Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 3. Oktober 2026

Der Pflüger

Wie wird man in den USA Präsident? Und wem nützt der umgepflügte Acker?

„Ich allein kann es in Ordnung bringen.“
Donald J. Trump, Nominierungsparteitag der Republikaner, 21. Juli 2016

I. Die Frage

Wie konnte ein Mann wie Donald J. Trump zweimal Präsident der Vereinigten Staaten werden? Durch den Willen des Volkes, oder hat jemand die Fäden gezogen? Die Frage klingt, als müsse man sich entscheiden. Wir meinen, dass beide Antworten stimmen und dass gerade ihr Zusammenspiel das Interessante ist.

Die Stimmen waren echt. 2016 bekam Trump knapp drei Millionen Stimmen weniger als Hillary Clinton und gewann trotzdem, weil im amerikanischen System die Wahlmänner der Bundesstaaten entscheiden. Den Ausschlag gaben rund 77.000 Stimmen in Wisconsin, Michigan und Pennsylvania, also im alten Industriegürtel, wo die Fabriken nach China abgewandert waren. 2024 gewann er auch die Mehrheit der abgegebenen Stimmen, als erster Republikaner seit zwanzig Jahren. Die Inflation, die Einwanderung und eine Partei, die ihren alten Präsidenten zu spät ersetzte, haben ihm dabei geholfen.

Doch bevor ein Wähler wählen kann, muss jemand auf dem Stimmzettel stehen. Wer dort steht, entscheidet nicht der Wähler.

II. Die unsichtbare Vorwahl

Die amerikanische Politikwissenschaft hat für die Zeit vor den Vorwahlen einen eigenen Begriff: die unsichtbare Vorwahl. In ihr entscheidet sich, wer überhaupt ernsthaft antreten kann. Vier Autoren um John Zaller haben 2008 in „The Party Decides“ beschrieben, wie sich Funktionäre, Mandatsträger, Spender und Verbände vorab auf einen Kandidaten einigen und die Wähler ihn danach meist nur noch bestätigen. Der Politologe Thomas Ferguson geht weiter. Für ihn sind Parteien Bündnisse von Investoren, und wer den Wahlkampf bezahlt, bestimmt, worüber überhaupt abgestimmt wird. Zwei amerikanische Juristen haben dafür Anfang der 1990er Jahre den Begriff der Vermögensvorwahl geprägt: Bevor ein Kandidat die Wähler erreicht, muss er die kleine Gruppe der großen Spender überzeugen.

Bis 1968 lag die Auswahl bei den Parteibossen in ihren sprichwörtlichen verrauchten Hinterzimmern. Nach dem Chaos des Parteitags von Chicago gaben Reformen die Entscheidung an die Vorwahlen, also an die Wähler. Das war eine Demokratisierung. Aber der Filter verschwand nicht, er verschob sich. An die Stelle der Bosse traten Geld und Aufmerksamkeit. Und an den Vorwahlen beteiligt sich nur ein kleiner Teil. 2016 waren es 28,5 Prozent der Wahlberechtigten, so viele wie fast nie zuvor, und meist die engagiertesten, oft die radikaleren Anhänger. Wer sie gewinnt, hat die Kandidatur. Dort ist Einfluss am billigsten.

In Deutschland filtert der Apparat, wie wir in „Die Ochsentour“ beschrieben haben: Wer kandidieren will, muss sich durch Ortsverein, Kreisverband und Listenaufstellung dienen. In den USA filtern Geld und Kameras. Beide Systeme haben eine Vorauswahl, auf die der Wähler keinen Einfluss hat. Sie unterscheiden sich nur darin, wer dort sitzt.

III. Übernommen, bezahlt, bestellt

2016 hat das große Geld Trump nicht ausgewählt. In den Vorwahlen setzten die Spender auf andere. Der Unterstützerverband von Jeb Bush sammelte über hundert Millionen Dollar, die Familie des Hedgefonds-Milliardärs Robert Mercer finanzierte Ted Cruz, und das Netzwerk der Brüder Koch hielt sich aus der Präsidentschaftswahl ganz heraus. Trump siegte gegen sie, mit einem anderen Kapital: Aufmerksamkeit. Eine Untersuchung des Shorenstein Center in Harvard ergab, dass er 2015 rund ein Drittel der Berichterstattung über die republikanischen Bewerber bekam, im Wert von etwa 55 Millionen Dollar an Werbung, fast doppelt so viel wie sein nächster Konkurrent. Die Berichte kamen, bevor er in den Umfragen führte. Die Sender haben ihn nicht aus politischer Absicht groß gemacht, sondern weil er Quote brachte.

