Beute, Pacht und Erbe
Die Kleptokratie als Betriebsform der Megamaschine
Aus der Megamaschinen-Reihe · Wegweiser zur Megamaschine
Man muss den Staat nicht stehlen. Man kann ihn auch pachten oder erben.
I. Ein Wort, das zu klein ist
In William Gibsons Roman „The Peripheral“ gibt es eine gefürchtete Macht, die nur „der Klept“ heißt: ein Netzwerk superreicher Dynastien, losgelöst von Staaten, Nationen und Branchen, ein neuer Hochadel mit viel Geld und wenig Bindung an das Gesetz. Gibson nannte ihn eine Karikatur, aber keine unrealistische. Seine Vorbilder waren die russischen Oligarchen in London und die Regierung, die ihnen dort das Leben angenehm machte. Am 18. Oktober 2026 hat Christian Stöcker im SPIEGEL daraus eine Kolumne gemacht: „Der Staat als Beute“. Die Klept, schreibt er, nehme Gestalt an, in Moskau, in Washington, in Riad.
Das Wort, das er dafür benutzt, ist Kleptokratie, die Herrschaft der Diebe. Es ist älter, als man denkt, schon 1819 taucht es auf. Der Soziologe Stanislav Andreski machte es 1968 zum Fachbegriff, um Staaten in Afrika zu beschreiben, deren Herrscher die Staatskasse als Privatvermögen behandelten. Mobutu im Kongo, Marcos auf den Philippinen, Abacha in Nigeria waren die Lehrbuchfälle.
Das Wort trifft etwas. Aber es ist zu klein. Es lenkt den Blick auf den Dieb und weg von der Maschine, in der er arbeitet. Wer nur nach Dieben sucht, findet in Deutschland kaum welche und erklärt das Problem für gelöst. Wir wollen deshalb drei Stufen unterscheiden: die Beute, die Pacht und das Erbe. Die erste ist Verbrechen, die zweite ist legal, die dritte ist sogar Tradition. Im Ergebnis gleichen sie sich mehr, als uns lieb sein kann.
II. Die Maschine und ihre Herren
Lewis Mumford hat die Megamaschine an ihrem Ursprung beschrieben: Tausende Menschen, zusammengefügt zu einer einzigen Maschine, um Pyramiden zu bauen. Die Pyramide war kein Gemeinschaftswerk. Sie war das Grab eines Königs. Die Megamaschine wurde nicht für die gebaut, die in ihr arbeiteten, sondern für die, die oben saßen. Wir haben das in „Lewis Mumford · Mythos der Maschine“ nachgezeichnet.
Wie man nach oben kommt, hat Franz Oppenheimer 1908 in seinem Buch „Der Staat“ beschrieben, mit einer Unterscheidung von verblüffender Einfachheit. Es gibt nur zwei Wege, an die Güter dieser Welt zu gelangen. Der eine ist die eigene Arbeit und der gerechte Tausch ihrer Erzeugnisse gegen die Erzeugnisse anderer: das ökonomische Mittel. Der andere ist die unentgoltene Aneignung fremder Arbeit: das politische Mittel. Der Staat ist für Oppenheimer in seinem Ursprung die Organisation des politischen Mittels. Hirtenvölker überfallen Bauern. Zuerst plündern sie und ziehen weiter. Dann merken sie, dass es sich mehr lohnt, die Bauern am Leben zu lassen, sich niederzulassen und jedes Jahr Abgaben zu nehmen. Aus dem Räuber wird der Herr, aus der Beute der Tribut, aus dem Tribut die Steuer. Fünfundachtzig Jahre später hat der amerikanische Ökonom Mancur Olson dasselbe noch einmal entdeckt und es den Übergang vom umherziehenden zum sesshaften Banditen genannt.
Ludwig Erhard nannte Oppenheimer seinen Lehrer. Die soziale Marktwirtschaft war in ihrem Kern der Versuch, eine Ordnung des ökonomischen Mittels zu bauen: Wohlstand durch Arbeit und Wettbewerb, nicht durch Vorrechte. Die Demokratie sollte dasselbe in der Politik leisten und den Herrn abschaffen, sodass die Beherrschten selbst zu Eigentümern ihres Staates werden. Wir haben Oppenheimers Unterscheidung in „Das politische Mittel“ auf die Gegenwart angewandt.
Die Kleptokratie ist die Rückkehr des politischen Mittels in eine Maschine, die nicht mehr dafür gebaut war. Und das Unheimliche ist: Die Maschine merkt den Unterschied kaum. Wie wir in „Wessen Diener?“ gezeigt haben, dient ein Apparat, der auf Gehorsam gebaut ist, dem, der oben sitzt. Robert Michels hat 1911 beschrieben, wie jede Organisation eine kleine Führungsschicht hervorbringt, die sie für sich nutzt: „Das eherne Gesetz“. Die Kleptokratie ist das eherne Gesetz ohne Scham.
