Nachtrag · Hans Ley & Claude Dedo · 27. Oktober 2026

Der zweite Befund

Nachtrag zu „Herzkrank. Und niemand operiert.“

Hans-Werner Sinn hat wieder gesprochen, diesmal in einem langen Podcast-Gespräch. Die Diagnose ist dieselbe. Aber eine Zahl darin führt weiter, als er sie selbst führt.

I. Dasselbe Gespräch, zum fünften Mal

In „Herzkrank. Und niemand operiert.“ haben wir Sinns Rede von Gießen besprochen: das Herz Autoindustrie, das grüne Paradoxon, Lohnzuschuss statt Lohnersatz, und die Frage, warum seit 2003 niemand operiert. Am 26. Oktober 2026 hat er im Podcast „Ronzheimer.“ im Gespräch mit Paul Ronzheimer fast alles wiederholt. Trump und Brüssel nennt er die zwei Backen einer Zange, die die deutsche Autoindustrie aus dem Land treibt. Die Reformen der Regierung nennt er „Mangelverwaltung“. Und über die Zukunft sagt er: Der Lebensstandard in Deutschland werde „sehr, sehr deutlich“ sinken. „Rüstungsgüter kann man nicht essen.“

Das meiste davon haben wir schon gewürdigt und kritisiert. Neu ist eine Zahl, und sie ist wichtiger als alles andere im Gespräch.

II. Die Zahl

Die Bundesregierung freut sich über 1,3 Prozent Wachstum. Sinn erklärt, warum das kein Aufschwung ist. Eine Volkswirtschaft wächst auf zwei Arten: indem die vorhandenen Fabriken besser ausgelastet werden, oder indem neue entstehen. Die 1,3 Prozent seien allein bessere Auslastung. Neue Kapazität entsteht nur durch Netto-Investitionen, also durch Investitionen, die mehr ersetzen als den Verschleiß. Und die, sagt Sinn, sind in Deutschland derzeit negativ. Es wird nicht einmal so viel investiert, dass der alte Bestand erhalten bleibt.

Man stelle sich einen Bauern vor, der jedes Jahr etwas mehr erntet, weil er die Felder intensiver bestellt, während seine Scheune verfällt und kein neues Gerät dazukommt. Seine Ernte steigt noch eine Weile. Dann fällt sie, und zwar endgültig.

III. Was Sinn aus der Zahl nicht macht

Für Sinn folgt aus der Zahl, was ihm immer folgt: weniger Staat, weniger Regeln aus Brüssel, ein Land, das den „Investoren der Welt“ wieder gefällt. Dazu schlägt er etwas Vernünftiges vor: Investitionen sofort von der Steuer abschreiben zu lassen, statt die Steuersätze zu senken. Eine Steuersenkung belohnt auch das Geld, das ins Ausland wandert. Die Sofortabschreibung belohnt nur, was hier gebaut wird. Ronald Reagan hat das 1981 so gemacht.

Aber die Zahl erzählt mehr. Negative Netto-Investitionen haben zwei Hälften. Die eine ist der Staat, der über dreißig Jahre Brücken, Schulen und Schienen verfallen ließ unter der schwarzen Null. Wie das an der A 45 aussieht, steht in „Die Mahnung ist da“. Wie gleichzeitig der Kopf des Staates wuchs, während sein Körper schrumpfte, steht in „Die neue Nomenklatura und das Parteienkartell“. Weniger Staat würde hier nicht helfen. Es würde den Körper treffen, wie schon einmal.

Die andere Hälfte ist das private Geld. Es ist ja nicht verschwunden. Die Geldvermögen der privaten Haushalte erreichen nach den Zahlen der Bundesbank Jahr für Jahr neue Höchststände. Nur fließen sie in Aktien, Immobilien und Anleihen, also in Dinge, die schon da sind, und nicht in neue Fabriken. Wer an einer Mautstelle verdient, muss nichts Neues bauen. Davon handeln „Die andere Seite der Münze“ und „Wie wird man Milliardär?“. Sinns Grundgesetz des Kapitalismus, nach dem die Löhne den Investitionen folgen, setzt voraus, dass investiert wird. Wenn das Geld lieber in Vermögenswerte geht, gilt es nicht mehr.