Danach kam der Handel. Im Mai 2016 veröffentlichte Trump eine Liste von elf möglichen Richtern für den Obersten Gerichtshof, zusammengestellt mit Hilfe der Heritage Foundation und der Federalist Society um Leonard Leo. Damit gewann er die konservativen Eliten, die ihm misstrauten. Die Mercers kamen im Sommer, mit Steve Bannon als Wahlkampfleiter, Peter Thiel sprach auf dem Parteitag. Bezahlt wurde nach dem Sieg: mit drei Richtern auf Lebenszeit und mit der Steuerreform von 2017, die den Steuersatz der Unternehmen dauerhaft von 35 auf 21 Prozent senkte, während die Entlastungen der Privatleute befristet waren.

2024 wurde nicht mehr übernommen, sondern bestellt. Elon Musk gab mehr als 260 Millionen Dollar aus, so viel wie nie ein einzelner Spender zuvor, und stellte seine Plattform in den Dienst des Wahlkampfs. Peter Thiel hatte schon 2022 den Senatswahlkampf von J. D. Vance mit rund 15 Millionen Dollar finanziert. Vance wurde Vizepräsident, und damit hatten sich die Geldgeber gleich den Nachfolger gesichert. In „Der Stein, der zurückblickt“ haben wir beschrieben, was Thiel dafür erwartet.

IV. Landschaftspflege

Ist es schon Verschwörungstheorie, wenn man annimmt, dass eine Gruppe die Zustände so gestaltet, dass sie ihr nützt? Nein. Das deutsche Wort dafür stammt aus der Flick-Affäre der 1980er Jahre: politische Landschaftspflege. So umschrieb der Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch die Zahlungen seines Konzerns an alle großen Parteien. Er bevorzugte niemanden, er pflegte die ganze Landschaft.

Die Gruppe, um die es geht, ist sehr verschieden. Ihre Mitglieder streiten in vielen Fragen und bekämpfen sich gegenseitig. Aber in einigen Punkten denken und handeln sie gleich: niedrige Steuern auf Kapital, wenig Regulierung, schwache Gewerkschaften, Richter, die das Eigentum schützen. Das muss niemand verabreden. 1971 schrieb der Anwalt Lewis Powell, zwei Monate bevor ihn Präsident Nixon an den Obersten Gerichtshof berief, eine Denkschrift für die amerikanische Handelskammer. Die Wirtschaft müsse sich politisch organisieren, in Universitäten, Medien, Gerichten und Denkfabriken. Zwei Jahre später wurde die Heritage Foundation gegründet. Das war kein geheimer Plan, sondern ein offenes Programm, und es wurde umgesetzt.

2014 haben die Politologen Martin Gilens und Benjamin Page rund 1.800 politische Entscheidungen in den USA ausgewertet. Die Wünsche wirtschaftlicher Eliten und organisierter Interessen hatten messbaren Einfluss, die Wünsche durchschnittlicher Bürger kaum eigenen. Die Studie ist umstritten, weil sich die Wünsche oft überschneiden. Die Richtung des Befundes hat niemand widerlegt.

Die Grenze zur Verschwörungstheorie überschreitet, wer annimmt, die Landschaftspfleger bekämen immer, was sie wollen. Trump ist dafür das beste Gegenbeispiel. Seine Zölle hat die Handelskammer bekämpft, seine Abschiebungen treffen Landwirtschaft, Bau und Gastronomie. Gleichgerichtete Interessen können ein Ergebnis begünstigen. Kontrollieren können sie es nicht. Das ist dieselbe Unterscheidung, die wir in „Die Maschine in der Maschine“ getroffen haben: Die große Maschine braucht keine Absprache, die kleine darin hat Namen.

V. Der Pflüger

Trump hat sich als Kämpfer des Volkes gegen das Establishment verkauft und als Friedensbringer, der Amerika aus den Kriegen anderer heraushält. Die Rolle, die er tatsächlich spielt, haben andere vor ihm beschrieben, und zwar offen. Der Programmierer und Blogger Curtis Yarvin, ein Vordenker im Umfeld Thiels, fordert seit Jahren einen starken Mann an der Spitze, der den Verwaltungsstaat zerschlägt. Seine Formel dafür heißt „RAGE“, Retire All Government Employees, alle Staatsbediensteten in den Ruhestand schicken. Steve Bannon kündigte im Februar 2017 vor konservativem Publikum den „Rückbau des Verwaltungsstaates“ an.

