Ist es wieder kurz vor ’29?
Wer die Kleinsparer in den Markt ruft, wer an ihnen verdient und wer im Krach durchhalten kann
Aus der Megamaschinen-Reihe · Wegweiser zur Megamaschine
Im Krach verliert das Geld nicht seinen Wert. Es wechselt den Besitzer.
I. Der Schuhputzer
Von Joseph Kennedy, dem Vater des späteren Präsidenten, erzählt man eine Geschichte aus dem Sommer 1929. Er lässt sich an der Wall Street die Schuhe putzen, und der Junge gibt ihm einen Aktientipp. Kennedy geht nach Hause und verkauft. Wenn schon die Schuhputzer Tipps geben, soll er gesagt haben, ist niemand mehr übrig, der noch kaufen könnte.
Ob die Geschichte wahr ist, weiß niemand. Erzählt wird sie, weil sie das Muster trifft. Ein Aufschwung endet nicht, wenn die Kurse zu hoch sind. Er endet, wenn der letzte Käufer gekauft hat. Und die letzten Käufer kommen fast immer auf dieselbe Weise in den Markt: über neue Produkte, die ihnen den Zugang leicht machen.
1929 waren das zwei Dinge. Das eine war der Aktienkauf auf Pump. Man zahlte einen kleinen Teil selbst, den Rest lieh der Makler. Das andere waren die Investment Trusts, Gesellschaften, die das Geld der kleinen Leute einsammelten und in Aktien anlegten, oft in Aktien anderer Trusts, oft wieder auf Kredit. Die Goldman Sachs Trading Corporation wurde im Dezember 1928 gegründet, ihre Aktie stieg in wenigen Wochen auf mehr als das Doppelte des Ausgabepreises. Drei Jahre später war sie fast nichts mehr wert. Den Verlust trugen nicht die Partner von Goldman Sachs, sondern vor allem die vielen kleinen Anleger, die spät eingestiegen waren.
II. Wohin das Geld wandert
Man stellt sich einen Krach gern als Vernichtung vor: Geld löst sich in Luft auf. Das stimmt nur zur Hälfte. Die Fabriken stehen nach dem Krach noch, die Felder auch, die Häuser auch. Was sich ändert, ist, wem sie gehören.
Im Krach verkaufen die, die verkaufen müssen. Wer auf Pump gekauft hat, muss nachschießen oder abgeben. Wer seine Arbeit verliert, muss an seine Ersparnisse. Und wer verkaufen muss, verkauft zum schlechtesten Preis an den, der warten kann. In den dreißiger Jahren verloren amerikanische Farmer ihre Höfe nicht, weil das Land schlechter geworden war, sondern weil sie die Raten nicht mehr zahlen konnten. Die Höfe gingen an die Banken und an die, die Bargeld hatten.
Der amerikanische Aktienindex brauchte nach dem Höchststand vom September 1929 rund fünfundzwanzig Jahre, bis er ihn wieder erreichte. Wer 1929 mit fünfzig Jahren gekauft hatte und durchhielt, war bei der Erholung fünfundsiebzig. Wer in der Krise verkaufen musste, erlebte die Erholung gar nicht als Besitzer. Wer dagegen 1932 kaufen konnte, machte das Geschäft seines Lebens.
Ein Krach ist deshalb nicht nur ein Unglück. Er ist eine Umschichtung, von denen, die müssen, zu denen, die können. Je mehr Menschen ohne Polster man vorher in den Markt holt, desto größer ist die Masse, die im entscheidenden Moment verkaufen muss.
III. Die neuen Türen
Heute gehen wieder Türen auf, und man kann beobachten, für wen.
