Welche Boomer?
Über ein Generationenporträt und die Zahlen, die darin fehlen
Wenn die Boomer gehen, fehlen dem Arbeitsmarkt drei Eigenschaften, heißt es. Was wirklich fehlt, steht nicht in der Liste.
I. Ein Text, der immer wiederkommt
Am 25. Oktober 2026 erschien bei t3n ein Artikel mit dem Titel „Wenn die Boomer gehen: Diese drei Eigenschaften werden dem Arbeitsmarkt fehlen“. Neu ist er nicht. Er wurde zuerst im März 2024 veröffentlicht, im Mai 2026 lief er als „Tschüss Boomer“, und unter derselben Artikelnummer findet man ihn unter mindestens sieben verschiedenen Überschriften. Das ist kein Vorwurf an den Autor. Es zeigt, welche Ware gefragt ist: Texte über Generationen werden gelesen, weil sich jeder darin wiederfindet oder über die anderen ärgern kann.
Der Gewährsmann ist der Soziologe Heinz Bude, Autor des Buches „Abschied von den Boomern“ (Hanser 2024). Ihm zufolge werden drei Dinge fehlen: der pragmatische Zugang zur Arbeit, die Gelassenheit und die Fähigkeit, im Team zu arbeiten.
II. Was Bude sagt und was nicht
Die Zitate sind echt. Sie stammen aus einem Gespräch, das der t3n-Autor Matthias Kreienbrink mit Bude geführt hat: „Die Boomer haben stets erlebt, dass sie zu viele sind.“ „Boomer haben gelernt, nicht alles so unglaublich ernst zu nehmen.“ „Es geht weniger um eine Stabilität des Arbeitsplatzes, als um die Stabilität der eigenen Kompetenz.“
Eine Sache stimmt aber schon am Anfang nicht. Der Artikel zählt zu den Boomern alle, die zwischen 1946 und 1964 geboren wurden. Das ist die amerikanische Abgrenzung. Bude meint in seinem Buch die Jahrgänge ab 1955. In Deutschland setzte der Geburtenboom später ein als in den USA, erst mit dem Wirtschaftswunder Mitte der fünfziger Jahre. Wer 1947 geboren ist, gehört bei t3n dazu, bei Bude nicht.
Das „zu viele“ ist dagegen gut belegt. 1964, im geburtenstärksten Jahr der deutschen Nachkriegsgeschichte, kamen 1.357.304 Kinder zur Welt. 2025 waren es 654.241, also weniger als die Hälfte. Wer in diesen Jahrgängen aufwuchs, saß in Klassen mit über dreißig Kindern, in überfüllten Hörsälen und später in langen Bewerberschlangen.
Die Kritik an Budes Buch zielt vor allem auf seine Methode. Stefan Reinecke schrieb in der taz, Bude erkläre das eigene Milieu zum Ganzen. Die Soziologin Katja Schmidt hielt die Verallgemeinerungen bei Soziopolis für empirisch kaum gedeckt und fragte, ob Bude für seinen Freundeskreis spreche oder für eine Generation. Frauen, Arbeiterkinder und Zuwanderer kämen kaum vor. Bude selbst räumt ein, dass „die Wege und Welten von Ost und West wirklich sehr weit auseinander“ liegen. Der t3n-Artikel lässt auch das weg.
III. Drei Eigenschaften, nachgeprüft
Pragmatismus. Die Jahrgänge ab 1955 kamen Anfang der achtziger Jahre auf den Arbeitsmarkt, mitten in die erste große Arbeitslosigkeit der Bundesrepublik. 1983 waren über zwei Millionen Menschen ohne Arbeit. Wer damals auf die eigene Kompetenz setzte statt auf eine sichere Stelle, tat das nicht aus Charakter, sondern weil es die sichere Stelle nicht gab. Im Osten kam 1990 dazu: Wer Mitte dreißig war, verlor oft die Arbeit, den Betrieb und die Berufsbiografie auf einmal. „Wir kommen schon durch“ ist der Satz derer, die durchgekommen sind.
Gelassenheit gegenüber der Digitalisierung. Bude sagt, die Boomer hätten die digitale Welt „überhaupt erst ins Leben gerufen“. Steve Jobs und Bill Gates sind tatsächlich beide Jahrgang 1955. Nur saßen sie in Kalifornien. In Deutschland leiteten dieselben Jahrgänge die Behörden, in denen die Gesundheitsämter 2020 die Infektionszahlen noch per Fax meldeten. Gelassenheit und Rückstand liegen hier nah beieinander.
Teamfähigkeit. Wer mit 150 anderen im Seminar saß, habe gelernt, Konkurrenz und Kooperation zu verbinden. Das mag sein. 1982, als die ersten dieser Jahrgänge eine Stelle suchten, wählte die Gesellschaft für deutsche Sprache „Ellenbogengesellschaft“ zum Wort des Jahres. Dasselbe Gedränge lehrt beides, Rücksicht und Ellbogen. Welches davon überwiegt, sagt keine Jahrgangszahl.
IV. Welche Boomer?
Ein Generationenporträt beschreibt, was Menschen gemeinsam erlebt haben. Es verschweigt, was sie getrennt hat. Die Tochter eines Zahnarztes aus Freiburg und der Sohn eines Bergmanns aus Gelsenkirchen saßen vielleicht in gleich vollen Klassen. Ihr Leben danach hatte wenig gemeinsam.
Am deutlichsten wird das am Ende. In „Der vertauschte Konflikt“ haben wir gezeigt, dass in Deutschland jedes Jahr rund 400 Milliarden Euro vererbt werden und die Hälfte davon an die reichsten zehn Prozent geht. Die Boomer sind die erste Nachkriegsgeneration, die in großem Stil erbt und vererbt. Zugleich ist fast jeder fünfte Rentner armutsgefährdet. Das ist dieselbe Generation, aber es sind zwei verschiedene Lebensabende. Wer „die Boomer“ sagt, macht aus einem Gegensatz zwischen Arm und Reich einen zwischen Alt und Jung. Die Rechnung landet dann bei allen Alten gleich, obwohl sie es nicht tut.
V. Was wirklich fehlt
Was fehlen wird, wenn diese Jahrgänge gehen, sind weniger Eigenschaften als Hände. Bude nennt im Freitag selbst ein Beispiel: Wenn die Handwerksbetriebe der Boomer jetzt alle schlössen, wäre die energetische Sanierung der Häuser gefährdet. Hier geht es nicht um eine Haltung, sondern um Dachdecker, Elektriker und Heizungsbauer, deren Betriebe niemand übernimmt.
Und es fehlt, was in den Jahrzehnten dieser Generation nicht gebaut wurde. Den Investitionsrückstand der Kommunen beziffert das KfW-Kommunalpanel 2026 auf 231,2 Milliarden Euro, davon 68,9 Milliarden allein bei den Schulen. Das ist keine Schuld einer Generation. Es ist das Ergebnis politischer Entscheidungen, an denen alle Jahrgänge beteiligt waren, die wählen durften. Aber es fällt in die Jahrzehnte, in denen die Boomer in Parlamenten, Vorständen und Rathäusern zunehmend den Ton angaben.
In „Das Apfelbäumchen“ haben wir gefragt, wer heute noch pflanzt. Die Boomer haben viele Bäume abgeerntet, die ihre Eltern im Wiederaufbau gepflanzt hatten: Autobahnen, Schulen, Kraftwerke, die Rentenversicherung. Welche Bäume sie selbst hinterlassen, steht in keiner Liste von drei Eigenschaften. Man sieht es an den Schulen, in die ihre Enkel gehen.
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