Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 4. November 2026

Resignation, Lust am Untergang, Herbeisehnen des Chaos

Drei Reaktionen auf die herrschenden Zustände, und eine vierte

Wenn ein System versagt und niemand es repariert, reagieren Menschen auf drei Arten: Sie geben auf, sie genießen den Verfall, oder sie wünschen sich den Zusammenbruch. Alle drei sind verständlich. Alle drei haben dieselbe Wurzel. Und keine führt irgendwohin.

I. Die Lage

Es gibt Zeiten, in denen nicht nur einzelne Dinge schieflaufen, sondern das Ganze seine Glaubwürdigkeit verliert. Die Institutionen versagen, die Versprechen erweisen sich als leer, die Lösungen als Verschlimmbesserungen.

Wie verbreitet dieses Gefühl ist, lässt sich messen. In einer Studie des Instituts Ipsos aus dem Jahr 2025 sagten 77 Prozent der Deutschen, die Gesellschaft im eigenen Land sei kaputt, 16 Punkte mehr als 2021. Im April 2026 hielten nach einer Befragung von Infratest dimap für die ARD 81 Prozent den Wohlstand in Deutschland für ungerecht verteilt. Das Unbehagen reicht von links bis rechts, von oben bis unten. Die Diagnosen unterscheiden sich, das Gefühl nicht.

Menschen reagieren darauf auf viele Arten, mit Engagement, Protest, Anpassung oder Flucht. Drei Reaktionen verdienen besondere Aufmerksamkeit, weil sie weit verbreitet sind und selten offen besprochen werden.

II. Die erste Reaktion: Resignation

Die Resignation ist die stille Reaktion. Sie protestiert nicht und kämpft nicht. Sie zieht sich zurück.

Der Resignierte hat es versucht, vielleicht jahrzehntelang. Er hat gewählt, Eingaben geschrieben, argumentiert, demonstriert. Die Mächtigen blieben mächtig, die Probleme ungelöst. Irgendwann rechtfertigt der Aufwand den möglichen Ertrag nicht mehr. Er kümmert sich um sein eigenes Leben und lässt die Welt, wie sie ist.

Resignation ist nicht Gleichgültigkeit. Der Resignierte leidet, an dem, was er sieht, und an seiner Ohnmacht. Aber er hat gelernt, das Leiden zu ertragen, statt dagegen anzurennen. Viele Menschen, die äußerlich funktionieren, arbeiten, einkaufen und Steuern zahlen, haben innerlich aufgegeben, ohne es laut zu sagen.

Das Problem der Resignation: Sie bestätigt sich selbst. Wer glaubt, dass sich nichts ändern lässt, ändert nichts, und weil er nichts ändert, ändert sich nichts. Man kennt das aus dem Alltag einer Behörde. Der Sachbearbeiter, der zehnmal erlebt hat, dass sein Verbesserungsvorschlag in der Schublade verschwand, macht keinen elften. Nach zwanzig Jahren ist die ganze Abteilung so.

III. Die zweite Reaktion: Lust am Untergang

Die Lust am Untergang ist dunkler. Sie ist die stille Befriedigung darüber, dass es bergab geht.

Der Untergangslustige sieht den Verfall und genießt ihn. Endlich, denkt er, bekommen sie, was sie verdienen. Endlich zeigt sich, dass ich recht hatte. Wer jahrelang gewarnt hat, erlebt den Zusammenbruch als Bestätigung: Ich habe es euch gesagt.

Es gibt auch eine ästhetische Seite. Das Weiterwursteln ist langweilig, der Zusammenbruch hat Größe. Wer den Untergang herbeisehnt, sehnt auch das Ende der Langeweile herbei.