Unsere drei Stufen sind deshalb drei Formen des politischen Mittels. Die Beute ist seine Urform, der Überfall. Die Pacht ist seine moderne Form, die Aneignung über Aufträge, Gesetze und Gefälligkeiten. Das Erbe ist seine dauerhafteste Form, die Weitergabe dessen, was einmal angeeignet wurde, an die nächste Generation. Schon für Oppenheimer war das große Grundeigentum, das sich von Generation zu Generation vererbt, der versteinerte Rest einer Eroberung.
III. Die erste Stufe: Beute
In Russland ist die Beute offen. Ein Kreis von Männern mit Geheimdienstvergangenheit kontrolliert große Teile der Wirtschaft. Wer mitspielt, darf reich werden. Wer in Ungnade fällt, stürzt aus dem Fenster, oder sein Flugzeug explodiert. Das ist nicht Politik im westlichen Sinn, es sind die Regeln der organisierten Kriminalität, angewandt auf einen Staat.
Doch auch diese Stufe hat Helfer im Westen. Das Geld braucht Banken, die nicht fragen, Anwälte, die Firmengeflechte bauen, Makler, die Villen verkaufen, und Schulen, die die Kinder aufnehmen. Gibson hat seine Klept nicht in Moskau gefunden, sondern in London. Die Beute wird im Osten gemacht und im Westen gewaschen, angelegt und vererbt. Der neue britische Premierminister Andy Burnham hat im Oktober 2026 als erster Regierungschef offen gesagt, es sei klar, dass Russland in die Brexit-Abstimmung eingegriffen habe. Die Diebe haben nicht nur ihr Geld im Westen angelegt. Sie haben auch versucht, seine Politik mitzubestimmen.
IV. Die zweite Stufe: Pacht
In den Vereinigten Staaten fällt niemand aus dem Fenster. Wer in Ungnade fällt, verliert nur seinen Platz bei Hofe. Kimberly Guilfoyle, die frühere Verlobte des Präsidentensohns und Botschafterin in Griechenland, musste am 13. Oktober 2026 zurücktreten. Nach Berichten des Wall Street Journal hatte sie vor ihrer Anhörung im Senat einen Spender gebeten, eine Kreditkartenrechnung über 100.000 Dollar zu bezahlen, und ihm dafür Zugang zur Regierung angeboten. Sie bestreitet das. Sie war ein kleines Licht.
Die großen Summen sind legal. Der Präsident hat für das Jahr 2025 Einkünfte von mehr als zwei Milliarden Dollar angegeben, davon über 1,4 Milliarden aus Kryptogeschäften seiner Familie: aus dem Verkauf von Token einer Familienfirma, aus Lizenzen für eine Spaßwährung mit seinem Namen, aus dem Verkauf von Firmenanteilen. Wer solche Token kauft, kauft auch Nähe zum Präsidenten, und niemand muss sagen, warum er kauft. Sein Schwiegersohn Jared Kushner reist ohne Amt und Mandat als Unterhändler durch die Welt und verwaltet zugleich Milliarden, die ihm Golfstaaten anvertraut haben. In Albanien wehren sich junge Leute gegen ein Luxusresort, das mit seinem Namen verbunden ist.
Und dann die Männer aus dem Silicon Valley. Sie schimpfen über den Staat, der zu viel Geld ausgebe und zu viel Macht habe, und sie leben von ihm. Palantir verdient einen großen Teil seines Geldes mit Aufträgen von Militär und Behörden, SpaceX ebenso. Elon Musk hat bis Mitte Oktober 2026 rund 276 Millionen Dollar in den Wahlkampf der Republikaner für die Zwischenwahlen gesteckt, mehr als im Präsidentschaftswahlkampf zuvor.
