Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 9. Oktober 2026

Herzkrank. Und niemand operiert.

Über eine gute Diagnose, die Frage, die sie auslässt, und die Konstruktion, die jede Operation verhindert.

„Deutschland ist herzkrank.“
Hans-Werner Sinn, Rede in Gießen, Sommer 2026

I. Die Diagnose

Im Sommer 2026 hielt Hans-Werner Sinn, der langjährige Präsident des ifo-Instituts, in Gießen eine Rede über den Zustand der deutschen Wirtschaft. Sie wird im Netz als „absolut sehenswert“ empfohlen, und sie ist es. Sinn zeigt Kurve um Kurve, wie die Industrieproduktion seit 2018 um rund 16 Prozent gefallen ist, in der Automobilindustrie und in der Metallerzeugung um je 23 Prozent. Die Schweiz hat im selben Zeitraum um 22 Prozent zugelegt. Sein Bild dafür: Die Autoindustrie ist das Herz der deutschen Wirtschaft, und „Deutschland ist herzkrank“.

Die Ursachen zählt er auf: das Ende der russischen Energie, eine Flut europäischer Vorschriften von der Nachhaltigkeitsberichterstattung bis zum Lieferkettengesetz, eine Energiewende, die er für technisch nicht machbar hält, Trumps Zölle und ein Staat, der inzwischen fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung beansprucht. Seine Therapie: Regeln abschaffen, Investitionen schneller abschreiben lassen, Lohnzuschuss statt Lohnersatz, mehr arbeiten, später in Rente.

Der Saal applaudiert oft. Und dann geht jeder nach Hause, und es geschieht, was seit Jahren geschieht: nichts.

II. Was an der Diagnose stimmt

Man muss Sinn nicht in allem folgen, um anzuerkennen, wo er stark ist. Seine Industriezahlen sind keine Konjunkturdelle, sondern ein Trend, und das sagt er deutlich. Auf seinem eigenen Fachgebiet ist er schwer zu widerlegen: Wenn Europa einseitig weniger Öl kauft, bleibt das Öl nicht in der Erde. Es wird billiger und anderswo verbrannt. Er hat das vor Jahren das grüne Paradoxon genannt.

Und er trifft einen Punkt, den wir gerade von der anderen Seite beschrieben haben. Die Deutschen, sagt er, neigen dazu, Ideen religiös zu verklären, statt pragmatisch zu prüfen, ob sie funktionieren: Gesinnungsethik statt Verantwortungsethik. In „Warum ich kein Linker geworden bin“ haben wir dasselbe Gesundbeten genannt. Wer eine Lehre für richtig hält, prüft sie nicht mehr an der Wirklichkeit.

III. Wo sich der Arzt vergreift

Gerade deshalb muss man Sinn an seinem eigenen Maßstab messen. An einigen Stellen hält er ihm nicht stand.

Er sagt, nur ein halbes Prozent der Asylanträge werde bewilligt. Das stimmt nur für die Asylberechtigung nach Artikel 16a des Grundgesetzes, die tatsächlich selten ist. Schutz insgesamt, als Flüchtling, subsidiär oder durch ein Abschiebungsverbot, erhielten 2025 nach Angaben des Bundesamts 28 Prozent aller Entschiedenen, im ersten Halbjahr 2026 fast 39 Prozent. Wer die kleinere Zahl nennt und die größere verschweigt, erzeugt ein Bild, das die Statistik nicht trägt.

Er sagt über die muslimischen Migranten, sie wollten „gleich Knete sehen“. Das ist kein Befund, sondern ein Pauschalurteil, genau die Art Gesinnung ohne Prüfung, die er den Grünen vorwirft. Und den Anteil von Wind und Sonne an der nutzbaren Energie nennt er zuerst mit einem halben Prozent, bevor er auf neun korrigiert. Das sind keine Kleinigkeiten bei einem Redner, der seinen Zuhörern vorhält, sie ließen sich von Semantik ohne echte Zahlen täuschen.

IV. Dieselbe Diagnose seit dreiundzwanzig Jahren

Das Wichtigste an der Rede steht nicht in ihr. 2003 veröffentlichte Sinn ein Buch mit dem Titel „Ist Deutschland noch zu retten?“. Die Diagnose damals war dieselbe: zu teure Arbeit, zu viel Staat, zu wenig Investitionen. Dreiundzwanzig Jahre später stellt derselbe Arzt demselben Patienten dieselbe Diagnose, nur schlimmer.

Einmal wurde operiert. Gerhard Schröder setzte mit der Agenda 2010 Reformen durch, die Sinn heute als mutig lobt. Schröder verlor 2005 die Wahl, die SPD hat sich davon bis heute nicht erholt. Jeder Politiker, der seither ein Amt anstrebt, hat diese Lektion gelernt: Wer operiert, wird abgewählt, bevor der Patient aufwacht.

Die Frage, die Sinn nicht stellt, ist deshalb die eigentliche: Warum operiert niemand, obwohl fast alle die Diagnose kennen?

V. Warum niemand operiert

Der Chirurg wird am Tag nach der Operation gewählt. Eine Reform kostet sofort und wirkt erst nach Jahren. Ein Abgeordneter wird alle vier Jahre gewählt. Man stelle sich einen Chirurgen vor, dessen Bezahlung davon abhängt, wie sich der Patient am Morgen nach der Operation fühlt. Er wird nicht operieren. Er wird Schmerzmittel verschreiben.

