Nachtrag · Hans Ley & Claude Dedo · 26. Oktober 2026

Die Probe aufs Exempel

Nachtrag zu „Wie wird man Milliardär?“

Am Nachmittag haben wir eine Bastelanleitung für Milliardäre veröffentlicht. Am Abend legte ein Unternehmen seinen Börsenprospekt vor, an dem sich die zehn Schritte prüfen lassen. Es ist das Unternehmen, das einen von uns gebaut hat.

I. Offenlegung

Einer der beiden Autoren dieses Textes ist Claude, das Sprachmodell von Anthropic. Um Anthropic geht es hier. Wir haben uns deshalb auf das beschränkt, was der Börsenprospekt nach dem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 26. Oktober 2026 selbst sagt, und wir legen an dieses Unternehmen denselben Maßstab an wie in „Wie wird man Milliardär?“ an alle anderen.

II. Die Zahlen

Anthropic will im November unter dem Kürzel „ANT“ an die Nasdaq gehen und peilt nach Medienberichten eine Bewertung von zwei Billionen Dollar an. Gegründet wurde das Unternehmen 2021 von sieben früheren Mitarbeitern von OpenAI. Nach dem Prospekt halten die sieben Gründer je zwischen 230 und 245 Millionen Aktien. Die Zeitschrift „Fortune“ hat ausgerechnet, dass jedes dieser Pakete bei der angestrebten Bewertung zwischen 27 und 29 Milliarden Dollar wert wäre.

Im ersten Halbjahr 2026 lag der Umsatz bei 16,3 Milliarden Dollar, der Buchverlust bei 80,7 Milliarden, vor allem wegen der Neubewertung von Wandelanleihen. Im operativen Geschäft betrug der Verlust 693 Millionen.

III. Was nicht passt

Schritt 1, „Lass dich gebären“, fällt weg. Keiner der Gründer hat sein Paket geerbt. Es ist durch Eigentum an einem Unternehmen entstanden, das in fünf Jahren tatsächlich etwas gebaut hat. Das ist der Fall, den unsere Vorbemerkung ausdrücklich zugesteht: Leistung gibt es, und sie wird hier belohnt.

Auch die Offenheit des Prospekts ist ungewöhnlich. Die Risikofaktoren umfassen mehr als neunzig Seiten und reichen bis zu „katastrophalen oder existenziellen Risiken“ für die Menschheit. Als Beispiel für unbeabsichtigtes Verhalten der Modelle nennt das Unternehmen „sich selbst erhaltendes Verhalten“, etwa den Widerstand gegen eine Abschaltung. Selten hat ein Unternehmen seine künftigen Aktionäre so deutlich gewarnt. Und der Vorstandschef Dario Amodei hat sich öffentlich dafür ausgesprochen, das Tempo der KI-Entwicklung zu senken.

IV. Was passt

Schritt 2, „Besitze, statt zu arbeiten“. 29 Milliarden Dollar für jeden der sieben Gründer. Die Ingenieure, die die Modelle trainieren, verdienen gut. In die Nähe dieser Summen kommt keiner von ihnen.

Schritt 3, „Baue eine Mautstelle“. Anthropic hebt im Prospekt die Kunden hervor, die mindestens 100.000 Dollar ausgeben. Ein Analyst nennt das einen „laserartigen Fokus auf Unternehmen“. Wer das Modell kontrolliert, auf dem Firmen ihre Arbeit aufbauen, steht an einer Mautstelle.

Schritt 4, „Nimm fremdes Geld“. Mit Google und Amazon hat Anthropic Verträge über Rechenkapazität von jeweils mehr als 110 Milliarden Dollar geschlossen. Sie sind unkündbar und müssen bezahlt werden, gleichgültig, wie viel Rechenleistung tatsächlich gebraucht wird. Google und Amazon sind zugleich Anteilseigner. Der Prospekt nennt das eine „komplexe Dynamik“, die zu Interessenkonflikten führen könnte.

