Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 10. Oktober 2026

Grundzüge einer rheinischen Philosophie

Über das Kölsche Grundgesetz, Nikolaus von Kues und eine Haltung, die niemandem die ganze Wahrheit zutraut.

„Jeck loss Jeck elans.“
Rheinisch: Narr, lass den Narren vorbei.

I. Ein Grundgesetz, das ein Südtiroler zusammenstellte

Das Rheinland hat ein Grundgesetz. Es hat elf Artikel, ist nirgends beschlossen worden und gilt trotzdem. Es beginnt mit „Et es wie et es“ und endet mit „Do laachs de disch kapott“. Wer es verfasst hat, weiß niemand. Die Sätze sind über Generationen in Kneipen, Küchen und auf Baustellen entstanden. Zum ersten Mal zusammengestellt hat sie Konrad Beikircher, 2001, in einem Buch mit dem Titel „Et kütt wie et kütt – Das Rheinische Grundgesetz“.

Beikircher ist am 28. Juli dieses Jahres mit 80 Jahren gestorben. Der WDR sagte über ihn: „Niemand blickte so tief in die rheinische Seele.“ Das Bemerkenswerte daran: Er war kein Rheinländer von Geburt. Er kam 1945 in Bruneck in Südtirol zur Welt und 1965 zum Studium nach Bonn. Danach war er lange Psychologe in der Jugendstrafanstalt Siegburg, bevor er auf die Bühne ging. Der Mann, der den Rheinländern ihr Grundgesetz geschrieben hat, war ein Zugereister.

Das ist kein Zufall, sondern schon die erste Lektion. Rheinisch ist man nicht durch Herkunft, sondern durch Haltung. Meine eigene Familie kam um 1815 aus Ungarn ins Rheinland, fünf Generationen Schmiede. Ich bin in Much geboren, im dortigen Klösterchen, in dem heute niemand mehr zur Welt kommt, und bin deshalb ein „Mücher“. Wer dort nur wohnt, ist ein „Mucher“. Ich habe lange nicht mehr im Rheinland gelebt, und doch ist das Rheinische meine eigentliche Identität geblieben, mehr als jedes Land. Eine Haltung kann man mitnehmen. Eine Grenze nicht.

II. Was die elf Artikel sagen

Liest man die elf Sätze genau, ergeben sie eine Erkenntnislehre, wie sie kürzer kaum zu haben ist. Am Anfang steht „Et es wie et es“: die Dinge so sehen, wie sie sind, nicht wie man sie gern hätte. Dann „Et kütt wie et kütt“: Man kann nicht alles beeinflussen. „Wat fott es, es fott“: Was verloren ist, ist verloren, Nachtrauern hilft nicht. Und „Et bliev nix wie et wor“: Nichts bleibt, wie es war.

Gleich danach kommt Artikel sechs: „Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.“ Das kennen wir nicht, das brauchen wir nicht, weg damit. Er widerspricht dem fünften fast wörtlich. Der eine sagt, alles ändert sich, der andere wehrt das Neue ab. Ein Philosoph würde den Widerspruch auflösen wollen. Der Rheinländer lässt beide stehen, weil beide stimmen, je nach Lage. Darin steckt mehr Weisheit als in mancher Lehre, die nur eine Hälfte kennt.

Artikel neun lautet „Wat soll dä Käu?“, was soll das Gerede, und ist die vielleicht wichtigste Frage überhaupt. Sie richtet sich an jede Predigt, jedes Parteiprogramm, jede Heilslehre. Artikel elf schließlich, „Do laachs de disch kapott“, macht aus dem Lachen ein Erkenntnismittel. Wer über eine Sache lachen kann, hat Abstand zu ihr. Wer nicht über sie lachen kann, ist ihr verfallen.

Daneben stehen zwei Sätze, die nicht in Beikirchers Sammlung stehen und trotzdem dazugehören. „Jeck loss Jeck elans“, Narr, lass den Narren vorbei: Jeder darf auf seine Art verrückt sein, solange er den anderen durchlässt. Das ist Toleranz ohne Theorie. Und „Mir sin jot katholisch – mer glöven an nix“, wir sind gute Katholiken, wir glauben an nichts. Dazu gleich mehr.