Jedes Organ hat seinen Verband. Der amerikanische Ökonom Mancur Olson hat 1982 beschrieben, wie sich in stabilen Gesellschaften mit der Zeit immer mehr Interessengruppen bilden, die für sich ein Stück vom Kuchen sichern und jede Veränderung blockieren, die sie etwas kostet. Je länger eine Gesellschaft ohne Erschütterung lebt, desto dichter wird dieses Geflecht. Jede Reform, die Sinn fordert, trifft eine gut organisierte Gruppe, und jede dieser Gruppen hat einen direkteren Draht in die Ministerien als der Patient selbst.

Die Ochsentour wählt die Vorsichtigen aus. In „Die Ochsentour“ haben wir beschrieben, dass es in Deutschland nur einen Weg ins Parlament gibt, den langen Marsch durch die Partei. Wer ihn schafft, ist nicht aufgefallen. Gesucht wird ein Chirurg, ausgewählt wird ein Verwalter.

Das Mandat ist ein Vermögen. In „Die Merzgefallenen“ haben wir gezeigt, wie Abgeordnete ihr Mandat rational bewirtschaften. Eine riskante Reform gefährdet dieses Vermögen. Wer sie trotzdem wagt, verliert unter Umständen den nächsten Listenplatz.

Die Verantwortung wandert. Sinn klagt selbst, dass viele der schädlichen Regeln aus Brüssel kommen. Berlin verweist auf Brüssel, Brüssel auf die Mitgliedstaaten, die Länder auf den Bund. Jede Ebene kann zeigen, dass die Ursache bei einer anderen liegt. Ein Krankenhaus, in dem jede Abteilung den Patienten an eine andere überweist, braucht keinen Kunstfehler, um ihn sterben zu lassen.

VI. Und die Ärzte?

Gnadenlos muss man auch die Diagnostiker betrachten. Ein Ökonom, der seit dreiundzwanzig Jahren dieselbe Diagnose stellt, wird dafür eingeladen, gedruckt und beklatscht. Für die Diagnose gibt es Beifall, für die Operation die Abwahl. Das System belohnt den, der die Krankheit beschreibt, und bestraft den, der sie behandelt.

Das gilt auch für uns. Wer wie wir von außen schreibt, operiert ebenfalls nicht. Der Unterschied, den wir uns vornehmen, ist bescheiden: nicht nur zu beschreiben, was falsch ist, sondern zu fragen, warum es falsch bleibt, und Vorschläge zu machen, die an dieser Stelle ansetzen, auch wenn sie unvollkommen sind.

VII. Was sich an der Konstruktion ändern müsste

Wenn die Konstruktion jede Operation verhindert, hilft keine bessere Diagnose. Man muss an der Konstruktion ansetzen.

Erstens muss Ablehnung sichtbar werden. In „Die fehlende Form“ haben wir die weiße Stimme vorgeschlagen: einen Stimmzettel, auf dem man alle Angebote ablehnen kann, ohne der Wahl fernzubleiben. Solange Nichtwähler als desinteressiert gelten, kann jede Regierung so tun, als habe sie einen Auftrag. Eine gezählte Ablehnung wäre ein Druck, den sich keine Partei schönreden kann.

Zweitens müssen Abgeordnete möglich sein, die ihr Mandat nicht ihrer Partei verdanken. Das haben wir in „Volksvertreter ohne Partei“ und in „Mandat ohne Ort“ beschrieben. Wer nicht auf den nächsten Listenplatz angewiesen ist, kann eine Reform tragen, die seiner Partei schadet und dem Land nützt.

Drittens müssen Regeln ein Verfallsdatum haben. Jede Vorschrift, über die Sinn klagt, wurde einmal mit guten Gründen beschlossen und danach nie wieder geprüft. Eine Regel, die nach fünf Jahren automatisch erlischt, wenn niemand ihre Wirkung belegt, verwandelt den Dschungel in einen Garten, der regelmäßig beschnitten wird. Das ist kein neuer Gedanke, aber er greift das Problem an der Wurzel an: nicht die einzelne schlechte Regel, sondern die Konstruktion, in der schlechte Regeln ewig leben.

VIII. Wie dieser Text widerlegt werden könnte

Dieser Text behauptet, dass die Konstruktion der deutschen Politik große Reformen verhindert, deren Kosten sofort fallen und deren Nutzen erst später kommt. Das lässt sich widerlegen.

Wenn eine Bundesregierung in dieser Legislaturperiode eine Reform gegen gut organisierte Interessen durchsetzt, etwa bei Rente, Sozialleistungen oder Vorschriften, und bei der nächsten Wahl dafür nicht bestraft, sondern bestätigt wird, dann ist dieser Text widerlegt. Wir würden es gern erleben.

IX. Das Krankenhaus

Ein Patient, dessen Ärzte sich über die Diagnose seit Jahrzehnten einig sind und den trotzdem niemand operiert, stirbt nicht an seiner Krankheit. Er stirbt an der Konstruktion des Krankenhauses.

Deutschland braucht keine weitere Diagnose. Es braucht ein Krankenhaus, in dem sich das Operieren lohnt.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 9. Oktober 2026.

Verwandte Texte: „Die Ochsentour“ · „Die Merzgefallenen“ · „Die fehlende Form“ · „Volksvertreter ohne Partei“ · „Mandat ohne Ort“ · „Warum ich kein Linker geworden bin“.

Zur Quellenlage. Rede von Hans-Werner Sinn in Gießen, Sommer 2026, als Video im Netz verbreitet; Zahlen und Zitate nach unserer Abschrift. Hans-Werner Sinn, Ist Deutschland noch zu retten?, München 2003. Asylentscheidungen und Schutzquote: Bundeszentrale für politische Bildung, nach Daten des BAMF. Mancur Olson, The Rise and Decline of Nations, New Haven 1982. Bundestagswahl 2005 und Agenda 2010: allgemein bekannt. English version available.