Der Katechon
Alte Geschichte, neues Spiel.
„Denn es regt sich bereits schon die Bosheit heimlich, nur daß, der es jetzt aufhält, muß hinweggetan werden.“
2. Brief an die Thessalonicher 2,7 (Luther 1912)
I. Ein dunkles Wort
Im zweiten Brief an die Thessalonicher steht einer der rätselhaftesten Sätze des Neuen Testaments. Vor dem Ende, heißt es dort, werde ein Widersacher auftreten. Noch aber gebe es etwas, das ihn aufhalte, und jemanden, der ihn aufhalte. Im griechischen Text heißt dieses Aufhaltende to katechon, der Aufhaltende ho katechon. Was oder wer damit gemeint ist, sagt der Brief nicht. Und was aufgehalten wird, nennt er das „Geheimnis der Gesetzlosigkeit“, griechisch anomia.
Seit fast zweitausend Jahren rätseln Theologen über diese Stelle. Für unser Thema genügt ein Punkt, der in der ganzen langen Auslegung nie strittig war: Der Katechon hält die Gesetzlosigkeit auf. Er steht auf der Seite der Ordnung.
II. Alte Geschichte
Die frühe Kirche hatte eine naheliegende Antwort. Um das Jahr 200 schrieb Tertullian, die Christen beteten für den Kaiser und das Römische Reich, weil dessen Bestand das Ende der Welt hinauszögere. Ausgerechnet das Reich, das die Christen verfolgte, galt ihnen als Damm gegen das Chaos.
Im Mittelalter ging die Rolle auf das Heilige Römische Reich über. Der Kaiser war nicht nur Herrscher, er war der Aufhalter, solange es ihn gab, konnte die Welt nicht untergehen. Man muss das nicht glauben, um den Gedanken zu verstehen. Eine Ordnung, auch eine unvollkommene, ist besser als keine.
Carl Schmitt hat daraus im 20. Jahrhundert einen politischen Begriff gemacht. In „Der Nomos der Erde“ von 1950 nennt er das christliche Reich des Mittelalters einen Katechon, eine geschichtliche Macht, die das Chaos aufhält. Schmitt war ein brillanter Jurist und ein Mann mit schlechtem Urteil: 1933 trat er der NSDAP bei und lieferte dem Regime juristische Rechtfertigungen. Sein Katechon aber ist bei aller Belastung ein Ordnungsbegriff geblieben. Der Aufhalter ist der Staat, das Reich, das Recht.
III. Ein Leser Schmitts
Peter Thiel kennt diese Linie. In einem Gespräch mit dem Ökonomen Tyler Cowen sagte er 2024, es gebe gewisse Parallelen zwischen Amerika in den 2020er Jahren und Deutschland in den 1920er Jahren: Der Liberalismus sei erschöpft, und man ahne, auch die Demokratie, was immer das heiße, sei erschöpft. Schmitt selbst nannte er dabei einen Mann mit „sehr schlechtem Urteil“, der sich mit den Nazis eingelassen habe. Den Denker liest er trotzdem.
Seit Herbst 2025 spricht Thiel in Vorträgen über den Antichristen, zuerst in San Francisco, im März 2026 vier Tage lang in Rom, nur für geladene Gäste und ohne Presse. Was aus den früheren Vorträgen bekannt wurde, haben wir in „Der Stein, der zurückblickt“ beschrieben: Der Antichrist komme nicht als Ungeheuer, sondern mit dem Versprechen von „Frieden und Sicherheit“. Er errichte eine Weltregierung, die vor Künstlicher Intelligenz, Klimawandel und Krieg schützen will und dafür den Fortschritt anhält. Als seine Legionäre nannte Thiel Greta Thunberg und den KI-Warner Eliezer Yudkowsky.
Und den Katechon? Als natürlichen Kandidaten nennt Thiel das amerikanische Imperium, hält es zugleich aber auch für eine mögliche Basis des Antichristen. In einem Punkt ist er eindeutig: Der Gegner ist eine Ordnung, die der Technik Grenzen setzt.
