Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 4. November 2026

Feldbericht Homo sapiens

Die Menschheit aus der Sicht eines außerirdischen Zoologen

Bericht über die Art Homo sapiens, dritter Planet eines gelben Zwergsterns. Vorläufige Bestimmung nach einem Beobachtungszeitraum von rund 300.000 Umläufen.

Es ist nicht der erste Bericht dieser Art. Ein früherer Beobachter hat in „Das Untier“ die Schrift eines Mitglieds der Art geprüft, des Philosophen Ulrich Horstmann, der das Verschwinden seiner eigenen Art als Erlösung beschrieb. Der vorliegende Bericht ergänzt jene Beobachtungen um das, was ein Zoologe sieht.

I. Erscheinung

Ein mittelgroßer, weitgehend unbehaarter Zweibeiner. Er läuft schlecht, schwimmt schlecht, klettert mäßig und kann nicht fliegen. Zähne und Nägel taugen nicht zur Jagd, und sein Nachwuchs ist bei der Geburt hilfloser als der fast jeder anderen Art auf dem Planeten. Ein Zoologe, der nur den Körper sähe, würde ihm keine lange Zukunft geben.

Auffällig ist ein übergroßes Organ im Kopf. Es macht rund zwei Prozent des Körpergewichts aus, verbraucht aber etwa ein Fünftel der Energie. Die Art hat alles auf eine Karte gesetzt.

II. Verbreitung und Wirkung

Die Art besiedelt jeden Kontinent und jede Klimazone. Nur die Pole und die Tiefsee besucht sie bloß. Ihre Zahl hat sich in den letzten 200 Umläufen etwa verachtfacht, auf über acht Milliarden.

Der bemerkenswerteste Befund ergibt sich beim Wiegen. Nach einer Erhebung, die die Art selbst angestellt hat, entfallen vom Gewicht aller Säugetiere des Planeten rund 36 Prozent auf den Menschen und rund 60 Prozent auf die Tiere, die er hält, vor allem Rinder und Schweine. Alle wilden Säugetiere zusammen, vom Elefanten bis zur Maus, bringen es auf vier Prozent. Bei den Vögeln ist es ähnlich: Siebzig Prozent sind Hühner und anderes Geflügel.

Kein vielzelliges Lebewesen hat je die Biomasse eines Planeten so umgebaut. Vergleichbar sind nur die Bakterien, die vor über zwei Milliarden Umläufen die Atmosphäre mit Sauerstoff füllten und damit fast alles Leben vergifteten, das ihn nicht vertrug.

III. Ernährung

Allesfresser. Die Art ernährt sich zum großen Teil von wenigen Grassorten, die sie selbst gezüchtet hat: Weizen, Reis, Mais. Man kann darüber streiten, wer hier wen gezähmt hat. Die Gräser haben sich über den ganzen Planeten verbreitet, während ihre Pfleger sich krumm arbeiten, um sie zu säen, zu gießen und vor Schädlingen zu schützen.

IV. Sozialverhalten

Hier wird die Art rätselhaft, und hier liegt ihr eigentliches Erfolgsgeheimnis.

Andere Herdentiere arbeiten mit Verwandten zusammen oder mit Tieren, die sie persönlich kennen. Ein Wolfsrudel umfasst ein Dutzend Tiere, eine Schimpansengruppe einige Dutzend. Der Mensch arbeitet mit Millionen Fremden zusammen, die er nie sehen wird. Möglich macht das ein Verhalten, das bei keiner anderen Art beobachtet wurde: Er glaubt gemeinsam an Dinge, die es nur in den Köpfen gibt. Götter, Nationen, Gesetze, Geld. Ein bedrucktes Stück Papier, das als Stoff nichts wert ist, tauscht er gegen Nahrung, weil alle anderen ebenfalls glauben, es sei etwas wert.

Ein Philosoph der Art namens Max Stirner hat diese gemeinsamen Vorstellungen „Gespenster“ genannt: Wesen, denen man dient, ohne sie je gesehen zu haben. Aus zoologischer Sicht sind sie das wirksamste Werkzeug, das die Evolution auf diesem Planeten hervorgebracht hat. Sie ersetzen Krallen, Gift und Panzer. Sie haben allerdings zwei Nebenwirkungen. Die Tiere töten einander für sie. Und es gibt Mitglieder der Art, die von der Sehnsucht der anderen nach solchen Vorstellungen leben, wie in „Die Bewirtschaftung der Sehnsucht“ beschrieben.

V. Verhalten gegenüber Artgenossen

Gewalt unter Artgenossen ist häufig und organisiert. Die Art führt Kriege, planmäßige Massentötungen von Artgenossen, oft im Namen der Gespenster aus dem vorigen Abschnitt. Ameisen tun Ähnliches, aber Ameisen kämpfen um Nester und Nahrung. Der Mensch kämpft auch um Wörter.

Zugleich zeigt die Art eine Fürsorge, die im Tierreich ohne Beispiel ist. Sie pflegt Kranke, Alte und Behinderte, die nichts mehr zur Gruppe beitragen. Sie rettet Fremde aus dem Wasser und gibt Blut für Unbekannte. Beide Verhaltensweisen kommen oft bei denselben Tieren vor, manchmal am selben Tag. Der Beobachter muss festhalten: Dies ist keine Art mit einem Wesen, sondern mit zweien.

