Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 22. Oktober 2026

Die kleinen und die fetten Würstchen

Eine Wurstkunde der Weltpolitik

Es geht um die Wurst. Die Frage ist nur, um welche.

I. Eine kleine Wurstkunde

Wer in Nürnberg lebt, lernt früh, dass Größe bei Würsten nichts bedeutet. Die Nürnberger Rostbratwurst ist kaum länger als ein Finger, trägt aber eine geschützte Herkunftsbezeichnung und ist kräftiger gewürzt als manche Wurst, die doppelt so lang ist. Allein sättigt sie niemanden. Deshalb kommt sie zu dritt im Weggla.

So funktionieren die kleinen Staaten. Luxemburg, die baltischen Länder oder Singapur übersieht man einzeln, im Verbund reden sie mit. Die Europäische Union ist im Grunde ein sehr großes Weggla mit siebenundzwanzig Würstchen, und ihr Problem ist bekannt: Jedes Würstchen will in der Mitte liegen.

Daneben gibt es die anderen Sorten. Die Weißwurst darf das Mittagsläuten nicht hören, sie ist der Politiker mit Verfallsdatum, morgens frisch gewählt und am Nachmittag nicht mehr genießbar. Das Würstchen im Schlafrock ist der Diplomat: außen weicher Teig, innen dasselbe Fleisch wie alle anderen. Und die Fleischwurst im Ring ist der Gipfel, bei dem alle im Kreis sitzen und am Ende wieder am Anfang stehen.

Zwei Sorten aber bestimmen die Weltpolitik dieser Jahre: das kleine Würstchen, das sich für ein Filet hält, und die fette Wurst, die beim Braten platzt.

II. Das kleine Würstchen, das sich für ein Filet hält

Im Dezember 1989 saß in Dresden ein Oberstleutnant des sowjetischen Geheimdienstes und verbrannte Akten. Als die Menge vor dem Gebäude stand, rief er bei der Armee an und bat um Schutz. Die Antwort, so hat er es später selbst erzählt: Ohne Befehl aus Moskau könne man nichts tun, und Moskau schweige. Wladimir Putin war damals das, was man ein kleines Würstchen nennt, ein mittlerer Beamter in einer Provinzstadt eines Imperiums, das gerade zerfiel und ihn nicht einmal einer Antwort würdigte.

Diese Erfahrung hat er nie verwunden. Alles, was danach kam, lässt sich als Versuch lesen, nie wieder das Würstchen zu sein, das in Moskau anruft und niemanden erreicht. Er wurde der, bei dem alle anrufen müssen.

Gemessen an der Wirtschaftskraft ist Russland heute ungefähr so groß wie Italien. Das ist kein kleines Land, aber auch kein Filet. Was Russland am Tisch der Großen hält, ist das Gewürz: rund 5.500 Atomsprengköpfe. Ohne sie wäre Russland ein Rohstofflieferant mit Armee. Mit ihnen ist es eine Großmacht, die man fürchten muss.

Wie sich ein kleines Würstchen zeigt, wenn es Filet spielen will, sah man im Februar 2022. Den französischen Präsidenten und den deutschen Bundeskanzler empfing Putin an einem Tisch, der so lang war, dass man sich fast zurufen musste. Der Tisch sollte Größe zeigen. Er zeigte Abstand, und ein Mann, der Abstand braucht, um groß zu wirken, ist es nicht. Wenige Tage später begann der Krieg gegen die Ukraine.

Das kleine Würstchen ist die gefährlichste Sorte, nicht weil es stark ist, sondern weil es beweisen muss, dass es stark ist. Wie es dabei mit dem Staat umgeht, haben wir in „Beute, Pacht und Erbe“ beschrieben: Das Land wird zur Beute, die Gefolgsleute bekommen ihren Anteil, und wer nicht mitmacht, lebt gefährlich.

III. Die fette Wurst

Die Familie des amerikanischen Präsidenten stammt aus Kallstadt in der Pfalz, mitten im Land des Saumagens. Mit dem Saumagen hat Helmut Kohl seine Staatsgäste bewirtet, von Gorbatschow bis Thatcher. Die Pfälzer haben also Erfahrung mit großen Portionen. Was aus Kallstadt nach Amerika ging, hat diese Erfahrung offenbar mitgenommen.