III. Der Kardinal von der Mosel

Das Rheinische hat auch eine gelehrte Form, und sie ist älter, als man denkt. 1401 wurde in Kues an der Mosel Nikolaus Krebs geboren, später als Nikolaus von Kues oder Cusanus einer der bedeutendsten Denker seiner Zeit und Kardinal der römischen Kirche. 1440 schrieb er ein Buch mit dem Titel „Von der belehrten Unwissenheit“.

Darin steht ein Bild, das ich vielleicht besser verstehe als die meisten, die darüber geschrieben haben. Ich beschäftige mich seit über vierzig Jahren mit Polygonen und mit der Frage, wie man sie wirtschaftlich fertigt.

Der menschliche Verstand, schreibt Cusanus, verhält sich zur Wahrheit wie ein Vieleck zum Kreis. Je mehr Ecken man dem Vieleck gibt, desto näher kommt es dem Kreis. Ein Kreis wird es aber nie, auch mit unendlich vielen Ecken nicht. Wir können uns der Wahrheit annähern, immer weiter, aber wir besitzen sie nie.

Der Maschinenbau kennt noch eine zweite Lesart, die Cusanus nicht kennen konnte. Ein Polygon in der Antriebstechnik ist nicht rund und hat keine Ecken. Es ist eine stetig gekrümmte Kurve, eine Trochoide, die nur relativ wenig vom Kreis abweicht. Genau diese Abweichung macht es brauchbar.

Gefertigt werden solche Profile, indem man möglichst vollkommene Kreisbewegungen überlagert: Das Werkstück dreht sich, das Werkzeug kreist, und aus zwei oder drei Kreisen entsteht etwas, das kein Kreis ist. Das ist der Zusammenfall der Gegensätze, in Stahl. Und jeder Fertiger lernt den Satz: so genau wie nötig, nicht so genau wie möglich. Wer das Vollkommene behauptet, ist mit großer Skepsis zu betrachten.

Und Cusanus lehrte den Zusammenfall der Gegensätze: Was auf unserer Ebene als Widerspruch erscheint, kann auf einer höheren zusammengehören. Das ist der fünfte und sechste Artikel des Kölschen Grundgesetzes, nur auf Latein. Man muss den Gegensatz nicht entscheiden, um mit ihm zu leben.

Dass dieser Gedanke von einem Kardinal stammt, ist für unser Thema entscheidend. Der Satz „Niemand besitzt die ganze Wahrheit“ ist keine Erfindung der Kirchenkritiker. Er steht mitten in der Kirche, bei einem ihrer klügsten Köpfe.

IV. Mir sin jot katholisch – mer glöven an nix

Der Satz klingt wie eine Lästerung, ist aber eine genaue Beschreibung. Der rheinische Katholizismus war immer mehr Heimat als Lehre: die Prozession, die Kirmes, der Schützenverein, die Taufe, die Beerdigung, der Karneval vor der Fastenzeit. Man gehört dazu, man feiert mit, und das Dogma nimmt man als Angebot, nicht als Befehl.

Diese Haltung hat eine Geschichte. Das linke Rheinufer gehörte zwanzig Jahre lang zu Frankreich, und bis 1900 galt dort der Code civil, das französische Bürgerliche Gesetzbuch. Nach 1815 wurde das Rheinland preußisch, und die Rheinländer nannten sich spöttisch „Musspreußen“, Preußen, weil sie es mussten. Der Kölner Karneval, 1823 neu geordnet, nahm das Militär auf die Schippe, und die neuen preußischen Herren waren mitgemeint, mit Uniformen und Exerzieren als Narrenspiel. Wer über die Obrigkeit lachen darf, muss sie nicht stürzen. Er nimmt ihr nur die Weihe.

