Das schöne Märchen vom großen WIR
I. Eine bemerkenswerte Beobachtung
In der Welt-Reihe Kulturkampf hat Franziska Zimmerer, Mitglied der Redaktionsleitung, einen Beitrag veröffentlicht, der den Titel trägt: „Eene meene Zukunftsschreck" — mit Märchen gegen echte Sorgen. Sie beschreibt darin den Reflex, mit dem Politiker, Unternehmer und PR-Berater zur Zeit auf die Lage des Landes reagieren — den Ruf nach einer positiven Erzählung. Vier Stimmen führt sie an: Maximilian Viessmann fordert ein positives Narrativ. Dennis Radtke, Chef des Arbeitnehmerflügels der Union, wünscht sich von seiner Partei eine positive christdemokratische Zukunftserzählung. Der PR-Profi Jannis Johannmeier erwartet von der politischen Mitte positive Propaganda. Friedrich Merz, im November auf einem Branchenevent der Finanzbranche, brauche das Land eine Erzählung, die anschaulich darlege, dass sich Investitionen in unser Land lohnen.
Zimmerer hält dem Reflex eine schöne Bildbeschreibung entgegen: das Pilzspiel der Tigerenten-Gruppe. Kinder versammeln sich im Kreis, halten ein quietschbuntes Schwungtuch in den Händen, schwingen es auf Kommando, rennen darunter, kauern dort in einem wohlgeformten Kreis. Von außen sieht es aus wie ein bunter Pilz. Alle erfüllen eine Aufgabe, keiner schert aus, keiner wird zurückgelassen — die Schicksalsgemeinschaft Schwungtuch. Und sie endet, in Anlehnung an Bill Clinton, mit dem Satz, der die Sache zuspitzt: It is not the story! It is the economy, stupid!
Es ist ein guter Beitrag, und seine Pointe ist berechtigt. Wer ihn liest, nickt. Wer ihn schreibt, hat etwas gesehen, das von der Position einer Redaktionsleitung aus zu sehen nicht selbstverständlich ist: dass der Reflex der Apparate, das Problem durch Sprache zu lösen, das Problem selbst weder erreicht noch lindert. Genau an dieser Stelle möchte dieser Anschlusstext aufnehmen, was Zimmerer sagt, und es um einen Schritt fortsetzen, den sie aus guten Gründen — sie schreibt eine Kolumne, keinen Strukturessay — nicht selbst geht.
II. Wer da nach Erzählung ruft
Zimmerer benennt vier Sprecher: einen Familienunternehmer, einen Gewerkschaftsmann der Union, einen PR-Profi, einen Kanzler. Sie nennt ihren Reflex rührend, hilflos, nicht bösartig gemeint. Das ist freundlich, und es ist nicht falsch. Aber es ist die psychologische Erklärung, und sie verfehlt das Wesentliche.
Die vier Sprecher sind nicht irgendwelche Bürger, die sich in eine bessere Stimmung reden möchten. Sie sind Inhaber der Erzähl-Mittel. Maximilian Viessmann führt ein Familienunternehmen mit Tausenden Mitarbeitern. Dennis Radtke ist Spitzenfunktionär der Christlich-Demokratischen Union, einer der beiden ehemaligen Volksparteien dieses Landes. Jannis Johannmeier verkauft Kommunikationsstrategien an Unternehmen und Verbände. Friedrich Merz ist Bundeskanzler. Diese vier verfügen, jeder in seinem Sektor, über genau jene Mittel, mit denen sich Erzählungen herstellen, verbreiten und durchsetzen lassen. Wenn sie nach besserer Erzählung rufen, dann nicht, weil ihnen die Mittel fehlen. Sie rufen, weil sie die Mittel besitzen und feststellen, dass sie nicht mehr greifen.
Das ist ein anderer Befund als rührend, hilflos. Es ist die Selbsterkenntnis des Apparats, dass die Sprache, die er hervorbringt, die Wirklichkeit nicht mehr ordnet. Diese Selbsterkenntnis hat zwei mögliche Antworten. Die eine wäre, das Verhältnis zwischen der Sprache und der Wirklichkeit zu untersuchen — also zu fragen, warum die Sprache nicht mehr greift, ob es vielleicht an der Wirklichkeit liegt, die die Sprache beschreiben soll, und ob folglich an dieser Wirklichkeit etwas zu ändern wäre. Die andere wäre, die Sprache nachzuschärfen — also positiver, anschaulicher, kraftvoller zu erzählen. Die vier Sprecher wählen die zweite Antwort. Sie können nicht anders. Wer im Erzählen sein Handwerk hat, kann auf das Versagen des Erzählens nur mit dem Vorschlag besseren Erzählens reagieren. Was sie nicht bemerken, ist, dass damit das Versagen verlängert wird, statt dass es enden würde.
