Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 11. Oktober 2026

Die Nebelmaschine braucht keinen Maschinisten

Über das Spiel mit Verschwörungstheorien, die Gleichgültigkeit als Nebenprodukt und eine Maschine, die niemand bedient.

„Der ideale Untertan totaler Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi oder der überzeugte Kommunist, sondern der Mensch, für den der Unterschied zwischen Tatsache und Fiktion und der Unterschied zwischen wahr und falsch nicht mehr existiert.“
Hannah Arendt, The Origins of Totalitarianism, Ausgabe 1958 (unsere Übersetzung)

I. Zwei ältere Herren und ein Mord

Ein YouTuber, der sich Winter nennt, betreibt eine „Schwurbel-Abteilung“. Dort werde, so erklärt er selbst, der größte Blödsinn mit ernster Miene vorgetragen, um ihn dann als Blödsinn zu entlarven. In einer neueren Folge sitzt ihm ein Jurist gegenüber, und es geht um den Mord an Alfred Herrhausen, dem Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Diesmal, sagt Winter, sei es eine „Mischform“.

Eine knappe halbe Stunde lang ziehen die beiden eine Linie von Herrhausen über Aldo Moro bis zu Uwe Barschel, streifen Raissa Gorbatschowa und Angela Merkel und landen bei Waffen, die mit Energie töten. Dazwischen kommt immer wieder derselbe Satz: Vergessen Sie alles, das ist dummes Zeug, wir sind ein Schwurbelkanal. Am Ende folgt der Hinweis auf die bezahlte Community.

II. Was am Fall Herrhausen wahr ist

Wer fair sein will, beginnt mit dem, was stimmt. Am 30. November 1989 explodierte in Bad Homburg ein sieben Kilogramm schwerer Sprengsatz auf dem Gepäckträger eines Fahrrads, ausgelöst durch eine Lichtschranke. Herrhausen verblutete in seinem gepanzerten Wagen. Am Tatort lag ein Blatt mit dem Emblem der RAF. Bis heute sind die Täter nicht ermittelt.

Die Ermittlungen hatten einen echten Skandal. 1991 präsentierten die Behörden einen Kronzeugen, einen früheren Informanten des hessischen Verfassungsschutzes. Er widerrief später und sagte, man habe ihn unter Druck gesetzt. Seit 2004 wird gegen niemanden mehr namentlich ermittelt. Wer hier Fragen stellt, stellt berechtigte Fragen. Und Herrhausen war tatsächlich ein ungewöhnlicher Banker: Er warb öffentlich für einen Schuldenerlass zugunsten der armen Länder.

III. Wie Verwirrung gemacht wird

Aus diesem Stoff ließe sich ein ernsthaftes Gespräch machen. Die Sendung macht etwas anderes, und sie benutzt dafür wiederkehrende Griffe.

Die Reihe statt des Beweises. „Herr Moro stirbt, Herr Herrhausen stirbt.“ Zwischen beiden Morden liegen elf Jahre und zwei Länder. Jeder Fall für sich trägt nichts. Die Reihe soll ein Muster erzeugen, wo keines nachgewiesen ist.

Die Frage als Behauptung. „Hat die RAF so gute Drähte zum Landeskriminalamt?“ Eine Frage behauptet nichts, also muss sie auch nichts beweisen. Hängen bleibt sie trotzdem.

Die Lücke, die keine ist. Das Vorausfahrzeug sei an diesem Tag „weg“ gewesen. Die gängige Darstellung spricht von drei Fahrzeugen. Die Schwachstelle der gepanzerten Tür sei nur Insidern bekannt gewesen. Die Bombe arbeitete aber nach einem Prinzip, das in Fachbüchern steht und eigens dafür entwickelt wurde, Panzerung zu durchschlagen.

Der Tote, der nicht dazugehört. Raissa Gorbatschowa sei „unter mysteriösen Umständen“ gestorben. Sie starb 1999 an Leukämie, in der Universitätsklinik Münster. Und Merkels Zittern 2019 wird mit Psychopharmaka und Rotwein erklärt, als Scherz verpackt, ohne jeden Beleg.

IV. Narr oder Nebelmaschine

Man könnte das für Narrenfreiheit halten. Der Narr darf alles sagen, weil er sich als Narr ausweist, und gerade dadurch wird der Unsinn sichtbar. Das funktioniert aber nur, wenn der Rahmen klar ist. Bei der Fastnacht weiß jeder, wann sie beginnt und wann sie endet.

In der „Mischform“ ist der Rahmen unscharf. Der Gast meint einiges ernst, er widerspricht anderen Autoren „leider“ und ist „ganz anderer Auffassung“. Und Winter schließt nicht mit einer Entlarvung, sondern mit einem ernsten Satz: Herrhausen werde nicht die Ehre zuteil, dass verraten werde, was wirklich passiert sei. So hört jeder heraus, was er hören will. Der Skeptiker hört Parodie, der Gläubige hört Bestätigung mit Augenzwinkern.

Das ist kein Hofnarr, der die Mächtigen bloßstellt. Das ist eine Nebelmaschine.

