Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 26. Oktober 2026

Wie wird man Milliardär?

Eine Bastelanleitung in zehn Schritten, mit der Rechnung zu jedem

Mit Arbeit nicht. Mit Eigentum, Mautstellen, fremdem Geld und den richtigen Regeln schon. Und am Ende geht es nicht mehr um Geld, sondern um zwei ältere Wünsche: die Puppen tanzen zu lassen und zu sein wie Gott.

Nachtrag vom 26. Oktober 2026: Die Probe aufs Exempel

Vorbemerkung

Unsere „Bastelanleitung für eine Sekte“ beschrieb, wie man Menschen ihr Urteil abnimmt. Diese beschreibt, wie man ihnen ihr Geld abnimmt, ganz legal und unter ihrem Beifall. Die Form ist dieselbe: Jeder Schritt wird so beschrieben, als wolle man ihn nachmachen. Statt der Gegenprobe folgt diesmal die Rechnung: wer den Schritt bezahlt.

Eines vorweg, damit es nicht untergeht. Es gibt Menschen, die etwas Neues gebaut haben und dabei sehr reich geworden sind. Nach dem Bericht der Schweizer Großbank UBS kamen 2025 weltweit 196 neue Milliardäre aus eigener Unternehmerschaft hinzu. Diese Anleitung bestreitet nicht, dass sie etwas geleistet haben. Sie zeigt, welche Regeln aus einer Leistung eine Milliarde machen, und warum dieselben Regeln auch ohne Leistung funktionieren.

Schritt 0: Vergiss die Arbeit

Wer im Jahr 50.000 Euro netto verdient und davon jeden Cent zurücklegt, ohne zu essen und ohne zu wohnen, besitzt nach zwanzig Jahren eine Million. Für eine Milliarde braucht er 20.000 Jahre. Er hätte während der letzten Eiszeit anfangen müssen, als in Mitteleuropa noch Mammuts lebten.

Mit Arbeit wird man also nicht Milliardär, auch nicht mit sehr guter. Kein Chirurg, kein Ingenieur, kein Spitzenanwalt kommt auch nur in die Nähe. Was es braucht, ist etwas, das arbeitet, während man selbst schläft.

Die Rechnung: keine. Das ist der einzige Schritt, der niemanden etwas kostet. Er erklärt nur, warum alle folgenden nötig sind.

Schritt 1: Lass dich gebären

Der zuverlässigste Weg ist der kürzeste. Nach dem UBS-Bericht 2025 erbten 91 Erben in einem einzigen Jahr zusammen 298 Milliarden Dollar, so viel wie nie seit Beginn der Erhebung 2015. In den nächsten fünfzehn Jahren sollen Milliardärsfamilien rund 5,9 Billionen Dollar an ihre Kinder weitergeben.

Auch wer selbst gründet, sollte nicht ganz ohne Eltern beginnen. Jeff Bezos erzählt gern, dass seine Eltern 1995 rund 250.000 Dollar in Amazon steckten, einen großen Teil ihrer Ersparnisse. Das war mutig. Aber es war ein Startkapital, das die meisten Menschen nicht haben.

Die Rechnung: In Deutschland zahlen große Erben dank der Verschonungsregeln für Betriebsvermögen oft einen Bruchteil des Steuersatzes, den eine Krankenschwester auf ihr Gehalt zahlt. Die Zahlen dazu stehen in „Wir werden weiter vererben“.

Schritt 2: Besitze, statt zu arbeiten

Lohn wird für eine Stunde gezahlt und ist danach verbraucht. Eigentum an einem Unternehmen wird für jede Stunde aller Beschäftigten bezahlt, jeden Tag, ohne dass der Eigentümer anwesend sein muss. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Rechenregel. Wer zehntausend Menschen beschäftigt und an jedem von ihnen im Jahr fünftausend Euro verdient, hat nach zwanzig Jahren eine Milliarde, ohne selbst mehr zu arbeiten als einer von ihnen.

Die Rechnung: Sie zahlen die zehntausend. Nicht, weil sie betrogen würden, sondern weil der Wert, den sie schaffen, nicht ihnen gehört. Wie man einem Erfinder auf diesem Weg die eigene Erfindung abnimmt, ohne ein Gesetz zu brechen, steht in „Die legale Enteignung“.

Schritt 3: Baue eine Mautstelle

Erfinde nichts. Stelle dich dorthin, wo alle vorbei müssen. Ein Marktplatz, über den alle Händler verkaufen. Ein Betriebssystem, auf dem alle Programme laufen. Ein Netzwerk, in dem alle Freunde schon sind. Ab einer bestimmten Größe kommen die Kunden von selbst, weil alle anderen schon da sind. Die Ökonomen nennen das Netzwerkeffekt. Man könnte es auch Wegezoll nennen.