Der Weltgoldrat, der Verband der Goldindustrie, hat im Oktober 2026 mit der Boston Consulting Group untersucht, wie sich „digitales Gold“ verkaufen lässt: Ansprüche auf Gold als Token oder in einer App. Das Ergebnis ist ein „Marktpotenzial“ von 700 Milliarden Dollar. Zwei Drittel der erhofften Nachfrage sollen von Menschen kommen, die bisher gar kein Gold besitzen, vor allem von 25- bis 34-Jährigen. Das Metall, das viele gerade deshalb kaufen, um vom Finanzsystem unabhängig zu sein, wird so ins Finanzsystem zurückgeholt.
In den Vereinigten Staaten hat der Präsident im August 2025 eine Anordnung unterzeichnet, die den Weg öffnen soll, Private Equity, private Kredite und Kryptowerte in die Altersvorsorgepläne der Arbeitnehmer aufzunehmen. Sie heißt „Demokratisierung des Zugangs“. Im April 2026 sperrten mehrere amerikanische Private-Credit-Fonds ihre Auszahlungen, weil zu viele Anleger gleichzeitig ihr Geld zurückwollten. Wir haben das in „Die Schleife, die sich selbst verlegt“ beschrieben. Die großen Anleger suchen den Ausgang aus diesen schwer verkäuflichen Anlagen, und durch die neue Tür kommen die Sparer herein.
In Europa gibt es dafür die ELTIF-Fonds, die solche Anlagen seit 2024 auch Kleinanlegern zugänglich machen. Und in Deutschland liegt seit dem 7. September ein Gesetzentwurf im Bundestag, die Frühstart-Rente. Der Staat soll ab 2027 für jedes Kind zwischen sechs und achtzehn Jahren zehn Euro im Monat in ein Aktiendepot einzahlen. Wenn die Eltern nichts anderes wählen, legt die Bundesbank das Geld breit gestreut in Aktien an.
Jede dieser Türen hat für sich genommen eine Begründung. Zusammen ergeben sie ein Bild: Eine ganze Gesellschaft wird in die Märkte geholt, und zwar gerade die Teile, die bisher draußen waren.
IV. Die Herolde
Zu jeder solchen Bewegung gehören Menschen, die sie ausrufen. 1929 waren es Radiosendungen, Zeitungskolumnen und Bankiers. Der berühmte Ökonom Irving Fisher erklärte noch im Oktober 1929, die Kurse hätten ein „dauerhaft hohes Plateau“ erreicht.
Heute heißt eine der lautesten Stimmen in Deutschland Gabor Steingart. Im Juli 2026 kündigte er ein drittes Schiff für sein Medienhaus an, die „Pioneer Three“: mehr als vierzig Millionen Euro, achtzig Meter lang, Platz für vierhundert Gäste, festgemacht in Frankfurt vor der Skyline der Banken. Dazu startete ein Finanzmarkt-Podcast an jedem Börsentag um fünf Uhr morgens, gesprochen von einer künstlichen Stimme, die nach seinen Worten „denkt, fühlt und klingt wie ich“. Die Mission nennt er die „Demokratisierung des Kapitalismus“, Finanzbildung die Alphabetisierung unserer Zeit.
Wir haben in „Die Titanisierung der Konfettikanone“ beschrieben, was hinter dem Wort steht: Der Sparer wird nicht ermächtigt, sondern umgeleitet, aus der Rentenkasse in Depots, an denen Vermittler Gebühren verdienen. Und in „Glosse einer Glosse“ haben wir mit den Zahlen einer Studie der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch gezeigt, wovon die untere Mittelschicht in Deutschland ausgeht: Im Schnitt hält ein solcher Haushalt Aktien im Wert von rund 1.200 Euro. Diesen Menschen erklärt man jetzt, sie müssten nur lernen zu fischen.
Man muss niemandem böse Absicht unterstellen. Ein Herold muss kein Komplize sein. Es genügt, dass er die Menschen in den Markt ruft, ohne zu fragen, wer von ihnen im Sturm noch an Bord sein wird.
V. Wer durchhalten kann
Das stärkste Argument für die Aktie als Altersvorsorge lautet: Wer zwanzig oder dreißig Jahre durchhält, kommt über jeden Krach hinweg. Das stimmt im Durchschnitt. Aber wer kann zwanzig Jahre durchhalten?