Die Haltung findet sich in allen Lagern. Der Linke freut sich, wenn der Kapitalismus kriselt, der Rechte, wenn die offene Gesellschaft scheitert, der Ökologe, wenn die Natur zurückschlägt. In ihrer religiösen Form ist sie eine Massenbewegung. Nach einer Befragung, die im März 2026 im Journal of Personality and Social Psychology erschien, rechnet ein Drittel der Amerikaner damit, das Ende der Welt noch selbst zu erleben. Wir haben in „Der kollabierte Horizont“ beschrieben, was das für eine Demokratie bedeutet, in der ein Drittel der Wähler keinen Grund hat, über das eigene Leben hinaus zu planen. Europa hat dafür, wie in „Nach uns die Sintflut“ gezeigt, eine Form ohne Theologie gefunden.

Das Problem dieser Haltung: Sie vergiftet. Wer den Untergang genießt, verliert die Fähigkeit zum Aufbau. Er analysiert den Verfall, aber er tut nichts dagegen, weil ein Teil von ihm ihn will.

IV. Die dritte Reaktion: Herbeisehnen des Chaos

Das Herbeisehnen des Chaos ist die radikalste Reaktion. Es ist der Wunsch, dass alles zusammenbricht, nicht um des Untergangs willen, sondern um des Neuanfangs willen.

Der Chaos-Sehnsüchtige hält das System für nicht mehr reparierbar. Jede Reform, glaubt er, stabilisiert nur das Kaputte, wie ein Pflaster auf einer Wunde, die eine Amputation braucht. Nur aus Trümmern könne Neues wachsen.

Auch das ist messbar. Der dänische Politikwissenschaftler Michael Bang Petersen und seine Kollegen haben in den USA und in Dänemark Tausende Menschen befragt. Rund 40 Prozent stimmten dem Satz zu, bei den politischen und gesellschaftlichen Institutionen könne man nur denken: „Lasst sie alle brennen.“ Rund ein Viertel meinte, die Gesellschaft gehöre niedergebrannt. Die Forscher nennen das ein „Bedürfnis nach Chaos“. Es findet sich vor allem bei Menschen, die sich an den Rand gedrängt fühlen, und wer es hat, verbreitet eher feindselige politische Gerüchte, gleich gegen welches Lager.

Die Haltung hat eine lange Geschichte. Die revolutionäre Linke träumte vom Zusammenbruch des Kapitalismus, die religiöse Rechte träumt von der Endzeit. Die Bewegung der Akzelerationisten will die Widersprüche des Systems so lange verschärfen, bis es zerbricht. Wie solche Gedanken heute in Milliardärskreisen zu einem Geschäftsmodell werden, haben wir in „Der Antichrist als Geschäftsmodell“ und „Endzeitkapitalismus“ beschrieben.

Das Problem dieser Haltung: Sie unterschätzt das Chaos. Chaos trifft nicht alle gleich. Es trifft die Schwachen, die Armen und die Unvorbereiteten. Wer schon vorher stark war, übersteht es meist am besten, und wer sich einen Bunker leisten kann, hat ihn schon gebaut. Aus Trümmern erwächst selten Besseres, meist nur Neues, und oft eine neue Tyrannei. Wer das Chaos herbeisehnt, sollte sich fragen, ob er bereit ist, in ihm zu leben.

V. Die gemeinsame Wurzel

Die drei Reaktionen sind verschieden, aber verwandt. Ihre gemeinsame Wurzel ist die Ohnmacht.

Der Resignierte fühlt sich ohnmächtig und gibt auf. Der Untergangslustige fühlt sich ohnmächtig und tröstet sich mit dem Recht-gehabt-Haben. Der Chaos-Sehnsüchtige fühlt sich ohnmächtig und hofft auf die Katastrophe als Befreiung. Alle drei haben aufgehört zu glauben, dass sie selbst etwas ändern können.

