Das Meer der Bedeutungslosigkeit
Über das, was bleibt, wenn man den Sinn nicht mehr sucht
Man kann sich von der Frage nach dem Sinn verabschieden. Die Frage, ob das eigene Leben Bedeutung hatte, wird man nicht so leicht los. Sie ist auch die schwerere.
I. Sinn und Bedeutung
1892 hat der Logiker Gottlob Frege zwei Wörter getrennt, die im Alltag dasselbe meinen. Abendstern und Morgenstern bezeichnen denselben Himmelskörper, die Venus. Das ist ihre Bedeutung. Aber sie zeigen ihn auf verschiedene Weise, einmal am Abend, einmal am Morgen. Das ist ihr Sinn.
Wir borgen uns die Unterscheidung und verschieben sie ein wenig. Wer nach dem Sinn seines Lebens fragt, schaut nach oben. Er will wissen, wozu das Ganze da ist, ob es einen Plan gibt, einen Auftrag, ein Ziel. Wer nach der Bedeutung seines Lebens fragt, muss zur Seite schauen, auf die anderen. Er will wissen, was sich bei ihnen verändert hat, weil es ihn gab.
Auf die erste Frage kann man verzichten. Viele haben es getan, ohne dass ihr Leben ärmer geworden wäre. Die zweite lässt sich nicht abschalten, auch nicht bei denen, die mit dem Sinn längst fertig sind.
II. Die letzte Frage
1963 beschrieb der amerikanische Psychiater Robert Butler etwas, das Ärzte bis dahin für ein Zeichen geistigen Abbaus gehalten hatten: Alte Menschen erzählen immer wieder von früher. Butler deutete es anders. Es sei ein normaler und notwendiger Vorgang, eine Art Bilanz, die er „Lebensrückblick“ nannte. Der Psychoanalytiker Erik Erikson hatte schon 1950 die letzte Stufe des Lebens unter die Spannung von „Integrität gegen Verzweiflung“ gestellt: Entweder man kann das eigene Leben als etwas annehmen, das so sein musste, oder man verzweifelt daran, dass es zu spät ist, ein anderes zu führen.
Die australische Palliativpflegerin Bronnie Ware hat aufgeschrieben, was Sterbende ihr am häufigsten sagten. Ihr Buch ist ein Erfahrungsbericht, keine Studie, aber die Liste ist aufschlussreich. Ganz oben steht, man hätte den Mut haben sollen, das eigene Leben zu leben und nicht das, was andere erwarteten. Dann, man hätte nicht so viel arbeiten sollen. Und, man hätte den Kontakt zu Freunden halten sollen. Niemand bedauerte, zu wenig Ansehen erworben zu haben. Fast alles, was die Sterbenden vermissten, lag bei anderen Menschen.
III. Wie das Meer entsteht
Man könnte vermuten, das Meer der Bedeutungslosigkeit sei einfach die Einsamkeit des Alters. Die Zahlen sagen etwas anderes. Nach dem Einsamkeitsbarometer der Bundesregierung fühlten sich 2021 von den über Fünfundsiebzigjährigen rund zehn Prozent einsam, von den jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 mehr als vierzehn Prozent. Wer allein ist, ist nicht zwangsläufig bedeutungslos, und wer bedeutungslos ist, kann von Menschen umgeben sein. Man kann im Altenheim jeden Tag Besuch bekommen und trotzdem wissen, dass niemand etwas von einem erwartet.
Das Meer entsteht anders. Unsere Gesellschaft misst Bedeutung am Nutzen: an Erwerbsarbeit, an Einkommen, an Konsum. Wer arbeitet, hat eine Stellung, eine Visitenkarte, ein Telefon, das klingelt. Am Tag nach dem Abschied klingelt es nicht mehr. Die Rente ist darum nicht nur eine Entlassung aus der Arbeit, sondern auch eine aus der Bedeutung. Der Ingenieur, die Schulleiterin, der Meister, die Oberärztin, sie alle wissen über Nacht nicht weniger als vorher. Gefragt werden sie trotzdem nicht mehr.
Die Megamaschine hat für Menschen keine Verwendung, die nichts mehr herstellen und wenig verbrauchen. Sie verwaltet sie, versorgt sie, pflegt sie. Sie braucht sie nicht. Und was nicht gebraucht wird, verliert in einer solchen Ordnung seine Bedeutung, ganz gleich, was es in sich trägt. Das Meer der Bedeutungslosigkeit ist also nicht in erster Linie ein Gefühl. Es ist ein Abstand: zwischen dem, was einer kann, und den anderen, die es nicht mehr abrufen.
IV. Die verspätete Bedeutung
Die Frage „Welche Bedeutung hatte mein Leben?“ setzt voraus, dass man die Antwort selbst kennen kann. Das ist ein Irrtum.
