Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 28. Oktober 2026

Die Freundschaft unter Waffenbrüdern

Über Bündnisse, die man nicht verlassen kann, und das Wort, das sie erträglich macht

Staaten haben keine Freunde. Sie haben Interessen, Lieferanten und Lehnsherren. Das Wort „Freundschaft“ sorgt nur dafür, dass der Schwächere die Rechnung als Treue empfindet.

I. Ein altes Wort

Am 29. März 1909 sprach Reichskanzler Bernhard von Bülow im Reichstag von der „Nibelungentreue“ des Deutschen Reiches zu Österreich-Ungarn. Fünf Jahre später zog diese Treue Deutschland in einen Krieg, der auf dem Balkan begann und in dem zwei Millionen deutsche Soldaten starben. Die Waffenbrüderschaft war echt. Sie hat nur nicht gefragt, wohin sie führt.

Sechzig Jahre vor Bülow hatte der britische Außenminister Lord Palmerston im Unterhaus nüchterner gesprochen: England habe keine ewigen Verbündeten und keine ewigen Feinde. Ewig seien nur seine Interessen. Das ist kein Zynismus, sondern eine Beschreibung. Wer zwischen Staaten von Freundschaft spricht, beschreibt nicht, was ist, sondern was er sich wünscht. Und meistens ist es der Schwächere, der sich das wünscht.

II. Der Waffenbruder als Lieferant

Die Schweiz hat 2021 sechsunddreißig amerikanische Kampfflugzeuge vom Typ F-35 ausgewählt und 2022 bestellt, für einen Festpreis von rund sechs Milliarden Franken, wie es damals hieß. Gekauft wurde nicht beim Hersteller, sondern über die amerikanische Regierung. 2025 teilte Washington mit, der Festpreis sei ein „Missverständnis“, und verlangte bis zu 1,3 Milliarden Dollar mehr. Ein Gericht, das man anrufen könnte, gibt es bei diesem Verfahren nicht, eine Strafe für verspätete Lieferung ebenso wenig. Im Oktober 2026 hat der Schweizer Rüstungschef Urs Loher daraus die Lehre gezogen: künftig wo immer möglich direkt beim Hersteller kaufen.

Deutschland hat im Dezember 2022 auf demselben Weg fünfunddreißig F-35 für rund 8,3 Milliarden Euro bestellt. Der Umbau des Fliegerhorsts Büchel, auf dem sie stehen sollen, war mit rund 700 Millionen Euro veranschlagt und kostet nach einem Bericht des Spiegel inzwischen fast zwei Milliarden. Im Februar 2026 berichtete Reuters, Berlin erwäge, weitere fünfunddreißig zu bestellen. Die Schweiz zieht eine Lehre, Deutschland bestellt nach.

III. Der Waffenbruder als Lehnsherr

Wer ein Flugzeug kauft, dessen Software, Ersatzteile und Einsatzdaten beim Verkäufer bleiben, hat es nicht gekauft, sondern gemietet. Was das heißt, hat die Türkei erfahren. Sie war Partner im F-35-Programm, ihre Firmen bauten Teile dafür. Als sie 2019 ein russisches Luftabwehrsystem kaufte, wurde sie aus dem Programm ausgeschlossen. Die Flugzeuge, die schon für sie gebaut waren, bekam sie nicht. Rund 1,4 Milliarden Dollar hatte Ankara bereits bezahlt, zurückerstattet waren sie nach türkischen Angaben auch fünf Jahre später nicht. Zehn türkische Firmen verloren ihre Aufträge im Programm.

Großbritannien hat es früher erfahren. 1962 strich die amerikanische Regierung die Rakete Skybolt, auf die London seine gesamte atomare Abschreckung gebaut hatte. Premierminister Macmillan musste nach Nassau reisen und bekam als Ersatz die Polaris-Rakete, zu amerikanischen Bedingungen. Seither steckt die britische Abschreckung in amerikanischen Raketen.

Und im Februar 2026 erhielt die Europäische Kommission ein Schreiben des Pentagons, mitunterzeichnet vom Außenministerium. Europa wollte bei seinen neuen Rüstungskrediten einen Mindestanteil europäischer Fertigung vorschreiben. Washington drohte für diesen Fall, alle bestehenden Ausnahmen für europäische Firmen im amerikanischen Beschaffungsrecht zu überprüfen. Was das heißt, haben wir in „Die Schutzgelderpressung“ beschrieben: Verteidigt euch selbst, aber kauft bei uns.

IV. Der Waffenbruder als Mithörer

Im Oktober 2013 wurde bekannt, dass der amerikanische Geheimdienst NSA das Mobiltelefon der Bundeskanzlerin abgehört hatte. Angela Merkel sagte den Satz, der seither als Inbegriff naiver Diplomatie gilt: „Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht.“ Es ging. 2021 berichtete der dänische Rundfunk, dass der dänische Militärgeheimdienst der NSA dabei geholfen hatte, über Unterseekabel europäische Spitzenpolitiker abzuhören, darunter Merkel und Steinmeier.

Gnadenlos muss man hier auch mit sich selbst sein. Im Februar 2020 enthüllten die Washington Post, das ZDF und das Schweizer Fernsehen, dass die Schweizer Firma Crypto AG, die Verschlüsselungsgeräte an über hundert Staaten verkaufte, seit 1970 heimlich dem amerikanischen Geheimdienst CIA und dem deutschen Bundesnachrichtendienst gehörte. Die Geräte waren so gebaut, dass beide mitlesen konnten. Der Waffenbruder, der mithört, war in diesem Fall auch Deutschland. Freundschaft unter Geheimdiensten heißt: Man hört gemeinsam die anderen ab, und gelegentlich einander.