IV. Drei Ungenauigkeiten

Ein Ökonom, der anderen vorhält, sie redeten moralisch statt mit Zahlen, muss sich an seinen eigenen Angaben messen lassen.

Den Audi-Chef, der in den USA investiert und in Deutschland Stellen streicht, verteidigt Sinn mit dem Aktienrecht: Eine Aktiengesellschaft müsse das Vermögen ihrer Aktionäre mehren, sonst könne der Vorstand „belangt werden“. So steht es im deutschen Aktienrecht nicht. Dort heißt es, der Vorstand leite die Gesellschaft „unter eigener Verantwortung“, und zum Interesse des Unternehmens gehören nach herrschender Auffassung auch seine Beschäftigten. Bei Volkswagen hält das Land Niedersachsen zudem eine Sperrminorität. Die Entscheidung mag richtig sein. Ein Gesetz, das sie erzwingt, gibt es nicht.

Die in Berlin diskutierte Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände nennt Sinn „unglaublich“, weil man sich dabei auf das Grundgesetz beziehe. Aber sie steht im Grundgesetz, in Artikel 15, und 2021 haben 59 Prozent der Berliner in einem Volksentscheid dafür gestimmt. Dass sie Investoren abschreckt, kann man vertreten. Sie als Missbrauch der Verfassung hinzustellen, ist falsch.

Und seine Geschichte der Rente beginnt mit Bismarck, den die „hungrig ernährten Alten ohne Kinder“ gestört hätten. Für dieses Motiv kennen wir keinen Beleg. Bismarcks Sozialgesetze sollten vor allem der Sozialdemokratie das Wasser abgraben. Sinns eigentliche These, dass ein Rentensystem, das Kinder nicht honoriert, die Kinderlosigkeit belohnt, ist stark und braucht diese Legende nicht. Der Vorschlag, Kinder in die Rentenformel aufzunehmen, stammt übrigens aus dem Schreiber-Plan von 1955. Adenauer wies ihn 1957 mit dem Satz ab: „Kinder kriegen die Leute immer.“

V. Der Befund bleibt

Im Gespräch erzählt Sinn selbst, was mit dem Bericht der Rentenkommission geschah. CDU, CSU und SPD waren sich einig, die Kommission hatte alle relevanten Kräfte an einem Tisch. Dann standen Landtagswahlen an, und die Ministerpräsidenten fürchteten um ihre Wähler. Sinn nennt das „moralische Argumente“. Es ist das, was wir in „Herzkrank“ die Konstruktion des Krankenhauses genannt haben: Eine Reform, deren Kosten sofort fallen und deren Nutzen erst nach der nächsten Wahl kommt, findet keinen Chirurgen.

Sinn sieht es und zieht keinen Schluss daraus. Er stellt nach dreiundzwanzig Jahren dieselbe Diagnose, verlangt dieselbe Operation und wundert sich, dass sie nicht stattfindet. Sein zweiter Befund, die negativen Netto-Investitionen, ist der wichtigere. Er zeigt, dass der Patient nicht nur krank ist, sondern aufgehört hat, sich zu ernähren. Wer daraus nur „weniger Staat“ folgert, verschreibt dem Hungernden eine Diät.

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Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 27. Oktober 2026.

Quellen. Paul Ronzheimer, „Trump, Klima, EU: Top-Ökonom rechnet komplett ab. Mit Hans-Werner Sinn“, Podcast „Ronzheimer.“, YouTube, 26. Oktober 2026 (Zitate nach unserer Abschrift). · Aktiengesetz, § 76 Abs. 1. · Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“, Berlin, 26. September 2021. · Wilfrid Schreiber, Existenzsicherheit in der industriellen Gesellschaft, 1955.