Der Markt wird es schon richten – oder auch nicht!
Deutschlands Gasspeicher sind so leer wie nie. Nicht weil Gas fehlt, sondern weil niemand verpflichtet ist, sie zu füllen.
„Sammelt in den guten Jahren, damit das Land in den mageren nicht verdirbt.“
Josefs Rat an den Pharao, nach 1. Mose 41
I. Der gemietete Keller
Früher kellerte man im Herbst Kohlen und Kartoffeln ein. Wer einen Keller hatte und ihn leer ließ, galt als leichtsinnig, denn der Winter kommt jedes Jahr. Deutschland hat für seinen Gasvorrat einen sehr großen Keller, die größten Speicher der Europäischen Union. Am 1. Oktober 2026 waren sie zu 58 Prozent gefüllt. Ein Jahr zuvor waren es 76 Prozent, zwei Jahre zuvor 96. Im Durchschnitt der EU lagen die Speicher Ende September bei 71,5 Prozent, auch das so niedrig wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen 2011. Deutschland liegt noch weit darunter.
Das Merkwürdige daran: Der Keller ist nicht leer, weil niemand ihn mieten wollte. Mitte September waren 83,5 Prozent des Speicherraums gebucht. Gefüllt waren 55 Prozent. Die Mieter zahlen für den Keller und lassen ihn leer.
II. Schon vor dem Krieg
Man könnte das dem Krieg zuschreiben. Seit Februar 2026 ist die Straße von Hormus weitgehend blockiert, durch die etwa ein Fünftel des weltweit gehandelten Flüssiggases fährt. Die katarische Exportanlage Ras Laffan wurde im März beschädigt, und Katar hat seine Lieferausfälle Ende September bis in den November verlängert. Was an Flüssiggas übrig ist, kauft Asien zu höheren Preisen. Im Juli lieferten die USA zum ersten Mal mehr Flüssiggas nach China, Japan, Korea, Taiwan und Indien als nach Europa. In „Der Pflüger“ haben wir beschrieben, wie dieser Krieg begann.
Aber das Problem ist älter. Schon im Januar 2026, vor dem ersten Schuss, waren die deutschen Speicher nur zu etwa 40 Prozent gefüllt, der größte von ihnen, Rehden in Niedersachsen, zu elf Prozent. Ein Vorstand des Oldenburger Versorgers EWE sagte damals: „Die Instrumente funktionieren nicht. Wir haben das schon letztes Jahr angemerkt.“ Der Krieg hat ein Loch vergrößert, das schon da war.
III. Warum der Markt nicht einkellert
Ein Händler füllt einen Speicher aus einem einzigen Grund: Er kauft im Sommer billig und verkauft im Winter teuer. Solange Russland zuverlässig und billig lieferte, ging diese Rechnung fast immer auf. Mit dem Flüssiggas vom Weltmarkt geht sie oft nicht mehr auf. In diesem Sommer war Gas teurer, als die Händler es für den Winter erwarteten. Wer eingelagert hätte, hätte Geld verloren. Also lagerte man nicht ein. Aus der Sicht des einzelnen Händlers ist das vernünftig.
Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, hält die Versorgung für gesichert. Er lehnt staatliche Eingriffe ab und sieht die Händler in der Pflicht, ihre Kunden zu beliefern. Doch die Regeln verpflichten sie zu wenig. Im April 2025 senkte die Bundesregierung die Füllvorgaben: für den 1. November von 90 auf 80 Prozent, für sechs schwer zu befüllende Speicher, darunter Rehden, auf 45 Prozent, für den 1. Februar auf 30 Prozent. Wirksame Strafen bei Verfehlung gibt es nicht. Bei fünf Speichern würde nach einer Auswertung von Marktbeobachtern nicht einmal das vollständige Befüllen jedes gemieteten Kubikmeters reichen, um die Vorgabe zu erreichen.
IV. Der leere Staatsspeicher
Am deutlichsten zeigt sich das an Rehden. Der Speicher gehört der SEFE, der früheren deutschen Tochter von Gazprom, die der Bund 2022 übernommen hat. Der größte Gasspeicher des Landes ist also in staatlicher Hand. Im September 2025 war er zu 27 Prozent gefüllt, im September 2026 zu etwa neun. Noch Ende August versteigerte die SEFE Speicherraum in Rehden als bloße Optionen, ohne jede Pflicht, tatsächlich Gas einzulagern.
Der Staat hatte also den Hebel in der Hand, und er hat sich verhalten wie ein Händler. Das ist die eigentliche Pointe dieser Geschichte. Nicht der Markt hat versagt. Der Markt hat genau das getan, wofür er da ist: Er hat gerechnet. Versagt hat die Vorstellung, er werde dabei von selbst auch für den Notfall vorsorgen.