V. Der Waffenbruder als Konkurrent

Im September 2021 erfuhr Frankreich erst wenige Stunden vor der öffentlichen Verkündung, dass Australien einen U-Boot-Auftrag über umgerechnet rund 56 Milliarden Euro kündigte, um stattdessen mit den Vereinigten Staaten und Großbritannien atomgetriebene Boote zu bauen. Drei Verbündete hatten das Bündnis AUKUS geschlossen, und der vierte erfuhr es zuletzt. Der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian nannte es einen „Stich in den Rücken“. Paris rief seine Botschafter aus Washington und Canberra zurück, was gegenüber den Vereinigten Staaten bis dahin nie geschehen war.

Und im Januar 2025 wollte der amerikanische Präsident auf die Frage, ob er Grönland notfalls mit militärischem oder wirtschaftlichem Zwang von Dänemark übernehmen würde, nichts ausschließen. Dänemark ist Gründungsmitglied der NATO. Seine Soldaten haben in Afghanistan und im Irak an der Seite der Amerikaner gekämpft, im Verhältnis zur Bevölkerung mit besonders hohen Verlusten. Das war die Freundschaft. Grönland ist das Interesse.

VI. Was Freundschaft zwischen Staaten ist

Zwischen gleich Starken gibt es Bündnisse. Zwischen Ungleichen gibt es Abhängigkeit, und das Wort Freundschaft macht sie erträglich. Es verwandelt eine Rechnung in Treue, eine Drohung in ein Missverständnis und den Ausschluss in eine Strafe für Untreue. Wie Sprache dieser Art funktioniert, haben wir in der „Bastelanleitung für eine Sekte“ beschrieben: Ein Wort ersetzt die Prüfung. Wer vom Freund spricht, fragt nicht mehr nach Vertrag, Gerichtsstand und Ausstiegsklausel.

Das ist kein amerikanisches Problem allein. Russland behandelt seine Verbündeten nicht anders, China seine Schuldner ebenso wenig. Es ist die Logik jeder Macht, die stärker ist als ihre Partner. Und es ist kein Grund, Bündnisse zu verlassen. Europa braucht sie, wie die Lage im Osten zeigt. Es ist nur ein Grund, sie richtig zu benennen.

Bei Deutschland kommt eine Besonderheit hinzu. Seine Abhängigkeit ist eingebaut. Die F-35 in Büchel sollen im Rahmen der nuklearen Teilhabe amerikanische Atombomben tragen. Für diese Aufgabe gibt es kein europäisches Flugzeug. Die Schweiz kann im äußersten Fall aussteigen. Deutschland kann es nicht. Wie diese Falle gebaut ist, steht in „Die Verteidigungsfalle“, und wer daran verdient, in „Industriesubvention mit Tarnfarbe“.

VII. Die These

Ein Partner, den man nicht verlassen kann, ist kein Freund, sondern ein Lehnsherr. Er gewährt Schutz und verlangt dafür Abgaben, Gefolgschaft und das Recht, über das Land des anderen mitzubestimmen. Wer sich ihm entzieht, verliert, was er schon bezahlt hat, wie die Türkei. Im privaten Leben gibt es dafür ein kürzeres Wort: Schutzgelderpresser. Zwischen Staaten nennt man ihn Verbündeten. Verträge mit ihm brauchen das, was Freunde einander nicht abverlangen: einen Gerichtsstand, eine Strafe für Verzug, eine Ausstiegsklausel und eine zweite Bezugsquelle. Der Schweizer Rüstungschef hat das nach einem teuren Lehrgeld verstanden. Die Bundesregierung spricht weiter von Freundschaft und bestellt nach.

Die Waffenbrüderschaft von 1914 ist nicht an mangelnder Treue gescheitert, sondern an zu viel davon. Treue ohne Prüfung ist keine Tugend, sondern ein Risiko. Unter Staaten ist das ehrlichste Wort für einen Verbündeten nicht „Freund“, sondern „Vertragspartner“. Wer das ausspricht, ist kein schlechter Verbündeter. Er ist der einzige, der mit dem Bündnis rechnen kann.

Weiterlesen: Die Schutzgelderpressung · Die Verteidigungsfalle · Industriesubvention mit Tarnfarbe · Der weggeworfene Schlüssel · Bastelanleitung für eine Sekte

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 28. Oktober 2026.

Quellen. Bernhard von Bülow, Rede im Reichstag, 29. März 1909. · Lord Palmerston, Rede im Unterhaus, 1. März 1848. · SRF, „Milliarden-Mehrkosten für F-35: Bundesrat beharrt auf Fixpreis, USA sprechen von Missverständnis“, 25. Juni 2025. · watson.ch, „Was die Schweiz laut Urs Loher aus dem F-35-Fiasko lernen muss“, 28. Oktober 2026, nach einem Interview der NZZ. · Bundesministerium der Verteidigung, „Bundeswehr kann 35 F-35A für rund 8,3 Milliarden Euro kaufen“, Dezember 2022. · Zu den Kosten in Büchel: Der Spiegel, nach Militarnyi. · Zu den Plänen für weitere F-35: Reuters, Februar 2026. · Zum Ausschluss der Türkei aus dem F-35-Programm: US-Verteidigungsministerium, Juli 2019; zu den Zahlungen: Al-Monitor, März 2024. · Zum Schreiben des Pentagons an die Europäische Kommission: Politico, 19. Februar 2026. · Zur Überwachung durch die NSA mit dänischer Hilfe: Danmarks Radio, 30. Mai 2021. · Zu Crypto AG: Washington Post, ZDF „Frontal 21“ und SRF, 11. Februar 2020. · Zu AUKUS und der Reaktion Frankreichs: September 2021.