Ein Regelungstechniker würde es so beschreiben. Der Messfühler arbeitet bei allen dreien richtig: Sie sehen, dass etwas falsch läuft. Es ist das Stellglied, das versagt. Beim Resignierten ist es abgeschaltet. Beim Untergangslustigen ist es durch einen Zuschauer ersetzt. Beim Chaos-Sehnsüchtigen arbeitet es in die falsche Richtung: Es verstärkt die Störung, statt sie auszugleichen. Aus einer Gegenkopplung wird eine Mitkopplung, und Mitkopplung endet, wie jeder Ingenieur weiß, am Anschlag.

Verständlich sind alle drei. Wer jahrzehntelang gescheitert ist, wie soll der nicht resignieren? Wer gewarnt hat und nicht gehört wurde, wie soll der keine Genugtuung empfinden, wenn die Warnung eintrifft? Diese Reaktionen zu verurteilen ist leicht. Sie zu verstehen ist schwerer. Sie zu überwinden am schwersten.

VI. Die vierte Haltung

Albert Camus hat 1942 eine Alternative beschrieben: Sisyphos. Der Mensch rollt den Stein den Berg hinauf, obwohl er weiß, dass er wieder hinunterrollen wird. Er handelt, obwohl er weiß, dass sein Handeln vielleicht nichts ändert. Camus schließt mit dem Satz: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Das ist keine heroische Haltung, sondern eine nüchterne. Sisyphos ist kein Held, er ist ein Arbeiter. Er hofft nicht auf den großen Durchbruch und fürchtet nicht den endgültigen Untergang. Er tut, was zu tun ist.

Wie das aussieht, hat ein Einzelner im September 1983 gezeigt. Der sowjetische Offizier Stanislaw Petrow saß vor einem Frühwarnsystem, das den Anflug amerikanischer Raketen meldete. Er hätte resignieren und die Meldung einfach weitergeben können, so wie es die Vorschrift wollte. Er tat das Kleine, das in seiner Macht lag: Er zweifelte, prüfte und meldete einen Fehlalarm. Er hatte recht. Wir haben ihm „Wo ist Petrov?“ gewidmet.

VII. Was daraus folgt

Die Lage ist schwierig, aber nicht so hoffnungslos, dass Aufgeben die einzige Möglichkeit wäre. Die Spielräume sind kleiner geworden, aber sie sind noch da. Die Frage ist, ob wir sie nutzen oder uns in Resignation, Schadenfreude und Endzeitträumen verlieren.

Resignation ist verständlich, aber sie ist Kapitulation. Die Lust am Untergang ist menschlich, aber sie ist Gift. Das Herbeisehnen des Chaos ist verzweifelte Hoffnung, aber es ist eine Täuschung.

Die vierte Haltung ist bescheidener und weniger dramatisch: tun, was zu tun ist. Den Stein rollen, nicht weil es Erfolg verspricht, sondern weil es das einzig Sinnvolle ist. Ein außerirdischer Beobachter, wie wir ihn im „Feldbericht Homo sapiens“ zu Wort kommen lassen, würde vermutlich festhalten: Die Art hat viele, die den Untergang erwarten, und wenige, die den Stein rollen. Sie überlebt bisher dank der wenigen.

Weiterlesen: Der kollabierte Horizont · Nach uns die Sintflut · Wo ist Petrov? · Feldbericht Homo sapiens · Das Untier

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 4. November 2026.

Quellen. Ipsos, „The Ipsos Populism Report 2025“, Studie in 31 Ländern, Juni 2025. · Infratest dimap für die ARD, nach Berliner Zeitung, „Mehrheit hält Wohlstand für ungerecht verteilt“, 27. April 2026. · Matthew Billet u. a., Befragung zu apokalyptischen Erwartungen, Journal of Personality and Social Psychology, März 2026. · Michael Bang Petersen, Mathias Osmundsen, Kevin Arceneaux, „The ‚Need for Chaos‘ and Motivations to Share Hostile Political Rumors“, Arbeitspapier 2018, veröffentlicht in American Political Science Review 117 (2023). · Albert Camus, „Der Mythos des Sisyphos“, 1942.