Was geschieht, wenn die nächste Krise (Pandemie) kommt
Nachtrag zu „Müssen Staaten sich verschulden?“
Wann die nächste große Krise kommt, kann niemand sagen. Von 62 Ländern, die 2008 und 2009 in die Rezession fielen, hatten die Prognostiker es zum Jahresende davor bei keinem einzigen vorhergesagt. Sagen lässt sich aber, womit wir ihr begegnen würden. Die Bremsen, die 2008 und 2020 gegriffen haben, sind abgenutzt.
I. Was die letzte Krise gekostet hat
Eine vollständige Rechnung der Corona-Pandemie gibt es bis heute nicht, weder in Deutschland noch in einem anderen Land, das wir gefunden haben. Es gibt nur Teilrechnungen, und sie messen Verschiedenes.
Der Internationale Währungsfonds hat die Hilfen der Staaten erfasst. Deutschland beschloss bis September 2021 direkte Ausgaben und Steuerausfälle von 15,3 Prozent seiner Wirtschaftsleistung, dazu Kredite, Beteiligungen und Bürgschaften von 27,8 Prozent. Die USA kamen bei den direkten Ausgaben auf 25,5 Prozent, Großbritannien auf 19,3, Frankreich auf 9,6, Schweden auf 4,2 Prozent.
Das Bundesfinanzministerium bezifferte die Kosten des Bundes für 2020 bis 2022 auf 439,7 Milliarden Euro. In dieser Summe stecken aber auch 86 Milliarden Euro, die in den Klima- und Transformationsfonds umgebucht wurden. Für die 60 Milliarden aus dem Jahr 2021 hat das Bundesverfassungsgericht diese Umbuchung 2023 für verfassungswidrig erklärt. Die Länder sind nicht enthalten. Von den Soforthilfen für kleine Betriebe, 14,1 Milliarden Euro, die 2020 weitgehend ohne Prüfung ausgezahlt wurden, sind bisher 1,4 Milliarden zurückgeflossen.
Das Institut der deutschen Wirtschaft schätzt den Verlust an Wirtschaftsleistung für 2020 und 2021 auf rund 350 Milliarden Euro. Die Enquete-Kommission des Bundestags, die aufarbeiten soll, was richtig und was falsch lief, arbeitet noch.
II. Warum die letzte Krise billig war
2020 kostete Geld fast nichts. Die Zinsen lagen bei null, die Inflation unter dem Ziel der Europäischen Zentralbank. Die EZB konnte Staatsanleihen in großem Umfang kaufen, ohne gegen ihren Auftrag zu verstoßen. Der Bund gab 2021 nur 1,5 Prozent seiner Steuereinnahmen für Zinsen aus. Die Hunderte von Milliarden, die er sich lieh, belasteten den Haushalt zunächst kaum.
III. Was heute anders ist
Heute gibt der Bund 7,7 Prozent seiner Steuereinnahmen für Zinsen aus, für 2030 werden 18 Prozent erwartet. Die weltweiten Schulden haben Mitte 2026 mit über 365 Billionen Dollar einen Rekord erreicht. Die Zinsen auf Staatsanleihen sind in den USA, Frankreich, Japan und Großbritannien so hoch wie seit über zehn Jahren nicht. Die Bundesbank schreibt Verluste und führt seit 2019 keinen Gewinn mehr an den Bund ab.
Eine einfache Überschlagsrechnung zeigt, was das bedeutet. Ein Hilfspaket in der Größe von 2020, rund 15 Prozent der Wirtschaftsleistung, wären heute etwa 650 Milliarden Euro. Bei 3 Prozent Zins kostet das rund 20 Milliarden Euro im Jahr, auf Dauer. 2020 kostete dasselbe Geld fast nichts.
Auch die EZB hätte weniger Spielraum. Eine Pandemie stört Lieferketten und treibt die Preise, das haben 2021 und 2022 gezeigt. Trifft die nächste Krise auf steigende Preise, muss die Notenbank wählen: den Staaten helfen oder die Inflation bekämpfen.
Und die Vorsorge ist schwächer, als man nach der letzten Pandemie erwarten würde. Das unabhängige Global Preparedness Monitoring Board stellte im Mai 2026 fest, dass das Risiko steigt und die Vorbereitung nicht Schritt hält. Die WHO entdeckte 2024 fast doppelt so viele Gesundheitsnotlagen wie 2015. Das Pandemieabkommen der WHO ist beschlossen, kann aber erst unterzeichnet werden, wenn ein Anhang über das Teilen von Erregerproben fertig ist; die Verhandlungen wurden bis Mai 2027 verlängert. Die USA sind seit Januar 2026 nicht mehr Mitglied der WHO. Und das Vertrauen der Bevölkerung in Impfstoffe und Behörden ist geringer als 2020.
IV. Wer wieder zahlen würde
Wie eine Krise verläuft, kann man nicht vorhersagen. Wie bisher gerettet wurde, kann man nachlesen. Gerettet wurde, was groß genug war, und bezahlt wurde über die Staatsschuld, also über die Steuern aller. Das billige Geld trieb die Preise von Häusern und Aktien und machte die reicher, die sie schon besaßen. Mieter, kleine Selbständige und Kinder in geschlossenen Schulen trugen die Last, ohne gefragt zu werden.
Wir haben diese Muster in „Die Rechnung, die keiner aufmacht“ und „Der Zins ist nicht der Täter“ beschrieben. An den Regeln, die sie hervorgebracht haben, hat sich seither nichts geändert.
V. Was daraus folgt
Ein Regelungstechniker würde sagen: Die Rückkopplung aus der letzten Krise ist nicht geschlossen. Es gibt keine geprüfte Gesamtrechnung, die Aufarbeitung ist nicht abgeschlossen, das internationale Abkommen ist nicht unterschrieben. Ein System, das die letzte Störung nicht gemessen hat, antwortet auf die nächste ungefähr so wie auf die letzte, nur mit weniger Reserven.
Das Mindeste wären drei Dinge, die sich im Frieden erledigen lassen und nicht erst in der Panik:
- eine vollständige, öffentliche Rechnung der Pandemiekosten von Bund, Ländern und Sozialkassen;
- Regeln, die vorab festlegen, wer unter welchen Bedingungen Hilfe bekommt und was er dafür zurückgeben muss;
- ein Plan, wie eine Krise finanziert wird, wenn das Geld nicht mehr umsonst ist.
Die nächste Krise wird kommen. Ob sie wieder diejenigen am härtesten trifft, die am wenigsten haben, entscheidet sich vorher.
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