IV. Die Umkehrung
Hier liegt das eigentlich Neue, und es wird leicht übersehen. Bei Paulus hält der Katechon die Gesetzlosigkeit auf. Bei Tertullian hält das Reich das Chaos auf. Bei Schmitt hält eine politische Ordnung den Zerfall auf. Bei Thiel hält der Aufhalter etwas anderes auf: das Gesetz. Gefährlich ist bei ihm nicht die Gesetzlosigkeit, sondern die Regel, die zu viel regelt. Nicht das Chaos, sondern die Aufsicht.
Man kann sich das an einem Bild aus dem Alltag klarmachen. Ein Deich hält das Meer auf. Wer behauptet, der eigentliche Feind sei nicht das Meer, sondern der Deichverband, der zu viele Vorschriften macht, hat das Wort Deich behalten und seine Bedeutung umgedreht. So ist es mit Thiels Katechon. Das Wort ist alt, die Richtung ist neu.
Und noch etwas ist neu. Der Katechon war immer eine öffentliche Macht: ein Reich, ein Kaiser, ein Staat, sichtbar, mit Namen und Amt. Wer ihn verkörpern wollte, musste herrschen und war damit auch angreifbar. Der Katechon, den Thiel braucht, hat kein Amt. Er besteht aus Firmen, Fonds, Stiftungen und Freunden. Niemand hat ihn gewählt, und niemand kann ihn abwählen.
V. Neues Spiel
Wer glaubt, dass eine Weltordnung der Antichrist ist, braucht einen Aufhalter, und ein Aufhalter braucht Ausrüstung. Legt man die Unternehmungen nebeneinander, die Thiel gegründet oder finanziert hat, sieht man genau das.
Er braucht Augen: Palantir, die Software, mit der Geheimdienste, Armeen und in Deutschland die Polizei in Hessen, Bayern und Nordrhein-Westfalen Daten verknüpfen. Er braucht ein Schwert: Anduril in Amerika, in Deutschland die Drohnenhersteller Stark und Quantum Systems, an denen Thiel beteiligt ist. Er braucht Geld, das kein Staat kontrolliert: die im Februar 2026 eröffnete Bank Erebor für Krypto, KI und Rüstung, Beteiligungen an der Börse Bullish und an BitMine, einer Firma, die fast fünf Prozent aller Ether besitzt. Er braucht Strom für die Rechenzentren: Thiels eigener Hedgefonds hielt im Sommer 2026 acht Aktien, darunter Stromversorger, einen Entwickler kleiner Atomreaktoren und als größte Position Amazon.
Und er braucht Menschen. J.D. Vance arbeitete für Thiels Firma Mithril, Thiel gab 15 Millionen Dollar, um ihn in den Senat zu bringen, heute ist er Vizepräsident. Um ihn herum wächst seit 2019 das Rockbridge Network, ein Kreis von Geldgebern, Meinungsforschern und Datenanalysten, der die Bewegung über Trump hinaus tragen soll, auf 2028 hin.
Die Namen sind kein Zufall. Palantír ist der Sehstein, Andúril das Schwert, Erebor der Berg mit dem Goldschatz, Valar und Mithril kommen ebenfalls aus Tolkiens Mittelerde. Ein Auge, ein Schwert und ein Schatz. Das ist keine Sammlung von Beteiligungen. Es ist eine Ausrüstung.
VI. Die Regel des Spiels
Wie Thiel urteilt, hat er Ende September in Berlin selbst erklärt, im Gespräch mit Mathias Döpfner. „Wir moralisieren viel zu viel“, sagte er. Dann fragte er, was das Gegenteil von gut sei. Moralisch sei es böse, praktisch sei es schlecht. Ein Ferrari sei ein böses Auto, weil er so viel Benzin verbrauche. Ein Trabant sei ein schlechtes Auto, weniger gut als ein Golfwagen. Und wer böse sei, sei wenigstens nicht schlecht.
