Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 28. September 2026

Der Stein, der zurückblickt

Sind Peter Thiel und Alex Karp gefährlich – und wenn ja, warum?

Aus der Reihe Die Leiter der Leitenden · Teil II, Die Lebenden

Die Reihe fragt, welche Ideologien und Vordenker hinter den Mächtigen stehen und was sie tatsächlich bewirken. Sie geht Fall für Fall vor; jeder Text steht für sich. Die Typologie folgt am Ende, nicht am Anfang.

Wer in einen Palantír blickt, sieht in die Ferne. Aber wer den anderen Stein hält, sieht ihn.

I. Ein Name aus Mittelerde

In Tolkiens „Herr der Ringe“ gibt es sieben Sehsteine, die Palantíri. Wer in einen hineinblickt, sieht, was in weiter Ferne geschieht. Die Steine sind nicht böse. Aber einer von ihnen ist in die Hände Saurons gefallen, und wer seither in einen anderen blickt, wird selbst gesehen. Denethor, der Truchsess von Gondor, glaubt, die Lage zu überblicken. Er sieht nur, was Sauron ihn sehen lässt, und geht daran zugrunde.

2003 gründeten Peter Thiel, Alex Karp und einige andere ein Unternehmen, das Daten für Geheimdienste, Militär und Polizei auswertet. Sie nannten es Palantir. Man darf annehmen, dass sie die Geschichte kannten.

II. Der Denker: Peter Thiel

Peter Thiel wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren und wuchs in den USA auf. In Stanford hörte er bei René Girard, dem Theoretiker des Sündenbocks und des nachahmenden Begehrens, und Girard hat ihn nach eigener Aussage geprägt wie kein anderer. Mit PayPal wurde Thiel reich, mit einer frühen Beteiligung an Facebook sehr reich. Er ist Aufsichtsratsvorsitzender von Palantir.

Thiel ist ein Denker mit Scheckbuch, und seine Sätze sind deutlicher als die der meisten Politiker. 2009 schrieb er: „Ich glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie vereinbar sind.“ 2014 überschrieb er einen Aufsatz im „Wall Street Journal“ mit „Wettbewerb ist etwas für Verlierer“ und pries das Monopol als Ziel jedes Unternehmers.

2007 hatte das Onlinemagazin Gawker unter der Überschrift „Peter Thiel is totally gay, people“ öffentlich gemacht, dass Thiel homosexuell ist. Neun Jahre später verklagte der Wrestler Hulk Hogan Gawker wegen der Veröffentlichung eines Sexvideos und bekam 140 Millionen Dollar zugesprochen. Erst danach wurde bekannt, dass Thiel die Klage heimlich finanziert hatte, mit rund zehn Millionen Dollar, wie er selbst bestätigte. Er nannte das philanthropisch. Gawker ging im Juni 2016 pleite.

2022 stellte Thiel rund fünfzehn Millionen Dollar bereit, um seinen früheren Mitarbeiter J.D. Vance in den Senat zu bringen. Vance ist heute Vizepräsident der Vereinigten Staaten.

Iljin, der Tote aus Zollikon, lieferte eine Sprache, die andere sich aneignen konnten. Thiel liefert die Sprache, das Geld und die Personen gleich mit.

III. Der Antichrist als Argument

Seit Herbst 2025 hält Thiel Vorträge über den Antichristen, zuerst in San Francisco, im März 2026 auch in Rom. Seine These: Der Antichrist wird nicht als Ungeheuer kommen, sondern als falscher Heiland, der Frieden und Sicherheit verspricht und dafür eine Weltregierung errichtet, die den Fortschritt erstickt. Als seine Vorboten nennt Thiel die Regulierung der Technik, internationale Institutionen, die Warner vor den Risiken der Künstlichen Intelligenz und Greta Thunberg.

Die Zeitung der italienischen Bischöfe, „Avvenire“, schrieb dazu, Thiels Vision laufe darauf hinaus, Demokratie und Rechtsstaat durch eine elitäre Superplutokratie zu ersetzen.

Im Essay „Der Geisterseher und die letzte Instanz“ haben wir beschrieben, wie eine Vision zur Machtanmaßung wird: wenn sie sich zur letzten Instanz erklärt und jeder Prüfung entzieht. Thiel geht einen Schritt weiter. Er erklärt die Prüfung selbst zum Werk des Teufels. Wer reguliert, wer warnt, wer demokratische Kontrolle über Technik verlangt, dient dem Antichristen. Gegen dieses Argument gibt es keinen Einwand mehr, denn jeder Einwand bestätigt es.