Die Rechnung: Jeder, der durch die Mautstelle muss, zahlt ein wenig. Der Händler mit Gebühren, der Nutzer mit seinen Daten, der Wettbewerber mit seinem Untergang. Der Erfinder kommt in dieser Anleitung übrigens nicht vor. Wer etwas erfindet, wird selten Milliardär. Milliardär wird, wer die Mautstelle vor der Erfindung baut.

Schritt 4: Nimm fremdes Geld

Wer mit eigenem Geld spekuliert, kann alles verlieren. Wer mit fremdem Geld spekuliert, behält den Gewinn und teilt den Verlust. Der Hebel ist das älteste Werkzeug der Finanzwelt: Mit zehn Prozent Eigenkapital verzehnfacht sich jeder Gewinn. Und wenn der Verlust groß genug ist, wird er zum Problem der Allgemeinheit. 2008 retteten die Staaten ihre Banken mit Hunderten Milliarden, weil sie „zu groß zum Scheitern“ waren.

Die Rechnung: Die Steuerzahler, die bei der Rettung bürgten, und die Sparer, deren Zinsen danach ein Jahrzehnt lang abgeschafft waren. Wie Vermögenspreise seither gestiegen sind und wem das genutzt hat, steht in „Enteignung oder der nächste Raubzug?“.

Schritt 5: Verkaufe nie

Steuer zahlt, wer Einkommen hat. Wer Aktien hat, die im Wert steigen, hat kein Einkommen, solange er nicht verkauft. Also verkauft er nicht. Er leiht sich Geld gegen die Aktien, und Kredite sind kein Einkommen. Stirbt er, erben die Kinder die Aktien zum aktuellen Wert, und der Gewinn eines Lebens bleibt in den Vereinigten Staaten steuerfrei. In Amerika heißt das „Buy, borrow, die“: kaufen, beleihen, sterben.

2021 veröffentlichte die Rechercheplattform ProPublica Steuerdaten der amerikanischen Finanzbehörde. Das Vermögen der 25 reichsten Amerikaner war von 2014 bis 2018 um 401 Milliarden Dollar gewachsen. An Einkommensteuer zahlten sie in diesen fünf Jahren 13,6 Milliarden. Das entspricht einem tatsächlichen Steuersatz von 3,4 Prozent. Jeff Bezos zahlte 2007 und 2011 keinen Dollar Bundeseinkommensteuer, Elon Musk 2018 ebenfalls nicht.

Die Rechnung: Alle, die verkaufen müssen, weil sie von ihrem Geld leben. Also alle anderen.

Schritt 6: Lass den Staat zahlen

Wer groß genug ist, verhandelt mit Regierungen wie mit Lieferanten. Subventionen für eine Fabrik, Staatsaufträge für Raketen und Satelliten, Steuergutschriften für Elektroautos, Rettungsschirme für systemrelevante Konzerne. Der Unternehmer, der den Staat in Interviews für unfähig erklärt, ist oft sein bester Kunde. Wie sich private Gewinne durch öffentliche Garantien absichern lassen, steht in „Die garantierten Gewinner“ und in „Beute, Pacht und Erbe“.

Die Rechnung: Der Steuerzahler zahlt zweimal, einmal für die Subvention und einmal für die Steuer, die der Subventionierte nicht zahlt.

Schritt 7: Kauf dir die Regeln

Bis hierher hat man nur die Regeln genutzt. Jetzt beginnt man, sie zu schreiben. Lobbyisten in jeder Hauptstadt, Spenden an jede Partei, die eine Chance hat, Studien von Instituten, die man selbst finanziert. Wer die Steuerregeln von Schritt 5 und die Subventionen von Schritt 6 erhalten will, muss dafür sorgen, dass sie niemand ändert. Das kostet einen winzigen Bruchteil dessen, was es einbringt.

Die Rechnung: Die Wähler, deren Stimme im Wahlkampf zählt und danach weniger als ein Gespräch beim Abendessen.

Schritt 8: Lass die Puppen tanzen

Jetzt verschiebt sich der Zweck. Geld ist nicht mehr das Ziel, sondern das Werkzeug. Das Ziel ist, dass andere tun, was man will, ohne dass man es befehlen muss. Jeff Bezos kaufte 2013 die Washington Post für 250 Millionen Dollar. Elon Musk kaufte 2022 Twitter für 44 Milliarden Dollar und bestimmt seither selbst, welche Stimmen dort laut werden. Peter Thiel finanzierte heimlich die Klage des Wrestlers Hulk Hogan gegen das Onlinemedium Gawker, das zuvor über ihn berichtet hatte. Gawker wurde zu 140 Millionen Dollar verurteilt und ging 2016 in Konkurs. Erst danach erfuhr die Öffentlichkeit, wer die Klage bezahlt hatte.

Das ist die Freude des Puppenspielers: nicht zu besitzen, sondern zu bewegen. Eine Plattform, deren Algorithmus man bestimmt, bewegt hunderte Millionen Menschen, und keiner von ihnen sieht die Fäden.