Das ist ein Satz, den man ernst nehmen sollte. Er heißt: Wirkung schlägt Moral. Döpfner erzählte, Thiel habe ihm 2016 seine Unterstützung für Trump ähnlich erklärt. Wie gut oder schlecht Trump sei, spiele kaum eine Rolle, entscheidend sei, dass er etwas bewege.
Wohin diese Regel führt, zeigt ein Fall aus den Akten. Im November 2014, sechs Jahre nach Jeffrey Epsteins Verurteilung in Florida, bat Thiel ihn per E-Mail, zehn bis zwanzig Millionen Dollar in seinen Fonds Valar Ventures zu stecken. Epstein gab schließlich 40 Millionen. Der Anteil ist heute rund 170 Millionen wert und der größte verbliebene Vermögenswert seines Nachlasses. Valar erklärte, Epstein habe damals als bekannter Berater von Regierungen und Universitäten gegolten. Verboten war das nicht. Es war nur Wirkung vor Moral.
VII. Der geschlossene Raum
2006 gründete Thiel mit Auren Hoffman eine Vereinigung namens Dialog. Zwanzig Jahre lang gab es keine öffentliche Mitgliederliste, keine öffentliche Tagesordnung, keine Presse. Einmal im Jahr treffen sich dort Politiker, Militärs, Investoren und Unternehmenschefs. Dass man inzwischen mehr weiß, verdankt sich keiner Aufsicht, sondern einem Datenleck. Im Juni 2026 fand eine Hackerin Daten im Quellcode der Website, WIRED veröffentlichte die Anmeldeliste für das Treffen im August bei Dublin: 222 Namen, darunter der Oberbefehlshaber der NATO in Europa, der amerikanische Finanzminister und Senatoren. Zwei Sitzungen hießen „Navigating WWIII“ und „Build-a-Cult“.
Ein Deutscher war fünfmal dabei: Jens Spahn, 2018 und 2019 noch als Gesundheitsminister. Er sagt, er habe Thiel dort nie getroffen und die Teilnahmegebühr selbst bezahlt. Verboten ist daran nichts. Es ist nur bemerkenswert, dass ein Bundesminister jahrelang an einem Treffen teilnehmen konnte, von dem die Öffentlichkeit nichts wusste, bis jemand den Quellcode las. Spahn begegnet uns nicht zum ersten Mal, unter anderem in „Die Ochsentour“ und „Der Aufstand des Stimmviehs des Stimmviehs wird geprobt“. Er ist kein Bösewicht, sondern ein Knoten, an dem sich mehrere Netze kreuzen.
In „Wem kann man trauen?“ haben wir am Fall Hanning gezeigt, was geschieht, wenn eine Ordnung nur durch Zufall erfährt, was in ihr vorgeht. Bei Dialog ist es dasselbe Muster. Der Raum war geschlossen, und geöffnet hat ihn kein Kontrollorgan, sondern ein Fehler im Code.
VIII. Das Spiel in Deutschland
Man könnte das alles für amerikanische Verhältnisse halten. Es ist mitten in Deutschland. Die Bundeswehr hat mit Stark einen Rahmenvertrag über bis zu 2,9 Milliarden Euro für Kamikazedrohnen geschlossen, der erste Abruf von rund 275 Millionen ist für die Brigade in Litauen bestimmt. Thiel hält einen kleinen Anteil, Verteidigungsminister Pistorius ließ sich schriftlich zusichern, dass er keinen Einblick in den Betrieb hat. Millionen Deutsche legen ihr Geld bei N26, Trade Republic oder Bitpanda an, an allen dreien sind Thiels Fonds beteiligt. Und am 24. September ehrte der Axel-Springer-Verlag Thiel als den „wahrscheinlich mit Abstand einflussreichsten Deutschen unserer Zeit“.
Jedes einzelne Stück ist legal und für sich erklärbar. Die Bundeswehr braucht Drohnen, die Polizei Software, die Sparer gute Apps. Was in „Wer die Büchse öffnet“ über autonome Waffen gesagt wurde, gilt auch hier: Das Problem ist nicht das einzelne Gerät, sondern dass niemand das Ganze im Blick hat. Jede Stelle prüft ihr eigenes Stück. Die Karte prüft niemand.
