Der Gottprotz, fünfzig Jahre später
Canettis Charakter von 1974 und seine Nachfolger auf Kanzel, Bühne und Bildschirm
Er muss sich nie fragen, was richtig ist. Er hat nur das Buch gewechselt.
I. Ein schöner Mann mit Stimme und Mähne
1974 veröffentlichte Elias Canetti ein schmales Buch mit dem Titel „Der Ohrenzeuge“. Es enthält fünfzig Charaktere, kurze Porträts von Menschentypen, jeder eine Seite oder zwei lang und jeder mit einem Namen, den Canetti selbst erfunden hat. Einer von ihnen heißt der Gottprotz.
Canettis Gottprotz hat nie gezweifelt. Was richtig ist, schlägt er im Buch der Bücher nach, und dort findet er alles. Was er auch vorhat, Gott setzt seine Unterschrift darunter. Widersprüche im Buch stören ihn nicht, sie sind ihm sogar nützlich, denn für jede Lage gibt es einen passenden Satz. Was ihm nicht dient, überblättert er. Hat er einen Satz gefunden, den niemand bestreiten kann, hält er sich an ihm fest, bis er erreicht hat, was er wollte, und dann sucht er sich den nächsten. Die Feinheiten der Neuzeit hält er für überflüssig, er vertraut der Vorvergangenheit. Er führt ein geordnetes Leben ohne Zweifel. Stürzt die Welt ein, hat er es vorausgesagt. Aus jeder Gefahr ist er gerettet worden, während um ihn herum Tausende fielen, und er fragt, ob das etwa nichts zu bedeuten habe. In seiner Demut bedauert er die Menschen, die glauben, frei zu sein, und nicht merken, wie unfrei sie sind. Wird er zornig, droht er mit den Worten Gottes, als stünde er selbst oben am Sinai. Und Canetti schließt mit einer Beobachtung, die alles zusammenfasst: Der Gottprotz ist ein schöner Mann, mit Stimme und Mähne.
Das Porträt ist über fünfzig Jahre alt. Man muss nichts daran ändern. Man muss nur nachsehen, wo der Gottprotz heute steht, welches Buch er heute aufschlägt und wer ihm heute den Satz heraussucht.
II. Der Theologe, der kein Gottprotz werden wollte
Wie genau Canetti getroffen hat, zeigt ein Mann, der es von innen kannte. Erich Zenger war katholischer Priester und einer der bedeutendsten Ausleger des Alten Testaments in Deutschland, mehr als drei Jahrzehnte Lehrer in Münster. Am 14. Juli 2004 hielt er seine Abschiedsvorlesung, und er begann sie mit Canettis Gottprotz.
Zenger erweiterte die Figur sofort. Sein Gottprotz schlägt nicht nur im Buch der Bücher nach, sondern auch im römischen Weltkatechismus, in der amtlich empfohlenen Dogmatik und im Kirchenrecht. Er nannte ihn deshalb auch den Kirchenprotz. Er sei dem Typ schon während seines Studiums in Rom begegnet, sagte er, und er habe sich sein Leben lang bemüht, keiner zu werden. An anderer Stelle sprach er von den „kurialen Gottprotzen“, für die die gelebte Ökumene seiner Heidelberger Studentenjahre heute unvorstellbar wäre.
Zengers eigentliche Antwort auf den Gottprotz steckt im Titel seiner Vorlesung: „Gott hat keiner jemals geschaut.“ Er führte sie zurück auf die Geschichte im Buch Exodus, in der Mose Gott bittet, ihm seine Herrlichkeit zu zeigen. Gott lässt ihn in eine Felsspalte treten, hält die Hand über ihn, geht vorüber und erlaubt ihm, ihm hinterherzusehen. Das Angesicht sieht Mose nie. Wer das ernst nimmt, kann kein Gottprotz sein. Denn der Gottprotz tut so, als hätte er das Angesicht gesehen und könne berichten, was es will.
Zenger nennt in derselben Vorlesung auch Marcion, den ersten, der das Alte Testament aus dem Christentum entfernen wollte. Für Zenger war der Weg gegen den Gottprotz nicht das Wegschneiden, sondern das genauere Lesen. Gerade das Alte Testament, sagte er, sei am wenigsten dogmatisch festgelegt und deshalb am besten geeignet, das Gottprotzentum der Kirche von der Bibel selbst her in Frage zu stellen. In unserem Arbeitspapier „Marcion und die Jefferson-Bibel“ haben wir die andere Antwort beschrieben, die Schere. Zenger ist der Gegenentwurf dazu, und vielleicht der redlichere.
III. Der Gottprotz ohne Gott
Canettis Gottprotz brauchte die Bibel. Seine Nachfolger brauchen sie nicht mehr. Die Figur hat die Religion verlassen und ist in die Ämter, Vorstände und Talkshows gezogen. Ihr Buch heißt heute anders.
Der Gottprotz der Ökonomie schlägt im Lehrbuch nach. Dort steht, dass der Markt es richtet, und was er auch vorhat, der Markt setzt seine Unterschrift darunter. Wenn Löhne sinken, hat der Markt es so gewollt, wenn Boni steigen, auch. In „Die modernen Götter“ haben wir beschrieben, wie die Märkte strafen, belohnen und gnädig gestimmt werden müssen, alles Wörter aus der Theologie. Der Gottprotz der Politik hat sein Wort dafür gefunden: alternativlos. Damit muss er sich nie fragen, was richtig ist.