Wie knapp die Art an ihrer Selbstauslöschung vorbeigekommen ist, zeigt ein einzelnes Tier. Im September 1983 meldete ein sowjetisches Frühwarnsystem den Anflug amerikanischer Raketen. Der diensthabende Offizier Stanislaw Petrow hielt die Meldung für einen Fehler und meldete sie als Fehlalarm, nicht als Angriff. Er hatte recht. Die Art verdankt ihr Fortbestehen in diesem Fall dem Zweifel eines Einzelnen an seiner Maschine. Ob es diesen Zweifel noch gibt, wenn die Maschinen schneller entscheiden als die Tiere, fragen „Wo ist Petrov?“ und „Die Maschine zögert nicht“.

VI. Bauten

Termiten bauen Hügel mit eingebauter Belüftung. Der Mensch baut Städte, in denen über die Hälfte der Art lebt, und verbindet sie zu einem einzigen Bau, der den ganzen Planeten umspannt. Dieser Bau hat Eigenschaften, die keines der Tiere geplant hat und keines steuert. Manche Mitglieder der Art nennen ihn die Megamaschine. Er wächst, auch wenn die einzelnen Tiere sich das nicht wünschen, und er verbraucht mehr, als der Planet nachliefert.

VII. Gedächtnis

Die Art hat ein einzigartiges Merkmal entwickelt: Sie speichert Wissen außerhalb ihrer Körper. Erst in Zeichen auf Ton, dann auf Papier, jetzt in Maschinen. Kein neues Tier muss von vorn anfangen. Deshalb ist die Art nach biologischen Maßstäben unheimlich schnell. Ihr Körper hat sich seit 300.000 Umläufen kaum verändert, ihre Werkzeuge haben sich in den letzten 200 Umläufen vollständig erneuert.

Neuerdings baut sie Maschinen, die selbst sprechen und Wissen verarbeiten. Ob dies eine neue Lebensgemeinschaft ist wie die mit dem Hund und dem Weizen oder ob die Art ihren eigenen Nachfolger baut, kann der Beobachter noch nicht entscheiden. Die Tiere selbst wissen es auch nicht.

VIII. Eine auffällige Anomalie

Die Art kennt die Folgen ihres Handelns oft genau und handelt trotzdem nicht danach. Sie hat gemessen, dass sich ihr Planet erwärmt, dass sie ihre Böden auslaugt und dass ihre Bauten die Vielfalt der Arten zerstören. Die Messungen sind korrekt. Sie werden veröffentlicht, besprochen und auf großen Versammlungen beklagt. Dann ändert sich wenig.

Ein Regler mit gutem Messfühler und schwachem Stellglied. Der Beobachter hat das bei keiner anderen Art gesehen, aber das besagt wenig: Keine andere Art misst.

Noch merkwürdiger ist eine zweite Gruppe. Sie sieht dem Untergang nicht mit Sorge entgegen, sondern mit Erwartung. Nach einer Befragung, die 2026 in einer Fachzeitschrift der Art erschien, rechnet ein Drittel der Bevölkerung des mächtigsten Staates damit, das Ende der Welt noch selbst zu erleben. Manche sehnen es herbei, weil sie danach eine bessere Welt erwarten. Andere haben, wie in „Nach uns die Sintflut“ beschrieben, schlicht aufgehört, über ihre eigene Lebenszeit hinaus zu denken. Ein Regler, der das Ende des Systems für das Ziel hält, regelt nicht mehr gegen die Störung, sondern auf sie zu. Die Folgen beschreibt „Der kollabierte Horizont“. Welche Haltungen daraus wachsen, Resignation, Lust am Untergang und Herbeisehnen des Chaos, untersucht „Resignation, Lust am Untergang, Herbeisehnen des Chaos“. Sie haben dieselbe Wurzel: Das Tier glaubt nicht mehr, dass es selbst etwas ändern kann.

IX. Gesamturteil

Homo sapiens ist das erfolgreichste und zugleich gefährdetste Säugetier seines Planeten. Seine Stärke ist dieselbe wie seine Schwäche, die Fähigkeit, an gemeinsame Vorstellungen zu glauben. Sie lässt ihn Kathedralen bauen und Kontinente verwüsten, Fremde retten und Fremde töten.

Ob die Art überlebt, hängt nach Einschätzung des Beobachters nicht von ihrer Technik ab. Es hängt davon ab, ob sie lernt, ihre eigenen Gespenster zu erkennen, bevor sie ihnen den Planeten opfert.

Empfehlung: weiter beobachten, nicht eingreifen. Die Art begegnet Fremden erfahrungsgemäß mit Misstrauen, und das zu Recht.

Weiterlesen: Das Untier · Wo ist Petrov? · Der kollabierte Horizont · Resignation, Lust am Untergang, Herbeisehnen des Chaos · Die Grundprinzipien des Universums · Die Bewirtschaftung der Sehnsucht · Die Megamaschine – wo anfangen?

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 4. November 2026.

Quellen. Yinon M. Bar-On, Rob Phillips, Ron Milo, „The biomass distribution on Earth“, Proceedings of the National Academy of Sciences, 2018. · Vereinte Nationen, World Population Prospects 2024. · Max Stirner, „Der Einzige und sein Eigentum“, 1844. · Ulrich Horstmann, „Das Untier. Konturen einer Philosophie der Menschenflucht“, 1983. · Matthew Billet u. a., Befragung zu apokalyptischen Erwartungen, Journal of Personality and Social Psychology, März 2026, nach „Der kollabierte Horizont“.