IV. Der Lieferant: Alex Karp

Alex Karp ist das Gegenstück zu Thiel, und gerade deshalb sind die beiden seit dem Studium in Stanford befreundet. Karp nennt sich einen Linken, stammt aus einer jüdisch-afroamerikanischen Familie in Philadelphia und hat 2002 in Frankfurt am Main promoviert, im Umfeld der Kritischen Theorie. Er spricht fließend Deutsch. Seit den Anfängen führt er Palantir.

Karp schreibt keine Theologie, sondern Programme für den Staat. In seinem Buch „The Technological Republic“ von 2025 fordert er, das Silicon Valley solle sich wieder in den Dienst der Landesverteidigung stellen, statt Apps für Konsumenten zu bauen. Er verlangt KI-Waffen, harte Macht durch Software und eine allgemeine Wehrpflicht. Im März 2026 sagte er in einem Fernsehinterview, seine Technologie schwäche die wirtschaftliche Macht geisteswissenschaftlich gebildeter, überwiegend demokratisch wählender Menschen und stärke die der beruflich ausgebildeten Arbeiter. Er sagte das nicht als Warnung.

V. Palantir in Deutschland

Palantir ist keine amerikanische Angelegenheit. In Hessen arbeitet die Polizei seit 2017 mit der Software, unter dem Namen „Hessendata“, nach Angaben der taz mit rund fünfzehntausend Abfragen im Jahr. Bayern nutzt sie seit 2024 unter dem Namen „VeRA“, Nordrhein-Westfalen täglich, Baden-Württemberg hat sie 2025 gekauft.

Im Februar 2023 erklärte das Bundesverfassungsgericht die gesetzlichen Grundlagen dieser automatisierten Datenauswertung in Hessen und Hamburg teilweise für verfassungswidrig. Die Länder haben nachgebessert. Auf Bundesebene ist die Lage uneinheitlich: Die Justizministerin lehnt Palantir für Bundesbehörden ab, das Bundesamt für Verfassungsschutz hat sich für eine französische Alternative entschieden, der Innenminister hält die Frage offen.

VI. Der rote Teppich

Am 24. September 2026 verlieh der Axel-Springer-Verlag Peter Thiel in Berlin den Axel Springer Award. Vor ihm hatten ihn Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, Elon Musk und Tim Berners-Lee erhalten. Mathias Döpfner hielt die Laudatio und lobte Thiels langfristiges Denken und seinen Mut, gegen den Konsens zu argumentieren. Der Verlag würdigte ausdrücklich die Gründung von Palantir, das für die „demokratische Resilienz“ wichtig sei.

Thiel dankte, indem er Teile der Medien eine „linke Hassfabrik“ nannte und Döpfner für seinen Mut lobte. Vor dem Haus protestierten mehr als zweihundert Menschen, und der Deutsche Journalisten-Verband hatte die Verleihung vorab kritisiert.

Ein Verlag darf ehren, wen er will. Bemerkenswert ist etwas anderes. Ein Medienhaus zeichnet einen Mann aus, der ein Medienhaus mit einer heimlich finanzierten Klage in die Pleite getrieben hat. Und es ehrt eine Software für ihren Beitrag zur Demokratie, deren Einsatz das Bundesverfassungsgericht teilweise für verfassungswidrig erklärt hat. Wer so ehrt, gibt nicht nur ein Podium. Er stellt dem Stein ein Zeugnis aus, bevor jemand geprüft hat, wer am anderen Ende sitzt.

VII. Was für die beiden spricht

Ein fairer Text muss die Gegenseite stark machen, und sie hat Argumente.

Thiels Diagnose der Stagnation ist ernst zu nehmen. Der Satz aus dem Manifest seines Risikokapitalfonds, „Wir wollten fliegende Autos und bekamen 140 Zeichen“, beschreibt etwas Wahres: Seit Jahrzehnten gibt der Westen mehr für Verwaltung, Absicherung und Unterhaltung aus als für wirkliche Neuerung. Ich habe als Erfinder erlebt, wie Institutionen das Neue ersticken, und in diesem Befund stimme ich Thiel zu. Die Diagnose kann richtig sein, auch wenn die Therapie gefährlich ist.

Karp steht klar gegen Putin und gegen China, und Palantir hat die Ukraine unterstützt. Wer sagt, dass Demokratien sich technisch verteidigen können müssen, sagt nichts Antidemokratisches.