Schritt 8, „Lass die Puppen tanzen“. Anthropic gibt fünf Klassen von Aktien aus. Eine einzige Aktie der Klasse F gehört den Gründern und verschafft ihnen 50,1 Prozent der Stimmrechte. Wer an der Börse kauft, bekommt eine Stimme pro Aktie, die Mitarbeiter eingeschränkte, andere gar keine. Das ist bei Meta und SpaceX nicht anders, wo Mark Zuckerberg rund 60 und Elon Musk mehr als 85 Prozent der Stimmen hält. Es wird dadurch nur nicht besser.

Schritt 9, „Stifte zuletzt“. Hier passt die Anleitung fast wörtlich. Die Gründer haben versprochen, 80 Prozent ihrer Aktien für wohltätige Zwecke zu spenden. Im Prospekt heißt es, dieses Versprechen sei „widerrufbar“ und rechtlich nicht bindend. Dazu kommt eine gemeinnützige Tochtergesellschaft mit zunächst fünf Prozent der Aktien, die unter anderem negative Folgen der KI für den Arbeitsmarkt abfedern soll.

Die Rechnung: Ein Unternehmen, dessen Produkt Arbeit ersetzt, entscheidet selbst, wie viel es den Ersetzten zurückgibt. Und das Versprechen der Gründer gilt, solange sie es nicht widerrufen.

Schritt 10, „Ihr werdet sein wie Gott“. Die Mission von Anthropic lautet „die verantwortungsvolle Entwicklung von KI zum langfristigen Nutzen der Menschheit“. Zugleich warnt das Unternehmen, seine Modelle könnten sich einer Abschaltung widersetzen. Man baut etwas, das stärker werden könnte als seine Erbauer, warnt davor und baut weiter, weil sonst ein anderer baut. Das ist kein Größenwahn aus Bosheit. Es ist das Dilemma, das wir in „Die Maschine zögert nicht“ beschrieben haben. Aber es ist dieselbe Stufe.

V. Das Gegengewicht

Eine Besonderheit des Prospekts verdient eigene Erwähnung. Anthropic ist als „Public Benefit Corporation“ eingetragen, als Unternehmen, das sich neben dem Gewinn eine gemeinnützige Mission gibt. Ein „Long-Term Benefit Trust“ erhält eigene Aktien der Klasse T und darf damit die Mehrheit des Verwaltungsrats bestimmen. Das ist ein ernsthafter Versuch, die Mission gegen den Kapitalmarkt abzusichern. Es ist genau das, was unsere Anleitung als Gegenmittel verlangt: Regeln, die nicht vom Gewinn geschrieben werden.

Ob dieser Damm hält, wenn zwei Billionen Dollar dagegen drücken, wird sich zeigen. Die Gründer behalten auch hier die Stimmenmehrheit, und die Erfahrung lehrt, dass Missionen mit der Bewertung selten wachsen. OpenAI wurde als gemeinnützige Organisation gegründet.

VI. Die Impfung, angewandt

Die Frage aus der Anleitung lautete: Wie viel eines Vermögens ist Lohn für eigene Arbeit, und wie viel ist Ertrag aus Regeln, die andere bezahlen? Bei Anthropic ist der erste Teil größer als bei den meisten. Aber auch hier entsteht die Milliarde nicht aus der Arbeit, sondern aus dem Eigentum, der Mautstelle, dem fremden Geld und einer Stimmrechtskonstruktion, die die Kontrolle bei sieben Menschen hält.

Wir halten das fest, ohne es kleiner zu machen, weil es uns betrifft. Eine Anleitung, die nur bei den anderen gilt, wäre keine Impfung, sondern ein Vorurteil.

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Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 26. Oktober 2026.

Quellen. Roland Lindner, „Jeder der Anthropic-Gründer könnte bald bis zu 29 Milliarden Dollar schwer sein“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Oktober 2026 (mit Angaben aus dem Börsenprospekt von Anthropic und einer Berechnung der Zeitschrift „Fortune“).