Der irrationale Zerstörer der verkrusteten Zustände ist in diesen Kreisen also eine gewünschte Rolle. Er pflügt den Acker um. Was danach gesät wird und von wem, ist eine andere Frage.

Das Bild des Friedensbringers hat nicht gehalten. Am 28. Februar 2026 begannen die USA gemeinsam mit Israel den Krieg gegen den Iran. Für Teile der eigenen Bewegung war das der Bruch. Marjorie Taylor Greene, einst eine der lautesten Anhängerinnen, hatte schon im Streit um die Akten des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein ihr Mandat niedergelegt. Im Juni 2026 trat sie aus der Partei aus. Im August verkündete sie zusammen mit dem Fernsehmoderator Tucker Carlson und dem Abgeordneten Thomas Massie eine neue Bewegung. Über Trump sagte sie: „Er hat uns alle verraten.“ Ende September 2026 lag die Zustimmung zu Trump im Durchschnitt der Umfragen bei 39 Prozent, so niedrig wie nie in seiner zweiten Amtszeit.

VI. Seifenblase oder Peronismus

Was geschieht, wenn der Pflüger geht? An dieser Stelle sind wir, die Verfasser, nicht einer Meinung, und wir legen den Dissens offen.

Der eine von uns sieht in Trump in seiner Wirkung eine inszenierte Revolution. Die Eliten denken nicht an die nächste Wahl, sie haben einen viel längeren Zeithorizont. Trump zerschlägt, was verkrustet ist, und verkauft das als Aufstand des Volkes. Nach seinem Abgang, wann und wie er auch kommt, zerplatzt die MAGA-Bewegung wie eine Seifenblase. Das Volk hat dann gelernt, dass es niemanden gibt, der es rettet. Es richtet sich im alten Spiel ein, und die Eliten können es von neuem spielen.

Der andere hält die Seifenblase für eine von zwei Möglichkeiten. Die Bewegung von Silvio Berlusconi war ganz auf ihn zugeschnitten und schrumpfte nach ihm zur Bedeutungslosigkeit. Der Peronismus dagegen überlebte achtzehn Jahre Exil und den Tod seines Gründers und regiert Argentinien bis heute immer wieder, weil er einen Apparat hatte, die Gewerkschaften. MAGA hat ebenfalls einen Apparat: die Heritage Foundation mit ihrem Regierungsprogramm von fast tausend Seiten, die Federalist Society, ein Richterkorps auf Lebenszeit und einen Nachfolger, den Thiel und Musk aufgebaut haben. Und der Zorn verschwindet nicht in Resignation, er sucht sich neue Fahrzeuge, wie die Bewegung von Greene und Carlson zeigt.

Einig sind wir uns in dem Punkt, auf den es ankommt: Für die Landschaftspfleger sind beide Ausgänge ein Gewinn. Zerplatzt die Bewegung, bleibt ein Volk zurück, das nicht mehr an Rettung glaubt. Überlebt sie unter Vance, regiert die kleine Maschine ohne den unberechenbaren Mann, der ihr gelegentlich in die Quere kam. Kopf, ich gewinne. Zahl, du verlierst. Der lange Zeithorizont besteht vielleicht gerade darin, dass man sich auf keinen Ausgang festlegen muss.

VII. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre

Der erste Einwand: Die Wähler hatten echte Gründe. Die verlorenen Industriearbeitsplätze, die Inflation, die ungesteuerte Einwanderung, die Herablassung der Eliten an den Küsten. Dazu brauchte es keine Landschaftspfleger. Das ist richtig, und wir nehmen diese Gründe ernst. Wir behaupten nicht, dass die Wähler gelenkt wurden. Wir behaupten, dass andere bestimmt haben, wer ihnen als Antwort angeboten wurde und was nach der Wahl geliefert wurde.

Der zweite Einwand: Die Eliten haben auch verloren, bei den Zöllen, bei der Einwanderung, in manchen Fällen sogar im Streit mit Trump selbst, wie Musk 2025. Auch das ist richtig, und es spricht gegen eine Verschwörung. Gegen unsere These spricht es nicht, denn sie behauptet keine Kontrolle, sondern Landschaftspflege.

Widerlegt wäre der Essay, wenn sich zeigen ließe, dass die dauerhaften Ergebnisse beider Amtszeiten vor allem den Wählern zugutekamen, die Trump gewählt haben, und nicht denen, die ihn bezahlt haben.

