Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 11. Oktober 2026

Nathan, verkehrt herum

Über Ulf Poschardt, die Ringparabel und eine Toleranz, die man gewährt, statt sie zu üben.

„Es eifre jeder seiner unbestochnen,
Von Vorurteilen freien Liebe nach!“
Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise, 1779

I. Drei Stunden auf dem Stuhl

Im Juli 2026 saß Ulf Poschardt drei Stunden lang im Podcast „ungeskriptet“ von Ben Berndt. Ausgestrahlt wurde das Gespräch im August. Poschardt war von 2016 bis 2024 Chefredakteur der „Welt“ und danach anderthalb Jahre ihr Herausgeber. Seit Juli 2026 hat er dort kein Amt mehr. Er schreibt an einer Trilogie über das Bürgertum: „Shitbürgertum“ erschien 2025, „Bückbürgertum“ 2026, angekündigt ist „Fightbürgertum“.

Um diesen dritten Band kreist das Gespräch: Islamismus, Antisemitismus, die christlich-jüdische Tradition, Corona, Toleranz und, als äußerste Möglichkeit, der Bürgerkrieg. Einige Wochen vorher hatte auf demselben Stuhl Björn Höcke gesessen. Der Gastgeber fragt deshalb, was Poschardt eigentlich von Höcke unterscheidet. Es ist die beste Frage des Abends.

II. Wo er recht hat

Eine faire Kritik beginnt mit dem, was stimmt. Poschardt erzählt von jüdischen Freunden, die sich nicht mehr fragen, ob sie Deutschland verlassen, sondern nur noch, wann und wohin. Das ist keine Übertreibung. In einer Umfrage der EU-Grundrechteagentur gab schon 2023 mehr als die Hälfte der befragten Juden in Deutschland an, in den letzten fünf Jahren über eine Auswanderung nachgedacht zu haben.

Er hat auch recht, dass es in islamistischen Milieus einen bösartigen Antisemitismus gibt und dass Mädchen zu Kopftuch und Ehe gedrängt werden. Er unterscheidet dabei ausdrücklich: Islamisten seien eine Minderheit, wer das Kopftuch freiwillig trage, solle es tragen dürfen, angreifen wolle er nur die Strukturen, die Druck ausüben. Und er räumt ein, dass auch das Christentum Blutbäder angerichtet hat. Das ist mehr, als man von vielen Kulturkämpfern hört.

Selbst sein Ärger über Greta Thunberg hat einen Kern. Bei einem Protest gegen Rheinmetall in Berlin trug sie im Juli 2026 ein T-Shirt mit der Aufschrift „Yalla Intifada“. Das darf man scharf kritisieren.

III. Ressentiment mit Argumenten

Doch wie kritisiert er? Thunberg ist für ihn eine „Witzfigur“, die man „heiliggesprochen“ habe und die „danach irre geworden“ sei. Wenige Minuten später erklärt er den Unterschied zu Höcke so: Höcke habe ein Ressentiment, er selbst habe Argumente.

Das ist keine Unterscheidung, sondern eine Selbstbescheinigung. Wer eine junge Frau eine Witzfigur nennt und ihr den Verstand abspricht, argumentiert nicht. Er tut genau das, was er Höcke vorwirft. Das T-Shirt wäre ein Argument gewesen. Die Beschimpfung macht es kaputt.

IV. Die Gewissheit des Freiheitskämpfers

Thunberg wirft er vor, mit „Heilsgewissheit“ ins Feld zu ziehen. Dann kommt er auf Corona. Besser wäre es gewesen, nur die Gefährdeten zu schützen und alle anderen in Ruhe zu lassen. Darüber kann man ernsthaft streiten. Poschardt streitet aber nicht, er urteilt: Das Argument „wir wollen, dass niemand stirbt“ sei „verlogen“ gewesen, man habe es benutzt, damit „möglichst jeder seine Freiheit verliert“.

Damit unterstellt er den Verantwortlichen, sie hätten den Freiheitsverlust gewollt. Das ist keine Analyse mehr, das ist dieselbe Gewissheit, die er bei Thunberg verspottet, nur mit anderem Vorzeichen. Wer weiß, dass er recht hat, braucht die Absichten der anderen nicht mehr zu prüfen. Er kennt sie schon.

V. Nathan, verkehrt herum

Den stärksten Zeugen ruft Poschardt selbst auf: „Nathan der Weise“. Wer seine Tradition kenne, solle über seine Religionstoleranz nachdenken. Gemeint ist: Unsere Tradition hat die Toleranz hervorgebracht, also müssen wir sie verteidigen, notfalls wehrhaft.

Lessing sagt das Gegenteil. In der Ringparabel hinterlässt ein Vater drei Söhnen drei gleiche Ringe, und keiner kann beweisen, dass er den echten besitzt. Der Richter rät jedem, die Echtheit seines Rings durch sein Handeln zu zeigen. Das ist keine Anleitung, die eigene Tradition über die anderen zu stellen. Es ist die schärfste Absage an jeden Absolutheitsanspruch, die die deutsche Literatur kennt.

Und Lessing schrieb den „Nathan“ nicht als Sprecher seiner Tradition, sondern gegen ihre Wächter. Nach seinem Streit mit dem Hamburger Hauptpastor Goeze verbot ihm der Herzog von Braunschweig 1778, weiter ohne Genehmigung über Religion zu schreiben. Also schrieb er ein Theaterstück. Wer sich auf Lessing beruft, beruft sich auf einen Mann, den seine christliche Obrigkeit zum Schweigen bringen wollte.