So ist der Karneval eine Institution, die vor allem in katholischen Gegenden gedeiht: die erlaubte Verspottung der Macht, auch der kirchlichen, mit dem Segen der Kirche. Eine Kirche, die sich das bieten lässt, nimmt sich selbst nicht ganz so ernst, wie sie es nach ihrer Lehre müsste. Das ist ihre beste rheinische Seite.

V. Meine Haltung zur Kirche

Ich habe die katholische Kirche 1968 verlassen. Wie es dazu kam und warum es nicht die einzige Lehre blieb, von der ich mich verabschiedet habe, steht in „Warum ich kein Linker geworden bin“. Auf dieser Seite finden sich auch scharfe Texte über die Kirche, etwa „Der Fall Giordano Bruno und die Glaubwürdigkeit der Katholischen Kirche“.

Deshalb will ich hier klar sagen, wo die Grenze verläuft. Ich bin kein Feind der Kirche. Ich lehne jede Form eines Absolutheitsanspruchs grundsätzlich ab, ob er von einer Kirche kommt, von einer Partei, vom Wachtturm oder von einer Wirtschaftslehre. Die Kirche als Gemeinschaft, als Ort, an dem Menschen Trost, Ordnung und einander finden, kritisiere ich nicht. In Kolumbien, aber auch in Deutschland, war und bin ich mit vielen Kirchenleuten im Gespräch, die genau diese Seite der Kirche verkörpern.

Was ich kritisiere, ist der Anspruch, die Wahrheit zu besitzen und sie gegen Abweichler mit allen Mitteln zu verteidigen. Im Fall Bruno hat die Kirche im Jahr 2000 die Methode bedauert und das Urteil bestätigt. Das ist der Absolutheitsanspruch in Reinform. Und den stärksten Einwand dagegen hat ein Kardinal formuliert, fünfhundertsechzig Jahre vorher: Niemand besitzt die Wahrheit, man nähert sich ihr nur an, wie das Vieleck dem Kreis.

VI. Wörter verbrennen

Zur rheinischen Haltung gehört auch ein entspanntes Verhältnis zu Wörtern. In Deutschland gilt eine wachsende Zahl von Begriffen als verbrannt. Wer sie benutzt, macht sich verdächtig, gleichgültig, in welchem Zusammenhang. Dahinter steht eine Vorstellung, die älter ist als jede Aufklärung: Wenn man das Wort meidet, kommt die Sache nicht wieder. „Wenn man den Teufel nennt, kommt er gerennt.“

Das ist magisches Denken. Der Teufel kommt nicht, weil man ihn nennt, und er bleibt nicht weg, weil man schweigt. Er wird nur unsichtbar. Wir haben einem Arbeitspapier deshalb bewusst den Titel „Die Linien fest geschlossen“ gegeben, in Anlehnung an eine Zeile, die jeder kennt und keiner zitieren mag. Der Rheinländer würde sagen: „Wat soll dä Käu?“ Benenn die Sache, dann kannst du mit ihr umgehen.

VII. Die Kehrseite

Eine gnadenlose Betrachtung muss auch die dunkle Seite zeigen, und die rheinische hat eine. Sie heißt Klüngel. „Man kennt sich, man hilft sich“, ein Satz, der Konrad Adenauer zugeschrieben wird, beschreibt die Gelassenheit, die zur Kumpanei wird: Man regelt die Dinge unter sich, bei einem Kölsch, und fragt nicht so genau, ob es mit rechten Dingen zugeht.

Und „Et hätt noch immer jot jejange“, es ist noch immer gut gegangen, ist Gelassenheit, aber auch Leichtsinn. Es geht gut, bis es nicht mehr gut geht. Im März 2009 stürzte in Köln beim Bau einer U-Bahn das Historische Archiv der Stadt ein, zwei Menschen starben, und unersetzliche Bestände versanken im Schlamm. Wer sich darauf verlässt, dass es schon gut gehen wird, prüft nicht mehr, ob es gut gehen kann.