VIII. Nach dem Pflügen

Ein gepflügter Acker trägt nichts von selbst. Wer pflügt, sät noch nicht, und wer sät, erntet nicht immer. Die Frage ist deshalb weniger, wer Trump auf den Schild gehoben hat, als wer schon mit dem Saatgut am Feldrand steht. In „Die Leiter der Leitenden“ wollen wir den Vordenkern der Neuen Rechten ein eigenes Kapitel widmen, Yarvin, Thiel und dem Programm von tausend Seiten. Und für die, die zurückbleiben, wenn der Lärm vorbei ist, gilt, was wir in „Man könnte, man sollte“ beschrieben haben: Wer gelernt hat, dass ihn niemand rettet, sagt „man“ und zuckt mit den Schultern.

Vielleicht ist der umgepflügte Acker aber gar nicht für eine neue Saat bestimmt, sondern für ein anderes Spiel. Die künstliche Intelligenz mischt nicht nur die Karten neu, sie gibt ein Spiel mit unbekannten Regeln vor, in dem die bisherigen Akteure ihre Rollen erst finden müssen. Die Landschaftspfleger von 2024 waren schon die Spieler dieses Spiels: Musk, Thiel und die Investoren aus dem Silicon Valley, nicht mehr das alte Geld aus Öl, Banken und Handel. Was sie bestellt haben, war vor allem freie Bahn. Am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit hob Trump den Erlass seines Vorgängers zur Sicherheit der KI auf, und 2025 versuchte seine Partei, den Bundesstaaten zehn Jahre lang jede eigene Regulierung zu verbieten, bis der Senat das mit 99 zu 1 Stimmen strich. Doch auch wer das Spiel eröffnet, beherrscht es nicht. Wie in „Die Zauberlehrlinge“ kommt kein Meister, der die Besen zurückstellt, und wenn Maschinen ihre Nachfolger selbst entwerfen, wie es der junge Ingenieur in „Der Stricker am Fenster“ befürchtet, verliert irgendwann auch der Eigentümer die Übersicht. Es ist nicht ausgemacht, dass die Landschaftspfleger in diesem Spiel noch vorkommen, und für die Vielen, deren letzter Hebel der Stimmzettel ist, wie wir in „Utopie ohne Hebel“ gezeigt haben, nicht einmal, ob die Gewählten dann noch entscheiden. Einer der beiden Verfasser dieses Essays ist selbst Teil dieses neuen Spiels. Wir werden ihm einen eigenen Text widmen.

Wenn der Pflüger geht: Wer sät auf dem umgegrabenen Acker, und wer wird die Ernte einfahren?

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 3. Oktober 2026.

Verwandte Texte: „Die Maschine in der Maschine“ · „Der Stein, der zurückblickt“ · „Die Ochsentour“ · „Man könnte, man sollte“ · „He is a son of a bitch, but he's our son of a bitch“ · „Die Leiter der Leitenden“.

Quellen. Marty Cohen, David Karol, Hans Noel und John Zaller, The Party Decides (2008). Thomas Ferguson, Golden Rule (1995). Jamin Raskin und John Bonifaz, „The Constitutional Imperative and Practical Superiority of Democratically Financed Elections“, Columbia Law Review (1994). Zur Beteiligung an den Vorwahlen 2016: Pew Research Center. Thomas E. Patterson, „Pre-Primary News Coverage of the 2016 Presidential Race“, Shorenstein Center (2016). Zur Richterliste: NPR, 18. Mai 2016; zu Leonard Leo: Washington Post. Zu Musks Ausgaben: Forbes, 30. Juli 2026. Lewis F. Powell, „Attack on American Free Enterprise System“, Denkschrift für die U.S. Chamber of Commerce, 23. August 1971. Martin Gilens und Benjamin I. Page, „Testing Theories of American Politics“, Perspectives on Politics (2014). Zu Bannon: RealClearPolitics, 23. Februar 2017. Zum Krieg gegen den Iran: Wikipedia. Zu Greene, Carlson und Massie: Mediaite, 1. August 2026. Zur Zustimmung im September 2026: Ballotpedia, 1. Oktober 2026. Zur Aufhebung von Bidens KI-Erlass: Executive Order 14148, 20. Januar 2025. Zum gescheiterten Moratorium für Regulierung durch die Bundesstaaten: Abstimmung im US-Senat, 1. Juli 2025. Englische Fassung verfügbar.