Und die Polizei verweist auf Fälle, die mit der Software aufgeklärt wurden. Palantir betont, die Software sammle selbst keine Daten. Sie werte nur aus, was der Staat ohnehin besitzt.

VIII. Wo die Gefahr liegt

Die Gefahr liegt nicht in einzelnen Sätzen und nicht in bösen Absichten. Sie liegt darin, dass zwei Dinge zusammenkommen.

Das erste ist eine Ideologie, die demokratische Kontrolle als Hindernis betrachtet, bei Thiel sogar als teuflisch. Das zweite ist eine Technik, die den Staaten unentbehrlich wird. Die Ideologie allein wäre Gerede, und die Technik allein wäre ein Werkzeug. Zusammen ergeben sie eine Macht, die sich keiner Wahl stellen muss.

Franz Oppenheimer hat den Staat als Organisation des politischen Mittels beschrieben, als Aneignung fremder Arbeit ohne Gegenleistung. Hier entsteht eine neue Form davon. Nicht mehr der Eroberer nimmt Tribut, sondern der Lieferant der Infrastruktur. Wer die Software betreibt, mit der eine Polizei denkt, sitzt mit am Tisch, auch wenn er nie gewählt wurde. Und je länger die Behörden mit ihr arbeiten, desto schwerer wird der Ausstieg. Baden-Württemberg hat die Software 2025 gekauft und plant schon jetzt, bis 2030 wieder auszusteigen.

Das ist das Palantír-Problem: Der Staat glaubt, mit dem Stein weiter zu sehen. Er vergisst, dass am anderen Ende jemand sitzt, der eigene Pläne hat und sie offen ausspricht.

IX. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre

Der erste Einwand: Thiel ist ein Provokateur, und Provokateure sagen vieles, das sie nicht umsetzen. Die Antichrist-Vorträge sind Privattheologie eines Milliardärs, kein politisches Programm. Das mag sein. Aber ein Provokateur, der einen Vizepräsidenten finanziert hat und den Aufsichtsrat eines Staatslieferanten führt, ist mehr als ein Provokateur.

Der zweite Einwand: Jeder Staat kauft Software, auch von ausländischen Firmen, und niemand fragt bei Microsoft nach der Weltanschauung des Gründers. Das stimmt, und die Abhängigkeit von Microsoft ist ein eigenes Problem. Der Unterschied ist, dass Palantir nicht Briefe schreibt oder Tabellen rechnet, sondern Polizei und Geheimdiensten hilft zu entscheiden, wen sie ansehen.

Widerlegt wäre der Essay, wenn sich zeigen ließe, dass die Behörden, die Palantir nutzen, jederzeit und ohne großen Aufwand wechseln können, und dass Thiels politisches Geld keinen Einfluss auf die Entscheidungen derer hat, die er gefördert hat.

X. Die Frage

Sind Peter Thiel und Alex Karp gefährlich? Einzeln vielleicht weniger, als ihre Kritiker sagen. Zusammen mehr, als ihre Bewunderer glauben.

Die Frage ist nicht, ob sie böse sind, sondern wer am anderen Ende des Steins sitzt, wenn ein Staat hineinblickt.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 28. September 2026.

In der Reihe: Übersicht „Die Leiter der Leitenden“ · „Die Gebeine aus Zollikon“. Verwandte Texte: „Der Geisterseher und die letzte Instanz“ · „Land, Nation, Staat“.

Zur Quellenlage. Thiels Satz über Freiheit und Demokratie: Peter Thiel, „The Education of a Libertarian“, Cato Unbound, April 2009. „Competition Is for Losers“, Wall Street Journal, September 2014. Gawker: Forbes, Zeitleiste und Forbes, Enthüllung vom Mai 2016. Die Antichrist-Vorträge und die Reaktionen in Italien: ZDFheute und Fortune. Alexander C. Karp und Nicholas W. Zamiska, The Technological Republic (2025). Karps Interview vom März 2026: The New Republic. Palantir in den Ländern und die Haltung des Bundes: taz, Juni 2026. Axel Springer Award 2026: Tagesspiegel und ZDFheute. Bundesverfassungsgericht, Urteil vom 16. Februar 2023 (1 BvR 1547/19 und 1 BvR 2634/20). Franz Oppenheimer, Der Staat (1907). J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe (1954/55). Belegt sind die Zitate, die Zahlungen und die Einsätze der Software. Was daraus folgt, ist Deutung; die Abschnitte VI, VIII und X sind Urteil, nicht Befund. Englische Fassung verfügbar.