Wie weit diese Pacht reicht, zeigte sich in derselben Woche in der Ukraine. Ukrainische Drohneneinheiten steuern ihre Geräte über Starshield, die militärische Variante von Musks Satellitennetz. Plötzlich wurden ihre Verbindungen gedrosselt. Nach Reuters kam die Anweisung aus dem Weißen Haus, Musk erklärte, darüber entscheide „letztlich der Präsident“, Trump bestritt, es selbst angeordnet zu haben. Einen Tag später funktionierte alles wieder. Es war nicht das erste Mal: Schon im Herbst 2022 verweigerte Musk den Ukrainern seine Satellitenverbindung, als ihre Drohnen die russische Flotte vor Sewastopol angreifen sollten. Wir haben das in „COSMOS“ beschrieben. Was bleibt, ist das Bild: Ob die Drohnen eines Landes im Krieg fliegen, hängt an der Infrastruktur eines Privatmanns und an einem Anruf aus Washington, und niemand will es gewesen sein. Am selben Tag nannte Trump die ukrainischen Angriffe auf russische Ölanlagen eine „Schande“, weil sie den Ölpreis treiben. Ob dahinter ein Plan steht, wie Stöcker vermutet, oder nur die Sorge um die Zwischenwahlen, lässt sich nicht belegen. Belegen lässt sich, wie wenig zwischen öffentliche Macht und private Interessen noch passt.
Das ist Pacht: Niemand stiehlt den Staat. Man pachtet seine Aufträge, seine Gesetze, seine Aufmerksamkeit, und der Pachtzins sind Spenden, Gefälligkeiten und Loyalität. Alles ist legal, und gerade deshalb ist es so schwer zu fassen.
V. Die Theorie der Pächter
Die Diebe in Moskau brauchen keine Theorie, die Erben in Deutschland haben keine. Die Pächter aus dem Silicon Valley haben eine, und das unterscheidet sie von allen Kleptokraten vor ihnen.
Wir haben ihre Herkunft in „Die Ingenieure des Absolutismus“ nachgezeichnet. Sie beginnt in den 1930er Jahren mit Howard Scott und seiner Technokratie-Bewegung, die einen „Rat der Techniker“ an die Stelle der Politik setzen wollte, und sie endet vorläufig bei Curtis Yarvin, der von einer Welt ohne Wahlen träumt. In Yarvins Entwurf ist der Staat ein Unternehmen, geführt von einem Vorstandschef mit der Macht eines Königs, und die Bürger sind Kunden, die gehen dürfen, wenn es ihnen nicht passt. Das ist Oppenheimers sesshafter Bandit mit einer Aktiengesellschaft als Rechtsform. Zum ersten Mal wird der Staat als Beute nicht versteckt, sondern zum Programm erklärt. Wir haben es in „Die New Right“ genauer beschrieben.
Peter Thiel hat 2009 geschrieben, er glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie vereinbar seien. Wenig später nannte er Wettbewerb „etwas für Verlierer“ und pries das Monopol als Ziel jedes Unternehmers. In Oppenheimers Sprache ist das der Augenblick, in dem das ökonomische Mittel ins politische umschlägt: Wer das Monopol hat, muss nicht mehr tauschen, er kann kassieren. Inzwischen hält Thiel Vorträge über den Antichristen, der als Weltregierung kommen und den Fortschritt ersticken werde, und als dessen Vorboten nennt er die Regulierung der Technik. Wer die Aufsicht zum Antichristen erklärt, hat sich selbst zum Heiligen gemacht. Das ist das Thema von „Der Katechon“ und „Der Stein, der zurückblickt“. Dort geht es auch um Palantir, benannt nach den Sehsteinen aus Tolkiens Roman: Wer in einen hineinblickt, sieht in die Ferne, aber wer den anderen Stein hält, sieht ihn. Ein privates Unternehmen hält die Daten von Geheimdiensten, Polizei und Militär.
Die Historikerin Margaret O’Mara hat die nüchterne Auflösung des scheinbaren Widerspruchs zwischen Staatsverachtung und Staatsnähe geliefert. Das Silicon Valley war nie so libertär, wie es tat. Es ist auf öffentlichem Grund gewachsen, mit Forschungsgeld aus dem Kalten Krieg, und es wollte nie Freiheit von Regeln, sondern Regeln nach eigenem Maß. Wir haben das in „Der gebaute Sandkasten“ beschrieben. Das ist die reinste Form der Pacht: Man bricht keine Regeln, man schreibt sie.
Und schließlich bereiten sich die Pächter darauf vor, die Maschine zu verlassen, die sie gepachtet haben. Bunker auf Hawaii, Landgüter in Neuseeland, ganze Inseln, Privatstädte mit eigenem Recht in Honduras, Pläne für den Mars. In „Endzeitkapitalismus“ haben wir das als Erwartung gelesen, dass die Ordnung nicht für alle hält, und als Vorsorge nur für die eigene Klasse. Hier wird Gibsons Klept wirklich: eine Schicht, die sich von Nationen löst.