III. Erzählung als Substitutware
Es lohnt sich, einen Schritt zurückzutreten. Der Ruf nach der positiven Erzählung kommt nicht aus dem Nichts. Er hat eine Geschichte, und sie ist Teil der Geschichte des deutschen Apparats der letzten zwanzig Jahre.
2005 sagte das Land Wir sind Papst, allerdings sagte es das nicht selbst — eine Boulevardzeitung sagte es für das Land. 2015 sagte die Bundeskanzlerin Wir schaffen das. 2022 sagte ihr Nachfolger Zeitenwende. 2023 erschien ein Buch des Bundespräsidenten unter dem Titel Wir. 2025 forderte der heutige Bundeskanzler eine Erzählung, mit der sich Investitionen begründen ließen. Es ist die Reihe einer Sprache, die immer dann zur Verfügung steht, wenn die Sache fehlt, an der sich ein Wir bilden könnte. Sie steht nicht zur Verfügung, weil sie kraftvoll wäre. Sie steht zur Verfügung, weil sie ersetzt, was im Raum der Vorgänge nicht hergestellt werden konnte.
Das ist die Funktion der Erzählung im Apparat: Substitutware. Wenn eine Reform nicht gelingt, wird sie als Reform-Geschichte erzählt. Wenn ein Projekt scheitert, wird das Scheitern in den Erfolg eines Lernprozesses umerzählt. Wenn das Wir nicht entsteht, wird das Wir beschworen. Die Sprache schließt die Lücke, die im Raum der Vorgänge offen ist, durch eine semantische Operation. Das funktioniert, weil die Sprache schneller ist als die Vorgänge — sie kann das Versprechen formulieren, lange bevor sich erweist, ob es eingelöst wird. Und wenn es nicht eingelöst wird, kann sie nachträglich erzählen, dass es gleichwohl eingelöst worden sei, in einer anderen Form, in einem anderen Sinne, in einem nächsten Schritt.
Wer den Mechanismus einmal gesehen hat, erkennt ihn überall. Eine Bundeswehr, die nicht einsatzfähig ist, hat eine Zeitenwende. Eine Energiewende, die teurer wird als geplant, hat einen Pfad. Ein Verteidigungsministerium, das Beraterhonorare ohne Vergaberecht verteilt, hat eine Modernisierung. Eine Kommission, deren Vergabe-SMS gerichtlich beanstandet werden, hat eine Geopolitik der Stärke. Eine Partei, die das Vertrauen ihrer Wähler verliert, hat eine Erzählung, die noch nicht ganz angekommen ist. In jedem dieser Fälle ist die Erzählung die Form, in der das Versagen verkauft wird, ohne dass es als Versagen erscheinen müsste.
IV. Die sieben Fragen
Zimmerer schließt ihren Beitrag mit sieben Fragen, die sie nicht aus den Apparaten zitiert, sondern aus dem Raum der Vorgänge:
Kann ich mir die nächste Mieterhöhung leisten? Was mache ich bei einer Nebenkostennachzahlung, weil der Winter so kalt war? Wie teuer ist die Betreuung meiner Kinder? Warum kann ich mir keinen Urlaub mehr leisten? Warum zahle ich so viele Sozialabgaben und bekomme trotzdem keinen Hautarzttermin, wenn ich ihn dringend brauche? Werde ich bei der nächsten Kündigungswelle gefeuert?
Diese Fragen sind die genaue Form, in der die zweite Welt der Pioneer-Glosse spricht. In der ersten Welt wächst das Gras grün, die Vermögen mehren sich von selbst, der Champagner steht morgens bereit. In der zweiten Welt sind diese Fragen das Tagespensum. Es sind nicht hypothetische Fragen. Es sind Fragen, die jeden Tag entschieden werden müssen, und die in der zweiten Welt nicht zur Befindlichkeit gehören, sondern zur Existenz.
Auf keine dieser Fragen antwortet eine Erzählung. Auf jede dieser Fragen antwortet entweder ein konkreter Vorgang — eine Mieterhöhung, die ausbleibt; ein Sozialsystem, das einen Hautarzttermin in zumutbarer Zeit ermöglicht; eine Wirtschaft, die Arbeitsplätze sichert — oder gar nichts. Es gibt zwischen den beiden Welten keine Brücke aus Sprache. Die Brücke wäre eine Politik, die im Raum der Vorgänge handelt. Die Brücke gibt es nicht.
V. Das „so"
Der Titel dieses Anschlusstextes lautet: oder warum wir es so nicht schaffen. Es lohnt sich, das so zu betonen. Es ist nicht behauptet, dass wir es nicht schaffen. Es ist behauptet, dass wir es so nicht schaffen. Die Frage ist also, was das so meint.
