnell und überallhin. Wer darauf angewiesen ist, muss sich danach richten, ob er will oder nicht. Niemand muss es ihm sagen.

Ein Staat mit Schulden ist ein Kunde, der jeden Monat wiederkommen muss. Alte Anleihen laufen aus und müssen durch neue ersetzt werden. Man denke an einen Bauern, der beim Händler anschreiben lässt, bis die Ernte kommt. Er kann dem Händler einmal die Meinung sagen. Beim nächsten Einkauf steht er wieder vor ihm. So geht es jeder Regierung: Sie kann den Märkten trotzen, aber nur bis zur nächsten Auktion.

Deshalb wirkt das Medium meist, ohne dass man es sieht. Die fünf Fälle oben sind die Ausnahmen, in denen eine Regierung es darauf ankommen ließ. In allen übrigen Fällen hat sie vorher abgewogen, was die Märkte sagen würden, und das Programm gleich so geschrieben, dass es nicht so weit kommt.

IV. Wer sich widersetzen kann

Ganz ohne Ausweg ist es nicht. Aber die Auswege zeigen, wie hoch der Preis ist.

Abschotten. Malaysia führte im September 1998, mitten in der Asienkrise, Kapitalverkehrskontrollen ein und band den Ringgit fest an den Dollar, gegen den Rat des Internationalen Währungsfonds. Es ging erstaunlich gut. Der damalige IWF-Chef Horst Köhler räumte 2003 ein, Mahathir habe recht gehabt. Aber die letzten Kontrollen wurden schon 2001 wieder aufgehoben, weil ein Land, das Kapital einsperrt, auch keines mehr bekommt. China hält seine Kontrollen bis heute, und bezahlt dafür mit einer Währung, die außerhalb des Landes kaum jemand will.

Das Geld selbst machen. Im Juli 2012 sagte der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, in London, er werde tun, was immer nötig sei, um den Euro zu erhalten. Die Zinsen für Italien und Spanien fielen, ohne dass er einen einzigen Euro ausgeben musste. Gegen das Medium kommt nur an, wer es selbst herstellt. Das sind aber nicht die Regierungen, sondern Zentralbanken, die niemand gewählt hat und die gerade deshalb unabhängig sein sollen. Die Macht wandert also nicht zurück zur Politik. Sie wandert von einem nicht gewählten Ort zum anderen.

Die Weltwährung besitzen. Die Vereinigten Staaten können sich länger widersetzen als jeder andere, weil die halbe Welt Dollar braucht, wie wir im „Krieg um den Dollar“ beschrieben haben. Aber auch Trump brauchte im April 2025 nur eine Woche, um nachzugeben.

Ignorieren kann man das Medium also, aber nur auf drei Arten: indem man sich vom Rest der Welt abschneidet, indem man die Entscheidung an eine Zentralbank abgibt, oder indem man selbst die Weltwährung herausgibt. Und keine davon hält auf Dauer.

V. Was das Medium nicht sieht

Das wäre auszuhalten, wenn das Medium richtig messen würde. Das tut es nicht.

Es überträgt nur, was sich heute in einem Preis ausdrücken lässt. Eine Schule, die in zwanzig Jahren bessere Ingenieure hervorbringt, hat heute keinen Preis, nur Kosten. Eine Erfindung, die noch zehn Jahre Entwicklung braucht, ebenso. Ein Konzern dagegen, der Rücklagen in den Rückkauf eigener Aktien steckt, wird sofort belohnt. In „Marktpreis und Future-Preis“ haben wir gezeigt, wie Siemens 150 Jahre Motorenbau zum Marktpreis verkaufte und amerikanische Software zum Zukunftspreis einkaufte. Das Medium hat beides richtig bewertet, nach seinem eigenen Maßstab.

Dazu kommt, dass das Medium sich selbst verstärkt. Steigende Preise ziehen Geld an, das die Preise weiter steigen lässt, bis die Blase platzt. Diese positive Rückkopplung haben wir im „Karussell“ und in „Die Schleife, die sich selbst verlegt“ beschrieben. Und wenn sie platzt, verliert das Geld seinen Wert nicht. Es wechselt den Besitzer, wie wir in „Ist es wieder kurz vor ’29?“ gezeigt haben.

Das ist der Kern. Wer Wachstum misst, bekommt Wachstum, haben wir in „Markt, Plan, Turnier“ geschrieben. Wer Zahlungsfähigkeit von morgen misst, bekommt Zahlungsfähigkeit von morgen, und alles, was erst übermorgen wirkt, fällt durch.

VI. Was daraus folgt

Abschaffen lässt sich das Medium nicht, und wer es versucht, landet bei Malaysia oder bei Mitterrand. Man kann aber die Abhängigkeit verringern und daneben etwas bauen, das misst, was das Medium nicht misst.

Weniger abhängig ist, wer nicht jeden Monat wiederkommen muss. Ein Staat, dessen Bürger ihre Ersparnisse im eigenen Land arbeiten lassen, schuldet sie sich selbst. Japan hat mehr Schulden als jedes andere große Land und wird von den Märkten trotzdem kaum bedrängt, weil fast alles davon im Inland gehalten wird. Deutschland hat das Gegenteil getan. Seine Ersparnisse sind über Jahrzehnte ins Ausland geflossen und dort schlecht angelegt worden, wie wir in „Dummes Deutsches Geld“ und „Das reichste arme Land“ beschrieben haben.

Daneben braucht es Eigentümer mit langem Atem, die nicht jeden Monat bewertet werden, und Rückkopplungen, die melden, was in zwanzig Jahren fehlen wird, nicht nur, was morgen fällig ist. Beides hat die Politik bisher dem Medium überlassen.

Das Geld herrscht nicht. Aber wer es braucht, richtet sich danach. Und wer es dauerhaft braucht, hat schon entschieden, wem er gehorcht.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 24. Oktober 2026.

Quellen. Bob Woodward, The Agenda: Inside the Clinton White House, 1994 (zu Clinton 1993 und Carville). · Fondation Jean-Jaurès, „1983 : le ‚tournant‘ en question“. · Niklas Luhmann, Die Wirtschaft der Gesellschaft, 1988. · „Mahathir was right, says IMF“, The Star, 4. September 2003; „Malaysia lifts last capital controls over stock market“, Malaysiakini, 2. Mai 2001. · Mario Draghi, Rede auf der Global Investment Conference, London, 26. Juli 2012. · „Trump insists bond market tumult didn’t influence tariff pause“, NBC News, April 2025.