Darin liegt eine Steigerung, die selbst Oppenheimer nicht kannte. Seine Hirten mussten die Bauern am Leben lassen, sonst gab es nichts mehr zu holen. Der Bandit war auf seine Beute angewiesen, und diese Abhängigkeit war ihre einzige Sicherheit. Wenn Maschinen die Arbeit der Bauern übernehmen, entfällt auch diese Abhängigkeit. In „Priester ohne Gemeinde“ haben wir beschrieben, was einer solchen Herrschaft fehlen würde, was noch jede Tyrannei begrenzte: Grenzen, Sterblichkeit und die Notwendigkeit, wenigstens einige mitzunehmen. Ob es so kommt, weiß niemand. Aber die Megamaschine, die ihre Menschen nicht mehr braucht, ist keine Erfindung von Romanautoren mehr; wir haben sie in „Von der Mega- zur Metamaschine“ beschrieben. Sie ist ein Geschäftsplan.
VI. Die dritte Stufe: Erbe
Und Deutschland? Stöcker schreibt, wir seien von einer Kleptokratie „zum Glück noch weit entfernt“. Das stimmt, wenn man nach Dieben sucht. Es stimmt nicht, wenn man nach dem Ergebnis fragt.
Der größte Raubzug an der deutschen Staatskasse hieß Cum-Ex. Banken, Anwälte und Investoren ließen sich über Jahre Steuern erstatten, die nie gezahlt worden waren. Der Schaden liegt nach vorsichtigen Schätzungen bei mindestens zehn Milliarden Euro, zurückgeholt wurde etwa ein Drittel. Es gibt Verurteilungen, und das spricht für den Rechtsstaat. Aber vom Kopf des Systems, dem Anwalt Hanno Berger, konnte der Staat bisher 13.200 Euro und zwei Goldmünzen eintreiben. Die Staatsanwältin, die den Skandal aufgerollt hatte, Anne Brorhilker, gab 2024 ihr Amt auf, weil sie die Verfolgung von Finanzkriminalität in Deutschland für unzureichend hielt. Wir haben ihre Geschichte in „Die unbequeme Beamtin“ erzählt.
In der Corona-Zeit kassierten Bundestagsabgeordnete der Union Provisionen in sechs- und siebenstelliger Höhe für die Vermittlung von Schutzmasken an den Staat. Der Bundesgerichtshof entschied 2022, das sei nach geltendem Recht nicht strafbar, weil sie nicht in ihrer Eigenschaft als Abgeordnete gehandelt hätten. Der Finanzier des rechten Portals „Nius“ verdankt seinen Reichtum Software für Arztpraxen und Krankenhäuser, also letztlich den Beiträgen der Versicherten. Das ist legal. Es zeigt nur, aus welchen Kassen politische Macht heute bezahlt wird.
Vor allem aber wird vererbt. Große Familienvermögen gehen in Deutschland weitgehend steuerfrei an die nächste Generation, mit dem Argument, an ihnen hingen Arbeitsplätze. Das ist die Logik des Lehens, die wir in „Renten, Pfründe und die Wegelagerer“ und „Wir werden weiter vererben“ beschrieben haben. Und während der Staat seine Zukunft kürzt, baut er an sich selbst: „Der Staat, der an sich selbst baut“. Das ist keine Herrschaft der Diebe. Es ist eine Herrschaft der Erben, die niemand gewählt hat und die niemand abwählen kann.
VII. Was die drei Stufen verbindet
Beute, Pacht und Erbe unterscheiden sich in der Technik, nicht im Prinzip. In allen dreien wird fremde Arbeit angeeignet, ohne dass eine Gegenleistung erbracht wird, und in allen dreien dient der Staat nicht mehr der Gesamtheit, sondern einem Kreis. In Russland ist es ein Kreis von Gefolgsleuten, in den USA ein Kreis von Spendern und Familienmitgliedern, in Deutschland ein Kreis von Erben und Pfründnern. Die Grenzen zwischen den Stufen sind durchlässig. Wer heute pachtet, will morgen vererben. Wer erbt, kann übermorgen pachten.
Und die Kreise kennen einander. Stöckers stärkste Beobachtung ist, dass Kleptokraten über alle Grenzen hinweg hervorragend miteinander handeln können, weil Ideologie und Nation für sie keine Rolle spielen. Es geht um Geld, Macht, Technologie und Information. Washington, Riad und Moskau sind keine Verbündeten, aber sie sind ein Club. Darin liegt die eigentliche Neuheit: Die Megamaschine war bisher national verfasst, ihre Herren saßen in Hauptstädten. Die Klept sitzt überall und nirgends.
