Gepflegter Flachtalk der allgemeinen Ratlosigkeit
Über den Presseclub vom 11. Oktober 2026, eine Runde, die anderen Ratlosigkeit bescheinigt, und die Anrufer, die mehr zu sagen hatten.
„Wenn man in der Mitte beim Achsenkreuz ist, dann ist man ja am Nullpunkt.“
Ein Anrufer aus Friedrichshafen im Presseclub, 11. Oktober 2026
I. Sonntag, zwölf Uhr
Seit 1952 gehört der Sonntagmittag im deutschen Fernsehen den Journalisten. Werner Höfer lud zum „Internationalen Frühschoppen“, sechs Journalisten aus fünf Ländern, mit Wein am Tisch und echtem Streit. 1987 musste Höfer gehen, als bekannt wurde, dass er 1943 die Hinrichtung eines Pianisten publizistisch begrüßt hatte. Im Dezember 1987 folgte der Presseclub. Er ist bis heute geblieben, nur die fünf Länder sind verschwunden. Heute diskutieren meist deutsche Journalisten über Deutschland.
Am 11. Oktober 2026 lautete die Frage: „Zerrieben zwischen den Extremen – kann die Mitte noch regieren?“ Anna Planken moderierte, am Tisch saßen Mona Jaeger von der Frankfurter Allgemeinen, Eva Quadbeck vom Redaktionsnetzwerk Deutschland, Marcus Engert vom Investigativteam des MDR und Christian Tretbar, Chefredakteur des Tagesspiegels. Vier kluge Leute, drei davon aus Berliner Hauptstadtbüros. Am selben Tag tagte das CDU-Präsidium, mit einem früheren Bundespräsidenten und einem Meinungsforschungsinstitut als Gästen.
Die Ankündigung der Sendung stellte die richtigen Fragen: Was kann die Koalition noch leisten? Welche Reformen kann sie voranbringen? Was hält die Koalitionäre zusammen? An diesen Fragen muss sich die Runde messen lassen.
II. Was die Runde gut machte
Gnadenlos heißt nicht ungerecht. Es gab starke Momente. Marcus Engert rechnete vor, dass mehr Unionsabgeordnete in Sachsen-Anhalt bestreiten, für den AfD-Landtagspräsidenten gestimmt zu haben, als rechnerisch möglich ist. „Im Moment lügen uns Unionsabgeordnete auf offener Bühne an. Das ist Mathematik.“ Das ist Journalismus: ein Befund, den man nachprüfen kann.
Mona Jaeger sagte gleich zu Beginn, die Koalition sei an ihren Verwerfungen selbst schuld, es gebe „kein Erkenntnisproblem“. Engert erinnerte daran, dass ab 2044 die Schulden des Sondervermögens zurückgezahlt werden müssen und dass die Politik den Menschen, die das bezahlen, bisher nichts sagt. Und als ein Anrufer meinte, die Reformen träfen nur die Kleinen, erklärte Eva Quadbeck sachlich, was in den Paketen tatsächlich steht. Das waren die besten Minuten der Sendung.
III. Die Diagnose der anderen
Doch der Grundton war ein anderer. Die CDU lade einen Altbundespräsidenten und ein Umfrageinstitut ein, sagte eine Teilnehmerin, das zeige „die größtmögliche Ratlosigkeit, die eine Partei überhaupt haben kann“. Das ist eine treffende Diagnose. Sie gilt aber nicht nur für die CDU.
Man höre die Runde selbst. „Wir wissen es alle nicht.“ „Mir fehlt die Vorstellungskraft.“ „Es ist kaum vorstellbar, wie das gehen soll.“ „Fehlt mir die Fantasie.“ „Dazu fällt mir keine tolle Erklärung ein.“ Jeder dieser Sätze ist ehrlich, und keiner ist für sich genommen ein Vorwurf. Zusammen ergeben sie das Bild einer Runde, die anderen Ratlosigkeit bescheinigt und sie selbst vorführt. Das meinen wir mit dem gepflegten Flachtalk der allgemeinen Ratlosigkeit: gute Manieren, kluge Beobachtungen, und am Ende weiß keiner, was zu tun wäre.
IV. Das Pferderennen
Wo die Ideen fehlen, füllen Personen den Raum. Ist Merz noch Kanzler, oder nur „auf Bewährung“? Warum konnten sich Wüst und Söder nicht einigen? Stand Pistorius bei der Mahnwache am Bebelplatz auf der Getränkekiste authentisch da oder aus Kalkül? Und gegen Ende die Zuschauerfrage nach einem Nachfolger, „gut oder realistisch“, und die Antwort: Wüst würde sich nicht wehren, wenn man ihn drängt, Söder schon früher nicht.
Das ist Pferderennen-Journalismus: Wer liegt vorn, wer fällt zurück, wer könnte überholen? Er ist unterhaltsam, und er ist bequem. Denn über Pferde kann man reden, ohne über die Strecke zu reden. Was im Rentenpaket steht, was die Steuerreform verändert, warum eine Landesregierung Asylverfahren blockieren könnte und was dann geschieht, kam nur am Rand vor, meist erst, wenn ein Anrufer danach fragte.