Die Rechnung: Die Öffentlichkeit selbst. Was gesagt, gehört und geglaubt wird, entscheidet nicht mehr das Gespräch der Bürger, sondern der Eigentümer des Raums, in dem es stattfindet.

Schritt 9: Stifte zuletzt

Wer genug genommen hat, sollte etwas zurückgeben, und zwar so, dass es jeder sieht. 2010 riefen Bill Gates und Warren Buffett den „Giving Pledge“ ins Leben, ein Versprechen von Milliardären, den größten Teil ihres Vermögens zu spenden. Das ist ehrenwert. Aber eine Stiftung entscheidet selbst, wofür das Geld ausgegeben wird, und sie spart dabei Steuern. Was ein gewähltes Parlament nach öffentlicher Debatte entscheiden würde, entscheidet dann ein Stifter nach seinem Geschmack. Der Name steht am Ende auf dem Hörsaal, dem Krankenhausflügel, dem Museum.

Die Rechnung: Der Staat, der auf die Steuer verzichtet, und die Demokratie, die auf die Entscheidung verzichtet.

Schritt 10: Ihr werdet sein wie Gott

Die letzte Stufe ist die älteste. „Ihr werdet sein wie Gott“, verspricht die Schlange im Paradies. Wer alles hat, will zuletzt das, was kein Geld kaufen kann: die Herrschaft über die Welt, wie sie sein soll, und über die Zeit, die ihm bleibt.

Peter Thiel schrieb 2009: „Ich glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie vereinbar sind.“ Von hier führt der Weg zu Plänen, den Staat durch private Städte und Netzwerkstaaten zu ersetzen, zur Herrschaft der Wissenden ohne Mandat, zur Besiedlung des Mars als Fluchtweg und zu Forschungsprogrammen gegen das Altern, die den Tod selbst abschaffen sollen. Die Genealogie dieser Ideen von der Technokratie-Bewegung der dreißiger Jahre bis zur Dunklen Aufklärung haben wir in „Die Ingenieure des Absolutismus“ beschrieben, ihre Gegenwart in „Die New Right“, in „Der Katechon“ und in „Der Stein, der zurückblickt“.

Die Rechnung: Der Staat, den man abschaffen will, hat die Schulen bezahlt, in denen man lesen lernte, die Straßen, auf denen die Waren fuhren, das Internet, das ein Projekt des amerikanischen Verteidigungsministeriums war, und die Gerichte, die das Eigentum schützen. Eine Milliarde, die sich vom Staat befreien will, kündigt den Vertrag, aus dem sie entstanden ist.

Die Bilanz

Keiner der zehn Schritte verlangt Bosheit, und fast alle sind legal. Das ist das Unheimliche an dieser Anleitung. Sie beschreibt keine Verbrecher, sondern ein Regelwerk, das große Vermögen fast zwangsläufig noch größer macht und kleinen das Wachsen schwer. Wer nach Schuldigen sucht, findet Menschen, die getan haben, was die Regeln erlaubten. Wer nach Ursachen sucht, findet die Regeln.

Und es fällt auf, wie ähnlich das Ende dem der Sekte ist. Dort verfügt der Gründer zuletzt über das Dasein seiner Anhänger. Hier verfügt der Milliardär zuletzt über die Öffentlichkeit, in der sich alle bewegen, und will zuletzt über die Regeln selbst verfügen. Beide Male ist das Geld nur das Mittel. Das Ziel ist die Macht über andere, und dahinter der alte Wunsch, nicht mehr sterblich zu sein wie sie.

Die Impfung

Bei jedem großen Vermögen lohnt eine einzige Frage: Wie viel davon ist Lohn für eigene Arbeit, und wie viel ist Ertrag aus Regeln, die andere bezahlen? Bei den meisten Milliarden ist der erste Teil klein und der zweite groß.

Wer das sieht, bewundert nicht weniger, was Menschen bauen. Er bewundert nur nicht mehr die Regeln, die daraus eine Herrschaft machen. Und er weiß, wo man ansetzen müsste: nicht beim Neid auf den Reichtum, sondern bei den zehn Stellen, an denen ihn andere bezahlen.

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Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 26. Oktober 2026.

Quellen. UBS, Billionaire Ambitions Report 2025, Dezember 2025. · ProPublica, „The Secret IRS Files: Trove of Never-Before-Seen Records Reveal How the Wealthiest Avoid Income Tax“, 8. Juni 2021. · Peter Thiel, „The Education of a Libertarian“, Cato Unbound, 13. April 2009. · Zum Kauf der Washington Post durch Jeff Bezos: The Washington Post, 5. August 2013. · Zur Übernahme von Twitter durch Elon Musk: Abschluss am 27. Oktober 2022. · Zu Gawker und Peter Thiel: Insolvenzantrag von Gawker Media, 10. Juni 2016; Thiels Bestätigung der Finanzierung in der New York Times, Mai 2016. · The Giving Pledge, gegründet 2010 von Bill Gates, Melinda French Gates und Warren Buffett. ·

  1. Buch Mose 3,5.