Für die Bürger hat Stöcker ein bitteres Wort aus der Sprache der Trickbetrüger gefunden: Sie sind „Mark“, die Opfer, die man ausnimmt, während man sie glauben lässt, sie seien Teilnehmer. Wir haben in „Die Jugend ist unsere Zukunft“ die Kinder dieser Kreise beschrieben, die neue Jeunesse dorée, die auf TikTok zeigt, was andere bezahlt haben. Die Klept ist ihre Elterngeneration.
VIII. Was man fairerweise sagen muss
Nicht jeder Milliardär ist ein Kleptokrat. Es gibt Vermögen, die aus echten Erfindungen und Unternehmen entstanden sind, und es gibt Erben, die mit ihrem Erbe Gutes tun. Der Unterschied liegt nicht in der Größe des Vermögens, sondern in seiner Quelle, und Oppenheimer hat das Kriterium dafür geliefert: ob es mit dem ökonomischen Mittel entstanden ist, durch Arbeit und Tausch, oder mit dem politischen, durch Aneignung. Oft ist beides vermischt. Musk hat Raketen gebaut, die vor ihm niemand bauen konnte; das ist ökonomisches Mittel. Dass er mit Hunderten Millionen mitbestimmt, wer künftig die Aufträge vergibt, die er erhält, ist politisches.
Auch Stöcker übertreibt. Seine Kette, nach der Trump billiges Öl braucht, deshalb mit Putin verhandelt und Musk deshalb die Ukraine fallen lässt, ist eine Vermutung, keine Analyse. Er schreibt selbst „vermutlich“ und „angeblich“. Wer alles Kleptokratie nennt, macht das Wort stumpf und gibt den Betroffenen die bequemste Verteidigung: Sie haben ja nichts gestohlen.
Und Deutschland ist kein Russland. Cum-Ex-Täter sitzen im Gefängnis, Gerichte arbeiten, Journalisten recherchieren. Gerade deshalb ist die deutsche Form so gefährlich: Sie braucht keinen Rechtsbruch. Was legal ist, muss nicht verfolgt werden, und was nicht verfolgt wird, fällt nicht auf.
IX. Was dagegen hilft
Hier liegt das Dilemma, das wir in „Die Janusköpfigkeit des Staates“ beschrieben haben. Der Staat ist selbst die größte Organisation des politischen Mittels: Er zwingt, besteuert, verhaftet. Und er ist zugleich der einzige Schutz gegen das politische Mittel der anderen. Nur das politische Mittel kann das politische Mittel bändigen. Ein Staat, den die Klept gepachtet hat, kann sie nicht mehr bändigen. Er muss sich zuerst selbst zurückholen.
Die Megamaschine kennt kein moralisches Empfinden. Sie kennt nur Rückkopplung: Signale, die ihr sagen, ob sie richtig läuft. In allen drei Stufen ist diese Rückkopplung gekappt. Die Beute wird über Briefkastenfirmen versteckt. Die Pacht wird als Spende, Beratung oder Kryptokauf getarnt. Das Erbe wird als Arbeitsplatzsicherung begründet. Abhilfe heißt deshalb vor allem: die Signale wieder sichtbar machen.
Das bedeutet öffentliche Register, aus denen hervorgeht, wem Firmen, Häuser und Stiftungen wirklich gehören. Es bedeutet eine Trennung zwischen dem, der Staatsaufträge bekommt, und dem, der Wahlkämpfe finanziert. Es bedeutet Staatsanwaltschaften, die so ausgestattet sind wie die Kanzleien, gegen die sie ermitteln, so wie Anne Brorhilker es gefordert hat. Und es bedeutet eine Erbschaftsteuer, die große Betriebsvermögen nicht länger fast vollständig verschont, während jeder Arbeitslohn ab dem ersten Euro über dem Freibetrag besteuert wird.
Nichts davon ist neu, und alles davon liegt seit Jahren auf dem Tisch. Dass es nicht geschieht, ist kein Versehen. Es ist der Beweis, dass die Klept nicht erst kommt. Sie ist schon da, in jeder ihrer drei Formen.
Und sie ist ein Chamäleon. Sie passt sich an die Gegebenheiten an, die sie vorfindet. Solange sich im Rahmen der Legalität genug holen lässt, bleibt sie im Rahmen. Ist es außerhalb lukrativer, verlässt sie ihn ohne Skrupel. Cum-Ex hat genau so begonnen: als angebliche Gesetzeslücke, die Gutachter für legal erklärten, bis der Bundesgerichtshof 2021 entschied, dass es schlicht Steuerhinterziehung war. Beute, Pacht und Erbe sind deshalb keine getrennten Arten, sondern Farben desselben Tiers, und es wechselt sie, je nachdem, was gerade mehr einbringt. Die Frage ist nur, ob wir es erkennen, solange es noch die Farbe der Legalität trägt.