V. Die Erzählung als Ersatz
Ein Wort fiel immer wieder: Erzählung. Merz fehle die Erzählung, die Regierung brauche eine Erzählung, AfD und Linke hätten eine. Auf die Frage, welche Erzählung denn die Mitte zurückholen könnte, kam keine. Die angekündigte Frage, welche Reformen die Koalition noch voranbringen kann, blieb fast unberührt. Eine Teilnehmerin sagte immerhin, das Reformpaket selbst sei eine, man müsse nur dazusagen, dass es teuer und schmerzhaft wird.
Die Forderung nach einer „Erzählung“ ist bequem, weil sie den Inhalt an die Politik zurückgibt und die Form beim Kommentator lässt. Sie unterstellt, das Problem sei die Verpackung. Vielleicht ist das Problem aber der Inhalt: dass niemand am Tisch, in der Koalition oder im Studio, sagen mag, wer wofür bezahlen soll.
VI. Die klügsten Sätze kamen per Telefon
Nach 41 Minuten wechselte der Presseclub zu Phoenix und WDR 5 und ließ Zuschauer anrufen. Ein Anrufer aus Gelsenkirchen sagte in drei Sätzen, was die Runde eine Dreiviertelstunde umkreist hatte: Solange die Menschen glauben, dass nur unten genommen wird, kann sich die Regierung im Kreis drehen, wie sie will.
Ein Anrufer aus Iserlohn schlug vor, die Koalition aufzulösen und eine Minderheitsregierung im Parlament um Mehrheiten ringen zu lassen. Mona Jaeger antwortete mit einem nachvollziehbaren Argument: Am Ende würde die AfD die Regierung tolerieren. Ihr Schluss lautete aber: „So funktioniert der deutsche Parlamentarismus nicht, und das wird es einfach nicht geben.“ Jemand aus der Runde hielt dagegen, man werde irgendwann gar nicht daran vorbeikommen. Für einen Moment lag eine echte Alternative auf dem Tisch. Dann ging es weiter zum nächsten Anrufer.
Und ein Anrufer aus Friedrichshafen lieferte das Bild des Tages. Wer im Achsenkreuz in der Mitte steht, steht am Nullpunkt, also nirgends. Vielleicht müsse die CDU einmal grundsätzlich über diese Position nachdenken. Ein Satz, der mehr erklärt als manche Analyse: Mitte ist kein Programm, sondern ein Ort, an dem man sich aufhält.
VII. Warum der Flachtalk gepflegt bleibt
Niemand am Tisch ist dumm oder unredlich. Der Flachtalk entsteht aus der Konstruktion, nicht aus den Personen. Erstens kommen die Gäste aus demselben Milieu, dem Berliner Hauptstadtjournalismus. Sie kennen dieselben Hintergrundgespräche und dieselben Gerüchte. Was in unserem Papier „Wahrheit gibt es zu zweien“ Konsens-Korridor heißt, ist hier ein Studiotisch.
Zweitens lohnt sich die Diagnose und nicht der Vorschlag. Wer beschreibt, was schiefläuft, hat immer recht. Wer einen Vorschlag macht, kann sich irren, und das bleibt hängen. Dasselbe Muster haben wir in „Herzkrank. Und niemand operiert.“ bei der Politik beschrieben. Es gilt auch für die, die über Politik reden.
Drittens gibt es keine Wiedervorlage. Niemand prüft nach einem halben Jahr, welche Einschätzung des Presseclubs eingetroffen ist. Ohne Messung gibt es keinen Regelkreis, und ohne Regelkreis lernt das System nichts. Es pflegt sich selbst.
VIII. Nebel und Watte
In unserem Essay über die Nebelmaschine haben wir beschrieben, wie Schwurbel-Kanäle mit zu vielen Versionen der Wirklichkeit verwirren, bis die Zuschauer gleichgültig werden. Der Presseclub ist das Gegenteil, und er führt an denselben Ort.
Die Nebelmaschine verwirrt, der Flachtalk beruhigt. Die eine bietet zu viele Antworten, der andere keine. Wer jeden Sonntag hört, dass es schwierig ist, dass man es nicht wissen kann und dass einem die Fantasie fehlt, lernt vor allem eines: dass es schwierig ist. Nebel und Watte erzeugen dasselbe Produkt, Achselzucken.
IX. Was ein Presseclub sein könnte
Das Format ließe sich mit wenig Aufwand verändern. Jeder Gast bringt am Ende einen konkreten, überprüfbaren Vorschlag mit, nicht nur eine Einschätzung. Ein halbes Jahr später gibt es eine Wiedervorlage: Was wurde gesagt, was ist eingetroffen, wer lag daneben? Mindestens ein Platz am Tisch geht an jemanden, der nicht in Berlin arbeitet und nicht vom Kommentieren lebt, eine Bürgermeisterin, ein Handwerksmeister, eine Schulleiterin. Und die Anrufer kommen nicht erst nach dem Abspann, sondern in die Sendung.
Der Frühschoppen hatte Wein und Streit. Der Presseclub hat gute Manieren und Ratlosigkeit. Was fehlt, ist der Mut, sich festzulegen.
Eine Runde, die anderen Ratlosigkeit bescheinigt, sollte selbst mit einem Vorschlag nach Hause gehen. Sonst ist sie nicht die Diagnose, sondern ein Symptom.