VI. Die Tradition, die man sich schön erzählt

Für Poschardt ist die Aufklärung ein Produkt der christlich-jüdischen Tradition, und die Trennung von Kirche und Staat sei ihr eigentliches Wesen. Historisch ist es umgekehrt. Beides wurde gegen die Kirchen erkämpft.

Noch 1864 verurteilte Papst Pius IX. im „Syllabus errorum“ ausdrücklich als Irrtum den Satz, die Kirche solle vom Staat getrennt sein. Ebenso verurteilte er den Satz, Einwanderern solle die öffentliche Ausübung ihres Glaubens erlaubt sein. Die katholische Kirche hat die Religionsfreiheit erst am 7. Dezember 1965 anerkannt, auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Dazwischen liegen Jahrhunderte, in denen sie Abweichler verfolgte, wie wir es am Fall Giordano Bruno beschrieben haben.

Man kann sich auf die Aufklärung berufen. Man kann sie aber nicht der Institution gutschreiben, die sie am längsten bekämpft hat. Wer das tut, verteidigt keine Tradition, sondern eine Legende.

VII. Wer ist „wir“?

Poschardt sagt oft „wir“. „Wir erlauben ihnen auf unseren Straßen noch“, zu demonstrieren. Man müsse sagen: „Hier ist Schluss, hier endet unser Reich der Freiheit.“ Der Gastgeber fragt nach: Wer ist wir? Die Antwort schwankt. Erst ist es die ganze Zivilgesellschaft, jeder Religion und Hautfarbe. Dann sind es die, die aus der christlich-jüdischen Tradition kommen und deshalb in der Verantwortung stehen. Der Gastgeber erinnert daran, dass im Grundgesetz von dieser Tradition nichts steht, sondern Religionsfreiheit.

Hier liegt der eigentliche Widerspruch. Bei Corona ist Poschardt Freiheitsmaximalist. Bei Demonstrationen will er Schluss sagen. Die wehrhafte Demokratie hat ihre Werkzeuge: Vereinsverbote, den Straftatbestand der Volksverhetzung, Auflagen für Versammlungen. Sie gelten für alle und werden von Gerichten angewendet. Ein gefühltes „wir“, das entscheidet, wer auf „unseren“ Straßen gehen darf, gehört nicht dazu.

VIII. Bürgerkrieg als Pose

Den Bürgerkrieg erwartet Poschardt nicht, sagt er. Er erwähnt ihn trotzdem gleich mehrmals, verweist auf den Film „Civil War“ und auf die düsteren Batman-Filme und fragt, wofür man bereit sei, „in eine Auseinandersetzung zu gehen“. Das nächste Buch heißt „Fightbürgertum“.

Wer so viele Menschen erreicht, betreibt damit kein Gedankenspiel. Er heizt eine Stimmung an, in der jede Seite rhetorisch aufrüstet, weil die andere es tut. Ingenieure nennen das Mitkopplung: Ein Signal verstärkt sich selbst, bis das System schwingt. Zur Abkühlung braucht es das Gegenteil, Gegenkopplung, also Menschen, die nicht mitschreien.

Dazu kommt Ungenauigkeit, wo Genauigkeit am meisten zählt. Im Iran würden 17-Jährige hingerichtet, weil sie ein TikTok-Tanzvideo gemacht haben, sagt Poschardt. Einen solchen Fall haben wir nicht gefunden. Belegt ist, dass ein junges Paar 2023 für einen Tanz vor dem Azadi-Turm zu mehr als zehn Jahren Haft verurteilt wurde, und belegt sind Dutzende Hinrichtungen von Demonstranten, darunter sehr junge. Die Wahrheit ist schlimm genug. Wer sie überzeichnet, schwächt ausgerechnet die stärkste Anklage.

IX. Da wissen Sie mehr als ich

Poschardt kämpft gegen Absolutheitsansprüche und hat selbst einen. Toleranz ist bei ihm etwas, das „wir“ gewähren, weil „wir“ die richtige Tradition haben. Lessings Toleranz ist etwas anderes. Sie beginnt mit dem Eingeständnis, dass niemand den echten Ring beweisen kann, auch man selbst nicht.

In unserer rheinischen Philosophie heißt das: Niemand hat die ganze Wahrheit, aber jeder hat einen Platz am Tisch. Auch die Muslimin mit Kopftuch, solange sie keinem anderen den Platz streitig macht. Auch Ulf Poschardt.

Und wenn er dann vom Bürgerkrieg anfängt, sagt der Rheinländer: „Da wissen Sie mehr als ich!“ Und bestellt noch ein Kölsch.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 11. Oktober 2026.

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Zu den Quellen. Podcast „ungeskriptet“ #324 mit Ulf Poschardt, aufgenommen am 14. Juli 2026, veröffentlicht am 19. August 2026; Zitate nach einem automatischen Transkript, sprachlich geglättet. Zu Poschardts Ämtern: Jüdische Allgemeine. Greta Thunberg beim Rheinmetall-Protest im Juli 2026: The Berliner, JNS. Umfrage der EU-Grundrechteagentur 2024, Länderblatt Deutschland. Lessing, Nathan der Weise (1779), III. Aufzug, 7. Auftritt. Pius IX., Syllabus errorum, 8. Dezember 1864, Sätze 55 und 78; Zweites Vatikanisches Konzil, Dignitatis humanae, 7. Dezember 1965. Iran: Al-Monitor 2023, Human Rights Watch, 10. September 2026. English version available.