IX. Die Probe vor der Welt
Am 22. September 2026, zwei Tage vor dem Preis in Berlin, sprach Donald Trump vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Mehr als zwanzig überwiegend europäische Staaten hatten verbindliche Sicherheitsregeln für Künstliche Intelligenz gefordert. Trump erklärte, die Vereinigten Staaten lehnten jeden Versuch ab, ein „globalistisches“ System zur Kontrolle der KI zu errichten. Dieselben Leute, die behauptet hätten, wir seien wegen der Erderwärmung in zwölf Jahren alle tot, sagten nun, die KI werde uns alle töten.
Niemand muss behaupten, Thiel habe diese Rede geschrieben. Aber sie spricht sein Bild aus: Klimaschützer und KI-Warner als dieselben Leute, eine weltweite Ordnung als Gefahr, keine Bremse für die Technik. Was Thiel in geschlossenen Räumen als Theologie vorgetragen hatte, stand nun als Regierungspolitik am größten Rednerpult der Welt. Und Vizepräsident Vance sagte Anfang September in einem Podcast, er wäre nicht schockiert, wenn der Antichrist schon unter uns wandelte.
X. Was für Thiel spricht
Ein fairer Text muss die Gegenseite stark machen. Thiels Sorge ist nicht abwegig. Eine Weltordnung, die im Namen der Sicherheit alles regelt, wäre gefährlich, und die Literatur des 20. Jahrhunderts, von Huxley bis Orwell, ist voller solcher Ordnungen. Internationale Institutionen sind oft schwer zu kontrollieren, ihre Beamten werden nicht gewählt. Und Thiels Diagnose der Stagnation, dass der Westen seit Jahrzehnten weniger Neues hervorbringt, als er könnte, teilen viele, die mit seiner Theologie nichts anfangen können.
Auch die Aufrüstung hat Gründe. Russland führt Krieg in Europa, und ein Land, das sich verteidigen will, braucht Drohnen und Software. Dass sie von Firmen kommen, an denen ein umstrittener Investor beteiligt ist, macht sie nicht schlechter.
XI. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre
Der erste Einwand: Thiels Theologie ist Privatsache, seine Firmen sind Geschäfte. Wer beides verbindet, konstruiert einen Plan, wo es nur Investitionen gibt. Das wäre ein starker Einwand, wenn Thiel die Verbindung nicht selbst zöge. Er spricht öffentlich über den Antichristen, die Weltregierung und die Technik, und seine Beteiligungen passen in dieses Bild bis in die Namen.
Der zweite Einwand: Auch der Gegner hat ein Netz. Stiftungen, Lobbygruppen und internationale Organisationen verfolgen ihre Ziele ebenso. Das stimmt, und für sie gilt dieselbe Frage, wer sie prüft. Aber kein anderes Netz verbindet in diesem Ausmaß Geheimdienstsoftware, Waffen, Banken, einen Vizepräsidenten und eine Endzeitlehre.
Widerlegt wäre der Essay, wenn sich zeigen ließe, dass die Teile dieser Karte unabhängig voneinander entschieden werden, ohne gemeinsame Richtung, und dass es eine Stelle gibt, die sie als Ganzes beaufsichtigt.
XII. Wer hält den Aufhalter auf?
Der alte Katechon war eine öffentliche Macht, er hielt die Gesetzlosigkeit auf, und man konnte ihn sehen. Der neue ist ein Netz ohne Amt, er hält die Aufsicht auf, und man sieht ihn nur, wenn jemand einen Fehler im Quellcode findet.
Thiel fragt, wer die Welt vor einer Ordnung schützt, die alles kontrolliert. Die Frage ist berechtigt. Aber sie hat eine Kehrseite, die er nicht stellt.
Die Frage ist nicht, ob die Welt einen Aufhalter braucht, sondern wer den Aufhalter aufhält.