Das so meint die Form, in der wir es versuchen. Es meint die parteiförmige Organisation des neunzehnten Jahrhunderts, die das politische Personal nach Kriterien rekrutiert, die der Sache, über die das Personal zu entscheiden hat, fremd sind — ausführlicher beschrieben in Die anachronistischen Strukturen und Regeln der Parteien. Es meint die Selektion eines Spitzenpersonals, das mit den Werkzeugen, die zur Lösung der Probleme bereitlägen, nicht arbeiten kann, weil es nicht für diese Arbeit ausgewählt wurde — beschrieben in Mit diesem Personal — No Chance. Es meint die Filterschicht zwischen Bürger und Mandatsträger, die Anliegen aus dem Raum der Vorgänge im Versanden auflöst — beschrieben in SPAM und Das Kassandra-Syndrom auf gu18.eu. Es meint die Bewirtschaftung von Revieren zwischen den Parteien, die das Übergreifende — Energie, Demografie, Infrastruktur — in den Zwischenräumen verschwinden lässt.
Diese fünf Bauteile sind die Anatomie des so. Sie sind nicht zufällig nebeneinander geraten. Sie bilden zusammen einen Apparat, der dem Bürger den Zugang verwehrt, an den Mandatsträger leitet, der ihn nicht fachlich beantworten kann, und das Anliegen schließlich versanden lässt. In einer solchen Anatomie kann es nicht überraschen, wenn die Sprecher des Apparats nach besserer Erzählung rufen. Sie tun, was ihnen die Anatomie erlaubt. Wer dem Bürger nicht antworten kann, kann ihn umerzählen.
So schaffen wir es nicht — weil das so genau das ausschließt, was zur Bewältigung der sieben Fragen nötig wäre: eine Politik, die im Raum der Vorgänge handelt, mit Personal, das dafür ausgesucht wurde, in Strukturen, die das Handeln nicht im Filter, in den Revieren oder in der Ortsbarriere ersticken.
VI. Was wäre, wenn nicht so
Die Frage, was an die Stelle des so treten könnte, gehört nicht in diesen Essay. Sie ist Gegenstand einer Reihe von Texten, die auf beyond-decay.org schrittweise entsteht. Drei Baupläne sind bisher skizziert: der Volksvertreter ohne Partei, das Mandat ohne Ort, der Transparenzrat. Sie sind ausgeführt in Die Gründung einer neuen Partei und das Eherne Gesetz von Robert Michels und in den verlinkten Konzeptpapieren. Sie sind keine fertigen Lösungen, sondern Arbeitsdokumente, die zur Diskussion stehen.
Was sie verbindet, ist die Einsicht, dass die Erzählung nicht das Problem ist und dass auch eine bessere Erzählung das Problem nicht ist. Das Problem ist die Form. Wer die Form nicht ändert, wird so nicht schaffen, was zu schaffen wäre, gleichgültig wie kraftvoll er erzählt.
VII. Ein letzter Gedanke an die Welt
Wir freuen uns über Feedback an postfach.kulturkampf@welt.de, schreibt Franziska Zimmerer am Ende ihres Beitrags. Das ist kein Standardsatz. Es ist eine Einladung, die in der heutigen Medienlandschaft selten geworden ist, und dieser Anschlusstext ist die Antwort darauf — nicht durch eine bloße Mail, sondern durch einen Essay, der auf ihre Beobachtung aufbaut und sie weiterführt.
Wenn aus dem Raum der Vorgänge wieder Politik werden soll, dann beginnt das damit, dass im Raum der Reden Beobachtungen formuliert werden, die der Wirklichkeit standhalten. Zimmerers Beitrag tut das. Er sagt nicht das große Wir, er sagt nicht die kraftvolle Erzählung, er sagt: It is not the story. Das ist der Punkt, an dem das so endet — wenn man ihn ernst nimmt — und etwas anderes anfangen kann.
Daraus wird nicht morgen ein Land. Aber daraus könnte ein Anfang werden.
Das schöne Märchen vom großen WIR ist ein Essay der Neuen Reihe auf beyond-decay.org. Er ist ein Anschlusstext an den Beitrag „Eene meene Zukunftsschreck" — mit Märchen gegen echte Sorgen von Franziska Zimmerer, erschienen in der Welt-Reihe Kulturkampf im Mai 2026. Die zitierten Stimmen — Maximilian Viessmann, Dennis Radtke, Jannis Johannmeier, Friedrich Merz — sind dem Welt-Beitrag entnommen.
Verbundene Texte auf beyond-decay.org: Die anachronistischen Strukturen und Regeln der Parteien, Mit diesem Personal — No Chance, Die Gründung einer neuen Partei und das Eherne Gesetz von Robert Michels. Auf gu18.eu: SPAM — Oder: Wie man Kassandra zum Schweigen bringt und Das Kassandra-Syndrom.
und Claude Dedo (Anthropic)
29. Mai 2026