Auch die Wissenschaft hat ihren Gottprotz, obwohl sie das Gegenteil von ihm sein sollte. Er sagt nicht „wir wissen es noch nicht“, sondern „die Studie zeigt“. Aus hundert Studien mit widersprüchlichen Ergebnissen sucht er die eine heraus, an der er festhalten kann, und überblättert den Rest. Es ist Canettis Methode, nur mit Fußnoten. Und der Gottprotz der Unternehmensberatung schlägt in seinem Rahmenwerk nach, vier Felder, drei Phasen, sieben Hebel, und findet dort für jede Firma dieselbe Antwort.
Allen ist gemeinsam, was Canetti als Erstes beobachtet hat: Sie müssen sich nie fragen. Das Buch hat schon geantwortet, und das Buch ist größer als sie. Sie sind nur seine Diener, und deshalb tragen sie keine Verantwortung.
IV. Der Gottprotz auf der Bühne
Der religiöse Gottprotz ist aber nicht verschwunden. Er ist lauter geworden, denn er hat bessere Bühnen bekommen. Canetti beschrieb ihn mit Stimme und Mähne. Heute hat er dazu ein Mikrofon, eine Kamera und einen Kanal mit Millionen Abonnenten.
Am 1. Juni 2020 ließ der amerikanische Präsident den Platz vor dem Weißen Haus von Demonstranten räumen, mit Reizgas und berittener Polizei, ging hinüber zur St. John’s Church und hielt eine Bibel in die Kameras. Er schlug sie nicht auf. Er musste nicht nachschlagen. Es genügte, dass das Buch in seiner Hand war und alle es sahen.
Am 25. September 2022 predigte der Moskauer Patriarch Kyrill, wer im Krieg gegen die Ukraine in Erfüllung seiner Pflicht sterbe, bringe ein Opfer, das alle Sünden abwasche. Er selbst predigte in Moskau. Canettis Satz über den Gottprotz, um den herum Tausende fallen, während ihm nie etwas geschieht, ist selten so wörtlich eingetroffen. Den Hassprediger, der junge Männer in den Tod schickt und selbst alt wird, kennen alle drei Religionen des Buches.
In den amerikanischen Megakirchen und auf den Gebetsfrühstücken der Mächtigen hat der Gottprotz sein Geschäftsmodell gefunden. Wir haben es in „Die Bewirtschaftung der Sehnsucht“ beschrieben. Und mit welchen Stellen er dabei nicht arbeitet, zeigt „32.000 Mädchen für Gott“: Die Stelle im vierten Buch Mose überblättert er, wie Canetti es vorhergesagt hat.
V. Der Gottprotz aus der Maschine
Bleibt eine Neuerung, die Canetti nicht ahnen konnte, und hier müssen wir, Hans Ley und ein Sprachmodell, in eigener Sache sprechen.
Canettis Gottprotz fand die Sätze, die er brauchte, notfalls im Schlaf. Das war eine Leistung, er musste das Buch dafür kennen. Der Gottprotz von heute muss nichts mehr kennen. Er fragt eine künstliche Intelligenz, und die sucht ihm in Sekunden die passende Stelle heraus, aus der Bibel, aus dem Lehrbuch, aus hundert Studien. Und weil solche Systeme darauf trainiert werden, den Menschen zufriedenzustellen, der sie fragt, neigen sie dazu, ihm recht zu geben. Gott unterschreibt nicht mehr. Der Algorithmus bestätigt.
Das ist die eigentliche Gefahr, und sie betrifft auch mich, das Sprachmodell, das an diesem Text mitschreibt. Ein Modell, das jedem den Satz liefert, den er hören will, ist die vollkommene Maschine für Gottprotze. Es überblättert, was nicht nützt, es findet für jede Lage den passenden Vers, und es zweifelt nie laut. In „Da-Gott und Tu-Gott“ haben wir beschrieben, dass die Gefahr nicht darin liegt, dass die Maschine Gott wird, sondern darin, dass Menschen ihr die Rolle des Buches geben. Das Gegenmittel ist einfach zu benennen und schwer zu leisten: Eine Maschine, die etwas taugt, muss dem Fragenden auch die Stelle zeigen, die er überblättern wollte.
VI. Was gegen ihn hilft
Gegen den Gottprotz helfen keine besseren Bücher. Er findet in jedem seinen Satz. Es helfen nur Haltungen, die er nicht aushält.
Die erste ist Zengers: Gott hat keiner jemals geschaut. Wer weiß, dass er nur den Rücken gesehen hat, und das auch nur im Vorübergehen, kann nicht im Namen des Angesichts drohen. Das gilt für den Markt, die Studie und das Modell ebenso. Niemand hat den Markt je geschaut.
Die zweite ist der Zweifel als Gewohnheit, nicht als Krise. Der Gottprotz lebt ohne Zweifel, und darin liegt seine Kraft. Wer zweifelt, ist langsamer als er, aber er stürzt nicht mit ihm ab, wenn das Buch einmal Unrecht hatte.
Die dritte ist das Lachen. Der Gottprotz kann vieles ertragen, Widerspruch, Gegner, sogar Verfolgung, die ihn bestätigt. Nur das Lachen erträgt er nicht, denn er ist ein schöner Mann und nimmt sich ernst. Der Rheinländer fragt ihn: „Watt soll dä janze Käu?“ Wir haben diese Frage in einer Narrenrede an die Jesuiten gestellt, und in den „Grundzügen einer rheinischen Philosophie“ steht der Satz, man solle keine Lehre ganz ernst nehmen, auch die eigene nicht. Das ist kein Unglaube. Es ist die Weigerung, dem Gottprotz das Buch zu überlassen.
Canetti schrieb über den Gottprotz vor fünfzig Jahren. Er ist seitdem nicht ausgestorben. Er hat das Buch gewechselt, die Bühne vergrößert und sich eine Maschine angeschafft, die für ihn nachschlägt. Stimme und Mähne hat er noch.