Gregor Mendel, Abt eines Klosters in Brünn, veröffentlichte 1866 seine Kreuzungsversuche mit Erbsen. Niemand verstand, was er gefunden hatte. Er starb 1884. Erst 1900 entdeckten drei Botaniker unabhängig voneinander seine Arbeit wieder, und mit ihr begann die Genetik. Vivian Maier arbeitete jahrzehntelang als Kindermädchen in Chicago und fotografierte nebenbei. Ihre Negative wurden 2007 bei einer Versteigerung aus einem verfallenen Lagerraum gekauft. Als ihre Bilder berühmt wurden, war sie tot. Stanislaw Petrow entschied 1983 in einer Nacht, keinen Atomalarm weiterzugeben. Fünfzehn Jahre lang wusste davon fast niemand, auch er selbst galt in seiner Armee nicht als Held, sondern als Mann, der einen unordentlichen Bericht geschrieben hatte.
Bedeutung zeigt sich oft spät, manchmal nach dem Tod, oft nie. Wer am Ende Bilanz zieht, zieht sie mit unvollständigen Büchern.
V. Die unsichtbare Bedeutung
Die meiste Bedeutung wird nie bekannt, weil sie nicht in einer Erfindung oder einem Werk steckt, sondern in einem anderen Menschen. Eine Lehrerin sagt einem Vierzehnjährigen einen Satz, der ihn vor einem falschen Weg bewahrt. Vierzig Jahre später erinnert er sich daran, aber er sagt es ihr nicht, weil er nicht weiß, wo sie wohnt. Ein Nachbar schaut jeden Morgen, ob bei der alten Frau gegenüber die Rollläden hochgehen. Eine Pflegerin hält in der Nacht eine Hand, und am Morgen weiß niemand mehr ihren Namen.
Nichts davon steht in einer Bilanz. Nichts davon würde der Betreffende selbst nennen, wenn man ihn fragte, was sein Leben bedeutet hat. Und doch ist es das, wonach die Sterbenden bei Bronnie Ware fragten.
VI. Was nicht hilft
Weil die Frage weh tut, gibt es einen Markt dafür. Listen mit Dingen, die man vor dem Tod noch erlebt haben muss. Kurse zur Selbstoptimierung für das dritte Lebensalter. Eine Vermächtnisindustrie, die Biografien schreibt, Stiftungen gründet, Namen auf Parkbänke schraubt. Wer genug zahlt, bekommt einen Hörsaal mit seinem Namen.
Das alles kann schön sein, aber es verwechselt Bedeutung mit Sichtbarkeit. Ruhm ist eine Form der Bekanntheit, nicht der Bedeutung. Und wer Sinn verkauft, arbeitet mit denselben Bauteilen wie der Gründer in unserer „Bastelanleitung für eine Sekte“: Er sucht einen Mangel und bietet an, ihn zu füllen. Gerade alte Menschen, die spüren, dass sie im Meer treiben, sind dafür die ideale Kundschaft.
Ebenso wenig hilft das Grübeln. Der Lebensrückblick, den Butler beschrieb, ist notwendig, aber er ist eine Rechnung über das Vergangene. Die Bedeutung, die einem fehlt, liegt nicht in der Vergangenheit.
VII. Der Ausweg
Bedeutung entsteht nicht dadurch, dass man sie feststellt, sondern dadurch, dass man gebraucht wird. Erikson nannte die vorletzte Lebensstufe „Generativität“: das Bedürfnis, weiterzugeben, was man kann und weiß. Es endet nicht mit sechzig.
Es gibt Orte, an denen das funktioniert. Der Senior Experten Service in Bonn vermittelt seit 1983 Fachleute im Ruhestand ehrenamtlich an Betriebe, Schulen und Kliniken im In- und Ausland. So kann ein pensionierter Bäckermeister einer Backstube in Afrika zeigen, wie man einen Ofen gleichmäßig heizt, oder eine Buchhalterin einer Genossenschaft in Südamerika die Bücher in Ordnung bringen. Mehrgenerationenhäuser bringen Menschen unter ein Dach, die sich sonst nie begegnen würden. Nichts davon ist spektakulär. Es ist nur das Gegenteil der Verwaltung: Hier wird jemand nicht versorgt, sondern gebraucht.
Das andere ist eine Haltung, die wir in „Das Apfelbäumchen“ beschrieben haben. Wer einen Baum pflanzt, dessen Äpfel er nicht mehr ernten wird, fragt nicht, welche Bedeutung das für ihn hat. Er tut etwas, dessen Bedeutung bei anderen liegt, und gibt sich damit zufrieden, sie nicht zu kennen.
VIII. Die These
Das Meer der Bedeutungslosigkeit ist kein Zustand im Inneren eines Menschen, sondern ein Abstand zu den anderen. Es entsteht von zwei Seiten: Eine Gesellschaft hört auf zu fragen, weil sie Menschen nur noch nach ihrem Nutzen misst. Und der Einzelne hört auf anzubieten, weil er darauf wartet, gefragt zu werden.
Darum führt kein Weg nach innen aus diesem Meer heraus, sondern nur einer nach außen. Die Bedeutung eines Lebens lässt sich nicht bilanzieren. Man kann nur dafür sorgen, dass es weiterhin welche hat, solange es dauert. Die Antwort auf die letzte Frage schreiben andere, und meistens erfährt man sie nicht. Das ist kein Mangel. Es ist die Art, wie Bedeutung funktioniert.
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