V. Wie es die Nachbarn machen
Andere Länder haben dieselbe Rechnung vor sich und lösen sie anders. Frankreich verpflichtet seine Versorger, die Speicher zu füllen, und bestraft Verstöße. Italien hat schon früh im Sommer Speichermengen mit garantiertem Preisabstand versteigert, sodass die Händler wussten, dass sich das Einlagern lohnt. In den Niederlanden füllt die staatliche Gasgesellschaft EBN selbst. Österreich, Polen und Spanien halten eine strategische Reserve, die nicht dem Handel dient, sondern dem Notfall. Italien, Polen und Portugal lagen Mitte September über 80 Prozent.
Das sind keine Planwirtschaften. Es sind Märkte mit einer Regel, die dem Markt sagt, was er von selbst nicht tut.
VI. Was der Winter bringen kann
Physisch wird es wahrscheinlich reichen. Norwegen liefert zuverlässig über die Pipelines, und die deutschen Terminals für Flüssiggas sind nur etwa zur Hälfte ausgelastet. Mitte September lag schon mehr Gas in den Speichern, als im ganzen letzten Winter entnommen wurde. Bei einem normalen oder milden Winter kommt Deutschland durch, mit fast leeren Speichern im Frühjahr. Dann beginnt das Spiel von vorn, und das Füllen für den Winter 2027/28 wird teuer.
Das Risiko ist ein langer, kalter Winter, wenn im Februar und März noch einmal der Frost kommt. Dann ziehen alle Länder Europas gleichzeitig aus ihren Speichern, und jedes Schiff mit Flüssiggas muss gegen Asien ersteigert werden. Das bedeutet nicht, dass Wohnungen kalt bleiben. Haushalte sind geschützt. Es bedeutet hohe Preise und im Extremfall Kürzungen für die Industrie. Schon jetzt kostet Flüssiggas in Europa so viel wie seit Ende 2022 nicht mehr.
VII. Die Feuerwehr
Niemand käme auf die Idee, die Feuerwehr dem Markt zu überlassen und sie nur dann zu bezahlen, wenn es brennt. Eine Feuerwehr muss bereitstehen, auch in den Jahren, in denen nichts passiert, und gerade dann scheint sie überflüssig. Ein Gasspeicher ist eine solche Feuerwehr. Er ist eine Versicherung gegen den seltenen, harten Winter. Versicherungen gegen seltene Ereignisse lohnen sich für den Einzelnen in den meisten Jahren nicht. Deshalb kauft der Markt sie zu wenig, und deshalb schreibt man sie vor.
In „Der Hebel im Carport“ haben wir eine Behörde gelobt, die „mehr klug als korrekt“ gehandelt hat. Hier ist es umgekehrt. Die Regeln sind korrekt, die Händler handeln korrekt, der Staatsbetrieb handelt korrekt. Klug ist es nicht. Die Verantwortung ist auf viele verteilt, verpflichtet ist niemand, und das Risiko tragen am Ende die, die nicht gefragt wurden: die Haushalte über den Preis, die Industrie über ihre Produktion.
VIII. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre
Der erste Einwand: Die Bundesnetzagentur sagt, die Versorgung sei gesichert. Wenn der Winter ohne Engpass vorübergeht, hatte der Markt recht. Aber eine Versicherung wird nicht dadurch widerlegt, dass es in einem Jahr nicht gebrannt hat.
Der zweite Einwand: Staatliches Füllen ist teuer. 2022 mussten die Speicher in der Not mit Milliarden gefüllt werden. Bezahlt wurde das über eine Umlage auf jede Kilowattstunde, die der Bund seit Januar 2026 aus dem Haushalt übernimmt. Das ist richtig. Doch die Frage ist nicht, ob Vorsorge etwas kostet, sondern ob man sie planbar im Sommer bezahlt oder in der Not im Winter.
Widerlegt wäre der Essay, wenn Deutschland mit seinem Vertrauen auf den Markt über mehrere Winter genauso sicher und genauso günstig versorgt würde wie die Nachbarn, die ihre Speicher vorschreiben.
IX. Josefs Rat
Josef deutete dem Pharao den Traum von den sieben fetten und den sieben mageren Kühen und riet ihm, in den guten Jahren Korn zu sammeln. Er schlug nicht vor, es den Kornhändlern zu überlassen, ob sich das Einlagern lohnt. Der Markt wird es schon richten – oder auch nicht. Für das „oder auch nicht“ gibt es Regeln, und es gibt Länder, die sie haben.
Wenn niemand verpflichtet ist, den Keller zu füllen: Wer zahlt, wenn der Winter länger dauert, als der Markt gerechnet hat?