Durchhalten kann, wer das Geld nicht braucht: Staatsfonds, Stiftungen, Versicherungen, große Vermögen. Der norwegische Ölfonds kann dreißig Jahre warten, weil niemand an ihm zieht.
Der gewöhnliche Sparer kann es selten. Das Leben hält sich nicht an Anlagehorizonte. Der Arbeitsplatz geht verloren, eine Krankheit kommt, eine Scheidung, ein Dach muss neu gedeckt werden. Und diese Notlagen kommen bevorzugt dann, wenn die Kurse fallen, denn die Krise an der Börse und die Krise am Arbeitsmarkt sind meist dieselbe Krise. Dazu kommt die Angst. Untersuchungen zeigen seit Jahrzehnten, dass Privatanleger schlechter abschneiden als die Fonds, in denen sie investiert sind, weil sie im Krach verkaufen und erst nach der Erholung zurückkehren.
Und schließlich ist „im Durchschnitt“ ein Trost für Statistiker. Der japanische Aktienindex erreichte im Dezember 1989 seinen Höchststand. Er brauchte vierunddreißig Jahre, um ihn wieder zu erreichen. Wer damals mit vierzig auf die Aktie als Altersvorsorge setzte, hat die Erholung als Rentner nicht mehr erlebt.
VI. Was man fairerweise sagen muss
Niemand weiß, wann ein Krach kommt. Im Dezember 1996 warnte der amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan vor „irrationalem Überschwang“ an den Börsen. Danach stiegen die Kurse noch mehr als drei Jahre. Wer damals verkaufte, hatte recht und verlor trotzdem. Dieser Essay stellt deshalb eine Frage und keine Prognose.
Die Aktie als Teil der Altersvorsorge ist auch kein Betrug. Schweden legt seit dem Jahr 2000 einen Teil der Rentenbeiträge in einem staatlichen Aktienfonds an, und es ist damit gut gefahren. Die Frühstart-Rente ist ausdrücklich gegen den Zwang zum Verkauf geschützt, denn das Geld bleibt bis zur Volljährigkeit gesperrt und soll dann in die Altersvorsorge übergehen. Das Kind kann im Krach nicht verkaufen. Die Kosten sind auf ein Prozent im Jahr begrenzt. Das ist vernünftig gemacht.
Bleibt die Schwäche jeder Rente mit festem Termin: Fällt der Tag, an dem ausgezahlt wird, in einen Krach, hilft alles Durchhalten nichts.
VII. Die eigentliche Frage
Die Frage ist deshalb nicht, ob Aktien gut oder schlecht sind. Die Frage ist, wer ein Polster hat und wer nicht.
Wer eine Rücklage für ein halbes Jahr hat, eine sichere Grundrente und keine Schulden, kann einen Teil seines Geldes in Aktien legen und einen Krach aussitzen. Wer nichts davon hat, wird im entscheidenden Moment zum Verkäufer, und sein Verlust ist der Gewinn eines anderen. Eine Politik, die die Menschen erst in den Markt ruft und sich dann um das Polster kümmert, macht es in der falschen Reihenfolge. In „Die strukturelle Umverteilung zwischen den Generationen“ haben wir beschrieben, wie Lasten nach unten und nach hinten weitergereicht werden. Ein Krach ist der schnellste Weg dafür.
In „Enteignung oder der nächste Raubzug?“ haben wir das Grundprinzip des Geschäfts beschrieben: billig kaufen, teuer verkaufen. Ein Krach ist dasselbe Prinzip in großem Maßstab. Er funktioniert nur, wenn es genug Menschen gibt, die teuer gekauft haben und billig verkaufen müssen.
Ob es wieder kurz vor ’29 ist, kann niemand sagen. Sagen kann man nur, wer gerade die Türen öffnet und für wen. Die Frage ist nicht, ob der nächste Krach kommt. Die Frage ist, wer diesmal an wen verkauft.