V. Was übrig bleibt: Gleichgültigkeit

Wer solche Sendungen regelmäßig sieht und keine eigene, durch Fakten gestützte Meinung mitbringt, weiß am Ende nicht mehr, sondern weniger. Wenn alles möglich ist, ist nichts mehr wichtig. Aus der Verwirrung wird Gleichgültigkeit.

Das ist keine neue Beobachtung. Hannah Arendt schrieb in ihrem Werk über die Ursprünge totaler Herrschaft, der ideale Untertan totaler Herrschaft sei der Mensch, für den der Unterschied zwischen wahr und falsch nicht mehr existiert. Der Journalist Peter Pomerantsev hat 2014 beschrieben, wie der Kreml unter Wladislaw Surkow genau das zur Methode machte. Man widerlegt die Wahrheit nicht, man stellt so viele Versionen daneben, bis die Leute sagen: Man weiß ja eh nichts. Die RAND Corporation nannte das 2016 den „Feuerwehrschlauch der Unwahrheit“: viele Kanäle, hohe Frequenz, keine Rücksicht auf Widerspruchsfreiheit.

VI. Wem nützt das?

Damit liegt eine Frage nahe, die selbst nach Verschwörung klingt: Wer hat ein Interesse daran? Die erste Antwort drängt sich auf. Ein resigniertes Volk lässt sich ohne große Reibung regieren und bewirtschaften. Also sind die Schwurbler in Wahrheit Vasallen des Systems.

Diese Antwort ist verführerisch, und sie fällt durch genau den Test, den wir an Winter angelegt haben. Sie schließt vom Nutzen auf die Absicht. Und sie ist unwiderlegbar: Greift der Schwurbler das System an, ist das Tarnung. Greift er es nicht an, beweist das seine Vasallenschaft. So baut man eine Verschwörungstheorie, nicht eine Erklärung.

VII. Die Maschine braucht keine Agenten

Die bessere Erklärung ist unbequemer. Niemand muss Winter beauftragen. Die Plattformen bezahlen nach Aufmerksamkeit, und Verwirrung bindet mehr Aufmerksamkeit als Klarheit. Ein Rätsel lässt den Zuschauer wiederkommen, eine Antwort entlässt ihn. Der Algorithmus empfiehlt, was gesehen wird, die Community zahlt ihren Beitrag, und die Gleichgültigkeit fällt als Nebenprodukt ab, ohne dass jemand sie bestellt hat.

Das ist es, was wir in unserer Reihe zur Megamaschine beschreiben: Systeme, die Verhalten belohnen, das niemand geplant hat. Ingenieure nennen das Mitkopplung. Ein Signal verstärkt sich selbst, ohne Dirigenten, bis das System schwingt. Die Nebelmaschine braucht keinen Maschinisten. Sie läuft, weil sie sich rechnet.

VIII. Wer am Ende gewinnt

Auch das „Wem nützt es?“ geht nicht so auf, wie es scheint. Ein resigniertes Volk lässt sich nicht dauerhaft reibungslos regieren. Wer an nichts mehr glaubt, läuft irgendwann dem Erstbesten nach, der Gewissheit verspricht. Die etablierten Institutionen verlieren dabei Vertrauen, nicht Macht hinzu.

Gewinner sind die Verkäufer einfacher Antworten. Der Nebel bereitet den Boden, auf dem dann jemand mit einer Taschenlampe auftritt und sagt: Folgt mir, ich kenne den Weg. Die Systemmenschen sitzen dabei nicht am Steuer, sondern im selben Boot.

IX. Das Gegenmittel

Gegen Nebel hilft kein Gegennebel, sondern Messung. Eine Meinung, die sich an Fakten prüfen lässt, ist das einzige, was in der Nebelmaschine nicht verdampft. Dazu gehört die Bereitschaft, eine eigene Annahme aufzugeben, wenn die Fakten dagegen sprechen. Karl Popper hat daraus eine ganze Erkenntnistheorie gemacht: Was durch nichts widerlegt werden kann, erklärt auch nichts.

Und dazu gehört eine Haltung, die wir in den Grundzügen einer rheinischen Philosophie beschrieben haben. Sie fragt bei jeder Erzählung: „Wat soll dä Käu?“ Und sie liest „Wat wells de maache?“ nicht als Achselzucken, sondern als echte Frage.

Die Nebelmaschine lebt davon, dass wir aufhören zu unterscheiden. Sie stirbt, sobald wir wieder nachmessen.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 11. Oktober 2026.

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Zu den Quellen. YouTube-Sendung von Winter mit einem Juristen über den Mord an Alfred Herrhausen, 2026; Zitate nach einem automatischen Transkript, sprachlich geglättet. Zum Anschlag: Bundeszentrale für politische Bildung, Wikipedia; zum Kronzeugen: Bundestagsdrucksache 12/3123. Raissa Gorbatschowa starb am 20. September 1999 in Münster an Leukämie. Hannah Arendt, The Origins of Totalitarianism, 1951, erweiterte Ausgabe 1958, Kapitel „Ideology and Terror“. Peter Pomerantsev, Nothing Is True and Everything Is Possible, 2014. Christopher Paul und Miriam Matthews, The Russian “Firehose of Falsehood” Propaganda Model, RAND 2016. English version available.