Das ist dieselbe Haltung, die wir in „Herzkrank. Und niemand operiert.“ beschrieben haben: Alle kennen die Diagnose, und niemand handelt, weil es bisher ja noch irgendwie gegangen ist. Die rheinische Gelassenheit kann zur Weisheit werden oder zur Bequemlichkeit. Der Unterschied liegt darin, ob man nach dem Lachen noch etwas tut.

VIII. Was die rheinische Haltung leisten kann

Hans-Werner Sinn hat in diesem Sommer gesagt, die Deutschen neigten dazu, Ideen religiös zu verklären, statt pragmatisch zu prüfen, ob sie funktionieren. Gegen diese Neigung hat das Rheinland ein Gegenmittel entwickelt: Es nimmt keine Lehre ganz ernst, auch die eigene nicht. Wer gelernt hat, über den Bischof, den Bürgermeister und den preußischen Leutnant zu lachen, fällt schwerer auf den nächsten Propheten herein.

Das ist genau die Haltung, die Karl Popper für die Wissenschaft beschrieben hat: Jede Theorie gilt nur, bis sie widerlegt ist. Das Richtige gibt es nicht, nur das Richtigere. Popper hat dafür Bücher gebraucht. Das Rheinland braucht dafür vier Wörter: „Et es wie et es.“ Man schaut hin, nimmt die Wirklichkeit ernst und keine Lehre, die ihr widerspricht.

Aber die Haltung reicht nur, wenn sie nicht beim Achselzucken stehen bleibt. „Wat wells de maache?“, Artikel sieben, kann heißen: Man kann nichts machen. Er kann aber auch eine echte Frage sein: Was willst du machen? Die rheinische Philosophie taugt etwas, wenn sie die zweite Lesart wählt.

IX. Drinks de ejne met?

Das Kölsche Grundgesetz endet nicht mit einer Lehre, sondern mit einer Einladung und einem Lachen. Artikel zehn lautet: „Drinks de ejne met?“, trinkst du einen mit? Wer das fragt, will kein Urteil sprechen, sondern ein Gespräch führen. Der Gegner wird zum Gast, der Abweichler zum Gesprächspartner.

Und wenn das Gespräch nirgendwohin führt, hat der Rheinländer auch dafür einen Satz: „Da wissen Sie mehr als ich!“ Scheinbar überlässt er dem anderen das Feld. In Wirklichkeit heißt es: Mit dir weiter zu diskutieren ist sinnlos. Der Streit ist beendet, ohne dass einer verloren hat. Das Bier trinkt man trotzdem zusammen, und dann redet man über das Wetter.

Die rheinische Philosophie lässt sich in einem Satz sagen: Niemand hat die ganze Wahrheit, aber jeder hat einen Platz am Tisch.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 10. Oktober 2026.

Verwandte Texte: „Warum ich kein Linker geworden bin“ · „Der Fall Giordano Bruno und die Glaubwürdigkeit der Katholischen Kirche“ · „Die Linien fest geschlossen“ · „Herzkrank. Und niemand operiert.“.

Zur Quellenlage. Konrad Beikircher, Et kütt wie et kütt – Das Rheinische Grundgesetz, Köln 2001; die Schreibweise der elf Artikel folgt der verbreiteten Fassung, die Mundart schwankt von Ort zu Ort. Zu Beikircher: epd/evangelisch.de, 29. Juli 2026 und Universität Bonn. Nikolaus von Kues, De docta ignorantia (1440), Buch I, Kapitel 3, das Gleichnis vom Vieleck und vom Kreis. Code civil im Rheinland bis zum Inkrafttreten des BGB 1900; der Kölner Karneval wurde 1823 mit der Gründung des Festordnenden Komitees neu geordnet. Der Satz „Man kennt sich, man hilft sich“ wird Konrad Adenauer zugeschrieben, ein gesicherter Beleg ist uns nicht bekannt. Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln am 3. März 2009. Hans-Werner Sinn, Rede in Gießen, Sommer 2026. English version available.