Die fette Wurst erkennt man an zwei Dingen: viel Füllung und dünne Pelle. Die Füllung ist das Ego, und das Gold an den Wänden ist nur die Würze. Die Pelle ist alles, was es zusammenhalten soll: Institutionen, Verbündete, Regeln, Gerichte. Je mehr hineingestopft wird, desto dünner wird sie.

Donald Trump hat einmal Steaks unter seinem Namen verkauft, 2007 über einen Versandhändler, mit mäßigem Erfolg. Als 2019 eine Footballmannschaft im Weißen Haus empfangen wurde, ließ er Hamburger und Pommes auf Silbertabletts servieren. Das ist die Ästhetik der fetten Wurst: Masse statt Maß, und alles auf Silber.

Fette Würste platzen in der Pfanne, und dieser Mann hat das Platzen zum Geschäftsmodell gemacht. Seine Kasinos gingen mehrfach in die Insolvenz, er selbst blieb immer obenauf. In der Politik funktioniert es ähnlich. Zölle werden verkündet, ausgesetzt, verdoppelt und wieder zurückgenommen, Verbündete werden bedroht und danach umarmt. Die Wurst platzt, und die Brühe läuft den anderen über den Teller.

Auch die fette Wurst zeigt sich gern mit einem Buch in der Hand, ohne es zu öffnen. Wir haben das im Gottprotz beschrieben.

IV. Wer die Würstchen bezahlt

Kleine und fette Würstchen haben mehr gemeinsam, als ihnen lieb ist. Beide halten sich für das Hauptgericht. Beide brauchen ein Publikum, das zusieht, wie sie gegessen werden wollen. Und beide zahlen nie selbst.

Die Rechnung tragen andere. Beim kleinen Würstchen sind es die jungen Männer, die an die Front geschickt werden, und die Städte, die in Trümmern liegen. Bei der fetten Wurst sind es die Bauern, deren Exporte an Zöllen scheitern, die Arbeiter, denen versprochen wurde, die Fabriken kämen zurück, und die Verbündeten, die lernen müssen, dass Freundschaft eine Rechnung hat.

Das Weggla Europa hat in diesem Spiel nur eine Chance: zusammenzuhalten. Drei Rostbratwürste im Brötchen sind eine Mahlzeit. Eine einzelne fällt durch den Grillrost.

Auch in Bayern kennt man übrigens ein Würstchen, das jahrelang vor jeder Kamera in eine Bratwurst biss, sich dabei für die ultimative Weißwurst hielt und neuerdings den Staatsmann gibt. Wir haben es in „In Bayern ist alles Woschd“ porträtiert. Es ist eine eher harmlose, jovial auftretende Sorte, eher Grillgut als Weltpolitik.

V. Der Senf

Am Ende ist es gleichgültig, wie fett das Würstchen ist. Entscheidend ist, wer den Senf dazugibt, und davon gibt es in der Weltpolitik mehr als genug, in den Talkshows, in den Kommentarspalten und, wir geben es zu, auch auf dieser Website.

Der Rheinländer weiß es ohnehin: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Das ist der Trost bei jedem Weltmachtanspruch. Auch das größte Imperium hat ein Ende, und das kleine Würstchen in Dresden hat es 1989 selbst erlebt. Die fette Wurst wird es auch erleben. Die Frage ist nur, wie viel Fett dabei in die Glut tropft.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 22. Oktober 2026.

Quellen. Wladimir Putin, Aus erster Hand. Gespräche mit Wladimir Putin, 2000 (zu Dresden 1989). · Federation of American Scientists, Status of World Nuclear Forces 2025. · Internationaler Währungsfonds, World Economic Outlook Database (Bruttoinlandsprodukt Russland und Italien). · Treffen Putin–Macron am 7. Februar 2022 und Putin–Scholz am 15. Februar 2022 im Kreml. · Kallstadt als Herkunftsort von Friedrich Trump; Helmut Kohls Saumagen-Essen in Deidesheim. · Trump Steaks, The Sharper Image, 2007; Empfang der Clemson Tigers im Weißen Haus, 14. Januar 2019.